Freitag, 15. Juni 2012

Louis-Braille-Festival in Berlin

Gleich vorweg, meine Berlinreise zum Louis-Braille-Festival hat wie am Schnürchen geklappt. Ich bin mit meinem Trolly los, der mehrmals umkippte, bis ich an der S-Bahn war. Dort war die S-Bahn weg, die ich nehmen wollte, um planmäßig am Bahnhof 20 Minuten vor Abfahrt zu sein. Ich hatte mich in der Zeit geirrt, da ich mich immer noch nicht an die neuen Abfahrtszeiten der S-Bahn gewöhnt habe, die seit Anfang dieses Jahres gelten. Ich rief bei der Mobilitätszentrale an, die meinten, es mache nichts, wenn es etwas später würde. Ein Bahnangestellter fischte mich an der kaputten Schiebetür auf und brachte mich zum Infopoint, wo ich von der Bahnhofsmission bereits erwartet wurde. Ich wurde in den Zug gesetzt, nachdem ich mir vorher noch zwei Teilchen für die Fahrt besorgt hatte. Im Zug telefonierte ich erst mal ausgiebig mit meiner Schwester, die Geburtstag hatte. Da meckerten gleich zwei Tanten: „GEHT’S nicht etwas LEISER, man versteht ja sein eigenes WORT nicht mehr!“ Ich hatte extra Handyzone gebucht und nicht sehr laut gesprochen, aber ich habe immer eine durchdringende Stimme. Dann hörte ich mir den Festivalkompaß auf dem MP3-Player an, wo alles genau beschrieben wurde, inklusive der Lage der einzelnen Stände und Zelte. Ich kapierte gar nichts und gab’s auf. In Berlin wurde ich dann auch sofort abgeholt und in ein Taxi gesetzt. Wir fuhren durch einen langen Tunnel hinter einem stinkenden Laster her, so daß mir schlecht wurde. Es war der Tiergartentunnel, und der Taxifahrer meinte, daß das nicht so oft vorkomme, daß man hinter einem Brummi herfährt, es also sonst nicht so stinkt. Im Hotel bekam mich mein Zimmer, und als ich sagte, daß ich morgens vor der Dialyse noch frühstücken wollte, wurde mir auch gesagt, daß dies möglich sei. Als ich sie fragte, ob sie mich vom Zimmer abholen könne, meinte sie, sie sei da alleine, und da müsse ich warten. Ich mußte aber um 7:35 fertig sein, denn da kam ja das Taxi. Die andere zeigte mir dann den Weg vom Zimmer zum Aufzug, der sehr leicht war wegen der vielen Schwellen auf dem Gang, die man leicht zählen konnte, und so konnte ich mit dem Lift nach unten fahren, da auch bei E ein Schild war, das man erfühlen konnte. Im Zimmer zappte ich erst mal durch alle Kanäle und konnte mich mal wieder in Spanisch üben, da ich mindestens 3 spanische Programme fand. Ich packte aus und ging zum Essen. Es gab dort ein kleines Bistro im Hotel, was ich vorher schon ausgekundschaftet hatte, als ich mich anmeldete, damit ich nicht abends noch durch Berlin laufen mußte, um was zu Abend zu essen. Dort gab es dann Flammkuchen, der sehr lecker war, denn früher hatte ich mal Flammkuchen aus dem Supermarkt gegessen, der furchtbar schmeckte. Einen Salat gönnte ichmir dann auch noch. Als ich im Zimmer war, hatte ich furchtbaren Durst, da der Flammkuchen doch sehr salzig war. Eigentlich darf ich ja nicht viel trinken wegen der Dialyse. Da stand eine Flasche auf dem Tisch, von der ich annahm, daß sie eine Begrüßungsflasche Mineralwasser sei. Ich entfernte die Folie und fürchtete schon, daß es Sekt war und kein Wasser. Es war WEIN, und so hatte ich was Verkehrtes geöffnet. Ich nahm einen Schluck, aber es löschte den Durst nun gar nicht. So rief ich unten an und fragte, wo in der Minibar denn das Mineralwasser stehe, denn ich könne das nicht lesen. Er erklärte, es sei links das mit den Kronkorken. Als ich ihn fragte, ob ich den Wein zahlen müsse, meinte er, ja,er kostet 5 Euro. Ich ärgerte mich, daß ich etwas zahlen sollte, was ichgar nicht haben wollte, aber ich dachte, das muß wohl so sein, obwohl sie ja mehrere Blinde zu der Zeit im Hotel hatten. Ich hatte so wahnsinnigen Durst, daß ich die ganze Flasche (wohl 0,3) Mineralwasser auf einen Zug leerte. Nach einem seichten Film ging ich ins Bett. Am nächsten Tag stand ich um kurz vor sieben auf. Ich konnte die ganze Nacht fast nicht schlafen, weil ich Angst hatte, daß ich den Wecker nicht hören würde. Ich stelle immer den Wecker an meiner Uhr und den an meinem Notizgerät. Ich fuhr mit dem Lift nach unten und wurde über einen Innenhof zum Frühstücksraum gebracht. Dort aß ich nur ein Brot, damit ich an der Dialyse noch Hunger hatte, aber damit ich es bis zum Frühstück dort aushielt. Der Taxifahrer kam dann ins Foyer und holte mich ab. Er erklärte mir, daß viele extra in die Dialyse an der Sonnenallee gehen, da es dort so gut sei. An der Dialyse wurde ich in die Umkleide gebracht, wo man sogar einen Euro oder einen Chip in den Schrank werfen muß wie im Schwimmbad, damit man den Schlüssel abziehen kann. Der Pfleger, ein Schwabe, was ich sofort hörte, hängte mich an und erklärte mir, daß es auch hier zur Zeit keine HDF gäbe, da die Schläuche wegen Veränderungen der Weichmacher alle zurückgerufen worden seien, und sie dieselben Maschinen hätten. Es sei zu Fällen von Hämolyse gekommen, wo die roten Blutkörperchen platzen, dann eine Immunreaktion stattfindet, und es zum Schock oder Tod kommen kann. Daher gab es zur Zeit auch hier nur eine normale HD. Ich machte vier Stunden, da ich ja auf das Festival wollte, und da der Taxifahrer schon seine Abholzeit durchgab, der aber meinte, daß er warten würde, bis ich fertig bin. Da dort die Dialyse erst um acht beginnt, wären fünf Stunden zu lang gewesen, um den Anfang des Festivals nicht zu versäumen. Das Frühstück war super, es gab viele verschiedene Wurstsorten und sogar EIER und Joghurt. Ich bestellte zwei Brötchenhälften mit Leberwurst und Salami, was es bei uns sehr selten gibt. Dafür war das Mittagessensangebot nicht so prickelnd mit Rinderrouolade, Kartoffeln und Gemüse, so daß ich beschloß, auf dem Festival zu essen. Dasselbe Essen sollte es am nächsten Tag nochmals geben. Nach der Dialyse holte mich dann das Taxi, wobei wir gleich zum Tempodrom fuhren, wo das Festival stattfinden sollte. Ich suchte erst mal was zu Essen. Es liefen viele Helfer in blauen Jacken herum, die einen überall hinbrachten, wo man hin wollte. So erkundigte ichmich nach etwas Eßbarem. Es gab das ganze Wochenende über: Kuchen, Muffins, Brezen (für ZWEI EURO!), Sandwiches, Currywurst, Bratwurst, Halumi (ein arabischer Käse) im Fladenbrot und Kuskus. Das war für drei Tage nicht gerade die größte Auswahl, und teuer war es obendrein! Aber es gab neben Kaffee sogar verschiedene Teesorten wie Jasmintee usw. Ich setzte mich extra in die Nähe der Außenbühne, die in einem Zelt sein sollte. Aber als ich um 14 Uhr rein wollte, hieß es, es käme zu Verzögerungen. Ich hatte mich gerade so auf die Liedermacher gefreut, die als erste vor der Eröffnung angekündigt waren. Ich hörte zwei Frauen schimpfen, die offenbar dort hätten auftreten sollen und nun für unbestimmte Zeit auf ihren Auftritt warteten. Ich lief herum und sah mir die Ausstellung mit einer Helferin an. Es gab einige Bilder mit Relief, wo irgendwelche Materialien hingeklebt waren, die mir nichts sagten. Die Tonvögel und andere Tiere waren faszinierend, auch die Specksteinfiguren fand ichtoll. Es gab auch ungegenständliche Kunst, wie ein großes Gebilde mit lauter Falten oder Stacheln oder so etwas. Wir waren schnell durch. Dann war mir langweilig. Das Eintreffen der Tandemstaffel in Sternform war jetzt nicht so mein Fall, da kann ich eh wenig sehen. Eine Frau aus Kroatien sprach, da ja „Tandemhilfen“ vorwiegend in osteuropäische Länder Geld oder Sachen schickt, und daher einige von dort gekommen sind. Ich suchte vergebens nach Zerstreuung und wäre am liebsten gleich wieder heimgefharen. Eine Helferin nahm mich mit rein, und auf einmal sagte sie: „Da ist Joana Zimmer!“ Ich wollte ja einige Interviews für unsere Radiosendung machen. So wartete ich, bis der Gesprächspartner von Frau Zimmer fertig war und fragte sie, ob ich sie interviewen dürfe. Sie sagte sofort zu. Sie war total natürlich und nett, fragte, welches Blindennotizgerät ich hätte usw. Dann stellte ich ihr aus dem Stegreif einige Fragen. Zum Glück wußte ich einiges über sie, das ich so de la main herausbrachte und sie danach fragte, beispielsweise, daß sie schon für die Christoffel-Blinden-Mission gesungen hat, was sie damit verbindet, daß sie schon in Filmen war, was sie da gespielt habe usw. Sie wußte aber sehr geschickt, die Antworten auf ihre neuesten Projekte zu lenken, erzählte von ihrer neuen CD und ihrem Buchprojekt, ihrer Tournee und von ihrem Auftritt bei Let’s dance. Ich war total happy, daß ich die Dame vors Mikro gekriegt habe. So hatte sich das Warten auf den Einlaß doch noch zu etwas Positivem umgewandelt und sein Gutes gehabt. Ich traf einige Leute aus Nürnberg, die mir erklärten, daß der TÜV nicht gekommen sei, um das Zelt abzunehmen, und daher dürfe keiner rein. Die Auftritte würden dann über die nächsten Tage verteilt. Ich war etwas enttäuscht. Auch die Punktschriftlesungen warenerst später, so daß ich nichts zu tun hatte. Aber endlich ging es los! Das Erste, was wir dargeboten bekamen, war Joana Zimmer mit einem kurzen Konzert. Das war sehr schön. Der Zweite war Richard Bastion, ein blinder Singersongwriter aus England, der schon länger in Berlin lebt. Dann kam Overbeck, eine Band miteinem blinden Sänger, der total lustig war. Die sangen Cover-Versionen, veränderten sie aber etwas. Nachdem ich zu Abend gegessen hatte, Kuskus mit ziemlich schlechter arabischer Pfefferminzsauce und Gemüse aus der Dose, wartete ich auf den Einlaß in die große Arena, um das Abendprogramm zu genießen. Als Erstes kam Robbi Sandberg, ein blinder Kabarettist, den ich schon kannte, und der auch bei einer Ohrenblicke-Redaktion mitmacht. Er stellte uns sein Blindenköfferchen vor, das man UNBEDINGT immer mit dabei haben sollte, mit Blindenbinde, Stock, Sonnenbrille und sonstigen Utensilien. Er beschrieb einige Typen von Sehenden: Den beherzten Einschreiter oder die „Ertrinkende“, Leute, die entweder sofort anpackten, egal, ob man es wollte, oder diejenigen, die selbst total hilflos waren. Wir lachten alle fast Tränen! Dann kamen Plückchahn und Vogel, ein Duo bestehend aus einem Sänger und einem Pianisten, wobei sie diesmal noch Verstärkung in Form einer kleinen Percussion und eines Basses dabei hatten. Ich dachte, die würden Kreisler-Lieder singen, aber sie boten ihr aktuelles Programm aus eigenen Liedern dar. Ich war begeistert. Der eine von ihnen ist Jurist, Comedian, Hörfilmbeschreiber, Sänger und auch noch promoviert, also der hat alles, wovon ich auch gerne einiges gehabt hätte, und das alles in Personalunion. Die Gaben sind doch SEHR ungerecht verteilt! Ein bißchen davon hätte auch ich abbekommen können. Ich war voller Bewunderung. Die Lieder waren auch total lustig und tief- sowie hintersinig. Danach kam Horst Evers, ein sehender Belriner Kabarettist. Ich fiel fast vom Stuhl vor Lachen. Der Abend war wirklich gelungen. Ich hatte ja den Bringedienst bestellt, der Behinderte mit dem ÖPNV durch die Stadt begleitet. Der kam auch sofort zum abgemachten Treffpunkt. Das war eine komische Type. Er hatteein Tempo drauf, duzte mich einfach und war so ein richtiger Berliner Urtyp. Ich sagte zu ihm: „Hier riecht es gut nach Flieder.“ – Er: „Det riech icknich mehr, ick roch zuvielle.“ -- Ich: Ich hab das vor 10 Jahren aufgegeben. -- Er „Na, Du bis ja auch Blind, Du triffs ja den Aschenbecher nich, da sieht ja der Tisch hinterher aus wie’n Biertisch.“ Tolles Argument, warum mir das Rauchen-Aufgeben viel leichter falle als anderen. Die Blindheit muß ja schon für so Manches herhalten. Ich erklärte ihm, daß ich immer den Aschenbecher getroffen habe, und daß ich wegen der Gesundheit aufgehört hätte. „Naja, ick will Der ja nich zu nahe tret’n.“ Er begleitete mich noch bis zu meiner Zimmertüre, da ich ihn darum gebeten hatte, weil ich diese blöden neumodischen Türkarten nichtbenutzen kann, die ja keine Markierung haben,wo hinten,vorne, oben und unten ist, und ich so acht Varianten hätte ausprobieren müssen, wie man die Karte in das Kästchen an der Türe steckt, um in mein Zimmer zu kommen. Der Mann konnte die Tür problemlos öffnen, verabschiedete sich, und ich ging Schlafen. Am nächsten morgen klingelte der Wecker an meinem Notizgerät nicht. Ich war zum Glück schon wach. Als ich das Gerät einschalten wollte, tat es keinen Mucks mehr. Ich ging zum Frühstück und dann zur Dialyse. Dort mußte ich auf jedweden Hörgenuß verzichten, da keiner das Gerät mehr zum Laufen brachte. Ich war in Sorge,zumal ich ja auch das Interview mit Frau Zimmer auf dem Internen Spreicher hatte, statt es auf die Speicherkarte aufgenommen zu haben. So konnte ich weder hören noch weitere Aufnahmen machen. Nach der Dialyse mit dem wieder sehr guten Frühstück, vergaß ich leider, mein Einkaufsmärkchen aus dem Schacht im Aufbewahrungsschrank herauszunehmen, und nun fehlt es mir beim Einkaufen. Der Taxifharer brachte mich zum Tempodorm, und wir konnten nirgendwo halten, da überall Lastwären reinfuhren oder jemand meckerte, daß wir da nicht anhalten können. Der Taxifahrer blieb ruhig und erklärte, daß er eine blinde Frau im Auto habe und sie ausladen müsse. Irgendwann schafften wir es daann doch. Ich aß wieder etws von den Ständen, an denen überall dasselbe angeboten wurde, dann ging ich, um mir den Chor anzuhören. Der erste Chor, den ich hörte, war etws langweilig, denn der Sprecher der Gruppe lobhudelte laufend den ehemaligen Chorleiter, wieviele Sachen der schon für Chor umgesetzt habe, was sie jetzt wieer singen, was er alles archiviert habe usw. Es wren auch vorwiegend ältere Leute, und am Ende sangen wir dann gemeinsam irgendwelche Quod-libets, von denen er ebenfalls HUNDERTE gesammelt habe, wobei dies Lieer waren wie „Berliner Luft“ und andere Schandtaten, bei denen ich mich am liebsten verkrochen hätte, denn es fehlte nur noch, daß alle zu schunkeln anfingen. Dann aber kam ein anderer Chor. Die Sänger bekommen alle ihre Stücke auf CD zugeschickt, müssen ihren Part einstudieren, dann treffen sich die bundesweiten Chormitglieder und üben alles gemeinsam. Der Chor heißpt Blind Date. Ich war total berührt, die strahlten so eine Freude und Begeisterung aus, brachten soviel Emotion rüber, sangen sogar afrikanische Lieder, und am Ende kamen mir die Tränen, so schön und so begeistert sangen sie., wobei das letzte Lied für mich hätte geschrieben sein können. Danach beschloß ich, mir mal die Sachen auf dem Auüengeände anzusehen. Ich stand etwas hilflos herum, so daß mich sofort ein Helfer ansprach. Ich fragte, ob er mit mir zum Schießen gehen würde. So stellten wir uns in die sehr lange Schlange und warteten eine Dreiviertelstunde. Während dessen hörte ich eine bekannte Stimme, und das war niemand Geringeres als der ehemalige Landesvorsitzende von Thüringen, Rechtsanwalt und Macher der Hörzeitschrift für Thüringen, die ich ja über die CD erhalte, wo alle oder Auszüge aller Landesverbandszeitschriften des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes draufsind. Dem klagte ich mein Leid über die verlorengegangene Datei mit dem Interview, und daß mein Notizgerät schlapp gemacht hätte. Er erklärte mir, daß maneinen Reset machen könne, wenn man alle vier Pfeiltasten drückt. Ich gab ihm dasDing in die Hand, damit ich nicht noch mehr kaputt mache. Das klappte, aber das Gerät hatte sich so lange aufgehängt, daß der Akku leer war. Ich war erleichtert und froh, daß das Interview gerettet war, und daß ich bald wieder Aufnahmen machen konnte. Das Schießen konnte ich nun nicht aufnehmen. Da ertönten immer Töne in unterschiedlicher Höhe, und je höher der Tun wurde, u mso n#her war man an der Mitte mit der 10. Das Gewehr war nicht echt, sondern aus Plastik, und es sendete Infra-Rot-Licht in Richtung einer Scheibe, die mit einem elektronischen Sensor verbunden ist. So hört man die Töne, sobald man das Gewehr bewegt, und wenn man schießt, registriett es dann die Zahl, auf die man getroffen hat. Im Kokpfhöerer ertönt „Links“ oder „Rechts“, wobei man aber in die entgegengesetzte Richtung gehen muß, da das Gerät sagt, WO man ist, nicht, wo man hinmuß. Aber die Ansage hörte man nicht, da es außen herum zu laut war. So half die Trainerin und „führte in den Ton“, so daß man nichtewig suchen mußte, ab wann das Gepiepse los ging. Das Gewehr lag auf, sie hielt mich etwas fest, um meine Körperhaltung zu stützen, und ich bewegte das Teil. Sobald es höher wurde, drückte ich ab. DREIMAL hab ich die 10 getroffen, allerdings auch ein paarmal komplett daneben geschossen, zu früh abgedrückt oder beim Drücken das Gewehr verzogen. Es ist gar nicht so einfach, aber ganz gut, eben Anfängerglück. Anfägnerglück hatte ich dann auch beim Showdown, auch Tischball genannt, einer Art Tischtennis für Blinde. Als ich dort hinkam, wobei mich der Helfer begleitete, war es furchtbar laut, denn der Ball hatte eine Rassel und KNALLTE gegen die Bande . Der Tisch ist mit einer Umrandung versehen, an jeder Stirnseite ist ein Lo ch mit einem Netz. In der Mitte ist über die Platte eine Mittelbande angebracht, durch die der Ball rollen muß, und die er nicht berühren darf. Ziel ist es, den Ball in das gegnerische Tor zu bekommen, indem man mit einem Holzschläger den Ball abschlägt, wobei man aber schräg abschlagen muß, damit der Ball einmal an die Bande haut. Der Ball kommt mit solcher Wucht, daß man einen Lederhandschuh an der Schlaghand tragen muß. Die andere darf nicht im Spielfeld sein, um nicht zu manipulieren. Ich merkte gar nicht, daß die Schiedsrichterin ebenfalls blidn war. Sie urteilte nach Gehör, vergab Tore und Strafpunkte. Wenn man ein Tor schießt, bekommt man zwei Punkte, wenn der andere einen Fehler macht, bekommt man einen Punkt. Ich war also an der Reihe. Ich fing an, machdem ich die Augenbinde aufgesetzt hatte, damit Gleichstand herrschte. Der erste Abschlag war schon ein Tor, der zweite, der dritte. Dann sagte sie, so, jetzt kannst Du es, jetzt geht eslos. AB diesem Moment hatte ich kein Glück mehr und KEINERLEI Geschick. Mein Gegner brachte ein Tor nach dem anderen bei mir in Netz. Ich mußte einerseits abwarten, von wo der Ball kam und stillhalten, damit ich es h öre, andererseits mußte ich aber schnell regieren, damit der Ball nicht um meinen Schläger rumgeht und ins Tor rollt. Manchmal lag der Ball da, na chdem ich ihn abgeschlagen hatte und rührte sich nicht mehr, das war dann „toter Ball“. Wenn er kam fuchtelte ich wie wild mit dem Schläger, um ihn nur rechtzeitig zu treffen, und dabei rollte er gemütlich ins Tor. Ich schoß ein einziges Tor, und zwei Schoß der Gegner in sein eigenes, so daß ich sechs Punkte bekam. Die 12 Punkte, die der Gegner erhielt, waren schnell erreiciht. Wenn einer 11 Punkte hat, ist das Spiel zu Ende. Der, der absclägt, „hat den Service“, der muß also den Ball Schräg an die Bande hauen und so fest, daß er abprallt u nd weiter in Richtung Gegnertor rollt. Immer der, der das Tor gemacht hat, „hat den Service“. Wenn also der Ball bei mir im Tor war, schoß ich ihn ab und vergaß, daß der andere ja den Abschlag machen mußte. Ich durfte den Ball nur vorrollen, damit er ihn zum Abschlagen hatte. Da hätte ich im Ernstfall sicher noch eine Menge Strafpunkte erhalten. Ich war sauer, zumal es am Anfang so hervorragend geklappt hat. Da hat der Gegner, der erst einmal zuvor Showdown gespielt hatte, sicher noch nlicht so mitgemacht und mich erst mal probieren lassen. Ich hab schon immer vrloren, ich kann sows nicht. Da mein Bruder ebenfalls auf dem Festival war, um mit einem Ensemble dort eine Bach-Motette zu singen, wollte ich ihn jetzt mal treffen. Ich rief aufseinem H andy an, aber erreichte nur die Mailbox. Ich sprach ihm eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf auf. Der Helfer und ich standen vor der kleinen Arena, wo gerade ein klassisches Konzert war, und wo ich meinen Bruder vermutete. Ich beschrieb ihn dem Helfer, aber er fand ihn nicht. So ging ich erst mal zum Abendessen, da probierte ich den H alumi. Der hatte eine seltsame Konsistenz und war so zäh wie Gummi und schmeckte etwas komisch aber nicht schlecht. Ich hockte auf der Treppe herum und wartete auf den Einlaß in die Große Arena, wo die Abendshow stattfinden sollte. Am Nachmittag hatte ich noch zwei CDs von Plückhahn und Vogel gekauft und diese im Festivalbüro mitsamt meinen Dialyseklamotten abgegeben, damit ich sie nicht rumtragen mußte. Die Sachen mußte ich jetzt in einer Tüte mitnehmen, da das Festivalbüro nicht so lange auf haben würde. Dann brachte mich ein Helfer in die große Arena, wo ich ziemlich weit vorne, in der Reihe der VIPs noch einen unreservierten Platz fand. Es nahmen sechs Leute an dem Quiz teil, das etwas im Stil von Dalli-Dalli oder Einer wird Gewinnen gehalten war: Im Team nummer eins waren der Sportreporter Marcel Reif und eine Größe aus dem Blindenfußball. Im Team zwei waren eine sehende Autorin und eine blinde Gärtnerin, über die sie in „Magdalenas Blau“ geschrieben hatte. Team Nummer drei bestand aus einem Soldaten, der im Afghanistan-Krieg erblindet ist und dem Leiter von Aktion Mensch. Durch die Show führten Nina Ruge und als Comodertor Herr Dr. Plückhahn, das Tausendsasa. In der Jury saß der langjährige Ex-Vorsitzende des bayerischen Landesverbandes, Gustav Doubrava und noch zwei andere aus Belrin, die ich nicht kannte. Es wurden Fragen aus dem Blindenwesen gestellt, die man mit multiple choice beantworten mußte. Ich kann sehrr schlecht raten, entweder, ich weiß es, oder ich weiß es nicht. So hatte ich ein paar richtige Antworten, die ich im Geiste mit beantwortete oder sogar mal mit meinem Nachbarn durchdiskutierte, einem VIP aus dem Berliner Blindenverband. Zwischendurch spielte die Gruppe „Blind Foundation“, wobei Joana Zimmer ihre Hits sang. Am Ende hatte zwar ein Team gewonen, aber dennoch wurde das Geld, um das sie für eine gute Sache spielten, bei allen auf dieselbe Summe aufgerundet. Der Abend war sehr spannend und informativ. Leider hatte ich ja den Begleitdienst wieder bestellt, und so mußte ich so schnell wie möglich zum Festivalbüro, dem Treffpunkt für alle, die sich begleiten lassen wollten. Am Freitag hatte ich auch den Dienst auf 22:30 bestellt, da ich aufgrund einer Fehlinformation annahm, alles sei um22 Uhr zu Ende, und weil ich ja auch wieder früh aufstehen mußte. So hatte ich Corinna May am Freitag verpaßt. Am Samstagabend fand ich ich um 22:25 am Festivalbüro ein. Wir warteten auf den Begleitservice, aber keiner kam. Dann ging eine los, um ihn zu suchen. Sie kam mit einem jungen Mann wieder. Der sagte, er habe d a gewartet, wo’s hell ist, und ich „hätte mich an ihm vorbeigeschmuggelt.“ Ich sagte, daß al sTreffpunkt das Festivalbüro abgemacht worden sei. Er entgegnete, er sei da schon gewesen, und ich sei nicht dagewesen, woraufhin ich sagte, daß ich sogar schon fünf Minuten früher da war. Ich ärgerte mi ch, daß, wie immer, wenn ein Treffen nicht richtig funktioniert, mal wieder ICH die Schuld habe. Der Typ fand das Hotel gar nicht, und mir war etwsa mulmig mit ihm zumute. Das wr auch so eine etwasseltsame Type. Er fand es aber schließlich dann doch noch und brchte mich ebenfalls wieder bis zur Tür und half mir, mit der Karte aufzuschließen. Ich ging sofort ins Bett, nachdem ich das Notitzgerät an die Steckdose geklemmt hatte. Am nächsten Morgen konnte ich etwas länger schlafen, hatte aber vorsichtshalber die Dame ander Rezeption gebeten, mich zu wecken, denn ich hatte den Begleitservice auf 9:30 bestellt. Ich ging zum Frühstück und freute mich auf das Rührei, das es in Hotels immer gibt. Da gab es sogar Würstchen, Fleisch und Kartoffeln, das konnte ich zum Frühstück noch nicht essen. Ich bekam Hörnchen, Paprika, Rührei und den schon öfter genossenen Obstsalat. Da setzte sich eine Frau mit ihrem Mann an meien Tisch. Ich überlegte schon, ob die auch zum Festival ging. Da sprach sie mich auch schon an, ob ich auch zum Louis-Braille-Festival da sei. Es stellte sich h eraus, daß sie sehend war, sowie ihr Mann, und daß er Blindenpädagoge war, und sie daher aus reinem Interesse auf das Festival gekommen waren. Das fand ich total klasse. Ich hätte mich noch Stunden mit ihr unterhalten können, da ich zuvor wenig Ko ntakt e knüpfen konnte, wenn ich mal versuchte, mit jemadem ins Gespräch zu kommen, außer eben dem Thüringer und seiner Freundin in der Warteschlange. Aber ich mußte auf mein Zimmer, um die Sachen zu holen, und um nochmals nachkontrollieren zu lassen, ob ich auch nichts vergessen habe. Als ich in Richtung Aufzug gebracht wurde, stand da auch scho nder Helfer vom Freitg, der Urberliner, mit dem ich dann schnell aufs Zimmer ging, da er etwas früher gekommen wr, damit er die Kontrolle durchführen konnte, daß nichts liegen geblieben war. Dann ging es ans Zahlen. Es stellte sich heraus, daß ich die Weinflasche doch nicht zahlen mußte, die ich versehentlich geöffnet hatte. Ich war total froh, daß sie da Kulanz gezeigt haben. Ich gab ein Trinkgeld von 20 Euro. Sosnt erwähne ich solche Sachen ja icht, aber der Begleiter schimpfte mich hinterher aus. „Wenn Du nochmal so viel gibst, ick hau dir. Du mußt doch auch Dein Jeld verdienen. Die hatten doch wegen Euch det Haus voll!“ Ich erklärte ihm , daß sie mich üäberall führten und mir h alfen, und daü das ja für Zimmermädchen und anderes Personal zusammen wr. Er erzählte mir, daß der Begleitservice ab Juli gestrichen sei, da die Gelder nicht weiter bewilligt würden. Sie hatten lauter Hartz-Vier-Empfänger eingestellt, die sich so einen Tausender monatlich verdienen konnten und jetzt wieder in Hartz-Vier fallen. Schon schade. Das werdendie im Rahmen der „Bürgerarbeit“ sicher wieder aufbauen, wo Arbeitslose für den Sozialhilfesatz von 900 Euro und abzüglich der Versicherungskosten für 750 Euro 30 Stunden pro Woche arbeiten müssen, da sie ja kein Angebot ablehnen dürfen, um nicht die Sozialleistungen gestrichen zu kriegen. Auf dem Festival suchte ich mir erst mal eine Helferin. Dann gingen wir zu der Führhundelounge, wo ich ein Interview mit einer Tierphysiotherapeutin machen konnte. Sie zeigte mir dann auch, wie man einen Hund massiert. Der Führhundereferent, dessen Freundin einst meine Arbeitskollegin war, stellte seinen Hund zur Verfügung, der es sichtlich genoß. Die Tierphysiotherapeutin sagte, ich soll drauf achten, ob es für den Hund angenehm ist. Er hob mehrfach den Kopf, und sie dachte, er wolle n icht mehr, aber mir war klar, daß er das jedesmal tat, wenn wir aufhörten, zu dritt an ihm herumzumassieren, da er wollte, daß wir weitermachen. Dann stand der Hund auf, und sie sagte, nun wolle er nicht mehr. Ich aber merkte sofort, neinen, der dreht sich nur auf die andere Seite, damit wir da weitermachen. Nach einer halben Stunde hörte ich dann auf und ging weiter, um och ein paar Töne für unser Radioprojekt einzufangen, da ja das Gerät am vorherigen Tag nicht funktioniert hatte. So ging eine Helferin mit mir zum Showdown, wo ich ein kurzes Interview mit der blinden SChiedsrichterin führte, die mir das Spiel für die H örerschaft beschrieb und die Turnierdaten durchgab. Danach wollten wir zum Schießen, um dort noch einige Aufnahmen zu machen, aber leider war der Schießstand schon abgebaut. Aber ich dachte, ich könnte ja eine Helferin interviewen und sie über ihre Motivation befragen. Die Dame, die mich führte, wollte das nicht machen, brachte mich aber zu zwei anderen Frauen in blauen Jacken,die mir bereitwillig Auskunft gaben. Ich befragte sie abwechselnd über ihre Gründe für das Helfen, was sie besonders beeindruckt hat, was sie von dem Festival mitnehmen, ob sie auch etwas von dem Festival selbst mitbekommen hätten, wie sie zu dieser Aufgabe gekommen sind. Sie waren von der Firma BAYER, die ein neues Medikament für Patienten mit Makuladegneration auf den Markt brachte, wobei es zwei weiter Firmen gibt, die bereits ein Medikament mit derselben Wirkungsweise entwickelt haben. BAYER hat also das Festival gesponsert, indem es Helfer zur Verfügung stellte, die die blinden Besucher herumführen sollten. Da viele Besucher mit eigener Begleitperson angereist waren, hatten sie wenig zu tun und waren sogar froh, jemandem behilflich sein zu können. Danach ließ ich mich zu der gorßen Arena bringen, da dort mein Bruder mit anderen eine Bachmotette singen wollten. Es wurde vorher ein Gottesdienst direkt vom RBB übertragen, und ich kam genau rechtzeitig, als dieser zu Ende war, und die Türe geöffnet wurde, um Zuhörer für die Motette einzulassen. Ich hatte meine Berln-Rückfahrt eine Stunde zu früh angesetzt und mußte sie nochmals umbuchen, zum Leidwesen des Mobilitätsservices, der nun alles erneut eingeben mußte. Aber es hat geklappt. So hörte ich die Motette an, die von zwei Ensembles dargeboten wurde, die sich für diesen Zweck zusammengeschlossen hatten. Ich nahm auch auf, obwhl ich zuvor dafür nicht um Erlaubnis gefragt hatte, da ich hier nicht in der Eigenschaft als Ohrenblickerin sondern als Schwester eines Sängers privat aufnahm, so h ätte ich das gegebenenfalls auch begründet, wenn mich jemand ermahnt hätte. Die Aufnahme ist gut gelungen. Als die Motette zu Ende war, nahm mich eine Helferin mit nach vorne, um meinen Bruder zu begrüßen. Ich rief laut seinen Namen. Das hörte ein Mann neben mir und sagte: „DU bist die Schwester? Ich such ihn auch!“ So riefen Helferin, ich und der Mann neben mir. Mein Bruder rief kurz herüber, stellte mir den Mann neben mir vor und erklärte mir, wer das sei. Dann redete er weiter mit den anderen, lud den Mann zu sich her ein und beachtete mich nicht weiter. Ich zog von dannen und war verärgert, daß ich so abgefertigt wurde. Ich hatte noch etwas Zeit und wollte daher noch etwasMusik hören. Glücklicherweise hatte die irische Band, die aus meiner Stadt kam, und die ich bereits kannte, verspätet begonnen, und so hatte ich die Möglichkeit, sie auch noch kurz zu hören. Dann kam aber schon die Helferin, die ich darum gebeten hatte, mich rechtzeitig zu holen, um zum nahegelegenen Taxistand zu gehen. Ich konnte noch ein paar Minuten herausschinden, da sie zu früh da war. Aber dann mußte ich gehen, und mit viel Wehmut löste ich mich von meinem Platz als Zuhörerin und ging mit der Helferin vom Festivalgeände, mit dem Gedanken: „Wenn’s am schönsten ist, muß man gehen.“ Es war so eine tolle und gelungene Veranstaltung, und ichhoffe, daß sie sie, wie leisee gemunkelt wurde, das nächste Mal in meiner Region stattfinden lassen, damit ich nicht so weit fahren muß. Das Taxi war sehr früh schon am Bahnhof, aber das war auch gut so, denn vor uns am Infostand, an dem ich wieder 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges sein mußte, war eine Menge los. Dann kamen gleich zwei Helfer von der Bahn, die mich zum Zug brachten. Zuvor ließen wir noch die Platzkarte aus dem Automaten, da ich ja die zugeschickte Platzkarte wegen der Verschiebung der Abfahrtszeit um eine Stunde nicht mehr gebrauchen konnte, und wir die neue am Automaten hinterlegt hatten. Dies ist eine super gute Möglichkeit, wenn es mit dem Zumailen oder Zuschicken nicht klappt. Danach gingen wir noch zum Bäckerstand, damit ich mit Teilchen für die Fahrt versorgt war. Im Zug hörte ich mir no chmals meine Errungenschaften an, die Aufnahmen, die ich vom Festival gemacht h atte. Dann hatte ich Glück, und ein Kaffeewatgen kam vorbei, so daß ich nicht, wie auf derHinfahrt, durch den ganzen Zug schwanken mußte, um im Bistro einen Kaffee zu trinken. Als ichzu Hause ankam, war es „gesäß“-kalt, wie man höflicherweise sagt. In Berlin hatte sich das Wetter gerade so gehalten, es hat mal geschüttet, als ich im Zelt saß, der Wind ging, zuweilen war aber auch Sonne zu sehen. So hatten wir halbwegs Glück mit dem Wetter und mit allem anderen auch.

Kommentare:

Steinböckle hat gesagt…

Testkommentar!!!!

Anonym hat gesagt…

Testsenf!