Dienstag, 2. August 2011

Drei Magengeschwüre mit Namen

Am Samstag dem 23. Bin ich endlich auf das Konzert gekommen, auf welches ich eine Woche zuvor versehentlich zu früh gegangen bin. Ich hatte mich sehr drauf gefreut. Schon bei der Dialyse bemerkte ich Rückenschmerzen und dachte, hast Dich mal wieder verhoben oder verlegt, da mir das öfter mal passiert. Ich sagte es noch dem Pfleger, der den Arzt kommen lassen wollte, weil ich schon ziemliche Schmerzen hatte. Aber als ich gut aufstehen konnte, wollte ich keinen Arzt haben und fuhr mit dem Taxi zum Konzert wie geplant. Schon auf der Fahrt dorthin hatte ich das Gefühl, als ob etwas in meiner Brust rauf und runterfährt. Ich dachte, ißt halt mal was, dann geht es Dir besser. Aber als ich in meine mitgebrachte Knusperstange biß, dachte ich, mir zerquetscht einer die Speiseröhre. Ich schrie so laut auf, daß einer der Gäste des Festes aufmerksam wurde und mir anbot, einen Arzt zu holen. Es kamen erst die Sanitäter, die dann einen Notarztwagen bestellten, der mit Tatütata kam, da man Luftnot angegeben hatte und vermutete, daß ich was am Herzen habe. Ich aber sagte immer: „Mir hat einer die Speiseröhre zerquetscht!“ Der Notarzt untersuchte mich und stellte ein Herzgeräusch fest. Ich aber sagte ihm, daß ich einen Dialyseshunt habe, und daß das daher so klingt. Das nahm er dann auch an und meinte, ich solle sicherheitshalber mal ein Herz-Echo (UKG) machen lassen. Er tastete dann weiter und stellte eine Gastritis fest, ich solle mir Pantozol oder Omeprazol holen, wenn es nicht besser würde, solle ich eine Gastroskopie machen lassen. Ich dürfe auf das Fest zurückgehen und solle später halt zur Notapotheke. Das Konzert konnte ich nur schwer genießen, und in der Pause brach ich, wobei nur Galle rauskam. Nach dem Konzert ermittelte ich per Handy die nächstgelegene Notapotheke, und der Taxifahrer fuhr dort mit mir hin. Ich rief sicherheitshalber mal bei der Dialyse im Klinikum an, um die richtige Dosierung und das passende Medikament zu erfahren. Die Apotheke verkauft frei nur Ome oder Panto 20, und so nahm ich diese und wollte auch nicht höher dosieren. Am nächsten Morgen hatte ich immer noch starke Schmerzen und probierte, etwas zu essen. Aber wieder glaubte ich, mein letztes Stündlein hätte geschlagen, und es würde ein Backstein in mir auf- und abfahren, es tat um den ganzen Brustkorb weh. Da ich an diesem Tag eine Verabredung hatte, daß jemand meinen alten Blindenstock nach Frankfurt mitnehmen würde, um ihn jemandem zu geben, der für Rumänien Stöcke sammelt, wollte ich so lange aushalten, bis die Leute dagewesen waren und dann einen Arzt anrufen. Endlich kamen die beiden, die extra wegen mir aus Frankfurt gekommen waren, da sie sonst nicht auf die Feier ihres Schwagers gegangen wären, aber wenn sie dann auch noch einen Stock mitnehmen könnten, hatte sich ihr Besuch beim Schwager gelohnt. So war es gut, daß ich ausgehalten hatte, sonst wären die beiden vor verschlossener Türe gestanden.


Ich rief also bei der KV an und fragte, wo ich mit diesen Beschwerden hingehen könnte. Man verwies mich auf die Bereitschaftspraxis, zu der ich mit dem Taxi fuhr. Sicherheitshalber packte ich ein paar Sachen ein, falls ich ins Krankenhaus überwiesen würde. Der Arzt in der Bereitschaftspraxis machte ein zweites EKG, da das EKG im Notarztwagen nur unvollständig war, und er bestimmte noch die Herzenzyme, da er meiner These mit der gequetschten Speiseröhre und der Diagnose des Notarztes in bezug auf Gastritis nicht so recht glauben, und einen Herzinffarkt ausschließen wollte. Doch wie ich schon vermutete, war das Herz in Ordnung. Er überwies mich ins Krankenhaus, wohin ich mit dem Taxi fuhr. Dort wurde dan das dritte EKG geschrieben, da man auch dem EKG in der Bereitschaftspraxis nicht die ausreichende Genauigkeit zumaß. Dann aber schwenkte man schnell auf den Magen ein, was ich immer wieder betonte. Es wurde der Bauch auf freihe Luft hin geröntgt, da vielleicht ein Organ perforiert sein könnte, Blut abgenommen und ein Ultraschall gemacht. Dann kam das „Urteil“, ich solle dableiben. Schon abends gab man mir Magensäurehemmer in stärkerer Dosierung. Ich konnte nicht mal schlucken, und schon da breitete sich ein solcher Schmerz im gesamten Brustkorb aus, daß ich teilweise fast schrie und aufstöhnte. Man wollte eine Magenspiegelung machen, aber dazu käme manerst am Dienstag. Ich hatte schon in der Bereitschaftspraxis darauf gedrängt, daß ich als Dialysepatientin nicht hungern dürfe und daher unbedingt einen Tropf bräuchte. Das war auch einer der Gründe, weshalb er mich eingewiesen hatte. Im Krankenhaus mußte ich dann mehrfach drum bitten, daß ich eine Nährlösung angehängt bekomme. Dann kamen sie erst mal mit Astronautennahrung, nachdem sie mir zigmal etwas Zwieback angeboten hatten, den ich stets mit dem Hinweis vehement ablehnte, GAR nichts schlucken zu können, und da hilft auch keine Sondenkost, die ich ja auch hätte irgendwie schlucken müssen. So kam nach zweimaligem Läuten und Nachfragen die Schwester, die vorher noch gemotzt hatte, daß sie ja schließlich DREI Aufnahmen hätte, und daß ich bald meine Glukose kriegen würde. Endlich war etwas an Kalorien nach 28 Stunden in mich hineingekommen.

Am nächsten Morgen hatte ein recht verständiger Arzt Visite, der für die Dialyse gleich hochkalorische Nährlösung anordnete, die ich über die Maschine bekomen würde. Er tastete den Bauch ab und stellte auch fest, daß es rechts beim Drücken wehtat. Man vermutete wegen der Werte erst eine Bauchspeicheldrüsenentzündung, dann hieß es wieder, daß die Lipase bei Dialysepatienten immer erhöht sei, und das daher nichts zu bedeuten hätte. Dann war die LDH erhöht, und die Stationsärztin tastete nach geschwollenen Lymphknoten, aber keiner war zu finden. Am Montagabend ging ich zur Dialyse, wo man mir 2 Flaschen à 500 ml Glukose und zwei à 500 ml Eiweiß anhängen sollte. Am Arm hatte ich noch einen Tropf mit 5%-iger Glukose hängen. Als die erste Flasche Glukose durchgelaufen war, stieg der Zucker auf 500, was bei mir aber nicht schlimm ist, da ich keinen Diabetes habe, und er ging auch schnell wieder runter. Aber man brach die Glukose ab und hängte das Eiweiß an, da zuviel auch schlecht fürs Herz gewesen wäre. Ich hatte schon zwei Kilo abgenommen. Aber ich stellte fest, daß auf einmal im Laufe der Dialyse das Schlucken nicht mehr wehtat und traute mich an ein halbes Glas Wasser . Das ging überraschend gut.

Allerdings mußte ich noch nüchtern bleiben. Am Dienstag sollte nun die schreckliche Magenspiegelung stattfinden. Ich fragte jeden, mit dem ich telefonierte und jeden Arzt und jede Schwester, ob das wehtut, und wie das mit Betäubung ist. Eine nette junge Ärztin meinte, sie habe das mit Betäubung gemacht, und man erinnert sich hinterher gar nicht mehr, daß man überhaupt unten bei der Spiegelung war, und viele würden fragen, wann es denn nun endlich losgeht, obwohl sie grade erst von der Untersuchung kämen. Auch das war mir etwas unheimlich, aber ich wollte nichts von alledem mitkriegen. Als ich dann drankam, fragte mich die Schwester, ob ich ein Betäubungsspray wollte, da meinte ich, wenn ich eh schlafe, merke ich ja nichts. Dann kam mir der Gedanke, ich könnte es ja auch NUR mit dem Betäubungsspray versuchen und wach bleiben. Naiv meinte ich, wenn es mir nicht gefällt, kann ich ja immer noch die Betäubung wählen. Das war dumm, denn als ich dann den Schlauch im Mund hatte, war es zu spät, was zu sagen, weil ich dann weder sprechen konnte noch sprechen durfte. Das Schlucken des Schlauches ging erstaunlich gut, aber als das Ding in meinem Bauch war, rumorte es furchtbar, ich röhrte die ganze Zeit, weil Luft in mich hineingepumpt wurde, würgte und gögste. Der Pfleger lag fast auf mir drauf, redete beruhigend auf mich ein, und ich mußte mich stark konzentrieren und mir immer vorsagen, in den Bauch zu atmen, damit ich nicht würgen mußte. Dauernd sagte der Arzt: „Es ist gleich vorbei, gleich vorbei.“ Aber dann ging es ewig weiter, und wieder kam die hoffnungsvolle Aussage: „Es ist gleich vorbei, jetzt kann es nichtmehr schlimmer werden, das Schlimmste haben Sie hinter sich.“ Und dennoch kam es noch unangenehmer. Es zwickte beim Entnehmen der Proben, drückte, würgte und wollte und wollte nicht enden. ENDLICH wurde der Schlauch wieder rausgezogen, was fast unangenehmer war als das Schlucken. Alles hatte eine Viertelstunde gedauert. Die Schwester meinte: „Nun haben Sie einen Orden verdient.“ Ich war ganz stolz, daß auch ich es ohne Narkose geschafft hatte, da mir alle anderen immer so heroisch berichteten, SIE hätten keine Betäubung gebraucht. Dafür war ich aber dann auch wach und mußte nicht ewig beduselt herumliegen. Zu Mittag durfte ich dann auch schon etwas essen und erhielt Pankreaskost in Form von Nudeln und Brokkoli. Abends wollte man mir einen Reisbrei andrehen, aber da streikte ich und erhielt sogar ein Käsebrot, was ich gut vertrug. Ich muß nun vor jeder Mahlzeit ein Tütchen mit Magenschutzgel trinken. Denn während der Magenspiegelung wurde eine stärkere Entzündung des Magens und Dünndarmes sowie zwei-drei kleinere Geschwüre gefunden. Nun haben die Geschwüre ihre Namen: Bahn, Bank und Bürokratie, so heißen die drei Geschwüre, die ich mir eingefangen habe, jedes hat genau seinen Namen!

Der Arzt untersuchte nochmal meinen Bauch und meinte, ich hätte eine Dyspepsie, wobei mir keiner richtig erklären konte, was das ist. Aber keiner wußte, woher letztendlich die Oberbauchdruckschmerzen kommen. Ich deutete an, auch bei der Regel starke Schmerzen zu haben, und daß ich eine Endometriose vermute, was der Arzt auch aufgriff. Er meinte, ich solle eine Kontrastmitteluntersuchung machen lassen, wobei man mir vorne, hinten und durch die Vene Kontrastmittel jagen und mich in die Röhre schicken würde. Das will ich so weit es geht vermeiden. Und wenn das nichts bringe, müsse eine Laparoskopie gemacht werden, da nur so eine Endometriose entdeckt bzw. ausgeschlossen werden könne. Na vielen Dank!

Es wurde beschlossen, daß ich am Mittwoch nochmals im Klinikum an die Dialyse gehen würde, und daß ich dann heim dürfe. In der Nacht konnte ich kaum schlafen, da nebenan ein Patient lag, der durchwegs schrie, wobei dann die Schwestern recht hysterisch auf seine Schreierei eingingen und das Ganze noch eskalieren ließen. Auch die Putzfrau mischte sich um halb sechs Uhr morgens ein und blies ihrem Landsmann den Marsch auf Russisch, weil er gar keine Ruhe gab. Sie war allerdings lauter als er. In der letzten Nacht meines Krankenhausaufenthaltes war er ruhig. Auf Nachfrage sagte mir sowohl die Putzfrau als auch die Schwester, man habe ihm was gegeben, aber das stünde nicht in der Kurve. Da kann ich mir denken, daß es was Starkes war, was sie vielleicht nicht geben dürfen und es daher nicht vermerkt haben. Die Frau in meinem Zimmer war über achtzig, und ich konnte ihren Geisteszustand nicht einschätzen. Sie erzählte mir, daß sie in den Rosengarten zur weiteren Behandlung wolle, da gäbe es Palmen, und ein Open-Air-Konzert mit Hansi Hinterseher. Mal redete sie ganz normal, aber an einem Morgen schimpfte sie: „Da kam ein dunkelhäutiger Mann mit Schnurres, und der hatmir meine Suppe geklaut.“ Als ich ihr erklärte, daß das Frühstück noch gar nicht dagewesen sei, beharrte sie drauf, daß er ihr die Suppe so schnell weggenommen hätte, weil er selbst Hunger hätte. „Der kommt nich wieder, der kommt nich wieder!“ Ich erzählte der Schwester meine Beobachtung, und ich meinte, sie sei wohl verwirrt. Die Schwester aber kapierte gar nicht, daß ich ihr vom Verwirrtheitszustand meiner Mitpatientin erzählte und meinte, daß auch ICH glaubte, ein Dunkelhäutiger habe meiner Nachbarin die Suppe geklaut. „NEIN , NEIN, bei uns GIBT es keinen Dunkelhäutigen!“ Sie hielt mich offenbar ebenso für plemplem und hörte mir gar nicht weiter zu. Einige Schwestern waren sehr nett. Als ich nach der Magenspiegelung bei dem tollen Wetter in die Cafeteria wollte, begleitete mich eine, und sie fanden es toll, daßich schon wieder raus wollte. Eine ging dann mit mir zurück, weil sie mich auf dem Rückweg „aufgelesen“ hatte. Eine andere wiederum war echt blöd. Sie nannte meine Zimmernachbarin Oma und meinte, ich solle leiser telefonieren, „die Oma versteht mich sonst nicht.“ Oder als die Frau nachts mal wieder Zwieback wollte, weil sie permanent und rund um die Uhr Zwieback kaute, fragte sie: „Was will die Oma noch?“ Wenn man was von ihr wollte, keifte sie erst mal einen Sermon heraus, warum sie jetzt das oder jenes nicht tun könne, wobei sie in der Zeit, in der sie an unsere Geduld appellierte längst das Dreifache an Erledigungen hätte machen können.

Am Mittwoch wurde nochmal der Brust- und Bauchraum geröntgt. Als ich dann zur Dialyse gebracht wurde, sagte man mir, ich müsse noch warten, ob ich entlassen würde, es wären noch Befunde da, die nicht angesehen worden seien. Meine Telefonkarte war schon aufgebraucht, der Akku des einen Handys war leer, das Notitzgerät, in dem ich alle meine Telefonnummern habe, hatte den Dienst wegen leerem Akku eingestellt, ich hatte keine Hörbücher mehr. Ich konnte also nicht mehr rausrufen und hatte mit dem Handy, das noch voll war, grade noch die Betreuerin anrufen können, um zu sagen, daß ich entlassen würde, und daß sie meinen Helferinen Bescheid geben solle. Außerdem hatte ich am Donnerstag einen Termin beim Mieterverband und mußte unbedingt entlassen werden, da die Katzenversorgung auch nicht mehr vollständig gewährleistet war. Dieses Handy war nun auch am Leerwerden, und dauernd kam die Message: „Akku schwach, bitte laden. So rief ich die Schwester an der Dialyse und fragte sie, ob sie mal oben anrufen könne, was mit meiner Entlassung nun sei. Es sei immer noch nicht sicher. Die Schwester meinte, daß eine meiner Helferinnen angerufen und ihre Handynummer hinterlassen hätte. Ich wollte anrufen, war aber wegen des leerwerdenden Akkus so nervös, daß ich mich verwählte. Ich gab der Schwester das Handy, die aber konnte gar nicht mit einem Handy umgehen und stellte versehentlich die Sprachausgabe leise, und da war es aus bei mir! Ich regte mich so auf, daß die Schwester meinte: „ICH bin nicht schuld, ich hab gesagt, daß ich nicht mit Handy sumgehen kann!“ Dann schaffte ich es grade noch, die Helferin anzurufen, um mit ihr auszumachen, daß sie daheim bei mir am Donnerstag probiert, und wenn ich hingehe, dann fahren wir zum Mieterverband. Dann kam der Arzt und meinte, das Haptoglobin sei erniedrigt, das sei ein Trägerprotein, welches bei Hämolyse (also wenn Blutkörperchen platzen), das Blut aufsaugen, und wenn die viel Blut aufsaugen müssen, werden es immer weniger, die noch frei sind. Das deute auf eine Blutung im Körper hin, also vermutlich auf Endometriose. Da das Hämoglobin aber normal sei, handele es sich um einen chronischen Vorgang. Man solle die Werte beobachten, denn das LDH sei nun besser geworden. Die Ärzte an der Dialyse sollten mich im Falle, daß die Werte und die Schmerzen nicht besser würden, zur CT mit Kontrastmittel und zur Laparoskopie schicken. Als ich ihn fragte, ob, wenn die Werte gut seien, und ich mit den Schmerzen leben könne, die Untersuchung auch weggelassen werden könne, meinte er etwas aufgebracht: „ALSO ich verstehe gar nicht, warum Sie sich so gegen die Untersuchung sträuben! Wenn Sie das nicht abklären lassen, können Sie nicht transplantiert werden!“ Da war ich furchtbar erschrocken. Ich dürfe aber gehen, denn ich sei keine Kandidatin mehr fürs Krankenhaus aber für weitere Diagnostik. Ich dachte, wenn die einen mal inden Fängen haben, lassen die einen nicht mehr so schnell los. Nun hab ich die gefürchtete Magenspiegelung hinter mir und soll gleich die nächste grauenhafte Untersuchung machen lassen! Ich rief dann die Helferin an und teilte ihr mit, daß ich gehen dürfe, und daß wir also den Termin beim Mieterverband einhalten könten.

Am Abend nach dem Essen fuhr ich dann mit dem Taxi nach Hause.

In meinem Heimatdialysezentrum hatte dann beim nächsten Mal der Arzt Dienst, der mich zu Anfang nicht an die Dialyse schicken, bzw. noch vier Wochen warten wollte, als es mir damals so schlecht ging. Der spielte dann auch gleich das Ganze herunter, es sei eine „leichte Gastritis“, von Geschwüren stünde da nichts, und er habe auch schon drei Gastritiden gehabt. Das andere müsse man halt beobachten, aber ich sei durchaus transplalntabel. Als ich ihn bat, doch mal bei der Transplant-Zentrale anzurufen, ob mich der Arzt im Klinikum von der Liste genommen hätte (der meinte, wenn er Dienst habe, und ein Organ käme, würde er es nicht verantworten können, es mir zu geben), da sagte der Arzt, er wolle keine schlafenden Hunde wecken, aber er würde mal nachfragen. Ich bin auch nicht so erpicht auf diese Untersuchungen, aber ich will auch nicht, daß etwas übersehen wird, und wenn ich dann transplantiert bin, dauernd etwas passiert,weil ich etwas habe, was nicht geklärt ist. Daß er die Gastritis so heruntergespielt hat, hat mich geärgert. Schon schämte ich mich, daß ich wegen so einer läppischen Magenschleimhautentzündung überhaupt ins Krankenhaus gegangen war. Ich sagte ihm, daß ich nicht mal mehr meinen eigenen Speichel runterschlucken und vier Tage nichts essen konnte, da war er ruhig und hörte genau zu. Wenigstens hätte er ja sagen können: „Auch eine leichte Gastritis kann unter Umständen sehr wehtun.“ Dann hätte ich mich nicht so blöd gefühlt. Allerdings wußte ich nicht, wo er das Attribut „leicht“ herhatte, da man mir im Krankenhaus sagte, es sei stark entzündet. Die haben das aber auch nicht sonderlich präzise ausformuliert.

Die zwei Kilo sind schon wieder drauf, ich schlucke weiter Pantozol und meine Magenpäckchen mit dem Gel. So etwas könne bei Dialysepatienten immer wiederkommen, stellte mir der Arzt in Aussicht. Ich hoffe, daß so viel Ärger, wie ich ihn in den letzten Wochen hatte (siehe vorheriger Blog-Eintrag) nicht mehr komt, denn daher habe ich hauptsächlich diese Magengeschwüre. Ob Helicobacter pylori am Werk ist, wissen wir noch nicht, da warten wir noch auf die Gewebeproben. Aber auch diese Trippelbehandlung sei GAR nicht schlimm, meinte dieser Arzt. Na, ich werde sehen, was noch alles auf mich zukommt.

Dienstag, 12. Juli 2011

Der Fehlerteufel

Wer kann mir helfen?


In letzter Zeit ist bei mir der Fehlerteufel arg am Werk. Es ist eine Phase, in der fast überhaupt nichts mehr klappt. Dabei hat sich folgendes Muster etabliert:

1. Planungsphase: Ich plane etwas, rufe an, bespreche, bitte, erkläre.

2. Es wird mir bestätigt, daß dies oder jenes klappt.

3. Dann klappt es doch nicht, weil etwas falsch weiter gegeben wurde, etwas doch kaputt ist, jemand entgegen seiner vorherigen Zusage doch nicht kann oder will, ich versetzt oder vergessen werde.

1. Beispiel: Ich habe am 26. Juni bei der Mobilzentrale der Bahn angerufen und eine Fahrt nach Hause für den 1. Juli bestellt. Einerseits wollte ich die Fahrkarte, zum anderen brauchte ich eine Umsteigehilfe. Alles wurde mir zugesagt. Als ich nach meiner Kontonummer fragte, um einen Abgleich zu machen, hieß es, alles sei eingetragen. Die Fahrkarte erhielt ich plangemäß per E-Mail. Als ich am Bahnhof stand, kam niemand. Ich fragte mich durch zur Reiseauskunft. Dort erklärte man mir, der Bahnangestellte hätte einen anderen Behinderten, einen verspätet eingetroffenen Rollstuhlfarer, betreuen müssen, und er sei alleine gewesen. Normalerweise stellt man zwei Helfer ab, wenn zwei Behinderte sich ankündigen, zumal ja laufend Züge verspätet sind, und man mit so etwas immer rechnen muß. Am Dienstag den 5. Erhielt ich einen Brief, die Kontonummer sei falsch, der Betrag sei wieder zurück gebucht worden, und nun stünde er offen, da die Kontonummer falsch gewesen sei. Ich rief bei der Mobilzentrale an. Dort wurde die Kontonummer richtig eingetragen. Ich fragte, ob nun eine zweite Abbuchung vorgenommen würde. Die Frau rief zurück und sagte, sie habe es geklärt, die Abbuchung würde nochmals vorgenommen. Am 8. bekam ich eine Mail, daß der Betrag plus Rücklastschriftgebühr noch offen stünde. Ich schrieb, daß bitte nochmals die Abbuchung wie besprochen veranlaßt werden sollte. Auf Anraten meiner Betreuerin überwies ich das Geld abzüglich der Rückgebühren und benachrichtigte die Bahn, daß ich nun selbst die Überweisung vorgenommen hätte, und daß ich, falls die Bahn das Geld abbucht, es wieder zurückholen würde, um eine Doppelzahlung zu vermeiden. Am Montag den 11. Kam dann die Benachrichtigung, daß eine erneute Abbuchung veranlaßt worden sei. Wieder schrieb ich, daß ich das Geld bereits selbst überwiesenhätte und den von der Bahn abgebuchten Betrag wieder zurückholen würde, falls die Bahn nochmals abbucht. Ich wette, daß sie mir nun das von mir gezahlte Geld rücküberweisen, gleichzeitig, wenn ich den Betrag von der Bahn zurückhole, und dann steht der Betrag wieder offen, und der Kreislauf beginnt von Neuem.

2. Ich habe meinen Kater Isidor zum Tierarzt gebracht, un das Geschlecht endgültig bestimmen zu lassen. Sie sagte, es sei ein Männchen. Der Kater wurde gechippt, und ich bat sie, dies an den TASSO Tiersuchdienst zu melden. Nach mehreren Tagen kam immer noch keine Meldung von TASSO, daß der Kater Isidor registriert sei. Ich ging nochmals zur Tierärztin, da ich Isidor scheren lassen mußte, da er wegen Durchfall dauernd Katzenkot um den Po herum hatte. Dabei sagte die Vertretung: „Es ist doch ein Weibchen, oder?“ Ich: „Nein, es ist ein Männchen.“ Ich hatte sie nur zufällig mit der Sprechstundenhilfe reden hören, als sie meinen Tierausweis in Händen hielt. Ich bat sie dann, das bei TASSO zu berichtigen. Ja, sie würde das tun, aber ich könne ja selbst die Anmeldung mit Hilfe von außen vornehmen bzw. die Katze im Internet registrieren lassen. Ich wollte es aber EINMAL etwas leichter haben und hatte daher die Praxis gebeten, dies für mich zu tun. Ein paar Tage später kam die Registrierungsbestätigung für Isidor, Geschlecht: Weiblich! Ich rief dreimal bei TASSO an, bis ich durchkam, und der Mann am Telefon führte die „Geschlechtsumwandlung“ auch kurz und schmerzlos durch. Da ich aber dem Ganzen nicht traue, habe ich meine Nachbarin gebeten, wenn sie die Kotprobe von Isidor entnimmt, bei TASSO nochmals anzurufen und das nochmals durchzugeben, daß sie mir NOCHMAL die Registrierung mit dem richtigen Geschlecht schicken. Wenn Isidor verloren geht, würde ich ihn sonst nicht mehr wieder bekommen, da es sich ja dann angeblich um ein Weibchen handelt. Wieder ein Kampf, bis die Bestätigung kommt.

3. Ich will eine Zahnzusatzversicherung. Hierfür hat meine ehemalige Helferin vorgeschlagen, ich solle mit der Nachfolgerin einen Termin ausmachen, an welchem eine Versicherungsmaklerin oder ein Vertreter ins Haus kommt, damit jemand dabei ist, wenn mir die Unterschiede zwischen den einzelnen Versicherungen erklärt werden. Wir machten einen Termin für Dienstag den 12. Um 9 Uhr aus. Die Helferin war da, wer nicht kam, war die Versicherungsmaklerin, die zugesagt hatte, höchst selbst zu mir zu kommen. Als meine Helferin anrief, entschuldigte sie sich, sie sei im Streß und ganz alleine da. Bei mir hätte sie sich sicher nicht entschuldigt, da wäre dann wieder ich schuld gewesen und hätte etwas Falsches ausgemacht. Aber nun müssen wir nochmals um kurz vor neun am nächsten Dienstag ein Treffen machen, damit dies endlich über die Bühne geht. Ich hatte vorgeschlagen, daß diesmal WIR zu der Versicherung hinfahren, damit die Dame nicht zuviel Zeit durch Anfahrten verliert. Nun bin ich die Kundin und darf wieder mal allem hinterherlaufen.

4. Heute am Dienstag wollten wir ein Interview mit einer Bekannten machen, die als Ehrenamtlerin im Dunkelcafé arbeitet. Ich bat eines meiner Redaktionsmitglieder (wir sind ein Team blinder, die von der EU gefördert werden und alle zwei Monate eine Radiosendung bei einem freien Radio machen), daß er mitkommt und das von der EU gesponserte Aufnahmegerät mitbringt. Ich selbsthabe auch ein Gerät, aber dies geht mit einer höheren BIT-Rate nur, wenn man ein externes Mikro anschließt, welches ich noch nicht angeschafft habe. Ich konnte ihr also zusagen, daß wir uns um 17 Uhr beim Blindenbund treffen. HEUTE rief der junge Mann an, das Aufnahmegerät sei kaputt, es ließe sich nicht mehr laden. Er habe aber einen Laptop, der ebenfalls aufnimmt. Ich bat ihn, nachzusehen, wie hoch die BIT-Rate sei, aber das könne er mir erst um 15:30 sagen, da er vorher noch arbeitet. Natürlich hat ihm jemand abgeraten, das Laptop für radiotaugliche Aufnahmen zu verwenden, und die Sache muß bis auf Weiteres, bis das Gerät repariert ist, aufgeschoben werden. Wieder einmal ist kurz vor dem Ziel etwas dazwischen gekommen.

5. In unserer Radiosendung haben wir von einer blinden Autorin einige Hörproben vorgespielt. Ich hatte aber einige Hörproben auch von einem anderen Autoren, die ich beide unserem Medienpädagogen gemailt hatte. Aus der Mail mußte eigentlich hervorgegangen sein, welche Hörprobe von welchem Autor war. Als ich dann die Sendung später nachhörte, merkte ich, daß die Hörproben dieses anderen Autoren versehentlich unter die der blinden Autorin gemischt worden sind. Als ich dann nachsuchte, wo die Hörproben des anderen Autors auf meinem PC sind, damit wir nach einer Richtigstellung das nächste Mal dann noch einige seiner Gedichte senden könnten, war aus unerfindlichen Gründen der ganze Ordner gelöscht. Ich erinnere mich, daß ich NUR die ZIP-Dateien gelöscht, den Ordner mit den entpackten Sachen aber in Ruhe gelassen hatte.

6. Da von Isidor drei Tage hintereinander eine Kotprobe auf Giardien entnommen werden mußte, organisierte ich dies mit drei Personen: Einmal mit den beiden Helferinnen und einmal mit der Nachbarin, die mir schon damals den Stoffel gebracht hatte. Montags sollte die Nachbarin kommen, dienstags kam die eine Helferin sowieso, und die andere wollte am Mittwoch nach der Schule bei mir vorbeikommen, da sie Schulbegleiterin für ein autistisches Kind ist. Am Montag klappte es hervorragend, meine Nachbarin kam, und ich vergütete ihr das mit einer Tafel Schokolade, die ich für sie bereit gelegt hatte. Heute kam die andere Helferin, und obwohl wir vorher schon über das Thema gesprochen hatten, teilte sie mir dann beim Hinausgehen noch eben mal mit, daß die andere Helferin am Mittwoch nicht kommen könne, es sei ihr doch zuviel, sie würde wie sonst auch, am Donnerstag kommen. Die Helferin hatte sie gebeten, statt ihrer bei mir vorbeizukommen, sie köne aber erst um vier. Als ich ihr erklärte, daß ich ab halb vier zur Dialyse abgeholt wurde, meinte sie, naja, um drei ginge es auch, dann müsse halt mal eine andere Kundin zurückstecken. Mir war das zu blöd, da ich fürchtete, daß sie es bis halbvier dann vielleichtdoch nicht schaffte. Ich rief also wiederum die Nachbarin an, die, ein GOLDSTÜCK!, doch nochmal einspringen würde. Ich rief die Helferin an und habe es durch die Blume am AB gesagt, da ich noch etwas anderes wollte , und da meinte ich dann: „Da Sie ja entgegen unserer vorherigen Absprache nun doch am Mittwoch nicht können, habe ich notgedrungen nochmals die Nachbarin gefragt, da die andere Helferin auch nur sehr unsicher kann, naja Gott sei Dank konnte ich grade noch mal umdisponieren….“ Abends, als ich vom Chor kam, sollte ich laut AB die Helferin zurückrufen. Es sei ein Mißverständnis, sie könne freilich am Mittwoch, die andere habe das irgendwie falsch ausgerichtet, sie könne sogar früher kommen. Wieso die andere das so seltsam übermittelt hatte, weiß ich auch nicht. Wenn es klappt, dann können wir sogar noch am Mittwoch vor Schluß die Kotprobe zum Tierarzt schaffen, da dieser am Mittwochnachmittag zu hat.

7. Heute soll ich ein Paket bekommen. Ich habe bei der Post eine Nummer, die man bei Anmeldung zu diesem Verfahren bekommt, so daß man dann per SMS benachrichtigt wird, wann das Paket kommt, und man dann einen Wunschtag eingeben kann. Eigentlich wollte ich grade mit der Helferin los, um eine neue Kaffeemaschine zu kaufen, da die alte kaputt gegangen ist, aber da ich an den anderen Tagen auch nicht konnte, habe ich mich für heute entschieden und den nicht lebensnotwendigen Kaffeemaschinenkauf abgesagt. Nun sitze ich zu Hause, aber was nicht kommt, ist das Paket. Ich bin nun unsicher, ob ich hätte zurück-SMS-sen müssen, um den heutigen Termin zu bestätigen, oder ob bei Nichtangabe eines anderen Wunschtages das Paket dann automatisch am angegebenen Tag kommt. Nun ist Gott sei DANK dieses Paket gekommen, und meine Entscheidung, NICHT zurück zu SMS-en, war richtig gewesen, wie ich aufgeklärt wurde. Eine Sache hat nun geklappt!!!

8. Vor einigen Monaten habe ich mein Konto so umgestellt, daß ich immer eine Mail bekomme, wenn neue Kontoauszüge da sind, damit ich keinen verpasse. Ich ging in die Bank und veranlaßte die Umstellung. Dann fiel mir auf, daß die ja gar nicht nach meiner Mailadresse gefragt hatten. Ich rief also bei der entsprechenden Service-Stelle an und gab die aktuelle Mailadresse bekannt. Denn ich hatte vor Jahren schon mal diese Mailbenachrichtigung, diese wurde aber dann irgendwie eingestellt, und da hatten die noch eine ganz alte Mailadresse von mir. Nun wartete ich vergebens auf eine Mail. Was kam, war der zwangsverschickte Kontoauszug, natürlich auf meine Kosten. Ich ging zur Bank und reklamierte dies. Die Dame wußte gar nichts von einer Mailbenachrichtigung. Somit erklärte ich ihr das Verfahren, sie machte sich kundig und sagte mir, daß das für sie etwas ganz Neues sei. Ich sollte also zum Ultimo jedes Monats dann eine Benachrichtigung erhalten. Wieder wartete ich vergebens. Somit rief ich nochmals bei der Bank an. Ich hätte dies zu spät im Monat beantragt, somit sei das diesen Monat noch nicht möglich gewesen. Ich hatte es am 25. Mai reklamiert, somit wäre genug Zeit gewesen, bis zum 31. Mai eine Mail zu schicken. Nun sollte es allerdings klappen. Die Kosten für die Zwangsverschickung der Auszüge wurden wieder zurückgebucht, so daß ich keinen Schaden hatte. Nun kam nur für EIN Konto die Benachrichtigung. Für mein Budgetkonto, welches ich separat führen muß, kam keine Mail. Ich holte die Auszüge dann so ab, bin aber nun nicht sicher, ob mir damit welche durch die Lappen gegangen sind. Heute riefen wir wieder an und veranlaßten auch für DIESES Konto eine Mailbenachrichtigung. OB allerdings dann ZWEI Mails kommen, und ob alles im SELBEN Postfach ist, wußte die Dame am Telefon nicht! Sie hätte auch nicht gewußt, daß es eine Mailbenachrichtigung gibt, hätte ich nicht drauf bestanden, daß das tatsächlich so ist. Sie erklärte mir dann logisch, daß jede Änderung im Postfach und jede neue Nachricht dort eine Mail auslösen würde. Nun kann ich nur hoffen, daß dies vielleicht nach nochmaligem Nachharken klappen wird.

9. Bei der Krankenkasse muß ich nun doch diese acht Euro Zusatzbeitrag zahlen. Die Begründung lautet, daß die Kasse für Hartz-IV-Empfänger eine Ausgleichszahlung aus dem Gesundheitsfond bekommt, dies aber für Grundsicherungsempfänger nicht so ist. Ich solle mich an meinen Kostenträger wenden, wenn ich die acht Euro gezahlt haben wollte. Nun gab ich erst mal bei der Kasse an, daß ich die acht Euro zahle, und daß sie diese nicht wie letztes Jahr, vom Konto meines Vaters sondern von MEINEM Konto abbuchen sollen. Ich gab genau meine Kontonummer an. Aber ich bin sicher, daß es wieder schief gehen wird. Ich höre schon die Vorstanzungen: „Wenn man sich schon einredet, daß es schief geht, dannwird es auch schiefgehen.“

10. Noch ein läppisches, aber typisches Beispiel, woran man genau sieht, wie und warum es so oft schiefläuft: Schwester: „Was wollen Sie trinken?“ Ich: „Zwei Kaffee und eine Grapefruitlimo.“ Die Schwester geht, eine andere übernimmt, und sie sagt zu dieser: „Zwei Kaffee und ein Wasser.“ Ich höre die leise geführte Konversation und sage: „Ein Grapefruitlimo.“ Die übernehmende Schwester: „JA, ich bin nichtso schnell, GLEICH!“ Ich: „Ich sag es ja nur, weil von Wasser die Rede war.“ Was bringt sie mir: Ein Wasser! Ich: „Aber ich wollte doch ein Grapefruitlimo!“ Sie: „Meine Kollegin hat aber Wasser gesagt.“ Ich: „Drum hab ich doch nochmal Grapefruitlimo gesagt, um es zu berichtigen.“ Sie hört mir nicht weiter zu und stellt genervt das Limo hin.

Mein Ex meinte, als ich kürzlich mal wieder mit ihm telefonierte, ich solle IMMER bei jeder Angabe, die ich mache, nachprüfen, ob sie auch richtig aufnotiert wurde. Ich sagte, daß ich das nicht schaffe, weil sich die Leute sonst auch vorgeführt vorkommen, und daß sie es ja von selbst vorlesen könnten. Es kostet eine Menge Kraft und Energie, immer alles nochmal gegenchecken zu lassen. Daran denkt man nicht, und das tut auch sonst keiner, denn dann käme man aus dem Nachkontrollieren nie mehr heraus. Er meinte natürlich: WENN ICH blind wäre, ICH würde das IMMER so machen. ER macht ja immer alles besser und würde auch immer alles besser machen in meiner Situation. Das heißt übersetzt nichts anderes als: „DU machst es nichtso gut, ich würde in Deiner Situation besser klarkommen und es besser machen.“ Ich finde das sehr überheblich. Ich wünsche mir mehr Demut und mehr Mitgefühl. Demut: Wer weiß, wie ich in der Situation dieser Frau wäre. Mitgefühl: Dafür, daß es Dich ziemlich hart getroffen hat, ist das schon eine Leistung, und da kann man verstehen, daß viele Sachen extrem anstrengend sind. Wer weiß, wie ich es schaffen würde.

Das tut gut, denn dann fühle ich mich nicht noch zusätzlich schlecht, daß ich nichts schaffe, sondern erhalte die Anerkennung für realistisch schwierige Situationen. Das hat nichts mit Bedauern oder Bemitleiden zu tun. Man sagt immer, wenn man jemanden noch in seinem Leiden bestärkt, wird es noch schlimmer. Aber so stimmt das nicht, denn es ist noch ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht, wenn man dann auch noch hört, so schlimm sei es doch gar nicht und doch eigentlich GANZ einfach zu lösen, und andere würden das viel besser machen. Da ist es wie Balsam auf die Wunden, wenn andere auch mal realistisch anerkennen, daß es schwierig ist.



Meine Theorie: Es gibt einen Fehlerteufel. Die Dinge klappen anfangs, ich organisiere es gar nicht mal so falsch, obwohl ich vielleicht durch meine Kommunikationsprobleme vieles ungünstig rüberbringe, wodurch andere verwirrt sind. Hinzu kommt, daß andere denken: „Laß sie labern“, und mir einfach nicht (bis zu Ende) zuhören (siehe Krankenschwester). Ich werde nicht so ganz für voll genommen, und man ist dann eher genervt und will gar nichts weiter wissen. Bei mir ist alles etwas umständlicher, und dafür hat nicht jeder die Geduld. Wenn ich doch mal rück-koppele, was ich verstanden habe, um zu checken, ob das so richtig ist und dabei das vom Gegenüber Gesagte nochmal zusammenfasse, wird mir oft schon ins Wort gefahren, da ich Mühe habe, durchzusetzen, daß man mich ausreden läßt. Ich werde einfach nicht ganz für voll genommen.

Aber warum verdrehen sich dann auch so viele Dinge, gehen so viele Dinge unerwartet kaputt, schleichen sich komische Fehler in die Angaben ein, ist ausgerechnet DANN immer niemand da, wenn ich etwas brauche, oder die Arbeitskraft ist alleine, der Zug kommt zu spät, ausgerechnet ICH werde vergessen etc. Ich denke, daß ich vom Ablauf her alles korrekt mache, daß aber dann irgend ein Fehlerteufel oder irgend eine „böse Macht“ dann am Ende doch noch einen Fehler einschmuggelt, damit es schiefgeht. Dann verschwinden Daten, werden Sachen nicht oder verdreht weiter gegeben. Mit zwischenmenschlichen Problemen und menschlichem Versagen alleine ist das nicht mehr zu erklären. Warum geht genau an dem Tag, an dem wir es brauchen, das Gerät kaputt, warum klappt dann genau an dem Tag, wo ich einen Termin habe, etwas nicht? Warum schreibt eine Tierärztin nach der Geschlechtsbestimmung eines Katers „weiblich“ hinein? Warum muß ich allem so hinterherlaufen, obwohl ich alles so minutiös organisiert habe. Meine Theorie ist die, daß das mein Kismet, meine Ananke, mein Karma ist. Es ist so vorbestimmt. Und wenn es doch mal klappt, dann denkt der Fehler-Luzifer: Was, das klappt, das DARF doch gar nicht sein, da muß ich ganz schnell eingreifen und was durcheinanderbringen, da geh ich mal rein und lösche ein paar Daten, da lasse ich mal einige Dinge verschwinden, da lasse ich mal etwas dazwischen kommen, damit die nicht reibungslos abgeholt wird usw…

Ich höre schon wieder die vorgestanzten Sätze: Das geht doch uns auch so. Ja, jeder Mensch erlebt diese Dinge. Aber bei mir ist das anders. Bei mir häufen sich diese Dinge. Es ist bei anderen die Regel, daß es klappt und eher ein besonderes Vorkommnis, daß es nicht funktioniert. Bei mir hingegen verhält es sich genau umgekehrt. Es ist eher eine Ausnahme, wenn es mal einfach klappt. Außerdem bin ich in viel stärkerem Maße von der Hilfe anderer abhängig, so daß solche Situationen viel eher dazu prädestiniert sind, schief zu gehen. Außerdem habe ich weniger Möglichkeiten, etwas zu korrigieren, was schiefgegangen ist aufgrund meiner Einschränkungen. Und ich bin viel stärker drauf angewiesen, daß Dinge klappen. Und die Regelmäßigkeit, die Systematik, die Wiederholung, mit der Dinge schieflaufen, zeigt, daß da ein höheres Prinzip dran beteiligt ist.

Wer kennt sich aus mit solchen Dingen, wer kann so etwas umstellen? Wer weiß, wie man so etwas ausmerzen kann?

Auch die Tatsache, daß andere immer wie vorgestanzt und ganz automatisch ausstoßen: „DAS geht mir doch genauso“, zeigt, daß da was nicht stimmt. Bei einem anderen Behinderten würde man sagen: „Ja, das ist schwieriger, das kann ich mir denken.“ Mit mir hingegen vergleichen sich Linkshänder, Kurz- und Alterssichtige und wollen nicht begreifen, daß es nochmal was ganz anderes ist, blind und dialysepflichtig zu sein. Somit leide ich in doppelter Form: An dem Problem selbst und an der mangelnden Einschätzung des Problems seitens der anderen. Es würde mich schon entlasten, wenn mein Problem einmal realistisch wahrgenommen würde und kein falscher pädagogischer Trost angewandt würde, der mir nur noch mehr wehtut. Aber auch das ist Teil meiner „Verhexung“, das gehört dazu. Ich nenne das „magische Ausblendung“. Denn eigentlich rein logisch und rein naturgesetzlich müßte doch jedem einleuchten, daß es einem mit Behinderung schwerer fällt und mehr schiefgeht als ohne, und daß fast blind zu sein schwieriger ist als Kurzsichtigkeit oder Linkshändigkeit. Das ist es im Normalfall auch. Nur mir wird diese Empathie verweigert, weil meine Schwierigkeiten „magisch“ ausgeblendet werden, man SIEHT sie einfach nicht! Sie sind für das Gegenüber nicht vorhanden. Der andere ist physikalisch nicht in der Lage, das Realistische und Offensichtliche zu sehen, was ihm bei jedem anderen mit meinen Behinderungen sofort ins Auge springen würde. So wird meine Lage immer unterschätzt und bagatellisiert, mit einfachen Wehwehchen verglichen, was mir und meiner Situation dann einfach nicht gerecht wird. Außerdem löse ich bei anderen Trostreflexe aus, weil man mich nicht für voll nimmt und immer meint, erzieherisch auf mich einwirken zu müssen und mir beibringen will, daß doch andere dasselbe Problem haben. Das soll als Trost gemeint sein, damit ich etwas daraus lerne und meine Situation angenehmer betrachte. Aber davon wird die Situation auch nichtbesser, verscheißern kann ich mich selbst. Es hilft nur dem anderen, wenn er sich über mich stellt, aber mir nicht. Bei anderen Behinderten wird deren Problematik ganz einfach kommentarlos angenommen und geglaubt, da sie ernst genommen werden, und alle wissen, daß derjenige selbstam besten weiß, worüber er spricht, und sich kein anderer anmaßen kann, es mit irgenwas anderen zu vergleichen oder es zu verharmlosen.

Ich sehe, ich schreibe und schreibe, aber leider wird nie jemand das verstehen, was mich drückt, obwohl es eigentlich doch verständlich sein müßte. Aber es ist eben wiederum nicht verständlich, genauso wie niemand einsieht, daß es objektiv schwieriger ist. Genauso wird mein Wunsch nach Würdigung und realistischer Einschätzung meiner Situation und deren Einordnung nicht verstanden. Also höre ich auf.



Ich kann mir nur wünschen, daß die Verhexung eines Tages gelöst wird:

1. Dann wird nicht mehr GANZ soviel schiefgehen, sondern nur noch das, was durchschnittlich bei jedem anderen auch schiefgeht.

2. Dann wird es ein paar Menschen geben, die sehen, daß es ein härterer Kampf ist und dies auch würdigen und mir gerecht werden, so daß ich mich verstanden fühle und wieder neue Kraft schöpfen kann.

Samstag, 11. Juni 2011

Ein Erfolg

Vor meinem Urlaub hatte ich bei der Kasse beantragt, daß mir die Taxikosten von meinem Urlaubsort, dem Blindenzentrum in Bozen zur Dialysepraxis in Lana in voller Höhe übernommen werden sollen.  Denn in Bozen gab es keinen Dialyseplatz, und Meran wäre noch weiter gewesen.   Lana ist eine Feriendialyse.  Die Kasse meinte, sie wollten nur das zahlen, was auch an Kosten am Heimatort üblicherweise anfällt. Der Weg ist zwar genauso lang, aber der Preis ist doppelt so hoch. So hätte ich die Hälfte selbst draufzahlen müssen.

Ich legte Widerspruch ein. Zunächst hörten wir nichts, und so wiederholten wir die Prozedur nochmals. Der Arzt in Lana  hatte mir auch ein Attest geschrieben, in welchem er darlegte, daß ich aufgrund meiner Blindheit im Blindenzentrum Urlaub machen mußte, da es anders für mich nicht machbar war, und daß in Bozen und Meran alles voll war. 

Die Kasse schickte mir ein Schreiben, daß  ausnahmsweise die Kosten übernommen würden, ich mich darauf aber beim nächsten Mal nicht berufen dürfe.  Die wollen halt keinen Präzedenzfall schaffen.

Jedenfalls habe ich gejubelt.  Das Geld ist noch nicht da. Ich hoffe, daß sie es auch wirklich zahlen. Sonst müssen wir nochmals nachharken.

Aber immerhin ein Erfolg.  Es lohnt sich, Widerspruch einzulegen.  Denn manchmal denken Behörden, daß man sich eh nicht wehrt.

Der nächste Fall ließ auch nicht auf sich warten.  Ich muß diese  acht Euro zuzahlung bei der Kasse jeden Monat leisten.   Letztes Jahr zahlte dies mein Vater im Ganzen auf einmal   für mich. Wir hörten aber mittlerweile, daß man als Hartz-IV-  oder Grundsicherumgsempfänger gar nicht zahlen müsse.  Dies begründete ich bei der Kasse, als sie dieses Jahr ohne Vorankündigung wieder die 91 Euro bei meinem Vater  für das  Jahr abzogen.  Es gibt einen Rabatt, wenn man alle 12 Monate auf einmal zahlt, nicht, daß hier noch jemand meint, ich wüßte nicht, daß acht mal 12  gleich 96 ist..  Mein Vater holte das Geld zurück, da er meinte, die hätten erst fragen müssen, und außerdem bräuchte ich das ja gar  nicht  zu zahlen.  Ich rief bei der Kasse an, da diese mir nun einen Mahnbescheid mit  zusätzlichen Mahngebühren und Bankgebühren schickte.   Da wurde begründet,  daß  es der  Kasse  obliege, zu entscheiden, ob sie nur Hartz-IV-Empfängern oder auch Menschen mit Grundsicherung die acht Euro erlassen würde.   Man gab mir die Adresse der Hauptgeschäftstelle. Dort schrieb ich hin und argumentierte, daß  die Grundsicherung immer an Hartz-IV gekoppelt sei, und daß es eine Ungleichbehandlung ist, wenn Menschen, die nichtmehr dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen aufgrund einer  Erkrankung und Grundsicherung  erhalten,  benachteiligt werden gegenüber den Menschen mit Hartz IV.   Es sollte die Einkommensgrenze ausschlaggebend sein, denn ich finde, auch   Leute, die arbeiten aber wenig verdienen, sollten die acht Euro nicht zahlen müssen, denn die sind ja dann wirklich die  Gelackmeierten:  Sie arbeiten und verdienen das, was wir ohne Arbeit kriegen, und werden dann noch benachteiligt.  Mal sehen, was die Kasse schreibt. 

Meine Betreuerin meinte, daß si einen Fall hatte, wo die ARGE die acht Euro zahlen sollte und der Empfängerin nahelegte, die Kasse zu wechseln.  Sie dürfe nur dann mit den acht Euro Unterstützung rechnen, wenn sie begründen könne, daß sie  zwingend in dieser Kasse bleiben müsse, da diese beispielsweise eine bestimmte Therapie bezahlt, die andere Kassen nicht  zahlen.  Die Frau biß in den sauren Apfel und zahlt nun die acht Euro selbst.  Wenn einer das nicht kann, ist er gezwungen, in eine Kasse ohne diese Zuzahlung zu gehen.  Davon abgesehen, daß bald alle Kassen diesen Beitrag verlangen werden, finde ich es sittenwidrig, jemanden zu zwingen, in eine andere  Kasse zu gehen.  Denn dann haben wir bald ein Dreiklassensystem:  Die einen sind  privat Versichert.  Die anderen sind  in einerKasse mit vielen  Menschen, die sich die Zuzahlung leisten können, und die  soviel verdienen, daß die 10%  Zuzahlung errechnet nach ihrem Gehalt der Kasse viel bringen.  Die  dritte Gruppe ist in  den Kassen, die nur noch Geringverdiener oder Transferempfänger haben, diese Kassen nehmen damit auch wenig ein, da die 10%, die die Lohnempfänger zahlen müssen, sich ja nachc ihrem geringeren Einkommen richten.  Diese Kassen zahlen dann irgendwann nur noch das Aller-aller-allernötigste.  Davor graut mir dann wirklich.  Man sieht es ja jetzt schon im Falle der Kasse, die Pleite gegangen ist.  Die Versicherten werden jetzt einfach nicht aufgenommen von anderen Kassen, die mal eben schnell ihre Filialen zumachen, damit sie Neuantragssteller nicht bedienen müssen.  Das wird dann siche rnoch  viel schlimmer werden.

Homo homini lupus est

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf



„Wieviel Prozent siehst Du noch?“ Das werde ich häufig gefragt. Wenn ich dann ehrlich meine Angaben mache, kommt immer ein: „Soviel! DAS seh ICH nicht mehr!“ Dabei beschleicht mich das Gefühl, daß die fragende Person dies nur mit der Sicherheit tut, bei der „Leidensolympiade“ ganz sicher auch als Sieger hervorzugehen. Ich schäme mich sehr für meinen großen Sehrest.  Im Verhältnis zu dem, was mein Visus und mein Gesichtsfeld an Zahlen noch aufweist, müßte ich mehr können. Das muß ich offen zugestehen. Ich sehe 16% und kann an manchen Tagen dennoch auf einem Papier nicht mal mehr erkennen, ob da überhaupt was geschrieben steht. Ich habe noch ein Gesichtsfeld von 5°, aber ich muß mich von anderen führen lassen, die wahrscheinlich nicht mehr sehen als ich. Warum das so ist, wird mir wohl nie jemand sagen können. Soll ich mich jetzt dafür hassen? Ich habe noch andere Beschwerden, wodurch vielleicht auch die Kompensationsfähigkeit eingeschränkt ist. Was ich aber wirklich hasse, ist die Art, wie oft untereinander verglichen wird. Dabei komme ich immer als die Schlechtere weg. Sage ich beispielsweise, daß ich da oder dort noch alleine hingegangen bin, dann heißt es: „Ja, DU siehst ja auch noch was!“ Damit wird mir meine Leistung gleich madig gemacht, obwohl es auch mit so einem eingeschränkten Sehvermögen schon schwierig genug ist. Spreche ich hingegen mit einem Sehenden, dann heißt es: „Ich hab auch eine Lesebrille. Wir haben da auch Probleme.  Das geht doch allen so.“ Ich finde es schon einen Unterschied, ob man sein Leben fast blind verbringt, oder ob man ganz normal sieht. Ich möchte jetzt einmal nicht wieder entschuldigend zugute halten müssen, daß der Sehende sich ja da nicht hineinversetzen kann, sondern ich möchte mal mein Gefühl dazu beschreiben. Rational kann ich nicht erklären, warum mich das so sticht, aber ich fühle mich dann nicht ernst genommen, veralbert und bagatellisiert. Es ist eine Form des gut meinenden Hinwegtröstens, aber gut Meinen ist das Gegenteil von gut. Hilflosigkeit ist zwar der Grund für diese Abwehrreaktion, aber das sollte man für sich selbst reflektieren, denn daran kann man wachsen und was über sich erfahren, und warum sollen das immer nur die Behinderten tun?

Somit gesteht also niemand ein, daß er es in einem Punkt oder einer Sache einfacher hat. Dies hat nichts mit Bemitleiden zu tun sondern mit einer nüchternen und sachlichen, realistischen ernstnehmenden Betrachtungsweise.

Auf der anderen Seite der Skala wird dann wiederum jedes Klitzekleine Mehr an Grad oder Prozent aufgerechnet. "DU siehst ja noch fünf Grad, ICH hab nur drei Grad." Das finde ich so makaber, als würde ein Inder zum anderen sagen: "Du verhungerst mit fünf Reiskörnern, ich hab nur drei!"“ Ab einem gewissen Sehrest ist es, abgesehen von Vollblindheit, im Hinblick auf die Problematik an sich nur noch wichtig, DASS wir dieses Problem haben. Natürlich sehe ich noch das Doppelte eines Menschen, der beispielsweise drei Grad hat, aber das, was da noch halbiert wird, ist ja auch schon nicht mehr allzu üppig. Meistens werden solche Vergleiche dann angestellt, wenn man selbst mit seiner Behinderung ein Problem hat und dieses rechtfertigen will. Oft wird einem der Sehrest dann auch noch vorwürflich hingerieben: „DU hast es ja gut, DU siehst ja noch!“ Mir tut dies sehr weh.

Auch der Zeitpunkt, ab wann man angefangen hat, schlecht zu sehen, wird einem noch unter die Nase gerieben: „Du bist im Vorteil, Du hast ja schon immer schlecht gesehen,“ sagt der Späterblindete. „Du bist im Vorteil, Du hast ja mal besser gesehen,“ sagt der Geburtsvollblinde. Eigentlich bin ich immer diejenige, die im Vorteil ist. „DU bist im Vorteil“, sagt der Sehbehinderte, „Du kannst schon einen Stock benutzen, MIR hingegen sieht man meine Behinderung nicht an, ich bin dauernd in Erklärungsnot!“ Diese Situation kenne ich auch von früher, aber was hindert dann den Sehbehinderten, auch einen Stock zu nehmen? Würde er deshalb am liebsten mit mir tauschen? Ich möchte einfach an der Stelle eingeordnet werden, wo ich de facto stehe, nicht mehr aber auch nicht weniger. Ich bin nicht überall benachteiligt, aber es kann auch nicht sein, daß ich überall im Vorteil bin, denn sonst wäre ich trotz meiner Behinderungen der gesündeste Mensch der Welt, und das bin ich mit Sicherheit nicht. Ohne Bedauern und Jammern habe ich aber doch eine realistische und sachliche Einschätzung meiner Lage verdient. Dies darf nicht immer davon abhängen, wie schlagfertig einer ist, oder wie gut er sich und sein „Leiden“ mir gegenüber verkaufen kann.

Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder, wir erkennen alle Behinderungen gleich an, denn alle haben ihre Vorteile und Nachteile, aber dann darf auch kein Blinder mehr sagen: „ICH hab es aber NOCh schwerer als DU“, denn dann sind ja alle gleich.

Oder wir geben und gestehen zu, daß es Abstufungen gibt, und daß ich noch dankbar sein kann, noch einen so guten Sehrest zu haben, aber dann muß auch der Bessersehende oder der Normalsehende fairerweise zugestehen, daß er jemandem wie mir wiederum gegenüber sogar erheblich im Vorteil ist, denn was mich so verletzt ist, in beiden Richtungen den Kürzeren zu ziehen: Ich muß mich vor dem Blinden schämen, daß ich mit meinem popeligen Problem und dem super Sehrest rumjammere und Probleme habe. Andererseits darf ich aber einem Sehenden gegenüber nicht den Anspruch erheben, daß für mich Vieles schwieriger ist als für ihn, und ich daher auch eine Wertschätzung dafür haben möchte, daß ich dasselbe mit doppelter Kraft schaffen muß, wofür ein Normalsehender weniger Mühe aufwenden muß, und nicht dauernd bagatellisiert werden möchte.

Wie oft habe ich gelästert, wenn andere nicht mehr alleine rausgingen, die schlecht sahen. Und nun, da sich mein Sehen verschlechtert hat, nun traue ich mich zunehmend auch immer weniger hinaus. Das ist nun die Strafe für meinen Hochmut. Doch nun, wenn ICH sage: „Dafür sehe ich ja auch viel schlechter“, wird dies wiederum nicht als Entschuldigung gelten lassen. Dann heißt es: „ Es gibt auch Vollblinde, die fitter sind als Du!“ Da hab ich es mal wieder!

Wenn es um das Thema Vergünstigungen geht, dann sind wir untereinander wie die Wölfe. Bei uns in der Region wurden nun für einen Dienst, den ich aus Schutzgründen nun nicht näher erwähnen möchte, um ihn nicht weiter zu gefährden, Streichungen vorgenommen, die mich sehr treffen. Verständnis für meine Not bekam ich eher von den Sehenden. Die bösesten Kommentare hingegen kamen aus unseren eigenen Reihen. „Wir haben so einen Dienst ja auch nicht bei uns.“ (Soll heißen: Warum soll es Dir besser gehen als uns?). „Dann zahl halt, Du hast ja Blindengeld, man muß ja nicht jedes Recht ausnutzen.“ (Soll heißen: Schäm Dich, daß Du diesen Dienst nutzt, Du bist ein findiger Sozialschmarotzer.) „Andere können das ja auch, und die sehen auch nichts, und Du kannst das nicht. Das muß man auch so können.“ Ich höre da sehr viel Neid und Mißgunst heraus. Anstatt dafür zu streiten, daß in seiner Region auch so eine Vergünstigung angeboten wird, ist man noch schadenfroh oder gleichgültig. Was ich nicht kriege, brauchen andere auch nicht (mehr) zu haben.

Weniger Jammerolympiade und mehr echtes Mitgefühl, mehr Respekt vor den Leistungen trotz anerkannter Einschränkungen, mehr Freude für anderer Leute Vergünstigungen und Mut, diese für sich auch zu erstreiten, weniger Neid, mehr Solidarität und für die Nichtbehinderten: weniger billigen, erzieherischen Trost und dafür mehr echte Anerkennung, Respekt und Würdigung unserer Leistungen in einer immer härter werdenden Zeit.

Dienstag, 31. Mai 2011

Kleine Katze, neues Glück

Nun hab ich mich doch nochmal getraut, mir eine "Zweitkatze" anzuschaffen, nach all dem, was ich an Enttäuschungen erlebt habe. Jakob ist der treueste Kater der Welt, aber er wird nicht ewig leben, und er braucht ja auch etwas Gesellschaft, wenn ich weg bin. Meine Helferin hat eine Katze, die dieses Jahr zum zweiten Mal Junge bekommen hat. Da Stoffel letztes Jahr weggelaufen ist, habe ich mich schon früh für ein Kätzchen bei ihr "angemeldet". Am 16. März kamen drei Kätzchen zur Welt. Ich sollte mir also nach meinem Urlaub ein Kätzchen holen, damit es während meiner Urlaubsabwesenheit nicht schon alleine mit Jakob in einer für es fremden Umgebung sein müßte. Jakob ist zwar friedlich, aber man weiß nie, wie die beiden zurechtgekommen wären. Ein paar Tage vor meiner Abreise rief meine Helferin an, ich solle kommen, um mir ein Kätzchen auszusuchen, damit sie die anderen dann endlich weggeben könne, sie "habe die Nase voll", weil die Bande so wild überall herumhüpft und alles kaputt macht. So fuhr ich zu ihr. Es waren zwei rote und ein grau-weißes Kätzchen. Was für ein Geschlecht die jeweiligen Katzenjungen waren, wußte man noch nicht, aber es wurde stark vermutet, daß die beiden Roten Kater sind und das kleinere Graue eine Kätzin ist. Der eine rote verkroch sich ganz und gar, das kleine graue Kätzchen wollte auch nicht kommen. Der andere Rote ließ sich auf den Schoß setzen, sprang aber sofort wieder weg. Aber immerhin versteckte er sich nicht. Ich entschied mich, ihn zu nehmen, sagte aber, falls er bei einer anderen Person zutraulicher sei, solle sie ihn dort hingeben, denn dann würde er sich dort wohler fühlen, und dann wäre es ja unsinnig, ihn für mich zu "reservieren". Als ich aus dem Urlaub kam, meinte sie, es hätten sich ganze VIERZIG Leute gemeldet, um die anderen beiden abzuholeln, sogar bis in andere Bezirke hinein hätte der Aufruf Interessenten gefunden. Die Katzenmutter ist zur Hälfte Perserin, und so ist auch der Meinige ein Viertelperser, was dann beim Tierarzt als "Perser-Mix" bezeichnet wird. Das finde ich stark übertrieben, denn zu drei Vierteln ist er ja ein Europäisch Kurzaar, also ein ganz normaler Hauskater. An seinem Abholtag setzte er sich sogar kurz neben mich. Seine Mutter wollte den Kleinen immer noch Fangunterricht geben und schleppte alte Lappen an, aber nun war nur noch er da, und sie suchte immer noch nach ihren Kindern, die Arme. Ich packte ihn in den Katzenkorb und fuhr mit dem Taxi heim.

Am ersten Tag fütterte ich ihn mit dem mitgegebenen Babyfutter, aber er wollte nicht. So ließ ich ihn erst mal in Ruhe. Schon kurze Zeit später kroch etwas an meinen Beinen hoch. Das war der Kleine. Er hüpfte auf den Schreibtisch und kletterte auf der Tastatur herum. Ich ließ ihn gewähren, obwohl ich das nicht sehr mag, denn am ersten Tag wollte ich nicht schon schimpfen, damit er keine Angstkriegt.
Ich kaufte Katzenmilch und Katzenwürstchen und paßte auf, daß der gefräßige Jakob ihm nicht alles wegfraß. Der fauchte kräftig, weil er auf Besuch nicht eingestellt war. Der Kater wurde schnell zutraulich, hüpfte überall herum, schaute sich alles an, sprang um mich oder über mich und wollte immer in meiner Nähe sein. Er läßt sich grundsätzlich gut anfassen, ist wenig scheu und schnurrt wie ein Rasenmäher. Am ersten Abend ging er schon in mein Bett, und am nächsten Morgen schnurrte er um meinen Kopf herum und weckte mich mit seinem Rasenmähermotor.
Ich gab ihm Katzenmilch und eingeweichtes Trockenfutter. Er mochte das Trockenfutter lieber nicht in Milch schwimmend. Er aß jetzt schon gut und kam auch von selbst in die Küche. Ich fütterte erst Jakob ab, damit der erst mal Ruhe gab. Bald fraßen beide nebeneinander, und ich hatte nur noch eine Blauhelmfunktion, indem ich meinen Arm zwischen die Näpfe hielt, um Jakob abzuhalten. Wenn der Kleine fertig ist, dann lauert Jakob schon drauf, daß der Kleine was im Napf gelassen hat und stürzt sich drauf. DAher gebe ich ihm schon von vornhereinweniger, da er eh beim Kleinen mitfrißt.
Am Sonntag lag der Kleine sogar schon eine halbe Stunde auf meinem Schoß. Das tut er jetzt grade nicht mehr so oft, vielleicht kommt das wieder. Jedenfalls hat er sich sehr gut eingelebt.

Einmal bin ich furchtbar erschrocken. Ich mußte den Balkon mit Brettern und Steinen sichern, bzw. die Ritzen abdecken, damit der Kleine nicht rauskann. Jakob stieß die Bretter immer beiseite, da er seinen Zwangsarrest nicht einsah. An einem Nachmittag war der Kleine unauffindbar. Normalerweise höre ich ihn, da er immer irgendwo herumspringt und Krach macht. Aber es war totenstill. Auch auf das Rascheln mit dem Trockenfutter kam keine Katze. Ich rief verzweifelt bei meiner Bekannten an, die sich um meinen Jakob während meines Urlaubes gekümmert und mir damals den Stoffel gebracht hatte. Sie kam und meinte: "Du machst mich wahnsinnig. Lang mal da rauf auf den Kratzbaum!" DA lag der Kleine und schlief friedlich. Ich war erleichtert. Wir stellten noch ein größeres Brett vor die Lücke, und die Bekannte holte noch mehr Steine, um alles wie Fort Knox abzusichern. Jakob schafft dennoch den Weg nach draußen, was ja nicht schlimm ist, so lange er die Bretter nicht umwirft, daß der Kleine rauskann. Wie Jakob die Hürden überwindet, ist mir ein Rätsel, aber eine Katze, die rauswill, hält nichts.
Das Katzenklo kannte er schon von daheim, aber er wußte nicht so genau, wo er in meiner Wohnung hinmachen soll. Ich hatte ihm das Klo gezeigt, aber meine Bekannte fand Würstchen in der Küche. Einmal beobachtete ich, daß er in die Dusche gepinkelt hat. Da nahm ich ihn sofort und setzte ihn aufs Klo. Als er das nächste Mal wieder in die Dusche wollte, drehte ich das Wasser auf, und er flüchtete sofort klatschnaß. Das wird ihm eine Lehre sein. Er geht auch immer an die Pflanzen, wobei das Ultraschallgerät zur Abschreckung nicht wirkt. Ich spritze ihn immer mit der Blumenspritze naß, aber das läßt ihn wenig beeindruckt.

Heute waren wir beim Tierarzt. Die Tierärztin war ganz hingerissen von dem Kleinen und meinte, ich müsse sehr aufpassen, daß ihn mir keiner klaut, da er so schön sei. Ich hätte ihn nach zwei Monaten rausgelassen, aber sie riet mir ab, da er irgendwann den Kätzinnen nachläuft und vielleicht nicht mehr heim findet. Daher solle ich warten, bis er kastriert sei, und das ginge frühestens in sechs Monaten. Ich entschied, ihn zu tätowieren, damit nachgewiesen ist, daß er mir gehört, wenn ein Fremder ihn hat. Ich werde ihn aber nicht bei TASSO registrieren lassen, da dies überhaupt nichts nützt. Die Nachbarn sind beim Suchen hilfreicher als irgendein Verein in der Nähe von Frankfurt. Er bekam dann noch seine Impfung und eine Entwurmung. Nun heißt er ISIDOR, da ich schon immer einen roten Kater namens Isidor haben wollte. Das paßt zu ihm, befand ich und die Tierärztin. Alle anderen finden kürzere Namen besser, aber mir gefällt Isidor sehr gut.
Ich hoffe, daß Isidor sich gut einlebt, daß er mir nicht abhanden kommt, und daß er sich mit Jakob verträgt. Bisher beißt er Jakob immer in den Schwanz, und der faucht dann wütend. Wenn er etwas älter wird, gibt sich das sicher. Jakob hat ihn auch schon mal abgeleckt. Isidor hat ein längeres Fell und daher viele Knoten im Haar. Die muß ich mit einem Flohkamm herausmachen. Er hielt bislang still, wenn ich die Haarbutzeln mit der Hand herausmachte. Ich hoffe, daß es auch mit dem Kamm reibungs- und verletzungslos läuft, was ich alle zwei Tage tun soll, damit es nicht so viele Knoten gibt.

Bislang bin ich sehr zufrieden und hoffe, daß das so bleibt. Als ich das schreibe, l liegt er grade auf meinem Schoß. Er ist wirklich ein guter Charakter.

Sonntag, 29. Mai 2011

Mein Urlaub in Südtirol

Vom 15.-22. Mai war ich in Bozen, Südtirol im Haus St. Raphael, einem Blindenzentrum für ganz Südtirol. Das Haus nimmt Urlaubsgäste auf, hat aber auch Dauerbewohner und ist auch Treffpunkt für Blinde aus der Region und hat auch eine Beratungsstelle oder ist Anlaufstelle, um Mobilitätstraining zu bekommen oder Hilfsmittel zu kaufen. Auch gibt es dort ein Tonstudio für die Aufsprache von Büchern und Zeitschriften, und es gibt ein Schwimmbad für die Gäste und Bewohner, wo aber auch Schwimmkurse für externe Besucher abgehalten werden. Im Winter gibt es ein Dunkelrestaurant, welches jeden Mittwoch geöffnet hat, und im Rahmen der Hausbesichtigung erhielten wir auch eine Führung durch den Dunkelparcours. Dies alles erfuhr ich, als ich mir am Ankunftstag den Ordner mit Punktschriftangaben durchlas, der in jedem Zimmer aufliegt. Als Anfängerin der Blindenkurzschrift war ich sehr stolz, daß ich mit den Infos etwas anfangen konnte, wobei es zwei Stunden gedauert hat, bis ich alles „gelesen“ hatte. „Lesen“ kann man das bei mir noch nicht nennen, aber dennoch bietet mir die Kurzschrift schon den Nutzen, den ich mir von ihr erwarte. Mit diesen vielfältigen Angeboten konnte ich also einen schönen Urlaub verbringen.
Sonntag, 15. Mai, Anreisetag:
Um 7:40 sollte ich mich am Servicepoint des Abfahrtsbahnhofes einfinden, damit ich vom Mobilservice der Bahn zum Gleis gebracht werde. Ich finde zwar das Gleis, aber ich kann die Wagenstandsanzeigen nicht mehr lesen und würde somit den Abschnitt nicht finden, in welchem mein Wagen mit dem reservierten Platz hält. Die meisten Reisenden kapieren die Wagenstandsanzeige nicht, und ich kannsie nicht mehr lesen. Die Taxifahrerin von meinem Dialysetaxi hat mich zum Bahnhof gebracht. Dabei haben wir dann gleich festgestellt, daß der Hüftgurt meines Rucksackes kaputt ist. Dann stellte die Taxifahrerin auch noch fest, daß das Formular für meine Taxikilometer voll ist, und daß sie somit nichts eintragen kann. Daher fuhr sie mich kostenlos, wobei wir dies aber im Hinterkopf behalten sollten, um es dann in das neue Formular einzutragen. Ich rief per Handy sofort auf dem AB meiner Betreuerin an und „bestellte“ über sie beim Bezirk sozusagen ein neues Formular, da noch Freikilometer übrig sind, aber kein Platz mehr auf dem Formular war. Am Infopoint angekommen, stellte sich mal wieder heraus, daß meine Vorbestellung nicht vermerkt war. So holten sie spontan jemanden, der dann auch für den Umstieg in München jemanden organisierte. Ich bat um einen Wagen, da ich meinen Rucksack ohne Hüftgurt unmöglich tragen konnte. In München erwartete mich ein Elektroauto. Die Dame nahm meine Fahrkarte und ging damit schnell zu einem Büro, wo sie die Rückfahrt vermerkte. In Bozen klappte alles hervorragend. Kaum war ich aus dem Zug ausgestiegen, der übrigens zu FRÜH angekommen war, stand auch schon jemand von der Bahnhofsmission da, der mich zum Taxi brachte. Im Blindenzentrum war aber keiner an der Rezeption. Dann kamen zwei ältere Frauen heran, und ich dachte, „oh Gott, das ist ja ein Altersheim!“ Endlich kam eine Rezeptionistin, die Sonntagsdiensthatte und mich aufs Zimmer brachte. Da ich Hunger hatte und dachte, hier kriegst Du sicher Kaffee und Kuchen in einer Cafeteria, fragte ich nach. Aber nein, es gäbe nur Automatenkaffee. Also erkundigte ich mich nach dem Weg zu einem Café im Ort. Man sei hier im Stadtteil Gries, und es gäbe entweder das Café Gries oder das Café Mend am Grieser Platz. Durch den Friedhof mit vielen Treppen wollte ich nicht gehen, da ich befürchtete, mich zu verlaufen. Daher erfragte ich eine andre Route. So lief ich los. Es war bitterkalt, da die „Kalte Sophie“ ihrem Namen alle Ehre machte. Ich traf auf einen Passanten, der mir wiederum eine andere Richtung anwies. So stand ich dann da, sah keine paar Meter vor mir, oder alles nur verschwommen, und niemand kam vorbei, den man hätte fragen können. In Tränen aufgelöst und frierend stand ich da, bis endlich jemand vorbeikam. Der nahm mich mit und meinte, er könne leider nicht zum Café mitgehen, da er einen Kinderwagen dabei hatte. HIER sei ein guter Freund von ihm, der würde mir helfen. Der „Freund“ nahm mich in ein Haus mit, das Grieser Hof hieß. Wir gingen durchs Haus zu einem Aufzug und dort zur anderen Seite wieder hinaus. All mein Protest, daß ich doch ins Café wolle, nützte nichts. „Wir gehen jetzt wieder ins St. Raffael.“ Meine Bitte, mich doch zum Grieser Café zu begleiten, wurde nicht erhört. „Wissen Sie, wie es zum St. Raffael geht?“ -- „NEIN, aber ich will doch zum Café Gries oder Mend.“ -- „Ich kann Sie NUR ins Raffael bringen.“ Da blieb mir nichts anderes übrig, als mich von ihm wieder ins Blindenzentrum zurückschaffen zu lassen. Später stellte sich heraus, daß der Grieser Hof eine Station für psychisch
Kranke war, und daß der Angestellte nicht einfach weg konnte, sondern mich nur zum Blindenzentrum zurückbringen konnte. DA kann ich ja noch froh sein, daß er mich nicht gleich dabehielt, da ich so verzweifelt und in Panik war, weil ich so lange dort gestanden hatte, ohne, daß mir jemand weiter geholfen hatte, daß ich schon total wütend war und geschimpft habe. Im St. Raffael hatte dann die Bar zufällig geöffnet. Dort gab es nur Süßigkeiten und schlechten Kaffee. Dann las ich die bereits erwähnten Angaben zum Haus in Blindenkurzschrift durch. Es gibt dort auch, wie in vielen Blindenhotels, eine Telefonnummer, bei der ein AB den Speiseplan und den Veranstaltungsplan ansagt. So wußte ich bereits, daß es Bratkartoffeln mit Ei geben würde. Das hat auch sehr gut geschmeckt, und auch der Salat aus dem eigenen Garten war sehr gut. Als ich vor dem Essen an der Rezeption stand, sagte jemand meinen Namen. Es stellte sich raus, daß ein ehemaliger Schulkamerad von mir mit seiner Frau da war. Er war damals in meiner Gruppe im Sehbehinderteninternat und ist acht Jahre älter. Ich war damals ein kleiner Stöpsel, und er war schon ein Teenager. Dieser Schulkamerad erklärte mir, was es alles im Haus gibt, wen ich ansprechen muß usw. Nach dem Essen gingen wir durch den riesengroßen Garten bis zu einem Häuschen, wo man grillen kann. Es gibt in diesem Garten alle Früchte, die man sich nur denken kann, Gemüse und auch viele, viele Vögel, viele Pflanzen, viele Bäume, und eine Liegewiese. Es ist zwar alles mit Handläufen ausgestattet, nur nützen die mir nicht viel, da ich ja dennoch nicht weiß, in welche Richtung ich gehen muß. Die Handläufe hören manchmal auf, oder man geht an ihnen weiter entlang und hat nur eine ganz kleine Runde gemacht. Wenn man größere Runden laufen will, muß man den Handlauf wechseln und folgt einem anderen, nur, wohin, das erschloss sich mir nicht. Daher ist es mir gleich, ob ich mit dem Stock an einer Kante langlaufe und mich daran orientiere, oder ob ich mit der Hand über einen Holzhandlauf fahre und mir obendrein noch einen Spreisel in die Hand hole. Beides gibt mir keinerlei Aufschluß, wo ich bin. Es sei denn, man bringt noch Schilder an und taktile Pfeile mit der Aufschrift: „Zurück zum Haus“. Leider würde der Schulkamerad schon am nächsten Tag abfahren, und so konnten wir kein Treffen mehr ausmachen, um mir weitere Sachen zu zeigen. Ich ging ebenfalls früh zu Bett, da am nächsten Tag um sechs Uhr der Wecker klingeln würde. Ich hatte schon mit der Küche ausgemacht, daß ich zwischen sechs und Viertel nach sechs kommen würde, um ein kleines Frühstück einzunehmen. Denn an der Dialyse gibt es das Frühstück immer sehr spät, und da wird mir schlecht, wenn ich so lange nüchtern bleiben muß.
Montag, 16. Mai – Erster Dialysetag in Lana
Ich bekam also um 6:10 ein kleines Frühstück, als ich mich wie besprochen im Speisesaal einfand, den ich sogar schon selbst aufsuchen konnte. Das Haus ist blindengerecht eingerichtet, der Aufzug ist markiert, und es gibt überall Handläufe. Der Weg vom Aufzug zu meinem Zimmer wurde mir gut erklärt, und ich kapierte auch den Weg zum Speisesaal.
Das Taxi holte mich pünktlich ab. Ich war am Überlegen, ob ich ihm gleich die ganzen 320 Euro für alle acht Fahrten auf einmal geben sollte oder nicht. Ich dachte, wenn der mir nicht gefällt, dann müßte ich ja wechseln, und dann hätte er das ganze Geld. Aber ich hatte von Anfang an sofort ein gutes Gefühl, was sich auch bestätigte, und so gab ich ihm gleich das gesamte Geld, aber die Quittungen, die für jeden Dialysetag einzeln ausgestellt wurden, wollte ich dann am Ende haben, um sie nicht während des Urlaubes zu verlieren. Schon auf der Hinfahrt nach Lana rief man von der Feriendialyse aus an, ob ich auch kommen würde. Dort angekommen, holte mich ein älterer Herr in weißer Arbeitskleidung direkt vom Taxi ab, führte mich in die Umkleide, zur Waage, zum Bett und hängte mich an. Dabei schwatzte er sehr nett und vertraulich, erzählte mir, daß mein Dialysearzt auch schon hier gewesen sei, und daß der berühmte Radfahrer aus unserem Zentrum ebenfalls dabei gewesen sei. Ich erzählte, daß der Doktor, der immer mit dem berühmten Radfahrer unterwegs ist, sich ein neues Rad für 3000 Euro kaufen mußte, weil seines kaputt ging, aber ein Chefarzt hat ja genug Kohle. So plauderten wir dahin. Auf einmal wurde mir schlecht. Der Mann maß den Blutdruck, und der war sehr hoch. Auf einmal war alles wieder gut, so wie es gekommen war, ging es auch wieder. WAS das war, ob die Aufregung oder etwas anderes, weiß ich nicht. Ich habe ja mit Bauchkrämpfen in anderen Zentren schon einschlägige Erfahrungen gemacht. Um VIERTEL vor NEUN kam dann endlich das Frühstück. Vorher hatte ein Pfleger mich gefragt, was ich haben wollte, und es gab das Angebot wie in Deutschland. Als ich den Mann fragte, der mich angehängt hatte, wie er heißt, stellte sich raus, daß es der Doktor selbst war. Das würden unsere Ärzte nie machen, Patienten anhängen, vom Auto abholen, rumführen und so vertraulich mit ihnen schwatzen. Dann fragte ich ihn, ob er einen bestimmten Professor kennt, den ich auch kenne. Er meinte: „Der forscht soviel, der andere kriegt nur och die Krümel von dem ab, was er erforscht, und seine Frau schickt ihn immer auf Kongresse, damit sie Ruhe von ihm hat, weil er ihr soviel indie Praxis reinredet.“ Ich fand das total lustig, wie er aus dem Nähkästchen plauderte. Überhaupt konnte man mit dem ganz normal reden, und er erzählte und erklärte mir so manches.
Nach dem Abhängen, so hatte ich mit dem Taxifahrer vereinbart, wollte ich mich in das Bistro in der Nähe der Dialyse setzen lassen und von da aus dann bei ihm auf dem Handy anrufen, damit erm ich nach dem Kaffee nach Bozen zurückfährt. Dort gäbe es alles, na natürlich, auch Kuchen. Als ich dort ankam, sagte die Bedienung: „Kuchen haben wir nicht.“ Als ich sie bat, mich da hinzubringen oder auf den Weg zu bringen, wo es Kuchen gibt, bot sie mir an, mich wieder zur Dialyse zurückzubringen. Es sei zu schwierig, alleine in ein anderes Café zu gehen, da wären zu viele Baustellen. Offenbar konnte man sich hier nirgends so richtig durchfragen, wie ich es sonst gewohnt bin, weil einen alle wieder an den Ausgangsort zurückbrachten. So wurde ich wieder zur Dialyse zurückgeführt und rief von da aus den Taxifahrer an. Ich bat ihn, mich gleich nach Bozen zum Grieser Platz zu fahren, damit ich dort dann in ein Café gehen könnte und später mit einem Bozener Taxi zum St. Raffael zurückfahren würde. Als wir am Grieser Platz ankamen, fand der Taxifahrer nur ein ganz anderes Café, das Café Gruber. Dort sagten sie mir: „ Kuchen haben wir nicht.“ Ich dachte, ein anderes finden wir jetzt nicht, dann bleibe ich hier. Es gab nur Hörnchen, und die waren sehr trocken. Aber der Cappuccino war sehr gut. Die Bedienung wartete mit mir vor der Türe, bis das Taxi kam, was ich sehr nett fand. Die Fahrt war ziemlich teuer. Überhaupt fand ich Taxifahren in Südtirol viel teurer als bei uns.
In Bozen hörte ich dann den AB mit den Veranstaltungen ab. Es gab dort Vorlesestunden für die Leute, die selbst keine Zeitung mehr lesen können. Das fand ich total süß und wollte mal an so einer Stunde teilnehmen. Dies sollte diesmal von Helmut gemacht werden, der auch die Ausflüge mit den Gästen organisiert . Bei dieser Gelegenheit konnte ich ihn auch gleich fragen, was am Dienstag geboten würde, wo es im Veranstaltungskalender nur „Ausflug mit Gästen“ hieß. Er meinte, es gäbe nur noch eine Frau außer mir, und wir könnten aussuchen, wo wir hinwollten. Ich wollte nachBrixen, und er schlug dann noch das Kloster Neustift in der Nähe von Brixen vor. So war unser Ausflug geplant. Wir mußten nur 35 CT pro Kilometer zahlen und nicht auch noch den „Reiseleiter“, der ja im Haus angestellt ist. Das würde also zu zweit nicht allzu teuer werden. Beim Abendessen lernte ich dann auch die nette ältere Dame kennen, die mit mir am nächsten Morgen an dem Ausflug teilnehmen würde. Sie war aus München, und so stellte sich dann auch noch heraus, daß sie meinen Bruder kennt, der auch blind ist und im Rahmen einer Begegnung vor über 30 Jahren mal etwas auf der Orgel vorgespielt hatte, das sie noch in Erinnerung hatte. So war das Eis schnell gebrochen, und wir unterhielten uns sehr gut, was mir sehr guttat, da am Abend zuvor nur Leute am Tisch saßen, die mich nicht ansprachen, und ich wollte mich auch nicht in ihr Gespräch einmischen. Ich rief dann auch noch bei einem der Geschwister an, die das Haus vor Jahren gegründet hatten, um einen Hausrundgang zu bekommen. Dieser sollte dann am Morgen vor der Abfahrt nach Brixen stattfinden, und die Dame wollte auch daran teilnehmen.
Am Abend versuchte ich dann, alleine im Garten herumzuspazieren, verlief mich aber glatt. Ich rief einfach mal ins Blaue, da man überall Leute hörte. So kam eine Schwester der Gründer herunter, die sehend war und nur auf Besuch dort weilte. Insgesamt sind es 10 Geschwister, von denen vier blind sind. Sie zeigte mir den Garten, und ich bekam sogar eine Handvoll Himbeeren, die meine Lieblingsfrüchte sind. Eine Mandel in ihrer zarten haarigen Schale durfte ich mir auch als Andenken mitnehmen, aber die ist mittlerweile verschrumpelt. Auch gab sie mir jede Menge Kirschen, sogar süße waren dabei. Es gab abends zum Nachtisch immer Erdbeeren oder Kirschen aus dem eigenen Garten. Ich fand das zwar schön, aber mittags gab es auch mal Eis oder anderen Nachtisch, und den hätte ich auch gerne gehabt. Ich war sehr beeindruckt von dem großen Gelände, welches das Haus umgab, aber hier würde ich mich niemals alleine zurechtfinden.

Dienstag, 17. Mai - Ausflugstag
Am nächsten Tag traf ich mich erst mal mit Nikolaus, dem älteren Bruder der großen Familie und Mitbegründer des Hauses. Er führte mich zunächst zu dem Tastmodell des Hauses und probierte vergeblich, mir etwas Orientierung zu geben. Er betrat dann das Haus mit mir und erklärte mir alles an Hand einer großen Uhr, wobei 12 Uhr Norden, sechs Uhr Süden usw. war. Gertraud, die ältere Dame kam dann auch noch dazu. So begriff ich, wo das Schwimmbad war, welches der Süden und welches die Ostseite war. Wir guckten kurz ins Schwimmbad und sahen uns kurz das Tonstudio an, wo alles mit Hauben abgedeckt war. Aber der Dunkelgang war wirklich ein Erlebnis, da er mich an meine Zeit im Bunker erinnerte, wo auch ich Dunkelgangführungen für Sehende gab. Nach der Hausführung warteten wir dann auf Helmut, der uns in einem kleinen Bus zunächstzum Kloster Neustift brachte. Dort sahen wir uns einige Statuen und Wandbeschriftungen an, gingen in die Kirche in bayerischem Barock, wobei ich lernte, das dieser üppiger als der italienische und mit viel Rosa und Gold gestaltet war. Wir machten auch ein Photo mit meinem bis dato noch funktionierenden analogen Photoapparat vor dem Kloster. Dort gab es auch ein Internat für Jungen und auch Weinberge, in denen die Jungen strafweise rauf – und runterrennen mußten, wenn sie etwas ausgefressen hatten. Aber das war wohl zu einer anderen Zeit.
In Brixen aßen wir dann zu Mittag. Da ich bislang so schmählich um meinen Kuchen gebracht worden war, wollte ich zumindest eine Süßspeise zu Mittag haben, vorzugsweise Kaiserschmarrn. So gingen wir in den Grünen Baum, ein sehr großes Restaurant in Brixen. Der Kaiserschmarrn war sehr gut. Danach ging es zum Bistumsgarten, wo wir die Blumen und die Obstbäume bewunderten. Es ging zunächst nicht, daß wir ein paar Miniorangen abpflückten, da ein Obdachloser die ganze Zeit dort herumlungerte und uns laufend anquatschte, daß dies verboten sei, wobei er selbst auf die Früchte aus war. So ging es erst mal in den Dom, wo wir an den Kirchenbänken die eingeritzten Symbole bewunderten. Abwechselnd gab es ein Schaf und einen Adler zu betasten. Das Schaf war das Wappen von Brixen. Später konnten wir dann doch noch einige der Miniorangen naschen, die man nicht schälen kann. Die Schale ist ganz und gar glatt, und die Früchte haben nur die Größe einer Beere. Danach war ich hundemüde, und wir setzten uns auf eine Bank und gingen dann auch zum Auto zurück und fuhren heim. Insgesamt war es sehr nett und interessant.
Am Abend wollte ich dann unbedingt noch hören, wie Gertraud auf dem Klavier spielt. Sie wollte mir auch mal ihre Punktschrifttafel ausleihen, damit ich mal ausprobieren könnte, ob es damit besser geht. Ich hatte mir eine Minitafel für die Handtasche zugelegt, aber meine Künste darauf sind, wie mir mein Freund und Punktschriftkorrektor bestätigte, „gruselig“. So dachte ich, wenn ich die Tafel von Gertraud mit den Einkerbungen am Rand benutze, würde es besser werden. Während Gertraud also spielte, drückte ich fleißig den Griffel in das Papier, wobei man dies in Spiegelschrift tun muß, damit die Punkte auf der anderen Seite richtig herum herauskommen. Das Ergebnis war verheerend. Es war fast kein Buchstabe richtig. So dachte ich, vom Geist her schaffe ich das mit der Spiegelschrift gut, aber durch meine schlechte Feinmotorik traf ich die Löcher nicht. Ich diktierte also Gertraud genau, wie ich es haben wollte, und da kam es richtig heraus. So denke ich, daß hier meine Grenzen sind, und daß ich die Minitafel nur für andere Blinde mitführen werde, damit diese mir was aufnotieren können. Oder ich dirigiere einen Sehenden, wo die Punkte hinmüssen. Gertraud gab mir auch ihre Adresse, damit ich ihr mal in Punktschrift schreiben kann. Später spielte sie mir noch ein Abschiesständchen auf ihrer Mundharmonika.

Mittwoch, 18. Mai – Obstmuseum
Nach der Dialyse, die diesmal völlig reibungslos verlief, wobei allerdings das Frühstück noch später kam, hatte ich mit dem Taxifahrer abgemacht, daß er mich ins Obstmuseum in Lana fahren sollte. Zunächst aß ich einen Bauerntoast im dialysenahen Bistro, wobei mir die nette Bedienung den Toast in handliche Streifen schnitt. Dann holte mich die Frau des Taxifahrers ab, die auch eines der Taxen hatte. Sie kam allerdings ohne Aufforderung, da der Dialysepfleger völlig vergessen hatte, sie anzurufen. Sie hatte einen Riecher dafür, wann Patienten fertig waren, das bewies sie auch noch einige Tage später. Wir fuhren für ganze NEUN Euro ins Apfelmuseum. Die Taxifahrten in Italien sind wesentlich teurer als bei uns. Dort angelangt sagte die Frau an der Kasse, daß es keine Führungen gäbe, aber ich könne mir einen Film ansehen. Der sei kostenlos. Da ich nun schon mal da war für das teure Taxigeld, beschloß ich zu bleiben. Ich sah mir einen interessanten Film über Äpfel an. Es gibt 14 Sorten in Südtirol. Wenn es unter 0 Grad hat, gibt es Frostalarm, und die Bauern müssen die Beregnung einschalten. Die Äpfel gehen an Genossenschaften, die weniger guten werden als zweite Wahl verkauft. Als der Film zu Ende war, kam die Frau und meinte, daß sie mir noch einen Film zeigen könne, der nur über die Frostberegnung aufklärt. Das wollte ich auch ansehen. Der Grund, weshalb das Wasser die Blüten vor dem Frost schützt, liegt nicht etwa darin, daß das Eis einen Schutz um die Blüte bildet, sondern beim Gefrieren wird wiederum Energie frei, die als Wärme die Blüte schützt. Der Frostalarm weckt das ganze Dorf auf, so daß sogar Wirte die Gunst der Stunde nutzen, um den Bauern noch Getränke anzubieten. Es soll sogar einmal eine Striptease-Tänzerin zur Unterhaltung der Frostberegner bestellt worden sein. Als auch dieser Film zu Ende war, kam die Frau und meinte, daß sie mich nun doch herumführen würde. Da ich zu Hause als richtige „Apfelmühle“ berühmt bin und Obst über alles liebe, habe ich einen ganz besonderen Bezug zu Früchten und wollte das Museum gerne anschauen. Sie zeigte mir also die Siebe, in denen die Pesticide früher angerührt und durchgedrückt wurden. Ich konnte eine Traubenpresse bewundern und durfte die großen Kreben, die Fruchtkörbe anfassen. Einen davon hätte ich gerne als besonderes Möbel mit nach Hause genommen, das hat was, wenn man den mit Polstern auslegt, gar keine so schlechte Idee. Dann durfte ich noch die Sortiermaschine anfassen, wo die Frauen früher die Äpfel aussortiert haben. Die Äpfel werden darin herumgedreht, so daß alle Äpfel mal nach oben kommen und begutachtet werden können. Nach der Besichtigung bekam ich noch einen Apfel. Ich suchte mir einen Fuji aus, der auch im Film erwähnt wurde. Der war so saftig, daß ich total klebrige Hände bekam. Den mußte ich mir unbedingt später auf dem Markt kaufen. Ich rief das Taxi an, welches mich wieder nach Hause brachte.
Im Zentrum gab es dann Tomaten mit Mozzarella, was ich nicht so mag. Daher hatte ich schon vorher besprochen, daß ich wieder Nudeln bekam. Da ich das letzte Mal schon Nudeln mit Bolognese-Sauce hatte, wollte ich diesmal eine andere. So sollte es „weiße“ Sauce sein. Es stellte sich heraus, daß sie einfach trockene Spaghetti mit Parmesankäse angerichtet hatten. Na super! Als Tischnachbarin hatte ich nun eine Schweizerin, die obendrein auch noch meine Namenskollegin war, allerdings war sie eine Von, also eine Adelige. Die war total still, anscheinend ziemlich kaputt, wobei ich das selbst wieder mal nicht mitbekam, sondern die Küchenfrau, die sie wegen ihrer häufigen Besuche gut kannte, sprach sie drauf an. Ich versuchte, etwas mit ihr in Kontakt zu kommen, aber sie war sehr wortkarg. So wartete ich höflicherweise, bis sie aufgegessen hatte, damit sie nichtalleine sitzen mußte, und ging dann auf mein Zimmer.

Donnerstag, 19. Mai – Auf der Suche nach einem Rucksack mit Rädern und Besuch bei der Sternwarte
Beim Frühstück erlebte ich, wie sich meine adelige Namenskollegin mit Nikolaus gefetzt hat. Offenbar hatte sie sich in was eingemischt, was sie nichts anging, und als ich sie nachher etwas ausfragte, hatte ich den Eindruck, sie wußte selbst nicht, worum es eigentlich ging. Etwas seltsam kam sie mir dann schon vor, als sie hektisch, weil irgendjemand was von ihr wollte, mittem vom Frühstück brummelnd hochsprang. Helmut, mit dem ich wie abgemacht nach dem Frühstück nach Bozen fuhr, meinte, sie käme öfter im Jahr mit einer Behindertengruppe, und sie habe sich zuvor mit einer anderen Gruppe überworfen und habe sodann ihre eigene aufgemacht. Sie selbst sah, war Betreuerin gewesen und dort wohl auch entlassen worden.
Wir fuhren in die Stadt, damit Helmut mir Bozen zeigte, und dabei wollten wir nach einem neuen Rucksack gucken. Eigentlich dachte ich, aus dem Rucksackalter nun raus zu sein, und man will das Ding auch nicht bei jedem Schrittvom Hotel zum Taxi auf den Rücken wuchten. Helmut meinte aber, als Blinder hätte man dann beide Hände frei, und es gäbe ja Rucksäcke mit Rädern, die man dann mal kurz ziehen könne. Da hatte er mir einen Floh ins Ohr gesetzt. Nun wollte ich unbedingt so ein Ding haben, da mein Rucksack ja nach 18 Jahren nun wirklich am Ende war, und alles abfiel, was nur abfallen kann. So zeigte er mir die Stadt, und wenn wir an einem Koffergeschäft vorbeikamen, gingen wir hinein. Wir passierten den Walther-Platz, da Walther von der Vogelweyde entweder in Deutschland oder in Südtirol geboren sein sollte. Darüber streiten sich die Gelehrten. Erst mal hoben wir Geld beim Automaten ab. Ich dachte, da es auch eine Sparkasse ist, kostet es nichts, aber auf den Kontoauszügen sah ich später, daß 5 Euro Gebühren angefallen waren. Dann kamen wir noch an einen Brunnen mit lauter Fröschen. Dort machten wir ein Foto. Als wir später am Walterplatz auch eines machen wollten, versagte mein Photoapparat. Den hatte ich zuvor noch gelobt, da er nur 30 Euro gekostet hatte und so treu und brav funktioniert hatte. So mußten wir nun ab sofort mit dem Handy weiter machen, was übrigens gute Bilder ergab. Helmut ging einfach in ein Haus hinein und zeigte mir eine Loggia, das ist ein Balkon, der ins Hausinnere hineinragt, also in das überdachte Patio oder Atrium. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Danach gingen wir in einen Laden, wo es Tuner Porzellan gab. Da kaufte ich mir für 12 Euro eine Espressotasse in Terracottafarben. Dann guckten wir noch weiter nach Rucksäcken. Dafür gingen wir auch durch die schönen großen und kleinen Laubengänge, die mir noch von früheren Besuchen in Erinnerung waren. Leider gab es nur einen einzigen Rucksack in der Größe, in der ich ihn haben wollte, und der kostete bei Jack Wolfeskin ganze 250 Euro. Da dachte ich, das kann ich daheim auch noch haben, wenn alle Stricke reißen, und es keinen billigeren gibt. Wir kauften auf dem Markt noch meine Fuji-Äpfel und in einem Süßigkeitenladen noch Nüsse mit Schokolade, wobei ich auch ein Päckchen für meine Katzenbetreuerin als Mitbringsel mitnahm. Der ganze Ausflug kostete nur 7 Euro, da die Fahrpreise des Hauses wirklich sehr moderat sind. So etwas finde ich total gut, Einzelbetreuung und dann noch so günstig. Ich kann ja wirklich alleine in fremder Umgebung nirgendwo mehr hin, stellte ich fest.
Diesmal aß ich zu Mittag, da ich abends nicht da sein würde. Ich fragte außerdem, ob ich das, was es zu Mittag gab, auch am Abend haben könnte, wenn ich wegen der Dialyse mittags nicht da war, da ich ja Halbpension hatte. Das ging. Ich hatte nämlich am Telefon den Speiseplan abgehört, und der war mittags viel besser als abends, auch die Nachspeisen waren abends nicht so gut wie mittags. Ich mag zwar Obst, besonders aus dem eigenen Garten, aber jeden Tag nicht, und außerdem gab es mittags auch Eis, Pudding und Früchtecrème. Das Essen selbst bekam ich auch abends, der Nachtisch war aber leider nicht dabei. Als ich also diesmal mittags mitessen konnte, nahm ich gleich zweimal vom Nachtisch, der traumahft gut war. Später sollte es zur Sternwarte gehen. Zunächst war ich nicht sonderlich interessiert, aber ich dachte, wenn es angeboten wird, nehme ich es mit. Ich saß vorne, da mir bei den Serpentinen sonst schlecht werden würde. Es wurde ein Sternenkundler bestellt, der dies hobbymäßig mit großer Leidenschaft betreibt, und uns einen langen und interessanten Vortrag hielt. Die genauen Zahlen sind mir allesamt wieder entfallen. Angeblich ist der Mond vier Lichtsekunden und die Sonne acht Lichtminuten entfernt. Eine Galaxie ist dasselbe wie eine Milchstraße, da Galac das griechische Wort für Milch ist. Die Milchstraße heißt so, da ihre Sonnensysteme alle in einer Reihe sind, und dies wie eine glänzende Straße aussieht. Die Sonne ist ein Stern, der durch Kernfusion Energie freisetzt. Um jeden Stern, wobei der unserige eben Sonne heißt, gibt es mehrere Planeten. Jeder Planet hat mehrere Monde. Einige Planeten haben eine große Gashülle. Beim Essen durften wir dann ein Modell vom großen Bären anfassen. Der große Wagen ist der hintere Teil vom Bären oder umgekehrt. Leider habe ich alles vergessen, obwohl ich es bei dem Ausflug noch gut behalten hatte.
Da ich durch das normal gesaltzene Essen extrem viel Durst bekam und durch Gewichtszunahme schon ein höheres Dialyse-Trockengewicht hatte, brachte ich viel Wasser zur Dialyse mit, doppelt soviel wie daheim. Daher wollte ich nicht zu Abend essen, um nicht noch mehr Durst zu kriegen. Ich entschied mich daher für ein Stück Sachertorte, wobei dies das letzte Stück war, das sie hatten, endlich bekam ich also ein Stück kuchen! Nach dem Essen gingen wir nochmals in die große Kuppel, die wir schon bei Tageslicht bewundert hatten, und wo das große elektronische Teleskop stand. Dieses wurde von zwei Computern gesteuert und war nun eingeschaltet. Es mußte gekühlt werden, damit die Körperwärme der Anwesenden das Ergebnis nicht verfälschte. Ein Mann stellte am Computer die Position ein, in die das Teleskop schauen sollte, und das Dach der Kuppel öffnete sich dann nur diesen Spalt, damit das Teleskokp da hinausragen konnte. Wenn das Teleskop sich drehte, machte es einen Höllenlärm. Um in das Teleskop zu schauen, mußte man auf eine Trittleiter steigen. Die Vollblinden blieben gleich in der Wirtschaft und spielten Karten. Ich probierte, ob ich etwas sehen würde. Leider klappte das nicht. Alle anderen machten staunende Ausrufe, wie schön, hell, groß und klar der Jupiter doch zu sehen sei. Ich kann nicht durch Monokulare gucken, da ich wegen des eingeengten Gesichtsfeldes immer an die Wand der Teleskopröhre gucke und den ausgang nichtmehr finde. Ich stand zweimal lange und geduldig auf der Trittleiter, probierte, drehte den Kopf, aber nichts passierte, es blieb stockdunkel. Auch sehe ich selbst immer Sternchen und habe Augenflimmern, so daß ich einen „echten“ Stern dann gar nicht mehr sehen würde. Am PC konnte ich dann zumindest die Simulation bewundern, die der Computer aufbaute, wenn das Teleskop gedreht wurde. Doch war es eine interessante Expedition, bei der ich viel gelernt aber leider auch schon wieder viel vergessen habe. Leider ist mir auch mein Stock kaputt gegangen. Als ich ihn wieder aufklappte, war einer der Schnappgummis gerissen. Das war nun das dritte „Trumm“ , welches auf dieser Reise kaputt gegangen ist. Materialermüdung ist ja ein logischer Grund, aber warum alles Material auf einmal müde werden muß, ist mir ein Rätsel. Ein netter Gast lieh mir seinen Taststock, den ich zumindest als Behelf gut nutzen konnte. Ich ließ meinen Stock an der Rezeptioln, damit ihn sich die Mobilitätstrainerin am nächsten Tag ansehen konnte.

Freitag, 20. Mai – Auf dem Pferderücken
Ich lernte an der Dialyse diesmal einen Rechtsanwalt kennen, der eine größere Pleite gegangene Firma vertreten hatte. Der Dialysearzt hatte schon über ihn gewitzelt, da er immer auf extrem hohe Dialyseflüsse besteht, und die Einhaltung seiner Anweisungen auch genauestens nachkontrolliert. Kommentar des Arztes: „Daß Golfspieler sich für was Besonderes halten ist noch deren geringste Macke.“ Es stellte sich heraus, daß der Anwalt ebenfalls aus meinem Heimatzentrum stammte, und so stellte der Arzt ihn mir vor, damit ich mir Anregungen holen könnte, meinen Arzt zu Hause auch zu höheren Flüssen zu überreden. Nach der Dialyse wollte ich noch etwas in Lana bleiben, um einen Stadtbummel zu machen. Die Taxifahrerin klärte mich jedoch auf, daß die Geschäfte erst um 15:30 aufmachten. So ließ ich mich zu einem Eiscafé fahren, um einen großen Eisbecher zu verzehren und wollte mich dann wieder abholen lassen. In Bozen im Blindenzentrum angekommen, sprach mich Helmut an: „Hast Du Lust, mit auf den Ritt-Hof zu kommen, die Elsa hat da zwei Pferde untergestellt, und Lamas gibt es auch.“ Die Lamas interessierten mich sogar noch mehr als die Pferde. Die Fahrt dorthin gestaltete sich extrem kurvenreich. Der Gasthof, in dem wir dann Kaffee trinken wollten, hatte den schönen Namen Himmelreich. Elsa begrüßte uns, und ich hatte dann auf einmal doch Lust, einmal auf dem Pferd zu sitzen, da es nicht so hoch wie ein normales Pferd war. Elsa hatte eine Mutterstute mit Tochter. Die Tochter war total verscmust und kam mit ihrem Kopf heran an mein Gesicht, das fand ich total süß. Die Mutter war schon auf einem Auge blind und hatte Arthrose. Aber eine 50-Kilo-Frau wie mich könne sie noch tragen, sie sei schon etwas ruhiger als die noch junge siebenjährige Tochter. So holte Elsa einen Sattel, ich drückte Helmut mein Handy in die Hand zum Photographieren und schwang mich aufs Pferd. Das klappte sehr gut. Allerdings hatte ich oben immer das Gefühl, als ob ich vornüber kippen würde, da die Frau auf einmal so klein erschien. Sie führte das Pferd an einer Longe, was mir schon zu schnell war. Ich machte eine Runde mit, aber dann war esmir nicht mehr geheuer, und ich wollte runter. Helmut und Erika ritten jeweils zwei Runden. Danach zeigte mir Elsa noch die Zwergziegen. Ich habe einschlägig wenig gute Erfahrungen mit diesen Tieren, die sich nicht anfassen lassen wollen. Das war diesmal auch so. Als ich die Minihörner abtasten wollte, gingen sie davon und waren nicht mehr zu bewegen, sich nochmals von mir berühren zu lassen. Ich ging dann wieder ins Gasthaus und bekam ein Stück Kuchen spendiert, der war aber nicht sehr gut. Wir saßen dann da und warteten auf die anderen. Später erzählte mir Helmut, er habe sogar ein Bison gesehen. Das hätte ich auch noch gerne mitgemacht, da ich ein BISON noch nie gesehen hatte. Einen Hund gab es auch, der kam gleich auf mich zu, ich streichelte ihn feste. Später hörte ich dann von Elsa, daß er manchmal ausflippt und beißt. Bei mir war er aber friedlich. Ich mag Hunde sehr gerne, überhaupt alle Tiere. So war dies ein schöner Ausflug, vorallem ein unerwarteter und ungeplanter. Ich dachte, ich nehm alles mit, was mir geboten wird. Manchmal kriegt man mehr, wenn man sich nicht groß anstrengt. Was wäre passiert, wenn ich in Lana geblieben wäre und durch die Fußgängerzone gegangen wäre, wahrscheinlich wäre das Streß pur gewesen.
An der Rezeption am Nachmittag erklärte mir die Mobitrainerin, daß sie das Material nicht hätte, um meinen Stock zu reparieren. Ich konnte entweder einen Swarovsky-Stock kaufen oder würde einen altmodischen geschenkt kriegen. Da der Swarowsky-Stock zuleicht war, bzw. keine festere Spitze anzubringen war, entschied ich mich dafür, einen alten Stock mit Krücke als Geschenk anzunehmen, was ich sehr nett fand. Dann erkundigte ich mich noch, ob der in den Veranstaltungen angegebene Kaffeeklatsch mit Kuchen sei. Da war Cora dabei, eine Dauerbewohnerin des Hauses. Sie bot mir an, mit mir am Samstag ins Café zu gehen. Sie sei zwar ganz blind, und ich müsse selbständig mitdem Stock gehen können, aber den Weg kenne sie. Ich kann mit dem Stock gehen, aber ich habe wenig bis gar keine Orientierung. So paßte das ganz gut, und wir verabredeten uns für den Samstag.

Samstag, 21. Mai – Dialyse aus dem Nähkästchen geplaudert
Am Samstag war ich die einzige Dialysepatientin. Der Arzt meinte, ihm mache das nichts aus. Er habe mal einen Patienten gehabt, der sei mit seiner tollen „Parktronic“ eingeparkt und habe seine Einweisungshilfe verschmäht. Der habe sich nicht überreden lassen, an einem anderen Tag zu dialysieren, weil er das so „gebucht“ habe, und für so einen arroganten Typen würde er das nicht so gerne machen, aber bei mir müsse es ja sein. So unterhielten wir uns geanze zwei Stunden während der Dialyse. Er plauderte aus dem Nähkästchen, erzählte mir über eine Korruption wegen eines Medikamentes, wie die Anfänge der Dialyse waren, daß manche Verfahren gar nichts taugten oder nur aus bestimmten Gründen gepriesen wurden, oder daß bestimmte Verfahren nur in der Intensivmedizin geeignet seien. Einiges kapierte ich, bei anderem merkte ich, daß mir doch noch viele Grundlagen fehlten, und ich doch sehr langsam begreife oder viele Details brauche. Aber es war dennoch interessant. Dann kam der Pfleger und meinte: „Herr Doktor, Ihr Frühstück, immer sprechen, sprechen….“ Der Arzt stellte mir sogar ein Attest aus, damit die Krankenkasse einsieht, daß ich in Lana dialysieren mußte. Denn in Bozen war es tatsächlich voll, und Lana war somit das nächstgelegene Zentrum. Auch begründete er, daß ich im Blindenzentrum -- er schrieb „Blindenheim“-- wohnen müsse, was ja auch stimmte und verwies auf meine Merkzeichen im Ausweis wie H (Hilflos) und BL (Blind). Wir hoffen nun, daß das Attest und die Quittungen ihre Wirkung tun, und ich das gesamte Geld und nicht nur die Hälfte wieder bekomme. Ich habe alles an meine Betreuerin geschickt, aber es ist noch nicht angekommen. Hoffentlich ist es nicht verloren gegangen. Ich verabschiedete mich von dem Arzt und dem Pfleger, und mir hatte es dort wirklich gut gefallen.
Im Blindenzentrum angekommen rief ich dann Cora an. Die kam an meine Türe, und wir gingen los. Beim Abendessen am Freitag hatte mir meine Namenskollegin mit Von schon gesagt, daß sie ihren Geburtstag am Samstag feiern würde, und daß alle herzlich eingeladen seien. Ob es was zu Essen geben würde, war nicht aus ihr herauszukitzeln, weder von mir noch von Cora, so entschieden wir, vor der Feier noch ins Café zu gehen. Dort probierte ich den ortsüblichen Buchweizenkuchen und ein Gipfeli, was ein Croissant sein sollte. Der „Anmarsch“ zum Café gestaltete sich als recht beschwerlich. Zum einen war es heiß, und ich hatte nach der Dialyse etwas Kreislaufprobleme. Und außerdem mußten wir zwei Blinden recht langsam laufen, da Cora mein Tempo noch nicht kannte und ich den Weg nicht. Als wir uns dann beim Café mit Kuchen und Gipfli gestärkt hatten, traten wir den Heimweg an. Wir gingen gleich auf die Terrasse, wo die Feier schon in vollem Gange war. Und was gab es: Kalte Getränke und jede Menge Kuchen! Cora meinte: „Hätten wir dort unten nichts gegessen, hätte es hier sicher auch nichts gegeben.“ Dann gab es noch eine Einlage der ganz besonderen Art. Meine Namenskollegin, die wunderbar singen konnte, gab ein paar schweizerische Volkslieder zum Besten. Es klang wunderschön. Ich habe ein paar Aufnahmen davon für mich als Erinnerung gemacht. Das war eine tolle Stimmung. Ich liebe Volkslieder, wenn sie spontan und natürlich daherkommen, nicht diese volkstümlichen und heimat-tümeligen Sachen, sondern das Ursprüngliche und eben Spontane. So hatte ich auch ohne mein Zutun wieder mal ein schönes „Abschiedsgeschenk“ bekommen. Ein konkretes Geschenk bekam ich von Cora, die meinte, ich solle mit ihr aufs Zimmer kommen, sie habe etwas für mich gekauft, weil ich mit der Dialyse so ein „Kreuz“ habe und so selten da gewesen sei. Es war ein kleines Tellerchen mit einer kleinen Blüte als Kerze drin. Das fand ich total süß. Daheim habe ich es auf mein Schränkchen gestellt. Es ist zwar nicht mein Geschmack, aber als Andenken für mich und als Zeichen, daß jemand an mich gedacht hat, finde ich es total schön.

Sonntag, 22. Mai – Heimfahrt mit Hindernissen
Am Morgen um sieben weckte ich Cora, da wir einmal Schwimmen gehen wollten. Nun hatte ich vor der Reise extra einen neuen Badeanzug und einen Sportbikini gekauft, damit ich im Urlaub ins Wasser gehen konnte. Aber ich hatte mich alleine in dem Keller gefürchtet, und nach der Dialyse hatte mir der Arzt das Schwimmen nicht genehmigt, weil das den Shunt infizieren kann. So wollten wir nochmal gemeinsam runtergehen. Aber Cora riet mir ab, da es da unten sehr heiß sei, und dann sei ich den ganzen Tag fertig und hätte keine Kraft mehr zum Heimfahren. Auch dachte ich dran, daß der Badeanzug dann naß in den Rucksack müßte und Stockflecken kriegen würde. So ließen wir das Schwimmen sein. Cora schlug mir vor, daß ich mit dem Mann von „Frau Erika“ (man nannte die Leute hier beim Vornamen mit Herr oder Frau davor) aus dem Küchenbereich zum Bahnhof fahren könne, denn der wolle sich auch was verdienen, und Erika denke ja immer an die anderen aus Nächstenliebe. Denn es wäre nicht sichergestellt, daß der Taxifahrer so lange warten würde, bis die Bahnhofsmission wirklich kommt, um mich zum Gleis zu bringen, und der Mann von Erika würde mich auch dorthin bringen, falls die Bahnhofsmission mich versetzen sollte. Daß die „Nächstenliebe“ teuer werden würde, dachte ich mir schon. Cora meinte, daß am Sonntag das Autofahren teurer sei, ich aber meinte, daß ich nur sieben Euro für die Fahrt vom Bahnhof zum Blindenzentrum gezahlt hatte, da sonntags ja kaum ein Auto unterwegs ist. Ich rief Erika in der Küche an, die mich aber auf das Frühstück verwies, wo wir das noch besprechen könnten. Ich zog mich also an und ging zum Frühstück. Dort machte ich mit Erika aus, daß ihr Mann um 12 mit mir zum Bahnhof fahren sollte. Ich bat noch um ein Ei, da ich ja mittags nichts zu Essen bekommen würde. Sie packte mir noch zwei Brote ein, was nicht mal was kostete. Mit meiner Namenskollegin machte ich aus, daß wir uns doch noch vor meiner Heimfahrt verabschieden sollten, und daß ich um 12 fahren würde.
Ich saß noch etwas im Zimmer, nachdem ich gepackt hatte. Da kam Cora und meinte: „Willst Du bis zu Deiner Abfahrt in Klausur bleiben?“ So ging ich nach unten und nahm den Rucksack gleich mit. Um 11:40 kam dann Erika und meinte, es ginge los, ich müsse mich nach ihrem Mann richten. Nunja. Gott sei Dank traf ich die Namenskollegin mit dem Von noch, damit wir uns wenigstens noch verabschieden konnten. Die Fahrt dauerte etwas länger als mit dem Taxi, so war es klug, daß wir früher gefahren waren. Alswir ankamen, fragte ich ihn,was es denn nun kosten würde. „ACH“, meinte ergroßzügig, „ZEHN EURO!“ Schluck! Ich zog also 20 Euro aus dem Geldbeutel und ließ mir rausgeben. Cora meinte dann zu ihm, daß ein Taxi aber billiger sei. Und so drückte er mir zerknirscht 2 Euro Wechselgeld in die Hand, die ich natürlich auch nahm. Da wir ja kein Taxi waren, wußte der Mann von der Bahnhofsmission, der mich zum Zug bringen sollte nicht, daß ich die jenige war, die er mitnehmen sollte. So stieg ich aus und faltete meinen Stock auseinander. Sofort war der Mann von der Bahnhofsmission da und brachte mich zum Zug. Als der Zug kam, half er mir beim Einsteigen, wenn er auch vor lauter Panik, mitgenommen zu werden, nicht fertigbrachte, mich zu meinem richtigen Platz zu bringen, was dann ein hilfsbereiter Italiener später übernahm.
In München angekommen hatte mich doch tatsächlich der Mobilservice vergessen! Ich war stinksauer und schimpfte wie ein Rohrspatz! Der Bahnhofspolizist, der herbeigerufen worden war, bestellte den Bahnservice. Eine unfreundliche Dame kam und meinte, den Rucksack trüge sie nicht, ich hätte ja nicht gesagt, daß ich ein schweres Gepäckstück dabei habe. Ich konterte: „ICH hab alles angegeben, die SCHULD liegt ganz alleine bei der Bahn!“ Sie funkte einen Gepäckträger herbei, und sie wollte, daß ich meinen Rucksack liegenlasse und dem Mann entgegenlaufe. Ich sah den Sinn dieser Aktion nicht ein und bestand darauf, bei meinem Gepäck zu bleiben, denn in den heutigen Zeiten bei der Terror-Hysterie hätten die diesen kaputten Rucksack, der nur noch dazu taugte, in die Luft gesprengt zu werden, sicher sofort bahnpolizeilich gesichert. So kam der Gepäckträger zu uns, nahm den Rucksack, und wir traten den weiten Weg zu einem 10 Gleise entfernten Bahnsteig an. Als wir in den Zug stiegen, um mich an den korrekten Platz zu setzen, fand sie die Sitzplatznummer nicht. Der Gepäckträger wollte dann auch noch 2,50 Euro von mir. Ich aber blieb stur: „Das können Sie sich bei der Bahn holen, die haben das verbockt.“ Der arme Mann, der, wie er sagte, ja auch nur seine Arbeit tat, mußte ohne Bezahlung von dannen ziehen. Er tat mir zwar Leid, aber ich denke, die Bahn soll das mal regeln, und ich bin hier nicht diejenige, die dann das Nachsehen hat. Wäre das Elektroauto gekommen wie vorgesehen, hätte ich nicht laufen müssen, und der Gepäckträger wäre nicht gebraucht worden. Ich überlege auch, mal einen Beschwerdebrief an die Mobilzentrale der Bahn zu schreiben, da das schon öfter vorkam, daß ich vergessen wurde.
Im Zug noch telefonierte ich das Taxiunternehmen herbei, das mich immer an die Dialyse bringt. Dort hatte ich ja schon Schulden, da ich das leere Formular für die Taxikilometer noch nicht hatte. Die Taxifahrerin stand auch pünktlich am Gleis. So endete meine ereignisreiche Fahrt.

Insgesamt war der Urlaub super. Zu Anfang war ich verzweifelt, da mir bewußt wurde, wie wenig ich nur noch alleine ohne fremde Hilfe kann. Früher hab ich mich getraut, bin losgelaufen, hab mich durchgefragt. Heute kann ich kaum noch einen Schritt aleine gehen, komme nicht weiter, weil ich mich nicht mehr von einem zum anderen durchfragen kann. Ich hoffe, anderswo ist es wieder leichter, sich auch durchzufragen oder sich zu bewegen. Positiv empfand ich, daß so viel für uns angeboten wurde, als ich im Blindenzentrum war. Ich verbrachte auch viel Zeit damit, die Hörbücher von Nikolaus Fischnaller zu hören, der das Haus mitgegründet hat. Er ist in dem Ort aufgewachsen, wohin wir ins Schullandheim gefahren sind, als ich klein war. Das fand ich total süß! Es wurde doch viel geboten, und ich konnte viel mitmachen. Die Urlaube gestalten sich für mich anders aber nicht schlechter als früher. Ich stelle auch mit Wehmut fest, daß ich viel schneller ermüde und nicht mehr die Power habe, soviel zu unternehmen, und daß ich nach einem Ausflug total „knülle“ bin, wobei ich früher viel mehr Ausdauer hatte. Ich hoffe, nach einer Transplantation wird das wieder besser. Bis dahin muß ich meinen Urlaub so gestalten, daß ich das auf mich zukommen lasse, was mir gebogen wird. Die Dialyse war toll, besonders gut fand ich, daß der Arzt dort so nett ist und so ganz normal mit den Leuten redet, wie ich Ärzte sonst nicht kenne. Es war alles wie daheim auch, das Dialyseregime wurde extra so gefahren wie bei mir zu Hause. Nur das Frühstück kam etas sehr spät, aber es war viel besser als bei uns.
Den Taxischein habe ich mittlerweile auch. Ich mußte erst den alten vollgeschriebenen zurückbringen, um einen neuen zu kriegen mit den ausgerechneten Restkilometern. Da sich angeblich alle Taxifahrer immer verrechnen, wurde dies in der Servicestelle des Bezirkes nachgerechnet. Ich bräuchtee angeboich keinen Termin. Als ich doert war, hieß es aber, die Frau sei außer Haus im Außendienst, warum ich denn keinen Termin gemacht hätte. Der Beamte konnte aber nach einigen Telefonaten den neuen Schein ausstellen. Am Tag nach meiner Heimreise konnte ich auch das neue Kätzchen abholen. Davon dann im nächsten Post.
Vor dem Urlaub war es stressig, nach dem Urlaub war es stressig, da ich soviel Wäsche waschen und so viele E-Mails nachlesen mußte. Auch habe ich einiges zugenommen zu meinem Ärgernis, und das Gewicht mußte angepaßt werden. Die Dialyse ist jetzt etwas anstrengender, da ich zu trocken bin. Das werden wir am Montag abklären. Wo es nächstes Jahr hingeht, ob nacn Spanien, weiß ich noch nicht. OB ich überhaupt noch mal fahre, angesichts des Stresses davor und danach und angesichts der dauernden Gewichtsprobleme, weiß ich nicht. Aber es wird mich sicher wieder die Reiselust packen, damit ich was habe, auf was ich mich freuen kann u nd etwas, woran ich noch lange denken kann.

Freitag, 13. Mai 2011

Katze, Uhr und Urlaub

Vor einigen Tagen habe ich mir eine Katze ausgesucht. Mein Kater soll wieder Gesellschaft bekommen. Meine Helferin hat eine Katze, die drei Junge bekommen hat. Damit sie die anderen endlich loswird, bat sie mich, noch vor meinem Urlaub eine Katze auszusuchen. Daher kam ich am Donnerstag zu ihr. Sie hat zwei rote und eine schwarz-weiße Katze, wo bei das Geschlecht noch unklar ist. Wir vermuten aufgrund der Größe, daß die beiden Roten zwei Männchen sind. Außerdem sagte mir mal jemand, ein Tierarzt habe ihm gesagt, daß es keine roten Kätzinnen gäbe, es sei denn, sie hätten einen Gendefekt, und daß nur Kater rot seien. Ich bekam die Kätzchen ab und zu in den Schoß gelegt, aber sie sprangen immer wieder weg. Ich wollte eigentlich eines aussuchen, das auch zutraulich ist und bei mir bleiben will. Es bringt ja nichts, wenn ich mir aufs Biegen und Brechen eine Katze mitnehme, die dann wieder wegläuft, wie es ja schon öfter passiert ist. Die Schwarzweiße ist sofort weggelaufen, der eine Rote hat sich verkrochen, und der andere hat sich immerhin neben mich gesetzt. Ich meinte, daß dies wohl meine Katze sein könnte, wenn der Kater aber später spontan zu einer anderen Person mehr Zutrauen hat, solle meine Helferin ihn lieber demjenigen geben und nicht für mich „reservieren“. Aber vielleicht klappt es ja, und ich kann am 23. Mai nach meinem Urlaub eine Katze abholen. Wir haben Bretter im Baumarkt gekauft und Steine, um die Lücken im Balkon zu schließen, so lange, bis das neue Kätzchen sich an seine neue Umgebung gewöhnt hat und kapiert, daß das nun sein Zuhause ist. Danach wird es Freigänger wie mein anderer Kater. Ich kann nur hoffen, daß es diesmal gut geht.

Am Donnerstag war ich mit meinen Eltern beim Einkaufen. Wir trafen uns in der Mitte sozusagen, da meine Eltern einen Arzttermin wahrnahmen und in eine benachbarte Stadt fuhren. Ich kam ihnen auf halbem Wege entgegen. Da das Gliederarmband meiner Uhr kaputt war, fragten wir im Café jemanden, wo ein gutes Uhrengeschäft sei. Man hat uns an den Kaufhof verwiesen (, was jetzt keine Schleichwerbung sein soll, da es eher an der Frau als an dem Laden lag). Dort schickte man uns zur Reparaturannahme für Uhren. Die nette Frau dort meinte, daß sie ein Glied herausnehmen müsse. Dann suchte sie sogar ein Glied aus ihrem eigenen Bestand heraus und montierte es dran. Die sprechende Uhr für Blinde hat sie wohl sehr fasziniert. Als ich sie fragte, was das Ganze nun kostet, meinte sie, das wäre umsonst. Wir bedankten uns, und mein Vater meinte scherzhaft: „Jetzt sind Sie eine Sprosse weiter zum Himmel.“ Lachend gingen wir davon, auch die Frau mußte lachen. Es gibt also noch solche freundlichen Menschen.

Morgen geht es in den Urlaub nach Südtirol. Leider gibt es einen kleinen Wehrmutstropfen. Die Krankenkasse kommt nicht für die gesamten Kosten meiner Taxifahrten vom Blindenzentrum Bozen nach Lana auf. Sie zahlt nur das, was ich auch daheim für die Taxifahrten zahlen würde. Dies macht genau die Hälfte dessen aus, was es in Italien kostet, da offenbar die Strecke länger ist. Schon vor einem Jahr habe ich in Bozen an der Dialyse angefragt, ob sie mich nehmen. Die vier Dialysen á 5 Stunden mit HDF schreckten sie wohl so ab, daß sie „keinen Platz“ hatten. In Italien kriegt man nur bis zu vier Stunden, und das dreimal die Woche und sonst nichts. Sie verwiesen mich an ein Zentrum in Meran. Auch dort wurde ich abgewiesen, und man gab mir die Adresse einer Feriendialyse in Lana. Dort sagte man mir, daß ab Mai vier Dialysen die Woche möglich sind, da ab Mai mehr Personal da ist. So meldete ich mich dort an. Die Kasse beschied also, daß nur die Kosten in Höhe der Fahrten in der Heimat übernommen würden. Ich widersprach und gab der Kasse die Adressen der beiden Dialysezentren in Bozen und Meran, damit sie sich selbst überzeugen könnten. Aber bisher kam noch kein Bescheid auf meinen Widerspruch. Da im Ausland nicht direkt mit dem Taxiunternehmen abgerechnet werden kann, muß ich sowieso erst mal den gesamten Betrag vorstrecken und kann dann eine Quittung bei der Kasse einreichen. Wenn dann nur der Betrag auf mein Konto überwiesen wird, der der Höhe der Heimatfahrten entspricht, ist dies ja auch eine Art „Bescheid“, und somit kann ich dann nochmals widersprechen oder weitere Schritte einleiten. Die Kassen verlegen sich nämlich zunehmend darauf, keine schriftlichen Bescheide mehr auszugeben, damit man eben nicht widersprechen kann.
Nun bereite ich noch alles für den Urlaub vor, packe und fahre am Sonntag weg. Ich hoffe, daß es wieder so schön wird wie meine anderen Urlaube zuvor.