Sonntag, 28. August 2011

Kampf den Capchas

Da ich gerne politisch aktiv bin, habe ich öfter versucht, Aufrufen zu folgen, Petitionen zu bestimmten Themen zu unterschreiben. Dafür muß man auf die Seite des Bundestages gehen. Um sich registrieren zu können, muß man, nachdem man eine Reihe von Angaben gemacht hat, einen Sicherheitscode in graphischer Form erkennen, um sich als Mensch zu authentifizieren. Für einen Blinden ist dies unmöglich, da die Sprachausgabe dieses Capcha genannte Zeichenwirrwarr nicht vorliest. Für einen hochgradig Sehbehinderten wie mich ist es "nur" nahezu unmöglich, da die Zeichen so verschnörkelt sind, daß man die Buchstaben und Zahlen nicht erkennen kann. So bin ich immer an dieser Barriere gescheitert, meinen politischen Willen ausdrücken und so am politischen Geschehen teilhaben zu können. Daher schrieb ich an den Bundestag und wies darauf hin, daß diese Barriere eine Diskriminierung Behinderter darstellt und die Petitionsseite nicht barrierefrei sei. Ich erhielt einen mit der Post verschickten Brief, in dem ich recht bestimmt darauf hingewiesen wurde, daß ich NICHT diskriminiert würde. Geschehen ist aber nichts, und ich bin immer noch auf fremde Hilfe angewiesen, wenn ich mich dort registrieren möchte. Bisher habe ich es noch nicht angepackt, einmal mit einer meiner Helferinnen den Registrierungsvorgang durchzuführen, damit ich dann als registrierter Nutzer ohne weitere fremde Hilfe bei allen Petitionen mitmachen kann.


Bei Blogspot muß man ebenfalls so ein Capcha in ein Feld eintragen, wenn man einen Kommentar schreiben will, aber bislang konnte ich diese graphischen Zeichenketten recht gut erkennen, da sie nicht ganz so verschnörkelt sind, und da sie sich öfter wiederholen. Es gibt auch die Möglichkeit, sich akustische Capchas vorspielen zu lassen, zumindest ist bei Blogspot ein Button hierfür vorhanden. Allerdings, wenn ich draufklicke, ertönt gar nichts.

Nun habe ich mich bei Facebook registriert, da unser Chor dort ist, und ich mehrfach eingeladen wurde. Ich habe Facebook bislang immer gemieden, da ich fürchtete, nur Zeit damit zu verschwenden. Vor dem Datenklau oder der Weitergabe sensibler Daten habe ich weniger Angst, da es ja in meinen Händen liegt, welche Namen und andere Daten ich preisgeben will, und man kann ja auch bestimmen, welchem Personenkreis welche Daten zur Verfügung gestellt werden. Da ich schon so oft auf Facebookseiten eingeladen wurde und anfangs fälschlicherweise immer dachte, man müsse erst selbst in der Lage sein, sich einzuloggen, um die Seiten anderer ansehen zu dürfen, überlegte ich schon, Mitglied zu werden. Und da ich dann langsam genervt war und sah, daß ich nicht mehr drum herumkam, habe ich in Gottes Namen nun den Schritt getan und mich ebenfalls registriert. Ich habe allerdings nur ein paar Tier-Fotos eingestellt, die auch nur "Freunde" ansehen dürfen. Wer "Freund" wird und wer nicht, bestimme aber ich. Auch verbringe ich keine Zeit damit, mich auf Facebook aufzuhalten und habe extra vermerkt, daß die Leute mich per Mail kontaktieren sollen, und daß ich selbst nichts an irgendeine Pinnwand hänge oder in irgendein Postfach schreibe, weil das zuviel Zeit kostet.

Nun war ich einmal bei meinen Eltern und bat meine Nichte, mir etwas bei meinem Facebook-Account zu ändern. Ich gab ihr mein Passwort, und sie loggte sich von ihrem PC aus ein. Drei Wochen später erhielt ich eine Mail von Facebook, daß ein Fremder sich von einem anderen PC aus bei mir eingeloggt habe, und ich daher nun gesperrt sei. Ich dachte, was ist, wenn ich einmal einen anderen PC nutze, oder wenn ich mal aus dem Urlaub oder von einem Internet-Café aus etwas bei Facebook ändern will? Darf man denn nicht mal mehr selbst bestimmen, von welchem PC aus man arbeitet? Ich finde das übertrieben, und es soll auch nur demonstrieren, wie sorgsam Facebook mit unseren Daten umgeht. Ich mußte mich also erst einloggen und wurde dann zu einer Seite geführt, auf der ich mich authentifizieren mußte, natürlich zunächst durch ein Capcha. Auch hier gab es die Möglichkeit, ein akustisches Capcha zu bekommen. Aber im Hintergrund war ein solches Gemurmel zu hören, daß ich die Zahlen, die in großen Abständen etwas deutlicher genannt wurden, partout nicht herausfiltern konnte, da ich mit dem Ausblenden von Nebengeräuschen insgesamt Probleme habe, was nicht vom Hören aber von der Wahrnehmung her schwierig ist. Außerdem kann ich mir so in die Länge gezogene Zahlenreihen nicht merken und muß daher einen Teil schon mal in das Kästchen tippen. Da ich hierfür aber meine Sprachausgabe nutze, die mir die Zahlen beim Eintippen vorliest, höre ich dann wiederum die Zahlen des akustischen Capchas nichtmehr. Kurzum: Ich bin zu "behindert" für Facebook. Wuff: Hier darf ich nicht hinein! Ich bat meinen Neffen, mir den Zugang wieder zu eröffnen. Er änderte mein Passwort, und so war ich wieder in den Stand versetzt, mein Facebook-Account zu "betreten". Aber als ich das nächste Mal rein wollte, tippte ich versehentlich mein altes Passwort ein. EIN einziger Fehler, den ich sofort bemerkte, aber als ich dann den Vorgang wiederholen wollte, war es schon passiert: Ich war wieder gesperrt! Normalerweise hat man drei Fehlschüsse, ehe man gesperrt wird, aber Facebook duldet nicht mal einen einzigen Fehler, sprich, bei Facebook wird nur den Unfehlbaren der Zutritt gewährt. Diesmal habe ich es sogar geschafft, das verschnörkelte Capcha zu entziffern und der Sesam öffnete sich! Mittlerweile hatte wohl mein Neffe versucht, sich einzuloggen, denn ich wurde wieder gewarnt, daß ein anderer versucht habe, sich bei mir einzuloggen, und es wurde eine Karte mit dem Standort gezeigt, von wo aus der Einlogversuch stattgefunden haben soll. Die Stadt, die hier angegeben wurde, ist aber völlig woanders, es sei denn, er wäre gerade mit seinem Laptop dort hin verreist gewesen. Das Ganze nimmt Züge einer polizeilichen Ermittlung an. Ich finde es absolut lächerlich, daß solche strengen Kontrollkriterien angelegt werden, die einem den Zugang zum „eigenen Haus“ fast unmöglich machen, während die Verbreitung von Daten oder der Schutz der Privatsphäre dann wiederum der Reife und Intelligenz des Individuums überlassen werden, je nachdem, ob er es schafft, die speziellen Einstellungen zu finden, um die Weitergabe von Photos und Weitergabe von Daten an Web-Spielevertreiber über „Freunde“ -- und das sogar ohne deren Wissen -- zu verhindern. Für die Authentifizierung von Personen schlage ich vor, anstatt der Capchas besser barrierefreie Verfahren einzusetzen. Denn es soll ja nicht geprüft werden, ob einer zu behindert für eine Seite ist, oder ob er den Fitnesskriterien der Betreiber genügt. Auf einer barrierefreien Seite habe ich beispielsweise die Testfrage gefunden: „Ist die Erde eine Scheibe?“ Darauf muß man dann – nur zur Sicherheit für die, zu denen es bislang noch nicht vorgedrungen ist – mit „ja“ antworten, also falls man zu einer fundamental-katholischen Sekte gehört, die das kopernikanische Weltbild noch immer nicht anerkennt, wird man dann zu dieser Seite auch keinen Zutritt bekommen. Aber immerhin hängt es dann von der eigenen Entscheidung ab, was man sagt und nicht vom körperlichen Vermögen, ob man gut genug dafür sieht oder hört.

Auch Rätsel würden sich gut machen, denn Webautomaten, Suchmaschinen, Robots oder Fakes können diese sicher nicht beantworten sondern nur echte Menschen. Da bieten sich einfache Rechenaufgaben an wie (in Worten, damit kein Internetrechner sie lösen kann): „Was ist drei plus sieben?“ Oder eben Fragen wie: „Es hat sieben Häute und beißt alle Leute.“ Oder:“ Was ist das: Morgens geht es auf vier Beinen, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen?“ Immerhin war man laut griechischer Mythologie zu Stein erstarrt, wenn man diese Frage einer Sphinx nicht gewußt hat, . Es ist der Mensch, also falls jemand mal auf so eine Sicherheitsfrage stößt, hat er dieses Rätsel schon mal gelöst. Heute wird man nicht mehr zu Stein, aber man kommt halt dann nur nicht rein, das ist zwar ärgerlich, aber man überlebt es wenigstens. Es gibt aber sicher auch einfachere Rätsel, die dann barrierefrei genug sind, um nicht wiederum die Intelligenz oder die Belesenheit eines Menschen zum Aussonderungskriterium zu machen. Mir dürfte man beispielsweise nicht damit kommen, wer jetzt genau Minister für dies oder Jenes in England während des zweiten Weltkrieges war, oder welcher Feldherr in der Schlacht von XY wen geschlagen hat. Es gäbe aber einfache Aufgaben wie: „Welche Farbe hat ein Elefant?“ Oder: „Mit was schließt man eine Tür auf?“ Oder man fragt: „Welche drei Buchstaben kommen nach dem f im Alphabet?“ Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Beim Bundestag könnte man allerdings auch mal fragen: „Wer wählt den Bundeskanzler: Das Volk oder der Bundestag?“ Oder: „Wer wählt den Bundespräsidenten?“ Oder: „Wie heißt der Wohnsitz des Bundespräsidenten?“ Man muß ja nicht gleich fragen: „Was ist der Hammelsprung?“ Oder: „Wem gibt man die Zweitstimme?“ Das würde eine zu lange Antwort bedeuten, die ich nach jeder Wahl ohnehin wieder vergesse. Das wäre so, als würde man fragen: „Was genau ist Abseits?“

Es dürfte klar geworden sein, wo das Problem liegt, und wie man es lösen könnte, wenn man nur wollte. Jedenfalls finde ich mich nicht mehr länger damit ab, wie ein Hund draußen bleiben zu müssen, weil hier nur der Zugang für diejenigen gewährt ist, die sich zwar vielleicht nicht unbedingt benehmen können, die aber gucken können, denn das kann ein Hund auch. Die körperlichen Voraussetzungen sollten im 21. Jahrhundert und im Zuge der UN-Behindertenrechtskonvention nicht länger ein Teilhabekriterium sein.

Keine Kommentare: