Samstag, 24. Juni 2017

Deutscher Humanistentag - sehr schön und wirklich human

Ich bekomme ja immer unseren Newsletter, in dem alle Veranstaltungen des Monats drinstehen. Wenn dieser kommt, heißt das Arbeit, denn es dauert eine Weile, bis ich das alles durchgelesen habe, und bis ich mir dann die zahlreichen Veranstaltungen raus gesucht habe, die ich besuchen möchte. Auf der einen Seite denke ich immer, hoffentlich ist nicht so viel dabei, denn sonst muss ich mir so viel wieder notieren, andererseits bin ich natürlich froh, dass ich so viele Möglichkeiten habe, und zu viel geboten wird. Dann heißt es: Notizgerät rausholen, Smartphone zücken, Termine eintragen, Helfer fragen, ob sie Zeit haben, Taxi bestellen usw. Dann muss man so manche Theaterkarte bestellen, dort anrufen, hinfahren, um sie abzuholen, die Sache mit dem freien Eintritt für die Begleitperson klären usw. In diesem Newsletter hatte ich eben gelesen, dass ein Science Slam stattfinden würde, und dass dies im Rahmen des deutschen Humanistentages geschehen sollte, wobei auch viele Vorträge dort für mich interessant schienen. Ganz unbedarft organisierte ich mir also meine Helfer, wer kann an welchem Tag, wobei diese sich auch untereinander Absprachen, wer welche "Schicht Anführungszeichen übernimmt. Denn der Tagungsort wäre wahrscheinlich zu groß, um alleine von einem Saal in den anderen zu finden, mich zu verpflegen, die Toiletten zu finden, einen Platz zu finden usw. Mich dann immer durchzufragen und irgend jemanden zu suchen, der mir von den Teilnehmern hilft, schien mir zu anstrengend. Ich habe ja genügend Plusstunden , so konnte ich mir die Assistenz auch leisten. Die Dimensionen dieser Tagung waren mir überhaupt nicht klar, ich ging halt einfach mal hin. Es war auch noch nicht ganz klar, ob ich die ganze Zeit würde dort sein können, denn eigentlich hätte am Samstagvormittag ein Chigong Kurs stattgefunden, den ich nicht schon wieder verpassen wollte, und am Freitag hatte ich solche Zahnschmerzen, dass ich eigentlich noch die Zahnarztpraxis aufsuchen wollte, wobei man mich dort beruhigte, als ich anrief, dass dies normal sei nach so einem Eingriff. So entschied ich mich, mit dem bereits vorbestellten Taxi gleich zum Tagungsort zu fahren und nicht erst zum Zahnarzt. Als ich dort ankam, hätten sie mich sogar fast kostenlos reingelassen, aber ich sagte, dass ich auch eine Begleitperson haben würde, die erst um 15:00 Uhr kommt, und dass es wichtiger sei, dass diese freien Eintritt hätte. Ich sei bereit zu zahlen. Die Frau meinte etwas lächelnd, was sei ich den bereit zu zahlen, woraufhin ich zurückfragte, was kostet es denn. Es hätte 150 EUR gekostet, und ich wäre fast nach hinten gekippt. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Eigentlich hatte ich nur von dem Science Slam gehört, wobei es ums Thema Verschwörungstheorien und um kommunizierende Bakterien gehen würde. So nebenbei habe ich dann eben auch gesehen, dass der Humanistentag stattfindet, und die Vorträge interessierten mich eben auch, so dachte ich, warum eigentlich nicht. Die Themen waren beispielsweise : Identität Muslima , Umwelt, dürfen Humanisten Krieg führen, was ist Glück, gerechte Wirtschaftsordnung, humanistisch strafen usw. Solche gesellschaftlichen Themen interessieren mich immer sehr, obwohl ich nun keine ausgewiesene Humanistin bin, da ich noch nicht mal genau weiß, wie man das genau definiert. Zumindest weiß ich, dass die Humanisten wie auch ich dafür sind, dass Staat und Kirche streng voneinander getrennt werden, und jeder seine Religion privat ausüben darf. Ich hatte also mehrere Begleitpersonen aus meinem Stamm von Assistenten organisiert, wobei am ersten Tag meine Helferin erst um 15:00 Uhr kommen konnte. Ich dachte mir, dann setze ich mich einfach in den Saal mit der Hauptbühne und bleibe einfach dort und höre mir alle Vorträge an, die dort gebracht würden. Während ich noch dabei war, mit der Frau den Preis auszuhandeln, wobei es dann beim Studentenpreis für 87 EUR blieb, erschien auf einmal eine Frau und sagte zu mir, sie sei meine Begleitung, man habe sie zu mir geschickt, sie hätte heute ihren Helfertag. Ich war wirklich erstaunt, wie schnell und unbürokratisch man so spontan eine Hilfe innerhalb kürzester Zeit für mich organisiert hatte, zumal ichdies gar nicht erwartet oder verlangt hatte. Sie erzählte mir, dass sie günstiger reingekommen sei, da sie einen Tag sich bereit erklärt hätte, Aufgaben in der Organisation zu übernehmen, wie zum Beispiel im Saal mitzuhelfen, oder am Eingang zu stehen usw. Sie war also sehr froh, dass sie mich begleiten konnte, da sie somit auch die Möglichkeit hatte, einige Vorträge zu besuchen. Der erste Vortrag zum Thema, ob Religion tötet, war in Englisch, und sie war aus dem Osten und hat nichts verstanden. Sie hat auch nicht sonderlich viel versäumt, es waren eigentlich nur drei Leute, die darüber klagten, dass sie ihre Freiheit nicht ausüben durften, da sie durch die Staatsreligion dazu gezwungen wurden, anders zu leben. Dies ist zwar schlimm, doch fehlten mir die genauen Fakten, um was es eigentlich genau ging. Einer war zum Beispiel Sozialarbeiter und setzte sich für Kinder ein, die wegen Hexerei getötet werden sollten. Da dies furchtbar ist, hätte ich schon erwartet, dass er genauere Angaben zu dem Thema macht und nicht nur wütend schreiend auf der Bühne sitzt und gegen den Islam wettert. Es ging auch um die Frage, ob man islamfeindlich sei, wenn man dagegen sei, dass Moslems überall in den deutschen Flüchtlingsunterkünften ihre Religion ausüben dürften oder nicht. Ich hatte etwas Angst, dass jetzt die Stimmung kippen würde, und irgendwelche PEGIDisten loslegen und dem Ganzen beipflichten würden. Aber das war zum Glück nicht der Fall. Mir fehlten einfach die sachlichen Hintergründe, vielleicht war ich die einzige, die diese halt einfach nur nicht hatte. Danach gingen wir noch zu anderen Vorträgen zum Thema , ob Humanisten im Namen der "Gerechtigkeit" Krieg führen dürfen, wobei hier sehr kompetente Redner auf der Bühne saßen, die sehr viele Fakten über den Nahen Osten bereithielten , und deren Argumentation und auch Rhetorik bis auf einen der drei wirklich faszinierend und fesselnd war. Dann ging es zum Thema Verschwörungstheorien, wobei mir hier der philosophische Überbau zu kompliziert war, und ich daher die Hälfte nicht verstand, denn ich musste erst einmal irgendwelche Wissenschaftstheorien über mich ergehen lassen, von denen ich die Hälfte geistig überhaupt nicht verarbeiten konnte. Mir war immer noch nicht klar, wie genau eine Verschwörungstheorie denn dann unters Volk gelangt, und warum es jemand schafft, eine solche Theorie zu verbreiten, wohingegen wahrscheinlich viele Menschen irgendwelchen Quatsch denken, den kein Mensch interessiert. Ich hatte am Ende mehr Fragen als Antworten. In der Pause versuchte ich, mit meiner Begleitung etwas darüber zu diskutieren, doch schien sie ziemlich genervt davon. Sie meinte, theoretisch könnte sie mich auch bis 18:00 Uhr begleiten, was meine Helferin dankbar annahm, denn bei ihrer vorherigen Kundin hat es einen medizinischen Notfall gegeben, sodass es ihr ganz recht war, dass sie erst um 18:00 Uhr kommen musste. Eigentlich wollte meine Begleitung in einen bestimmten Vortrag, und sie bat mich, ob sie mich in meinem gewählten Vortrag absetzen könnte, um dann in den zu gehen, den sie hören wollte. Ich war damit einverstanden, schlug sogar vor, ihr mein Aufnahmegerät mitzugeben, da blöderweise mal wieder 1000 Vorträge parallel liefen, die genau denselben Grad an Interessantheit aufwiesen. Das traute ich mich dann doch nicht, denn mein Milestone ist wirklich mein Kleinod, dass ich ungern aus der Hand gebe, und außerdem war ja gar nicht klar, ob wir aufnehmen durften. So fanden wir einen Kompromiss, denn wir beide fanden dann einen komplett anderen Vortrag, der uns genauso interessierte. Es ging hier um die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Auch hier traute ich mich nicht, Fragen zu stellen, da ich natürlich eher in den Niederungen eines chronisch Kranken zu Hause bin, während mich die ganzen Dinge der Informatik, Anonymisierung etc. überhaupt nicht interessieren, denn diese Probleme sind ja auch ohne Digitalisierung vorhanden, dass man einen Datensatz anonymisieren muss oder eben, wenn man dann doch die Person wieder braucht, ihn wieder mit der Person in Verbindung bringen kann. Mich hätte brennend interessiert, ob es möglich ist, endlich die Rezepte auf einem Medium zu speichern, damit ich nicht laufend für jedes Rezept zum Arzt rennen müsste, wobei dann der Arzt zum Beispiel das Rezept einfach digital mit seinem Fingerabdruck oder irgendeiner anderen Authentifizierung und Autorisierung auf meine Chipkarte oder meinem Smartphone speichern kann oder auch wieder löschen kann, und ich dann Medikamente, die ich ohnehin andauernd brauche, immer bei Bedarf, wenn sie mir ausgehen, selbständig aus der Apotheke abholen kann. Hier ergibt sich dann halt das Problem, dass auch andere Personen Einsicht in meine Medikamente haben und aus denen dann auf meine Krankheit schließen können. In meinem Falle ist das jetzt nichts, wofür man sich schämen müsste, aber zum einen gibt es eine Privatsphäre, und zum anderen gibt es auch Menschen, die zum Beispiel Krankheiten haben, die heute noch tabuisiert sind, wie z.B. psychische Erkrankungen, Alkoholismus, AIDS usw. Aber ich habe mich eben nicht getraut, solche konkreten Fragen zu stellen, da die ganze Sache viel abgehobener war als das, was ich wissen wollte. Nach dem Vortrag setzte mich die Frau dann bei einer Aufführung eines Chores ab, da sie nach meiner Helferin Ausschau halten wollte. Es war ein norwegischer Chor, der wirklich wunderschön sang. Er gab dann sozusagen den Gesang an einen anderen Chor weiter, der dann übernahm. Irgendwann kam dann meine Helferin und meinte, sie sei meiner Begleitung begegnet, die hätte sie noch gesucht. Ich fragte mich, ob sie sich denn nicht noch von mir verabschiedet, und vielleicht nochmal sagt, ob es ihr mit mir gefallen hat oder auch nicht, und ich fand es daher etwas strümpfig, dass die Begleiterin nicht nochmal mit meiner Helferin zusammen kurz mitkam, sodass ich mich von ihr noch hätte verabschieden können. Wahrscheinlich war die Frau von mir so genervt, dass sie einfach nur froh war, mich los zu sein. Am Anfang war sie noch ganz nett, aber irgendwann hatte ich dann das Gefühl, dass sie irgendwie gereizt war. Meine Helferin und ich gingen dann etwas essen, wobei ich mir vornahm, am nächsten Tag eine Flasche Mineralwasser von zu Hause mitzubringen, da die Flasche dort fünf Euro kostete. Nach dem Essen begann dann der Science Slam. Der war wirklich interessant, allerdings war die Moderation wirklich nicht sonderlich gelungen. Man wollte ein Affentheater inszenieren, spielte laufend irgendwelche Geräusche aus dem Dschungel ein, und irgendwelche Menschen in Affenkostümen sprangen über die Bühne, aber wirklich viel Sinn ergab das nicht. Der erste Teilnehmer forschte über Kriegsliteratur im Dritten Reich, wobei mir mal wieder nicht ganz klar war, ob das schon Bücher waren, die im Ersten Weltkrieg und während der Weimarer Republik geschrieben wurden und von den Nazis dann zu "Werbezwecken" missbraucht wuurden, wobei er meinte, dieses Thema sei noch nicht Erforscht worden. Mir war auch nicht ganz klar, ob es nur um Literatur ging, die den Krieg verherrlichen sollte, oder ob es insgesamt um Kriegsliteratur ging, denn "Im Westen nichts Neues“ ist ja meines Wissens nun wirklich kein Roman, der den Krieg verherrlicht. Er wurde ja im Ersten Weltkrieg geschrieben und ist bestimmt keine Werbung für den Zweiten Weltkrieg, was ja eigentlich die Nazis gerne gehabt hätten. Es gibt diesen Roman in leichter Sprache, vielleicht werde ich ihn mir mal zu Gemüte führen, denn in normaler Sprache wäre er mir, die ich mit Literatur große Probleme habe, wahrscheinlich zu kompliziert. Das zweite Thema war lustig, neben mir saß auch ein Mann, der total begeistert darüber war. Es ging um Trocken-WCs. Dabei ging es auch darum, dass Frauen früher auch im Stehen gepinkelt haben, und das bei einem Urinal kein Wasser benötigt würde. Wie man das dann trennen soll, wo doch manchmal beides gleichzeitig rauskommt, verstehe ich auch nicht. Denn der Kot wird dann für die Herstellung von hochwertiger Terra preta verwendet. Wie das dann genau passiert, ob dann die Toilette eine Schublade hat, wo der Kot vor sich hin kompostieren kann, weiß ich auch nicht. Ich würde sowas in meiner Wohnung nicht haben wollen. Aber es gibt durchaus Projekte, wo so etwas schon gemacht wird, besonders bei irgendwelchen Alternativen Tagungen etc. Dann ging es um ein spannendes Thema, nämlich darum, warum Radiobeiträge manchmal abbrechen. Der Mann erklärte dies auf fesselnde, lustige und faszinierende Weise, ich kann es aber nur in eigenen Worten erklären. Wie auch bei Flugzeugen werden manchmal Leitungen überbucht, denn nicht jeder Nutzer fährt immer das gesamte Potenzial seiner Leitung aus, sodass viel übrig bleibt, und daher die Telefongesellschaften einfach mehrere Kunden darauf buchen, als es eigentlich, würden alle alles nutzen, möglich wäre. Daher brechen dann bei Radioübertragungen manchmal die Beiträge ab, und er ahmte das wirklich gut nach. Das war mein Favorit, wobei ich schon ahnte, dass das nicht jedem so zusagen würde. Manchmal mag ich die Beiträge am liebsten, die dann vielleicht nur in der Mitte oder ganz am Ende der Favoritenliste der Mehrheit sind. Danach kam ein unglaublich langweiliger Vortrag, bei dem ich dann auch abschaltete, die Frau war wahrscheinlich eine sehr gute Promovendin, aber von Rhetorik hatte sie wahrscheinlich noch nichts gehört, und sie wirkte extrem unsicher, was sogar ich feststellte, die solche nonverbalen Signale normalerweise nicht unbedingt bemerkt. Sie erhielt auch den geringsten Applaus, das war deutlich zu hören. Dann kam der allgemeine Favorit, es ging um die Frage, wie Bakterien kommunizieren. Dies verglich sie mit einer Studenten WG. Die Bakterien senden zum Beispiel Signale aus, dann erfahren Sie, ob noch andere da sind. Sie meinte, wenn man wissen will, ob die anderen in der WG sind, schaltet man einfach mal eben das WLAN ab, wenn dann alle empört und mit Protestgeheul aus den Zimmern stürmen, weiß man, dass sie da sind. Je dreckiger die Küche ist, umso mehr Studenten sind auch da, und je mehr da sind, umso wilder wird es. Die Bakterien senden also einen Film aus, und die anderen merken das, und dann tun sie das gleiche, so entsteht sozusagen eine positive Rückkoppelung. Natürlich erhielt sie den meisten Applaus, das war mir klar, auch mir hatte der Vortrag ausnehmend gut gefallen. Am Samstagmorgen ging ich dann mit meiner anderen Helferin los, da der Chigong Kurs, den wir eigentlich noch einmal zur Auffrischung haben sollten, ausgefallen war. Somit konnte ich mir den Vortrag über die Identität von Muslimas anhören. Die Moderatorin musste in Personalunion die Rolle der Moderation und einer der Teilnehmerinnen übernehmen, da diese ausgefallen war. Das hat sie mehr oder weniger schlecht und recht geschafft, denn sie hat eine der Teilnehmerinnen laufend angegriffen. Auf dem Podium saß zum einen eine deutsche, deren Vater zum Islam konvertiert war, und die in einer neuen Bewegung war, die glaubten, dass noch einmal ein Prophet kommen würde. Die andere war eine Psychotherapeutin, eine erklärte Atheistin, die auch als einzige kein Kopftuch trug. Die dritte war eine Bloggerin, die ganz provokativ und ganz bewusst diese Rolle spielte, um eben auch auf Klischees aufmerksam zu machen. Zum Beispiel hörte ich, dass die Frauen häufig nur auf ihr Kopftuch oder auf ihre Rolle als Muslima reduziert würden. Es ging dann um die Frage, ob sie das vielleicht auch bewusst so wollten, ob sie dies provozierten, oder ob das ein trauriger Nebeneffekt war. Insgesamt fand ich die Diskussion sehr interessant. Besonders spannend fand ich die Aussage der Psychotherapeutin, eine ihrer Patientinnen habe während der Therapie ihr Kopftuch abgenommen, und daher sei sie dann nicht mehr interessant für Männer gewesen. Man habe sie nicht mehr angeschaut, sie sei eine schöne Frau mit und ohne Kopftuch gewesen, doch mit Kopftuch ließ dies wahrscheinlich genügend Spielraum für Fantasien, während dann ohne Kopftuch der Reiz weg war. Dies soll jetzt natürlich kein Plädoyer dafür sein, ein Kopftuch zu tragen. Doch denke ich, jede soll das machen, wie sie will, und die Emanzipation bedeutet nicht, dass man alles nach westlichem Vorbild machen muss, und es gibt viele Frauen, die ein Kopftuch tragen und trotzdem sehr erfolgreich und emanzipierte Menschen sind. Danach gingen wir zu einem Vortrag von Willhelm Schmied über das Glück, und da wollte ich unbedingt hin, denn diesen Mann hatte ich schon häufig im Fernsehen und in Interviews erlebt. Ich fand ihn eigentlich sehr gut und sehr nett. Einige seiner Thesen sind mir allerdings etwas zu übertrieben, so nach dem Motto, der Mensch solle nicht laufend nach Glück streben, die totale Schmerzfreiheit und das totale Glück gäbe es nicht. Wer behauptet eigentlich, dass es irgendjemand gibt, der das will? Er meinte auch, es ginge nicht darum, sein Glück zu maximieren, sondern den Genuss zu optimieren. Das finde ich sehr gut. Außerdem meinte er, der stärkste Motor sei die Liebe. Es geht halt einfach darum, nicht dauernd allem noch einen drauf zu setzen und noch einen Höhepunkt zu erstreben, da dies auf Dauer auch ziemlich anstrengend ist. Er hielt eigentlich auch ein Plädoyer für die Melancholie, und dafür, dass man nicht immer nur fröhlich sein müsse. Er meinte, die Deutschen hätten so viel erfunden, und Deutsche seien häufig pessimistisch, die Amerikaner seien diejenigen mit dem Optimismus, wir könnten eben besser den Pessimismus, was im Raum schon fast ein stolzes Raunen hervorrief. Jeder das, was er eben am besten kann. Es gäbe keine Kunst, wenn Menschen nicht unglücklich wären. Allerdings muss ich hier zu sagen, Menschen schaffen keine Kunst, weil sie unglücklich sind, sondern obwohl sie unglücklich sind. Das Unglück, welches Künstler haben, ist häufig ziemlich stilisiert. Menschen, denen es wirklich schlecht geht, sind gar nicht in der Lage, Kunst zu schaffen, kreativ zu sein, geschweige denn, diese Kunst auch noch zu vermarkten. Hier entsteht eine gewisse Verklärung von Unglück, welches dann zu Kunst optimiert wird. Das geht eigentlich nur, wenn man sein Unglück bewusst kultiviert, wenn man dann eigentlich gar nicht wirklich unglücklich ist. Das wird häufig auch bei psychisch Kranken so gesehen, das es doch toll sei, welche Kunst diese Menschen hervorbringen. Es mag einige Künstler gegeben haben, die psychische Störungen hatten, und die trotz alldem ziemlich kreativ waren, und deren psychische Störungen ihnen vielleicht auch andere Sichtweisen auf die Welt und das Leben ermöglicht haben. Das bedeutet aber nicht, dass psychisch Kranke automatisch besonders kreativ sind, oder dass sie diese Kreativität besonders gut zu nutzen wissen. Im Gegenteil, Kreativität setzt ein gewisses Maß an Glück, Wohlbefinden und Stabilität voraus. Ich glaube, Menschen, die solche Theorien haben, müssten erst einmal wirklich echtes Leid und echtes Unglück mit kriegen. Das bedeutet nicht, dass ich hier arrogant sein will, aber das bedeutet, dass man sich wirklich mal in Gebiete begeben muss, wie zum Beispiel Hartz IV, chronische Erkrankungen, psychische Störungen etc., um zu sehen, inwieweit es überhaupt möglich ist, mit und trotz dieser Erkrankungen sein Leid in Kunst zu kanalisieren. Selbstverständlich erzeugt manchmal ein gewisser Leidensdruck erst die nötigen Emotionen, um kreativ zu werden, und wenn alles immer nur eitel Sonnenschein wäre, käme wahrscheinlich ziemlich langweilige Kunst dabei heraus. Auch möchte ich hier nicht der permanenten Fröhlichkeit und dem dauernden positiven Denken das Wort reden. Aber ich glaube, ein Mensch muss einfach bewußt und in Begleitung anderer Menschen die Höhen und Tiefen des Lebens kennen, muss in der Lage sein, dass wirklich auch zu spüren, muss eine gewisse Offenheit haben, und muss auch den Schutz und den Raum dazu haben, dies gefahrlos erleben und durchleben zu können. Verbitterte Menschen, die gar nichts mehr spüren, die nur noch Groll in sich tragen, die resigniert und hoffnungslos sind, und die vielleicht auch aufgrund ihrer Konstitution überhaupt nicht in der Lage sind, Kunst zu schaffen, oder ihren Ärger irgendwie in Kunst zu formen, haben hier wirklich schlechte Karten. Nach dem Vortrag von Willhelm Schmied kam dann eine Podiumsdiskussion mit zwei Leuten, der eine war früher Gefängnisdirektor und propagiert den komplett offenen Vollzug, der andere war ein Strafgefangener aus der linken Szene, der sich als politischer Gefangener versteht und eine Gewerkschaft für Gefangene ins Leben gerufen hat, die aber auch außerhalb der Gefängnisse vernetzt ist. Beide meinten, dass es sinnvoller sei, wenn Gefangene gemeinnützige Arbeit machen. Ich frage mich dann allerdings, ob es so sinnvoll ist, einen Gefangenen, der dazu gezwungen wird, in einem Altenheim oder bei Behinderten einzusetzen. Es gebe da nicht so sehr viele gemeinnützige Arbeiten, die dann noch übrig bleiben. Auch meinte der Gefängnisdirektor, eine längere Strafe wäre sinnlos, denn die meisten würden, wenn sie länger im Gefängnis wären, sowieso wieder rückfällig, daher macht es keinen Sinn, sie sonderlich lange einzusperren. Wie stuft man dann aber ab, dass bestimmte Taten auch härter bestraft werden sollen, oder dass eine bestimmte Strafe auch mehr wehtun soll? Würde man dann demjenigen einfach länger eine gemeinnützige Arbeit aufbrummen? Der Mann von der Gewerkschaft forderte auch, dass Strafgefangene den Mindestlohn erhalten sollten. Allerdings muss dann natürlich Kost und Logis abgezogen werden. Ich wäre dafür, dass genau der Tagessatz abgezogen wird, der auch bezahlt wird, wenn jemand unschuldig im Gefängnis sitzt und pro Tag eine Haftentschädigung erhält. Denn sollte derjenige dann wirklich unschuldig sitzen, würde er ja genau das Geld, das er erarbeitet hat, auch wieder zurückkriegen, denn zuvor würde ihm ja genau der gleiche Tagessatz abgezogen, den er dann als Entschädigung wieder zurückbekäme. Auch finde ich es gut, wenn Strafgefangene eine Rente erwirtschaften können, denn die Strafe ist ja abgebüßt, sobald sie aus dem Gefängnis rauskommen, und wenn sie dann keine Rente haben, würden sie ja über das Strafmaß hinaus weiter bestraft. Sie sollen ja dann aber, sobald sie draußen sind, wieder ein ganz normales Leben führen können. Ich fand es überhaupt interessant, einen solchen Ansatz zu verfolgen, denn, wie die beiden auch sagten, Gefängnis ist einfach sehr altmodisch, und im Gefängnis ist noch keiner besser geworden. Dennoch finde ich, die Leute sollten aus ihren Kreisen herausgerissen werden, denn sonst bleiben sie in ihren alten Bezügen hängen, und manch einer war sogar froh, wenn er einmal da rausgerissen wurde, und wenn er in einem Gefängnis auch mal wieder die Hilfe bekam, zur Besinnung zu kommen. Danach gab es wieder so viele Parallelveranstaltung, die mich interessiert hätten, dass es wirklich ärgerlich war. Wir gingen dann in die Veranstaltung über Luther und den Humanismus, das fand ich auch sehr interessant, wobei ich vieles ja an Hintergründen nicht hatte. Dennoch bin ich halbwegs mitgekommen, besonders belustigt war ich darüber, dass einer der ostdeutschen Redner darüber jammerte, dass Ostdeutsche nie auf westdeutschen Bühnen eingeladen werden. Mir entfuhr ein Ach Gott, das etwas ironisch klang, und einige fielen ein, und wir mussten etwas lachen. Es war auch ein Pfarrer auf der Bühne, der verteidigte natürlich die Ansichten Luthers, und insgesamt fand ich die Diskussion sehr lebendig, da jeder einmal die Sicht des anderen auch annahm. Es ging halt auch um die Streitfrage, wer nun antisemitischer war, Luther oder Erasmus von Rotterdam, wobei sie das dann dauernd gegeneinander aus spielten. Besonders geschmackvoll finde ich das auch nicht. Danach teilten wir uns dann auf, meine Helferin hatte ihren Professor entdeckt, und da wollte sie sich natürlich blicken lassen. Ich ging dann in den Vortrag über die Einwanderung, der wirklich gut war. Ich glaube, der Redner hat kein einziges Fremdwort benutzt. Er hat es wirklich geschafft, die kompliziertesten und komplexesten Sachverhalte so zu erklären, dass klein Fritzchen oder ein vierjähriges sie hätte verstehen können. Es ging einfach um die Frage, sind starre und feste Werte sinnvoll, oder sollte man sie immer neu aushandeln. Er meinte auch, natürlich müssten sich erst einmal diejenigen, die zu uns kommen, an die Werte halten, die wir zusammen ausmachen, denn sie seien ja diejenigen, die bei uns leben wollten. Aber es ginge immer um Toleranz, und es dürfe keine Toleranz gegenüber Intoleranz geben. Außerdem sei der Begriff Wert ziemlich konservativ, und man sollte einfach immer wieder Grundsätze finden, die für alle gelten, schließlich sei das Grundgesetz ja die Geschäftsordnung dieses Ladens, so drückte er sich aus. Dennoch gäbe es eben einen Unterschied zwischen einer multikulturellen Gesellschaft, wo alle einfach nebeneinander her leben, einer transkulturellen Gesellschaft, bei der man sich auf einige gemeinsame Werte einigt, oder eine interkulturelle Gesellschaft, wo man Werte miteinander austauscht, und wo man dann neue Werte zusammen schafft. Das ist mir eigentlich die sympathischste Vorstellung. Wir werden sowieso in 100 Jahren ein ganz anderes Deutschland sein. Danach holte mich meine Helferin ab und erzählte mir, dass ihre Veranstaltung etwas durcheinander ging, da es um die Frage von Werten in der Schule gegangen sei, und sich die Zuhörer darüber aufgeregt hätten, dass dem Thema Einwanderung zu viel Raum bemessen worden sei. Dann begegnete uns ihr Professor, und er überredete uns, uns doch noch etwas dazu zusetzen, sie würden noch etwas mit einigen Studenten diskutieren. Eigentlich wollte ich nach Hause, aber ich dachte, vielleicht erlebe ich hier auch einmal etwas Neues, und ich kann vielleicht doch einmal mit Menschen auf gleicher Ebene diskutieren, wozu ich ja sonst häufig nicht die Gelegenheit kriege. Ich war sogar überrascht, dass eine der Studentinnen, die dort mit ihm saßen, mich fragte, wie ich heiße. Ich reagierte zunächst erst gar nicht, da ich normalerweise nicht gewohnt bin, dass auch ich etwas gefragt werde, und schon gar nicht mehr damit rechne, und somit überhaupt keine Aufmerksamkeit darauf habe. Sie meinte, sie hätte mich für eine Anwältin gehalten, da ich so daher gekommen sei wie eine Anwältin. Wie eine Anwältin eigentlich daherkommt, weiß ich nicht. Meine Helferin meinte dann, ich könnte ja Anwältin für Blindenrecht sein. Ich meinte, dann schon eher für Sozialrecht. Prompt kam dann wieder die Frage, ob denn für blinde und für Behinderte auch etwas getan worden sei auf diesem Kongress, und ob das Thema Behinderung überhaupt vorgekommen sei. Als die Neugierde der Herumsitzenden befriedigt war, wandten sie sich wieder einander zu und unterhielten sich. Ich war darüber ziemlich frustriert, aber meine Helferin brachte dann wieder das Argument Unsicherheit an, dass man eben Berührungsängste gegenüber Behinderten hätte. Eigentlich denke ich immer, diejenigen, die mich begleiten, und die mir helfen, und die mir eigentlich Sozialassistenz bieten sollten, da ich ja auch soziale Behinderungen habe, müssten dann eigentlich meinen Frust auffangen und mit mir die Trauer über meine Erlebnisse aufarbeiten und bei mir und meinen Gefühlen bleiben. Außerdem wäre es doch schön, wenn ich mal jemanden hätte, der dann vielleicht interveniert und sagt, könntet ihr uns mal erklären, über was ihr redet, wir möchten auch was sagen oder so ähnlich. Das würde genau das Defizit ausgleichen, weswegen ich ja ebenfalls Assistenz brauche, und weswegen ich häufig nicht auf Gruppenveranstaltungen gehe, da ich ja schon weiß, dass ich hier eine Behinderung habe. Mit einer sozialen Assistenz würde vielleicht dieses Problem gelöst werden können. So fuhren wir nach Hause, und ich war dann schon etwas geknickt, aber der Rest des Tages war schön. Am nächsten Morgen kam dann eine andere Assistenz, die ich für den Sonntag organisiert hatte. Wir fuhren mit dem Taxi hin, da sie sich im öffentlichen Nahverkehr nicht so gut auskennt. Leider stellte sich dann heraus, dass nur noch eine Abschlussrede und ein paar Kurzfilme gezeigt würden, und dann würde noch ein Chor singen. Zu dieser Sunday Assembly , die vorher stattgefunden hätte, bin ich schon gar nicht hin, denn das erinnert mich schon so an einen Gottesdienst. Wenn man schon nicht an Gott glaubt oder ein gesellschaftliches Leben ohne Religion haben will, warum braucht man dann so eine Versammlung? Das erinnert mich daran, als ob ein Vegetarier, der kein Fleisch ist, dann doch vegetarische Würstchen haben will. Die Rede war aber sehr interessant, denn der Mann hat sie spontan zusammengestellt, da er für jemand anderen eingesprungen war. Er hat noch einmal auf ziemlich witzige Art mit vielen Wortspielen die gesamte Tagung zusammengefasst und auch ziemlich charmant und witzig Kritik geübt. Danach hat ein Chor gesungen, nämlich ein Projektchor, dessen Chorleiter die Menschenrechte vertont hatte. Dieser Chorleiter hat ausdrücklich betont, dass er früher immer Gospels und Spirituals gesungen hätte, und dass er so kirchlich engagiert gewesen sei, dass er aber jetzt zum Humanismus gefunden hätte. Dies kam mir so vor wie bei den Christen, die immer erzählen, was für schlimme und böse Finger sie früher waren, aber dass sie dann bekehrt wurden und jetzt ein anderes Leben führen. Es war ja doch nichts Verkehrtes daran, Gospels und Spirituals zu singen, abgesehen davon, dass solche Musik, wenn sie nicht von Schwarzen sondern von Schulchören aufgeführt wird, immer furchtbar klingt. Ich stelle also fest, dass genau dieselben Mechanismen auch umgekehrt funktionieren, dass also hier ein Paulus zum Saulus wurde. Aber ich fand seine Vertonung der Menschenrechte einfach faszinierend. Es hat wirklich gut getan, immer wieder zu hören: Anführungsstriche jeder, jeder, jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf freie Entfaltung usw.“ Wer sagt einem das schon mal so deutlich, obwohl ich zwar in einem Land aufgewachsen bin, in dem das selbst verständlich ist, aber ich doch für mich in Anspruch nehmen kann, dass man mir häufig (als Behinderte) viele Rechte abgesprochen hat oder mich für übertrieben fordernd hielt, wenn ich bestimmte Dinge auch haben wollte, wie zum Beispiel einen anspruchsvollen Beruf, die Chance auf eine berufliche Laufbahn, einen festen Freund, einen großen Freundeskreis usw. Da hat man jedoch häufig gesagt, Du übertreibst, Du willst zu viel, Du willst nur im Mittelpunkt stehen. Auch bin ich in einer Familie aufgewachsen, wo das Recht auf freie Meinungsäußerung mit Androhung von Ohrfeigen und Schlägen unterdrückt wurde oder mit abwertenden Bemerkungen, wie zum Beispiel, Du siehst doch sowieso nichts, Du kannst doch sowieso nichts beurteilen. Oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit, wozu meines Erachtens auch das Recht gehört auf den eigenen intimen Raum, wenn jeder einen einfach anfasst, wenn man es nicht will, jeder einfach an alles dran geht, sich die Leute an meinen Sachen bedienen, zum Beispiel meine frühere Putzfrau, die mir Dinge geklaut hat. Das kann man jetzt natürlich nicht mit Menschenrechten vergleichen, aber dennoch habe ich da häufig gesagt bekommen, ich sei einfach nur überempfindlich, wenn es mich gestört hat, dass man einfach über meine Grenzen ging. Daher hat mir das schon sehr gut getan, wirklich einmal zu hören, jeder Mensch ist gleich, jeder hat dieselben Rechte, jeder darf dieselben Bedürfnisse haben und dies auch äußern. Danach kamen die Kurzfilme, und das war wirklich der Hammer. Davon abgesehen, dass zwei der Preisträger es noch nicht mal für nötig empfanden, selbst zu erscheinen und stattdessen eine ziemlich schnell zusammengestellte Videobotschaft mit lauter Geräuschen im Hintergrund sendeten, waren die Filme in fremden Sprachen mit fremdsprachlichen Untertiteln, die meine Helferin mir noch nicht mal vorlesen konnte. Dennoch bin ich etwas mitgekommen, da sie mir zumindest die Handlung beschreiben konnte. Es gab einen Film eines Griechen, der einen Arzt beschrieb, der am Ende seines Lebens stand und dachte, das meiste hab ich doch versäumt. Selbst ohne sprachliche Informationen und alleine mit der Beschreibung der Bilder waren diese aussagekräftig genug, um das wirklich mit zu kriegen. Dann gab es noch ein kleines Video über Sterbehilfe, wobei die Frau eine Schwerbehinderte spielte, die in Würde sterben wollte, ehe sie irgendwo gepflegt werden müsste. Ich dachte mir, im Umkehrschluss wäre dann also ein Leben, wo einem der Speichel aus dem Mund läuft, wo man die Windeln gewechselt bekommen muss, und wo man vielleicht nicht mehr alleine essen kann, dann nicht mehr würdevoll. Damit werden die Grenzen, was noch würdevoll ist oder nicht, und der Druck , andere nicht zur Last zu fallen, irgendwann immer enger gesetzt. Allerdings bin ich dafür, dass jeder selbst entscheiden kann, was er tut. Denn es muss ja nicht immer um den Grund der würde oder der Belastung für andere gehen. Unerträgliche Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Schwäche oder einfach ein Leben, das man so nicht mehr haben will, können auch ein Grund sein, nicht mehr leben zu wollen. So häufig habe ich schon gedacht, ich will nicht mehr, und ehe ich irgend eine andere Person mit reinziehe, würde ich dann lieber in die Schweiz oder nach Holland fahren. Wenn man selbst einmal richtig krank ist, merkt man erst, dass das Leben schon an diese Grenze gelangen kann. Ich denke da heute etwas anders als früher, wo ich radikal gegen Sterbehilfe war. Denn ich denke, sterben ist ein Teil des Lebens, und daher finde ich auch, dass man, wenn man Sterbehilfe sucht, man zu einer Lebensberatung gehen müsste, bei der die Sterbehilfe mit untergegliedert ist. Erst einmal müsste man beraten werden, was alles getan werden könnte, um das Leben besser zu machen. Denn der Wunsch zu sterben heißt eigentlich, dass man so nicht mehr leben will, aber nicht, dass man gerne tot wäre. Vielleicht weiß derjenige noch gar nicht, welche anderen Möglichkeiten es gibt, und wie ihm vielleicht geholfen werden kann. Daher sollte er erst einmal darüber informiert werden. Wenn dann aber jemand immer noch sterben möchte, dann sollte man ihn auch nicht zwingen, ein Leben weiterzuleben, dass er einfach nicht mehr will. So gerät die Sterbehilfe auch aus dem Verdacht raus, nur eine sozialverträgliche Kostenersparnis zu sein, denn vorher wird ja erst einmal alles ausgeschöpft, was möglich ist. Dann hat der Chor noch einmal gesungen, und das war wirklich bewegend, das Lied hieß" Ich nehme Dich mit", und das bedeutet, dass man immer seine Freunde überall dabei hat. Auch wenn sie nicht da sind, sind sie immer bei einem, und das Lied wurde mir dann zum richtigen Ohrwurm. Es bewegte mich daher, da ich mal dran dachte, dass ich auch einige gute Freunde habe, die eigentlich geistig irgendwie immer bei mir sind. Auch wenn man oft denkt, ich bin ganz alleine, aber man hat doch ein paar Leute, an die man häufig denkt, und die einem nah sind. Wir wollten da noch einen Kaffee trinken gehen, da ich nicht einfach so nach Hause wollte, sondern einfach noch etwas beisammen sitzen. Außerdem war es ein so schönes Wetter, dass ich keine Lust hatte, im Taxi nach Hause zu fahren. So schlug ich vor, den öffentlichen Nahverkehr zu verwenden. Und als wir rausgingen, fuhr uns natürlich gleich die erste Straßenbahn wie immer vor der Nase weg. Am Sonntag kommt die Straßenbahn nur alle 20 Minuten. Ich weiß nicht, wie man es schafft, immer exakt zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein, vielleicht sollte ich mal ein Buch darüber schreiben. Wir entschieden uns dann, in einen Bus zu steigen, der eine ziemliche Rundfahrt macht, und irgendwann schlug ich vor, dass wir jetzt aussteigen, denn eine andere Straßenbahnlinie würde von dieser Haltestelle auch losfahren, dann könnten wir in meine Nähe fahren und dort Kaffee trinken. Als wir ausstiegen, fuhr uns tatsächlich diese Straßenbahn auch wieder vor der Nase weg. Ich sagte, wenn das jetzt noch mal passiert, dann werde ich so laut frohlocken, dass die Mauern von Jericho zusammenfallen. Ich war wirklich auf 180. Dann wurde ich natürlich gleich wieder getröstet, dass andere Schwerbehinderte noch nicht mal in den Bus einsteigen könnten, dass sie oft eine Haltestelle weiterfahren müssten, um überhaupt in den Bus zu kommen usw. Dass dies natürlich kein Zustand ist, und dass dies so schnell wie möglich behoben gehört, versteht sich von selbst. Deswegen sei mir trotzdem unbenommen, dass ich darüber wütend bin, dass ich zum einen aufgrund meiner körperlichen Verfassungsolche Schwierigkeiten habe, und zum anderen aufgrund meines schlechten Timings (aufgrund des Autismus?) eben auch häufig antizyklisch funktioniere. Ich bin immer genau dann dort, wenn es schon weg ist usw. Ich bin immer dann dick angezogen, wenn die Sonne scheint, sobald ich mich entscheide, mich jetzt dünner anzuziehen, wird es wieder kalt. Ich schaffe es einfach nicht, flexibel und schnell genug auf sich ändernde Situationen zu reagieren oder irgendwie zyklisch mitzulaufen. Irgendwann kam dann doch die Straßenbahn, und wir fuhren zu einer Haltestelle, stiegen dort aus, und dann fanden wir auch ein schönes Café. Meine Helferin erzählte mir von Pakistan, da sie einen Pakistani geheiratet hatte, und da hatte sie schon einige Abenteuer erlebt, als sie dort war. Mich faszinieren solche Geschichten immer sehr. Danach brachte sie mich nach Hause. Insgesamt war das ein ziemlich erfüllendes Wochenende, es war ziemlich bewegt, es war ziemlich viel los, und ich habe doch ziemlich viel mitgenommen. Im nächsten Jahr wird es eine Tagung geben, die sich mit dem Thema Menschenrechte befasst, da werde ich auch hingehen. Übrigens habe ich dazu nebenbei erfahren, dass dies der erste Humanistentag war, der überhaupt in Deutschland, und dann gleich in meiner Stadt stattfand. Dies war sogar ein Weltkongress, soviel mir jemand erzählte. Das hatte ich gar nicht mitgekriegt, denn ich habe einfach nur in unserem Newsletter unserer Stadt gelesen, dass im Rahmen des deutschen Humanistentags eben dieser Science Slam stattfindet, und da haben mich eben die anderen Vorträge fasziniert. Als ich meiner anderen Helferin, die mir das Programm vorgelesen hatte, erzählte, wie teuer das war, ist selbst sie erschrocken, und sie hat selbst zugegeben, dass sie gar nicht gesehen hatte, dass es was kostet. Normalerweise ist die immer total auf Draht und hätte wahrscheinlich gleich wieder gesagt, das hätte ich Ihnen auch gleich sagen können, dass so etwas was kostet. Das hat mich gewundert, dass selbst sie nicht drauf gekommen ist, wahrscheinlich war es wirklich nicht dort gestanden. Aber für mich war es sehr günstig, man war ja human, schließlich war es ja der Humanistentag, und so habe ich nicht zu viel zahlen müssen, und es war die Sache wert.

Dienstag, 20. Juni 2017

Am liebsten würde ich streiken oder demonstrieren

Neulich habe ich bei jemandem geklagt, dass mir der Rücken weh tut. Dies könnte wahrscheinlich mit meiner neuen Zahngeschichte zusammenhängen und vor allem damit, dass ich ja einmal das Pfeiffer'sche Drüsenfieber gehabt hatte. Somit gehen bei mir solche Entzündungen schnell auf die Gelenke. Prompt bekam ich zur Antwort: bei mir hat sich auch ein Nerv eingeklemmt, ich habe den Orthopäden nicht aufsuchen können. Ich frage mich immer, warum dann alle Menschen so tapfer herumspringen, wenn sie noch wesentlich schlimmere Dinge haben als ich. Bin ich nur eine Memme, die wesentlich weniger aushält? Am letzten Wochenende war ich auf dem deutschen Humanistentag, wo es um ein menschliches Zusammenleben ging, zum Beispiel im Hinblick auf Einwanderung, Umwelt, Frieden etc. Wir wurden von ein paar Leuten gebeten, uns doch dazu zusetzen, man wolle noch etwas diskutieren. Ich wurde allerdings nur gefragt, ob denn auf diesem Kongress auch etwas zum Thema Blindheit und Behinderung gebracht worden wäre? Die muslimischen Teilnehmerinnen mit ihren Kopftüchern beschwerten sich bei ihren Beiträgen, dass sie nur auf dieses Attribut reduziert würden. Ich hätte wahrscheinlich auf die mir gestellten Fragen schlagfertig antworten sollen: ich bin jetzt nicht in meiner Eigenschaft als blinde sondern als Mensch hier. Denn auch ich werde ausschließlich auf meinen Blindenstock reduziert. Dies ging sogar einmal so weit, dass zwei Menschen mit völlig unterschiedlichem Körperbau und unterschiedlicher Frisur und Haarfarbe in meiner Universitätsstadt laufend miteinander verwechselt wurden, nur, weil beide einen weißen Stock hatten. Ich beklagte mich im Nachhinein darüber, dass ich schon wieder alleine da saß, nachdem die erste Neugierde befriedigt war, und sich alle dann wieder nur miteinander unterhielten, obwohl man uns doch extra dazu gebeten hatte. Dazu gab es gleich wieder viele Erklärungen, warum andere solche scheu haben, warum andere solch große Unsicherheit haben, und warum andere so sind. Es wird sehr viel Hirnschmalz darauf verwendet, um die Motivation der Mehrheit zu ergründen, wohingegen mein beschissenes Gefühl wegen der chronischen Ausgrenzung keine sonderlich große Rolle spielt. Das mit den Berührungsängsten leuchtet mir sowieso nicht ein, wo ich doch von jedem einfach ungefragt angefasst werde. Wenn ich anderen Menschen gegenüber unsicher bin, würde ich Ihnen nicht zu nahe kommen, wie manche das bei mir aber tun. Ich würde sie auch nicht gleich mit Du anreden, wie mir das häufig mitten auf der Straße passiert. Soweit kann es also mit der Unsicherheit nicht her sein, es sei denn, ich funktioniere wirklich total anders als der Rest der Menschheit. Ich war neulich mit einer Bekannten, die ich über meine Assistenz wieder traf, im Café. Sie hat zugegebenermaßen wahrscheinlich wesentlich mehr an Erkrankungen als ich, und sie hat auch sehr viel davon erzählt. Einige Frauen hatten sich ungefragt an unseren Tisch gesetzt, da es nicht mehr viel Platz gab. Irgendwann sprang eine der Frauen auf und schrie uns an: "jetzt ist aber mal Schluss mit den Krankheiten." Meine Bekannte hatte, da sie richtig in Fahrt kam, ihre Stimme immer lauter werden lassen, ohne dies zu merken, da sie die Sachen emotional sehr mitgenommen hatten, die sie erlebt hatte. Ich selbst habe auch eine Menge erlebt, allerdings habe ich mich nicht sonderlich angestrengt, mich durchzusetzen, meine zahlreichen Erlebnisse, Schicksalsschläge und Erkrankungen in gleicher Quantität und Qualität vorzutragen, sonst wäre wahrscheinlich das ganze Café mit den nurmehr drei Tischen ausgeflippt, wenn zwei chronisch schwer Kranke ihre Geschichten ausgepackt hätten. Ich hätte es besser gefunden, wenn die Damen vielleicht vorher einmal etwas gesagt hätten, so in etwa: „Bitte seien Sie etwas leiser, wir müssen zwangsläufig alles mithören, wir haben leider kein Interesse an all ihren Erkrankungen und Operationen.“ Außerdem hätte ja auch der diensthabende des Cafés, wobei es sich hier um ein Wohnprojekt -Café handelte, der obendrein auch noch ein Bekannter von mir war, zu uns kommen können und sagen: „Hallo ihr beiden Mäuse, seit mal etwas leiser, die anderen beschweren sich schon, Eure Gallen-OPs interessieren die Leute nicht sonderlich. Könntet ihr vielleicht etwas Eure Stimme runterfahren?“ Als ich hinterher zu ihm ging und mich beschwerte, wie diese Frau sich uns gegenüber aufgeführt hatte, meinte er nur, es hätten sich noch mehr beschwert, und es sei einigen anderen Gästen ebenfalls übel aufgestoßen, dass wir so ausgiebig und ausführlich über unsere Erkrankungen gesprochen hatten. Meine Bekannte hat sich dann ebenfalls bei ihm beschwert, dass dies allerhand sei, und dass die anderen froh sein könnten, wenn sie gesund sind. Ich habe schon häufiger erlebt, dass mir andere Leute erzählten, wie schwer ist dieser oder jener hätte, was er alles durchgemacht hätte, der Arme, sei schon mit 40 in Rente gegangen usw. Wenn ich mich zum Beispiel beklagte, dass andere dauernd über ihre Erkrankungen erzählen, mir hingegen aber selbst kaum zuhören, hieß es nur: „das musst Du verstehen, der ist halt auch krank, die ist halt auch allein, die hat sonst niemanden.“ Mein Hinweis, dass ich auch krank sei, dass ich auch allein bin, dass ich auch das Bedürfnis habe, über meine Erkrankung zu erzählen, wurde dann immer beflissentlich übergangen. Auch mein Hinweis, dass auch ich frühberentet sei, dass auch ich schon einiges mitgemacht hätte, blieb ungehört. Es heißt dann immer: „der andere hat ja schon so viel mitgemacht, der musste ja so in seinem Leben kämpfen.“ Wenn ich dann sage, aber ich auch, dann wird dies ignoriert. Wenn andere Leute schwierig sind, dann wird das immer damit entschuldigt, dass sie ja schon so viel mitgemacht hätten. Wenn ich als schwierig bezeichnet werde, würde dies niemand mit Hilfe meiner Erlebnisse in die richtige Relation setzen oder irgendwie mit meinen vielen Erkrankungen, verpassten Möglichkeiten und Chancen oder mit meinem Kampf um ganz normale Dinge im Leben erklären. Als ich einmal mit dem Taxi nach Hause fuhr, fragte ich den Taxifahrer, ob er schnell bei einem Obstgeschäft anhalten könnte, da meine Assistentin anstatt acht nur vier Äpfel eingekauft hätte. Da meinte er, das dürfe er nicht, er hätte keine Zeit, und das ginge eben jedem mal so, dass er nicht genügend zu Hause hätte. Dabei können Nichtbehinderte einfach mit dem Fahrrad fahren oder tun sich leichter, zu Fuß irgendwohin zu gehen. Ein paar Wochen später holte mich ein anderer Taxifahrer desselben Unternehmens ab, setzte mich ins Auto und meinte, es sei eine Rollstuhlfahrerin mit dabei, sie würden aber noch beim Metzger vorbeifahren, da er für sie noch einiges einkaufen müsste. Ich nutzte die Gelegenheit, mir bei diesem besonders guten Metzger auch einige Sachen mitzunehmen. Dann kommandierte die Frau, sie müsse jetzt auch noch zum Becker, sie bräuchte noch Brötchen. Nachdem sie mich zu Hause abgeliefert hatten, fuhren sie dann auch noch zum Becker. Ich fragte ihn beim nächsten Mal, ob sie alles bekommen hätten, und warum er denn mit ihr zu Metzger gegangen sei, schließlich hätte ich auch schon Lebensmittel gebraucht, und man habe mir gesagt, das ginge nicht. Da meinte er, die Frau sei doch schließlich alt, sie sei an der Dialyse, und sie säße im Rollstuhl. Ich sagte ihm, ich sei auch behindert, ich könne zwar laufen, doch würde ich nicht sehen, wo ich hinlaufe und bräuchte daher auch Hilfe beim Einkaufen, da ich die Produkte ja nicht alleine finde. Und an der Dialyse sei ich auch gewesen, und das schon als junge Frau, wenn ich überhaupt je so alt würde wie diese Frau, wäre ich wohl noch ganz anders dran. Da meinte er, es ärgere ihn, dass diese Frau einen Enkel hätte, der nichts für sie täte, und daher würde er ihr helfen. Ich sagte ihm, dass auch ich schließlich darum kämpfen müsste, dass mir Leute helfen, und dass ich auch allein stehend sei, und dass man mir meine Behinderung halt einfach nur nicht so ansieht. Das hat aber nichts genützt. Auch die Art meiner Einschränkung ist schon stark genug, aber hier wird immer mit zweierlei Maß gemessen. Sogar in unserer Familie gibt es Menschen, die noch kränker sind, wenn ich aber dann sage: „das, was ich habe, ist aber auch schon genug Anführungsstriche, dann heißt es immer von Verwandten, Freunden und Bekannten: „bei jedem ist das, was er hat, schon genug.“ Wenn also einer nur einen Ticken mehr hat als ich, dann ist er furchtbar krank, geschlafen wach auf wohingegen das, was ich habe, nichts anderes ist als das, was eben jeder andere auch hat. Jedes Erlebnis wird von allen anderen Menschen zwanghaft positiv umgedeutet. Als ich neulich eine Assistentin erzählte, dass ich nach meinem zweijährigen Vertrag als fest angestellte im Berufsförderungswerk nicht mehr weiter arbeiten konnte, da ich auf den Pendelbus am Morgen angewiesen gewesen war, und erst jetzt nach fast 20 Jahren eine Straßenbahn dorthin fährt, jetzt, wo ich frühberentet bin und nicht mehr arbeiten kann, meinte sie nur: „Besser spät als nie.“ Wenn ich zum Beispiel meinen Sozialpädagogen erzähle, dass ich zwölf Medikamente einnehmen muss, und dabei dauernd irgendetwas schief geht, weil genau die Marke des Medikaments, die der Arzt verschreibt, nicht lieferbar ist, oder genau die Firma, die genau dieses Präparat herstellt, das ich brauche, gerade Pleite gegangen ist, und ich beinahe noch mal zum Arzt rennen musste, um ein Rezept zu kriegen, wobei der Weg für mich sehr mühsam ist, meinte er, die anderen, die von dieser Firma ein Medikament haben wollten, hat dies ja dann schließlich genauso getroffen. Da kann ich mir ein Ei drauf pellen . Er meinte zwar, es täte ihm leid, da dies eine Bagatellisierung meiner Situation sei, aber er hätte andere Kunden, denen dies Freude macht, wenn er ihnen sagt, dass andere jetzt ja schließlich genau in derselben Situation seien. Nun ja, die haben wahrscheinlich nicht zwölf, mittlerweile 13 verschiedene Medikamente, wegen derer sie laufend zur Apotheke rennen müssen. Auch wenn dies nach Jammern klingt, möchte ich einfach einmal haben, dass andere einfach mal sehen, wie meine Lebensrealität ist, ohne gleich wieder, wenn es ein einziges Mal klappt, den Rest auch mit schönreden. Mir täte es einfach gut, wenn andere Menschen einfach mal Mitgefühl hätten, wenn sie mir einfach mal wirklich echten Trost spenden würden, wenn Freunde einfach mal sagen würde, das ist scheiße, und wenn mich einfach mal jemand in den Arm nimmt, ohne gleich wieder alles wegzudrücken. Früher hat man ja bei Kindern immer gedacht, wenn man die Sachen weg redet, dann glauben die das, und man hat ihre Sorgen und Nöte einfach nicht ernst genommen. Heute sagt man sogar bei Kindern, ja, das ist jetzt einfach blöd, da hast Du recht. Damit verkauft man andere nicht für dumm und lässt einfach einmal die Sache so stehen. ich habe mir schon öfter überlegt, ob ich einen Hungerstreik machen soll. Ich hätte aber zu viel Angst davor und wäre zu feige. Außerdem würde man mich wahrscheinlich zu meinem eigenen Schutz Zwangs ernähren. Und ich könnte mir nicht vorstellen, Hunger ertragen zu müssen. Wenn ich dann doch alles durchsetze, was ich hier unten auf führe, und durch den Hungerstreik bleibende Schäden hätte, hätte ich auch nicht mehr viel davon. Außerdem könnte ich mir nicht vorstellen, nichts zu essen, weil Essen ebenso etwas Schönes ist. Dennoch finde ich manchmal, dies wäre die effektivste Methode, obwohl es Erpressung ist, denn ich hätte genügend Zeit, und bis zu einem gewissen Punkt könnte keiner Zwang ausüben, solange es nicht gefährlich würde. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich laufe und rede hier gegen eine Wand, je mehr ich darunter leide, je mehr schreibe ich darüber, und je mehr ich darüber schreibe, umso weniger wird es gelesen. Irgendwann muss ich auch mal energisch werden, und vielleicht mit mehr Nachdruck sagen, was ein jeder Mensch in so einer Situation wie der meinen braucht, und was normalerweise ein jeder in einer solchen Situation auch kriegt: Und hier sind meine Forderungen Erstens: ich möchte, dass anerkannt wird, dass es nicht allen genauso geht wie mir. Ich möchte, dass ich bezüglich meiner Erkrankungen und meines Schicksals da einsortiert werde, wo ich hin gehöre. Es gibt viele, denen es noch schlechter geht, es gibt aber viele, denen es wesentlich besser geht. Ich möchte, dass jemand dafür sorgt, dass es in meinem Umfeld aufhört, dass es immer heißt, anderen ginge es genauso. Ich verlange, dass endlich anerkannt wird, dass selbst dann, wenn es anderen in einer oder zwei Situationen genauso geht wie mir, man dies nicht vergleichen kann, da ich Jan noch zahlreiche andere Baustellen habe. Daher ist es unzulässig, mir zu erklären, andere hätten dieses oder jenes auch schon erlebt, zumal dies wesentlich leichter zu ertragen ist, wenn man nur diese eine Sache mitmacht. Andere können nicht dieselbe schwere des Lebens für sich beanspruchen und mir dann auch noch erklären, dass sie die Situation total gut meistern. Dies ist ungerecht, denn wären sie tatsächlich in meiner Lage, würden sie es auch nicht besser machen können als ich. Ich möchte, dass andere auch einmal ihre Schwächen zugeben und nicht immer so tun, als stünden sie über ALLEM IMMER viel lockerer drüber als ich, als hätten sie dasselbe Schicksal, könnten aber nur einfach besser mit allem umgehen. Ich verlange, dass andere auch mal zugeben, dass sie mit den Situationen, die ich erlebe, genauso überfordert wären wie ich. Ich möchte, dass der Satz, jeder würde anders mit der Sache umgehen, und jedem wäre etwas anderes wichtig, und jeder würde es anders empfinden, im Hinblick auf meine schweren chronischen Erkrankungen oder im Hinblick auf meine traumatischen Erlebnisse endlich gestrichen wird. Ich glaube nicht, dass es hier so viele verschiedene Bandbreiten an Reaktionsmöglichkeiten gibt, und dass alle anderen auch genauso schlecht mit all dem hätten umgehen können. Es ist KEINE individuelle Geschmacksache, was sich ein Mensch in so einer Situation wünscht, oder was jemand in so einer Situation braucht, oder wie er auf solche Herausforderungen reagiert. Ich möchte, dass anerkannt wird, dass das, was ich brauche, kein exotischer Wunsch oder kein total individuelles Bedürfnis ist, sondern gemessen an meiner Lage völlig nachvollziehbar und im Durchschnitt der menschlichen Bedürfnisse. Ich möchte mich nicht dauernd schuldig fühlen, weil es anderen ja noch viel schlechter geht, und ich trotzdem sage, dass es schwierig für mich ist. Ich möchte mich aber auch nicht dauernd schuldig fühlen, wenn ich denen, denen es wesentlich besser geht, auch mal klar mache, dass es unzulässig ist, wenn sie sich andauernd mit mir vergleichen. Ich möchte auch mal abblocken dürfen, wenn es mir zu viel wird, wenn Leute, die es schwerer haben, immer bei mir abladen, meine Sorgen aber nicht anhören, oder diejenigen, denen es besser geht, laufend ihren Mist bei mir abladen, wo ich denke, warum ausgerechnet bei mir, wo ich doch noch viel mehr auszuhalten habe. Ich möchte nicht dauernd ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich nicht dauernd daran denke, dass für andere ein abgebrochener Zahn vielleicht auch schlimm ist, wenn ich gerade schon wieder das 100. Mal beim Zahnarzt bin, oder wenn andere mir erklären, dass sie schließlich auch Hornhautverkrümmung haben, wo ich doch fast blind bin und wahrscheinlich mit Brille noch weniger sehe als die ohne. Ich möchte, dass diese Empathieverweigerung aufhört, dass man immer nur sachlich erklärt, dass dies oder jenes doch gar nicht so passiert sei, dass das doch gar nicht so negativ gewesen sei, dass doch auch positive Dinge passieren, oder dass mir immer nur die Seite der anderen erklärt wird, ohne auch einmal empathisch auf meine Seite einzugehen. Zweitens: ich möchte, dass andere, wenn sie mir gegenüber einen Fehler gemacht haben, dies auch zugeben wie bei anderen Menschen. Sätze wie, "tut mir leid, dass /wenn dies falsch bei Dir angekommen ist," oder: "das war doch nicht so gemeint", "das war doch nur auf dieses oder jenes bezogen und nicht…", verschleiern die Wahrheit. Ich möchte, dass meine Wahrnehmung bestätigt wird, wenn ich ein Fehlverhalten mir gegenüber bei anderen moniere. Ich möchte, dass andere ihren Fehler zugeben und sich wie bei jedem anderen Menschen auch dafür UNUMWUNDEN entschuldigen, ohne mich in die Ecke zu manövrieren, als sei ich ein gnadenloses Monster, das eine Entschuldigung erzwingt, da von alleine niemand sich entschuldigt, sondern man sich erst stundenlang rausredet, und ich das Bedürfnis nach meiner eigenen Entlastung und der Einsicht anderer nie einfach mal erfüllt bekomme. Man hat einen Fehler gemacht, nicht mehr aber auch nicht weniger, ich möchte, dass andere nicht immer alles auf mich, meine Auffassung, meine Wahrnehmung oder mein Verhalten schieben, sondern die Verantwortung für ihr Fehlverhalten auf sich nehmen. Drittens: ich möchte, dass andere mir absagen, wenn sie nicht kommen, und dass sie nicht dauernd behaupten, sie hätten mir dies gesagt. Immer bin ich an Missverständnissen und geplatzten Verabredungen schuld. Wenn mir andere vergessen, etwas abzusagen, habe ich es überhört, wohingegen wenn andere meine Absage überhört haben, hätte ich es angeblich nicht gesagt. Der Fehler liegt grundsätzlich bei mir. Auf die Idee, dass der andere vielleicht auch mal einen Fehler gemacht haben könnte, kommt eine andere Person erst gar nicht. Ich möchte, dass andere zu ihren Fehlern stehen. Viertens: ich möchte, dass andere das Verhalten anderer nicht dauernd in Schutz nehmen, wenn ich erzähle, dass mich ein Verhalten einer anderen Person verletzt hat. Zum Beispiel mit meiner Begleitperson über mich in der dritten Person reden, als sei ich nicht da, mich einfach anfassen oder mich einfach beiseite schieben und mich nicht mündlich darum bitten, auf die Seite zu gehen , mich einfach duzen, mich in sozialen Situationen ausgrenzen etc. Ich möchte, dass mein Gesprächspartner zunächst mir das Verständnis meiner Gefühle spiegelt und auch den anderen bei Gelegenheit erklärt, warum mich dies oder jenes zwangsläufig verletzt. Es steht mir zu , dass andere mich hier verstehen und nicht SOFORT und reflexartig und automatisch dauernd die andere Partei in Schutz nehmen und an mein Verständnis appellieren. Wenn ich umgekehrt andere verletze, wird mir schließlich auch erklärt, warum andere ein Verhalten von mir verletzt, wobei ich wiederum anderen gegenüber nicht dauernd in Schutz genommen werde, warum ich dieses oder jenes Verhalten an den Tag lege, sondern ich muss dann dauernd an meinem Verhalten arbeiten und etwas ändern. Das Verhalten anderer wird hingegen immer mit dem Satz ab getan, die sind halt unsicher, die wissen es nicht besser, die haben halt Berührungsängste etc. Somit wird ungerechterweise nur von mir grenzenlose Toleranz gegenüber dem Fehlverhalten anderer verlangt, ohne auch einmal meine Gefühle zu verstehen. Ich möchte, dass das aufhört, dass in solchen Situationen mir immer die Welt erklärt wird, wie einem kleinen Kind, warum das nun mal so sei, dass andere halt nun mal so sind. Ich bin ein erwachsener Mensch, und ich möchte, dass meine Gefühle, die ich in diesem Moment äußere, verstanden und mitgetragen werden. Ansonsten fühle ich mich wie ein Objekt, wie ein Ding, aber nicht wie ein richtiger Mensch, wie eine richtige Person, deren Gefühle man jetzt und hier mitempfinden kann. So werde ich eher wie ein Objekt verdinglicht . Schließlich soll ich nicht verstanden werden sondern erzogen. Denn ich bin ja in der Minderheit, daher zählen meine Gefühle nicht. Die anderen brauchen und können ja angeblich nichts dazulernen, die müssen ihr Verhalten nicht ändern, das ist eben eine Tatsache, da sie in der Mehrheit sind. Fünftens: ich möchte, dass meine ständigen Schmerzen aufhören, dauernd ist etwas mit meinen Zähnen, dauernd bekomme ich ein Implantat, eine Krone, dauernd werde ich an irgendetwas operiert. Dies ist nicht mit anderen vergleichbar, denn die haben nicht so viele Baustellen auf einmal . Ich möchte, dass meine Gelenkschmerzen durch Eppstein-Barr-Virus anerkannt werden, und dass jemand dafür sorgt, dass nicht dauernd irgendetwas neues kommt, wodurch ich wieder erneut Schmerzen und Leid erleben muss. Die unsinnigen Sätze, die man sich im Fernsehen oder bei Vorträgen von Philosophen, Psychologen, Pädagogen oder Soziologen anhören muss, die totale Schmerzfreiheit gäbe es nicht, sind ein Schlag in mein Gesicht, denn ich wäre schon froh, wenn ich einfach mal weniger Schmerzen und auch mal LÄNGER RUHE hätte. Wer redet hier von totaler Schmerzfreiheit? Sechstens: ich möchte, dass die Ärzte mir jedes Symptom, dass ich anbringe, sofort glauben, wie zum Beispiel meine erhöhte Vergesslichkeit, Abgeschlagenheit, Augenflimmern (und dies nicht laufend als subjektiv störend betitelt wird sondern als selbstverständlich objektiv störend verstanden wird). Ich verlange, dass mir als Jahrgang 68 meine Symptome nicht laufend als Alterserscheinungen ab getan werden, sondern dass sie als Teil meiner schweren mehrfachen Erkrankung ernst genommen und gewürdigt werden. Siebtens: ich verlange, dass die Dinge, die mir im Internat und auch sonst passiert sind, endlich gewürdigt werden, und dass mein Lebenslauf als sehr schwer eingeschätzt wird, ohne mir laufend die soziale Schuld (wegen Fehlverhaltens) an den Ereignissen oder an meiner mangelnden Integration zu geben. Ich möchte, dass herausgestellt wird, dass dies kein Lebenslauf wie jeder andere ist, sondern dass es sich hier um einen sehr außergewöhnlich schweren Verlauf handelt. Außerdem verlange ich, dass das aufhört, dass man mir immer sagt, das totale Glück gäbe es nicht, jeder hätte doch irgendetwas, und man dürfe an das Leben nicht zu hohe Erwartungen haben. Meine Erwartungen sind extrem gering. Nur um die zwei Jahre Arbeit, Frühberentung, kaum einmal eine Übersetzung, die ich machen kann, wenig Möglichkeiten, mit anderen zu musizieren, wenig Möglichkeit, Diskussionspartner zu finden, die mich auf Augenhöhe betrachten und taktvoll meine Wissenslücken füllen , wenige Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, kaum in den Arm genommen zu werden sondern überwiegend medizinische Berührungen zu erleben, das ist einfach zu wenig, ich verlange, dass dies als wenig anerkannt wird, und dass niemand mir unterstellt, ich wolle das absolute Glück, die totale Schmerzfreiheit und die optimalen Lebensbedingungen. Ich akzeptiere durchaus, dass es in jedem Leben viele Dinge gibt, die einem halt nicht so schmecken. Achtens: ich verlange, dass mein Wissen endlich anerkannt wird, dass ich nicht laufend bewundert werde, da man mir nicht zutraut, dass ich etwas weiß, oder dass ich bei Faktenäußerungen immer gelobt oder beurteilt werde wie ein Schulkind. Ich möchte auf Augenhöhe mit anderen Erwachsenen gesehen werden, und ich will, dass mein Wissen anerkannt wird, dass meine Beiträge als wichtig und als relevant angesehen werden und nicht als die Äußerungen von jemandem, der keine Lebenserfahrung und keine Ahnung hat. Sätze , die auf meine Wissensdarbringungen kommen wie: " weiß ich nicht, kann sein", oder (wenn meine Beobachtungen von denen meines Gegenübers abweichen): "das sind doch alles Ausnahmen", oder, dass Beobachtungen zu einer bestimmten Sache von den Leuten abgeklärt und gelangweilt kommentiert werden: "das ist doch überall so, und das findest Du überall", und das gönnerhafte Verhalten, wenn ich Wissensinhalte äußere (da weißt Du ja mehr als ICH!) , sollen unterbleiben. Zehntens: ich möchte nicht erzogen werden, dass immer dann, wenn ich über Schwierigkeiten rede, andere mir sofort betulich klarmachen, das es doch nicht so schlimm ist, dass ich doch auch immerhin positive Dinge erlebe, und das doch immerhin dieses oder jenes funktioniert, nur wenn es einmal klappt, nach dem Motto: siehst Du, die Welt ist doch gar nicht so schlecht. Ich habe anderen keinerlei Arbeitsauftrag zu irgendeiner pädagogischen Intervention gegeben, sondern ich möchte einfach nur sachlich und auf Augenhöhe meine Situation schildern. Ich möchte, dass die Schilderungen meiner Umstände und meiner Lebenssituation ernst genommen werden. Ich gebe hier Einblick in meine objektive Lebensrealität, in das, was ich im Alltag zu bewältigen habe, und mit dem ich konfrontiert bin. Ich habe es daher nicht verdient, dass andere mich dazu erziehen, die Dinge doch anders zu sehen oder eine andere Perspektive einzunehmen. Die anderen sind nicht meine Erzieher sondern diejenigen, die diese Schwierigkeiten ernst nehmen und emotional mit mir teilen und mich ernsthaft als Erwachsene mitfühlend begleiten. Auch wenn es positive Dinge gibt, die ich dann erwähne, wenn ich es für passend halte, macht eine Schwalbe noch lange keinen Sommer. Ich schildere mein Leben, und da tritt man mir zu nahe, wenn man die Schilderungen nicht wertfrei und mitfühlend aufnimmt, sondern dauernd versucht, meine Sichtweise zu ändern. Elftens: ich möchte auch einmal Recht haben. Ich habe kein Problem damit, auch einmal Unrecht zu haben. Ich habe aber ein Problem damit, bei unterschiedlicher Meinung prinzipiell die zu sein, die unrecht hat. Es passiert laufend, dass Leute meine Argumente mit aller Gewalt und andauernd widerlegen und dagegen reden, wobei sie dann zuweilen hinterher irgendwann doch unauffällig machen, was ich vorgeschlagen oder dargelegt habe, ohne zuzugeben, dass es von mir kam, oder sie machen es erst dann, wenn ein ANDERER es ihnen rät. Ich möchte, dass mir jemand sagt: "stimmt, Du hast recht, so hab ich das noch nicht gesehen." Das macht man mit jedem, dies ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ich möchte nicht als rechthaberisch gesehen werden, bloß weil ich ab und zu auch einmal Recht haben möchte. Wäre es den anderen egal, wer recht hat oder nicht, müsste ich nicht so darum kämpfen. Ginge es wirklich rein um die Sache, müsste ich mathematisch gesehen auch ab und zu mal bei unterschiedlichen Informationsständen oder Ansichten über Handlungsweisen Recht haben. Es gibt keinen Menschen, der immer Unrecht hat. Ich bin in jedem Schlagabtausch der Verlierer. Wenn ich aber recht habe, und das Gegenüber keine Argumente mehr hat, drehen die Leute sich weg oder wechseln das Thema und lassen mich darauf hängen und auflaufen. Es ist eine Schande, dass man mir gegenüber nicht die Größe hat, einmal zu sagen, stimmt, Du hast recht. Stattdessen werde ich in die Rolle des Monsters gedrängt, die dauernd darauf beharrt, recht zu haben, weil ich anders nicht zu meinem Recht komme, aber nicht damit leben kann, immer der Verlierer sein zu müssen. Die Unfähigkeit, auch einmal Recht zu haben, wird dann auch noch meinem Verhalten angelastet. Der Wunsch, auch recht zu haben, gilt als Sucht nach Anerkennung. Ich möchte mich nicht dauernd schämen müssen oder ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich darum kämpfe, AUCH MAL recht zu haben. Dass ich überhaupt darum kämpfen muss, sagt nicht nur etwas über mich aus, und auch, dass ich dauernd darum kämpfen muss, dass andere auch mal einen Fehler zugeben. Zwölftens: ich möchte, dass meine Wünsche und Bedürfnisse und meine Grenzsetzungen nicht laufend so dargestellt werden, als seien dies ganz exotische und individuelle Wünsche. Ich möchte, dass andere einsehen, dass meine Kritik an ihnen und ihrem Verhalten auch berechtigt ist, und dass sie genauso wie ich es tun muss oder musste, ihr Verhalten reflektieren und gegebenenfalls sogar ÄNDERN müssen. Ich möchte nicht, dass es dauernd so aussieht, als hätte ich spezielle Wünsche, die man sich extra umständlich merken muss, sondern ich möchte, dass andere mir bestätigen, dass mein Wunsch nach Anerkennung, danach, nicht einfach mit Du sondern auch mit Sie angesprochen zu werden, nicht einfach angefasst zu werden, nichts Individuelles sondern nachvollziehbar, logisch und angemessen ist. Ich erwarte, dass mein Bedürfnis, dass mein Leiden anerkannt wird etc., dass man nicht einfach in meiner Wohnung ohne zu fragen an alles dran geht, oder dass man nicht dauernd über meine Grenzen geht, als ein normales Bedürfnis eingesehen wird, und dass man nicht dauernd so tut, als müsste man mir gegenüber besondere Vorsichtsmaßnahmen vornehmen, damit das böse Monster nicht ausflippt, und dass man so tut, als sei ich anderen gegenüber extrem unnachgiebig, streng und unnachsichtig. Ich möchte, dass mich jemand in meinen Wünschen bekräftigt und auch die Wünsche und die Kritik, die ich ihm gegenüber äußere, als normale und berechtigte Empfindungen hinstellt, und nicht immer so tut, als müsse er bei mir ganz besonders aufpassen, anstatt einmal einzusehen, dass man bei mir nicht erst eine Gebrauchsanweisung lesen muss, um mit mir klarzukommen. Kein chronisch kranker möchte, dass seine umständliche Lebenssituation als normale Härte des Alltags betrachtet wird, die andere auch erleben, seine Leiden als ganz alltäglich hingestellt werden, oder dass sie als Alterszipperlein oder Jedermanns- Wehwehchen bagatellisiert werden. Ich möchte, dass meine Bedürfnisse als völlig normal und nachvollziehbar dargelegt werden, auch wenn ich jetzt auf so harte und ungewöhnliche Weise darum kämpfen muss. 13. ich möchte, dass mir, die ich jahrelang dafür gekämpft habe, dass meine zusätzlichen Behinderungen wie Probleme der Feinmotorik, der Wahrnehmung, ADHS und Autismus endlich anerkannt werden, Fachleute endlich genau erklären, warum ich bestimmte Dinge nicht kann, und wie genau die Mechanismen hier greifen, dass es zu diesen Problemen kommt. Es nützt mir wenig, wenn Experten mir laufend sagen, dass es gesunden und Nichtbehinderten ja schließlich genauso ginge. Jahrelang habe ich darunter gelitten, dass ich feststellen musste, dass bei mir die Dinge anders sind als bei anderen, dass ich viele Dinge nicht so kann wie andere, und dass ich mit vielen Dingen mehr Schwierigkeiten habe im Unterschied zu anderen. Ich habe also nicht jahrelang dafür gekämpft, dies endlich bestätigt zu kriegen, um nun lediglich zu erfahren, dass ich eigentlich gar kein besonders großes Problem hätte. Irgendwie muss sich dieser Unterschied, den ich schon immer bemerkt habe, ja erklären lassen, und wenn ich schon all diese Diagnosen unter großem Kampf und Anstrengung durchgesetzt habe, dann bestimmt nicht deshalb, um dann laufend WIEDER nur zu hören, dass der unterschied eigentlich gar nicht bestünde, oder wie viele andere dieselben Probleme hätten, ohne diese Diagnose zu haben. Selbst wenn es Menschen gibt, die (vielleicht wegen einer anderen Behinderung?) AB UND ZU AUCH MAL Dieselben Probleme haben wie ich, möchte ich JETZT ENDLICH einfach genauer wissen, wie es zu den Mechanismen kommt, die zu meinen Schwierigkeiten führen. Dass es hin und wieder mal jemand gibt, dem es genauso geht, und Nichtbehinderte mir gegenüber immer betonen, dass man ja auch mal einen schlechten Tag hat, mag ja sein, aber die Frage ist hier nicht, wie oft es zufällig doch mal vorkommt, dass andere auch eine Packung nicht auf kriegen, aneinander vorbeireden, Sachen nicht richtig befestigen können usw., sondern es geht ja darum, endlich Entlastung zu finden, dass es für meine zahlreich bestehenden Abweichungen zu den Fähigkeiten anderer endlich plausible und stichhaltige Begründungen und Erklärungen gibt. Es ist kein Trost, dass es anderen auch mal so geht, dadurch wird meine Erkrankung eigentlich verleugnet. Und ich habe schon zu lange damit leben müssen, festzustellen, dass etwas nicht stimmt, und wie dies jahrelang immer wegdiskutiert wurde. Jetzt, da es endlich eine Diagnose gibt, möchte ich auch, dass meine objektiv bestehenden Schwierigkeiten eingesehen und damit erklärt werden. Das hat nichts mit einer Entschuldigung oder einem Freibrief zu tun, sondern damit, dass die lange Odyssee und der lange Kampf um Erklärungen für meine Schwierigkeiten endlich ein Ende haben, und es vernünftige Erklärungen gibt, und ich mir dies alles nicht bloß eingebildet habe. Würde es anderen tatsächlich genauso gehen wie mir, hätten wir ja nie Abweichungen festgestellt, und dann hätte es auch keine Diagnose gebraucht. Ich möchte, dass dies endlich alles eintritt. So wie der verrückte Nachbar meines Bruders einmal unter einen Brief an ihn schrieb: „So wie es geschrieben steht, so wird es geschehen.“ Diese Punkte, die ich hier aufzähle, sind Grundbedürfnisse eines jeden Menschen: Anerkennung der Realität, kein herauswinden bei Fehlern oder Hintertürchen offenlassen, niemandem etwas ausreden, wegdiskutieren oder so betulich vereinzelte positive Beispiele herausstellen, siehst Du, … sondern den Abgleich der Realität vornehmen. Der Wunsch, dass andere auch von mir etwas annehmen, oder dass auch mein Leben und meine Erfahrungen nicht umsonst waren, sondern dass andere, so wie ich dies auch lebenslang tun muss, auch durch mich und an mir Erfahrungen sammeln oder ihre Einstellungen ändern oder was lernen. Ich kann ja auch nicht immer mein Verhalten so ausführen, wie ich Lust habe, und hinterher dann sagen, ich hab es doch nicht so gemeint, ich bin halt unsicher, das war doch ganz anders, tut mir leid, wenn es bei Euch falsch ankommt. Ich bin leider in der Minderheit, ich würde bei häufigem solchem Fehlverhalten mit Konsequenzen wie Ausgrenzung rechnen müssen, wohingegen meine Kritik an Verhaltensweisen anderer nichts bewirkt, da ich nicht erwarten kann, dass andere sich wegen mir ändern, sondern ich im Gegenzug immer nur die anderen zu verstehen habe. Es soll einmal hier zu bedenken gegeben werden, dass auch ich im Umgang mit Nichtbehinderten Berührungsängste habe und unsicher bin, da ich sehr lange von nicht behinderten Menschen isoliert war, da ich in Schule und Internat die entscheidenden Jahre eben nicht mit Nichtbehinderten großgeworden bin. Fehlverhalten von Nichtbehinderten wird immer damit entschuldigt, dass sie Behinderte nicht kennen und daher nicht wissen, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Warum soll das umgekehrt nicht genauso der Fall sein? Nur ich habe in der langen Zeit, die ich mit Nichtbehinderten zu tun hatte, auf die harte Tour gelernt, was geht und was nicht geht. Ich kann auch nicht immer sagen, ich bin autistisch , tut mir leid, ich benehme mich ebenso. Auch ich musste lernen, dass bestimmte Dinge einfach nicht regelkonform sind, oder dass man bestimmte Dinge nicht macht. Ich kann aber wiederum meinerseits nicht hergehen und sagen, ich bin leicht autistisch, bitte nehmt mal Rücksicht, verwendet bitte keine Ironie, erklärt mir die Dinge bitte umständlich, benutzt nicht allzu viele Metaphern, lasst bitte nicht zu viel in Euren Erzählungen und Erklärungen weg und sagt bitte nicht zu viel zwischen den Zeilen, benutzt bitte weniger Gestik und Mimik, oder verbalisiert sie bitte extra für mich, da ich sie weder sehen noch intuitiv erfassen kann. Alleine hier ist schon ein gewisses Machtgefälle deutlich, da ich mich mehr an die Gesellschaft und an die Welt anpassen muss als andere sich an mich. Und dennoch möchte ich in meinen Bedürfnissen ganz normal behandelt werden, da ich normale Wünsche habe, auch gerne eine berufliche Laufbahn eingeschlagen hätte, und all die Dinge getan hätte, die ich bereits oben erwähnt habe. Es ist gegen die Menschenwürde, immer der Sündenbock zu sein, wie ich es oben beschrieben habe. Wenn meine Formulierungen bei anderen falsch ankommen, dann lag das an mir, weil ich mich zu derb ausgedrückt habe. Wenn ich über die Formulierungen anderer verärgert bin, liegt es auch an mir, da ich die Sätze der anderen falsch verstanden habe. Immer nur bin ich diejenige, die an mir arbeiten muss, oder die ihr Verhalten ändern soll, oder die irgendwie in Reparatur gehen muss, wohingegen mir immer gesagt wird: „Du kannst die anderen nicht ändern, Du kannst nur Dich selbst ändern.“ Ich habe keinerlei Handhabe oder keinerlei Konsequenzen, die ich anderen androhen kann, wenn sie sich nicht so verhalten, wie ich es will. Ich hingegen muss Konsequenzen befürchten, wenn ich mich nicht den Erwartungen anderer konform verhalte, da ich dann auffalle, mich blamiere, nicht ernst genommen werde, bei anderen Verärgerung hervorrufe, ausgeschlossen werde etc. das der Grund für den Konflikt vielleicht auch einmal in ungünstigen Eigenschaften oder Verhaltensweisen oder Angewohnheiten meines Gegenübers gelegen hat, und der sich vielleicht mal anders benehmen müsste, steht gar nicht zur Diskussion. Ich brauche die anderen, leider brauchen die anderen nicht mich. Somit bin nur ich von den anderen abhängig aber nicht umgekehrt, daher sehen andere keinerlei Notwendigkeit und keinerlei Leidensdruck, ihr Verhalten zu ändern. Ich fühle mich immer wie ein Tyrann, wie jemand, der andere laufend nervt oder dauernd irgendwelche Forderungen stellt, oder der andere dauernd in die Ecke und in die Enge treibt, damit sie das kriegt, was sie will. Ich wirke wie jemand, bei dem man Angst haben muss, dauernd was falsch zu machen. Aber in diesem System wird mir sozusagen diese Rolle irgendwie auch zugewiesen. Ich müsste mir eigentlich auch irgend ein Druckmittel ausdenken, einen Hungerstreik, einen Sitzstreik oder eine Demonstration. Dazu hat man dann ja eine Menge Zeit, Beharrlichkeit und Kraft und Spielraum. So bleibt genügend Zeit, meine Forderungen, die berechtigt sind, zu erfüllen. Auch wenn dies alles sehr hart herüber kommt, bin ich im Grunde tief und tot traurig. Ich hätte lieber Menschen, die mich wirklich verstehen, die Empathie und Mitgefühl mit mir haben, die mir gegenüber auch Größe zeigen, die sich auch mal entschuldigen können, die auch mal Fehler zugeben, die mir auch mal Recht geben, wo ich nicht dauernd drängen muss, wo ich nicht dauernd darum betteln oder kämpfen muss, dass sie mal etwas zu geben, oder dass sie mal etwas anerkennen oder einräumen, mit denen ich Wissen austauschen kann auf Augenhöhe, die von mir lernen, und von denen ich auch gerne lerne, die ihre Schwächen zeigen, zumindest im engsten Kreise, die auch mal eigene Missgeschicke zu geben, und die auch mal zugeben können, dass sie mit bestimmten Dingen, die auf mich zukommen, genauso schlecht fertig werden würden, die nicht immer super, toll, schlagfertig und stark sind, sondern die auch mal zugeben, dass sie auch nicht immer einen Spruch parat haben, oder auch mal sich nicht trauen, etwas zu sagen, oder die auch mal Angst haben. Kurzum, nicht nur lauter fehlerlose Monster, die so einem armen Geschöpf wie mir helfen, sondern Menschen, vor denen ich ACHTUNG haben kann, aber wo auch der Spruch: Irren ist menschlich, ebenso zutrifft.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Krankheiten im Kabarett

Immer wieder kommt es mir unter, dass ich irgendwelche Kabarettisten höre, die Politiker beleidigen wollen, indem sie diese mit irgendwelchen Behinderungen belegen. So sagte einmal ein Kabarettist, bei jener Veranstaltung fühle man sich schon fast wie bei Aktion Mensch, oder das Privatfernsehen seien die Paralympics des deutschen Fernsehens. Nun schaue ich keine Sportsendungen, aber selbst ich weiß, dass die Olympiade für Menschen mit Behinderungen ungeheure Leistungen zeigt. Ich habe schon häufiger an solche Kabarettisten geschrieben oder versucht, meine Bemerkungen irgendwo zu veröffentlichen. Ich habe jetzt bewusst meine Kommentare nicht anderen Betroffenen gezeigt oder sie in solchen Foren veröffentlicht, da man häufig von anderen Betroffenen, die vielleicht besser angepasst sind, als Mimose dargestellt wird. Viele möchten ja Anführungszeichen integriert Anführungszeichen werden und meinen, sie würden es sich sonst mit der Nichtbehinderten Welt verscherzen, und daher müsste man sich alles Mögliche gefallen lassen und dürfe nicht zu empfindlich sein. Man hat ja schließlich Humor zu haben. Dennoch habe ich mich nicht gescheut, unten stehenden Brief mit der Bitte um Weiterleitung an die zuständige Stelle zu schicken: Sehr geehrter Herr Kabarettist (Name geändert), neulich habe ich ihre Glosse gehört . Übrigens war ich einmal auf der Gala für die Verleihung des Deutschen Hörfilmpreises(Siehe auch Beitrag hier im Blog) , wobei ich den Zuschauerpreis gewonnen hatte und somit die Reise nach Berlin und daher auch die Teilnahme an der Gala vom DBSV geschenkt bekam, und sie als damaliger Moderator der Veranstaltung auch mich als Gewinnerin aufgerufen haben. Ich war aber etwas zu schüchtern -- obwohl das normalerweise nicht meine Art ist -- , mich zu präsentieren. Mir ist in Ihrem Kommentar bei ttt etwas übel aufgestoßen. Sie haben in der letzten Sendung von Donald Trump als ADHS- Präsidenten gesprochen. Davon abgesehen, dass ich es eine Beleidigung finde, mit diesem Mann in einen Topf geworfen zu werden, da ich auch von dieser Erkrankung betroffen bin, finde ich es schon mutig, wenn auch im Scherz, eine Ferndiagnose zu stellen. Ich finde es nicht schön, dass ernsthafte Diagnosen laufend als Schimpfwörter oder als Metaphern hergenommen werden. So wird auch von Politikern häufig als autistisch gesprochen, wenn sie irgendetwas tun, was irgendjemandem nicht gefällt. Dauernd werden Krankheiten als Metaphern benutzt, so spricht man auch vom Krebsgeschwür der Gesellschaft. Wer ernsthaft krank ist, finde dies nicht lustig. Ich finde es witzig, wenn man mit den Menschen lacht, und wenn man auch einmal einen Scherz über eine Erkrankung macht, wenn man die Leute dabei mitnimmt, weil man weiß, was Sache ist, und wie es den Leuten geht. Dauernd aber irgendwelchen Leuten irgendwelche Ferndiagnosen an zu heften und irgend ein unerwünschtes Verhalten mit irgend einer Erkrankung zu assoziieren, finde ich ein falsches Signal. Denn so werden Menschen, die diese Erkrankung tatsächlich haben, in eine Ecke gestellt. Auf der anderen Seite werden Menschen, die diese Diagnose dringend bräuchten, dann nicht diagnostiziert, da sie nicht das typische Klischee dieser Erkrankung erfüllen, wie Klein Nick sich so jemanden vorstellt, und wie diese Störung in den Medien dauernd kolportiert und dargestellt wird. Es gibt so viele Formen von ADHS, wie es Menschen mit ADHS gibt. Und ob Donald Trump dazugehört, können nur Psychiater entscheiden, und das sind sie ja wahrscheinlich nicht. Die Politik dieses Präsidenten ist höchst riskant, er hat ziemlich unangenehme Eigenschaften, trifft fürchterliche und folgenschwere Entscheidungen, handelt unüberlegt, führt sich auf wie der letzte Henker, all dies kann man im Rahmen der demokratischen Grundordnung sagen, ohne eine Klage wegen Beleidigung zu riskieren. Was jemand tut, kann man kritisieren, aber man sollte ihm kein Etikett anheften, und schon gar kein falsches, das dann wieder negativ auf Personen zurückfällt, die wirklich diese Störungen haben und durchaus der Hilfe bedürfen. Übrigens haben Menschen mit ADHS auch wunderbare Eigenschaften. Viele berühmte Menschen waren wahrscheinlich von dieser Variante des Menschseins betroffen, die allerdings Besseres und mehr geleistet haben als ausgerechnet Donald Trump. Ohne Menschen mit ADHS gäbe es wahrscheinlich viele Erfindungen nicht, da sie oft quer denken, etwas riskieren oder auch einmal die Konventionen durchbrechen. Das würde ein positives Bild auf diese Menschen richten, anstatt sie, die es sowieso schon schwerer haben, durch falsche Klischees und Assoziationen mit irgendwelchen unangenehmen Menschen auch noch in irgend eine blöde Ecke zu stellen. Denken Sie mal darüber nach, bevor immer wieder Krankheiten als Metaphern oder Vergleiche oder Etikettierungen hergenommen werden, was eine Unsitte sowohl des Journalismus als auch des Kabaretts ist, oder dass laufend irgendwelche sperrigen Persönlichkeiten mit irgendwelchen Labels wie Tourette oder Autismus belegt werden. Meines bescheidenen Wissens hat Suzan Sonntag, oder wie immer man diese Dame schreibt, einmal einen Essay über Krankheit als Metapher geschrieben. Solche Metaphern finde ich äußerst unglücklich. Mit freundlichen Grüßen

Mittwoch, 24. Mai 2017

Mein Auslandssemester, das ein Jahr wurde

da ich während meines Studiums ein Stipendium des Deutschen akademischen Austauschdienstes (DAAD) erhalten hatte, was ziemlich schwierig war, dies zu kriegen, habe ich hier unten diesen Text verfasst. Denn es findet zu dieser Zeit eine Tagung zum Thema studieren im Ausland statt, wo unterschiedliche Gruppen von Studierenden ihre Beiträge vorbringen können. Auch Erfahrungsberichte wurden gesammelt, so habe auch ich mich bemüßigt gefühlt, meine damaligen Erfahrungen niederzuschreiben und auf der weiter unten angegebenen Homepage veröffentlichen zu lassen. Damals musste man in mehreren Ausführungen, was noch mit Kohlepapier oder Durchschlagpapier geschehen musste, einige Bögen ausfüllen und mehrere Empfehlungen von verschiedenen Dozenten bekommen, außerdem musste man an einem Auswahlverfahren teilnehmen und mehrere Aufgaben, wie zum Beispiel einen englischen Aufsatz schreiben, erfüllen, um ein solches Stipendium zu erhalten. Dafür erhielt man dann um die 1000 DM monatlich während eines Semesters im Ausland. Hier folgt nun mein Bericht, welche Herausforderungen ich dort bewältigt habe, und welche Erfahrungen und Eindrücke ich dabei gewann. Von ungefähr September 1993 bis Juli 1994 war ich für eigentlich nur ein Semester, also zwei Trimester über den Deutschen akademischen Austausch Dienst in England. Eigentlich hatte ich überlegt, ob es Irland oder Schottland werden sollte. Denn ich höre leidenschaftlich gerne irische und schottische Musik, wollte aber eben auch mal was anderes als immer nur irisch und Irland. So begründete ich meinen Wunsch, nach Edinburgh zu gehen mit dem Interesse an schottischer Kultur und Musik. Leider wurde es aber dann Southampton. Die im Krieg ziemlich stark zerstörte Stadt direkt am Meer in der Nähe der Isle of Withe hat nicht gerade ein besonderes Flair. Mit Erstaunen las ich den vielfarbigen Prospekt der Universität, in dem auch stand, dass es eine "disabled unit" geben würde, die direkt in der Nähe der Universität sein würde. Ich dachte, das ist doch ideal, die sind da wirklich schon fortschrittlich. Ich rief mehrmals in Southampton an, um nachzufragen, wo ich denn nun wohnen würde. Ich bin in solchen Dingen sehr ungeschickt, wobei mittlerweile zusätzlich zu meiner Blindheit heute auch noch eine ADHS und ein atypische Autismus diagnostiziert wurden, die mir wohl in diesem Fall mal wieder zur unsichtbaren Barriere geworden waren. Irgendwann hörte ich dann bei einem Anruf in irgendeinem Office den genervten Ausspruch: "The German girl again…" Bis kurz vor meiner Abreise hatte ich keinerlei Informationen darüber, wo ich denn untergebracht sein würde. Erst kurz bevor ich los fuhr, erhielt ich über die Post ein Fax mit der Adresse des Studentenwohnheims. Als ich dann dort ankam, stellte ich mit Schrecken fest, dass das Studentenwohnheim so groß war wie meine gesamte Uni in Deutschland. Denn ich habe Englisch und Spanisch mit Fachrichtung Medizin in Germersheim, einem ausgelagerten Fachbereich der Johannes Gutenberg-Universität Mainz studiert. Dort war alles klein und überschaubar und sehr familiär. Ich wurde also quer durch das ganze Gelände geführt, musste einige Treppen zum Haus hochgehen, wurde dann in den zweiten Stock gebracht, wo ich mehrere kleinere sogenannter "flats" durchqueren musste, bis ich endlich in meinem Wohntrakt angekommen war, den ich mir mit vier anderen Studentinnen teilen sollte. Dort gab es eine Küche mit altem Gasherd, und die Badewanne hatte keinen Duschschlauch. Mein Zimmer war aber sehr groß, geräumig und sehr hell. Ich habe mir dann auch die dementsprechenden Einrichtungsgegenstände wie einen "Bean-Bag" Als Sitzgelegenheit , Mehrfachsteckdosen, eine Stehlampe , Wasserkocher, Radio, Duschschlauch etc. besorgt, um es mir so gemütlich wie möglich zu machen. Denn bis zu Hüfthöhe sah man diese in England ganz typischen Ziegelmauern sogar in den Innenräumen. In den nächsten Tagen galt es, den Weg zu der Universität zu finden, der 20 Minuten lang war. Er führte außerdem entlang eines problematischen Gebietes, dem sogenannten Flower-Estate, wo die unterprivilegierte Schicht Englands lebte, die nicht gerade gut auf die Studenten zu sprechen war, die auch teilweise ein arrogantes Verhalten dieser Personengruppe gegenüber an den Tag legten. Daher war es auch nicht ganz ungefährlich, zumindest von der einen Seite der Straße her. Der Prozess, sich einzuschreiten und alle Kurse auszusuchen, war etwas schwierig, denn man hatte ein ausgedrucktes Computerformular mit der richtigen Kursnummer auszufüllen und sich dann in der richtigen Schlange anzustellen. Alles schien recht umständlich. Irgendwann hat es aber dann doch funktioniert. Später sah ich dann auch meinen Tutor, mit dem ich schon einmal telefoniert hatte. Ich traf dann auch die anderen deutschen Mitstudenten, die aber mir gegenüber als behinderter nicht sehr aufgeschlossen waren. Zum Beispiel fragte ich sie, wo geht ihr denn nachher hin, worauf man mir sagte, man wisse es nicht. Später sah ich dann alle zusammen in der Cafeteria sitzen. Die erste Zeit war ich sehr alleine. In England war es damals üblich, dass die Studenten sich in verschiedenen Gruppen, den sogenannten "Societies" zusammentaten, verschiedenen Interessen gemeinsam nachgingen, und es gab ein sogenanntes Union Building, in dem es auch Einkaufsmöglichkeiten auf dem Campus , sowie auch auf dem Gebiet der Studentenwohnheime, gab, die aber etwas teurer warenals außerhalb, und es gab Anlaufstellen, in denen man sich zu verschiedenen Problemen beraten lassen konnte, oder Bereiche, in denen man sich einfach zum Quatschen aufhielt. Im Union Building habe ich mir später auch Hilfe und Beratung geholt, was die Eingliederung und was die Unterstützung in Form eines Mobilitätstraining angeht. Die erste Zeit war ich wirklich sehr einsam, was mich teilweise wirklich verzweifeln ließ. Sogar der Uni-Pfarrer , der mich einmal weinend am Kaffeeautomaten stehen sah, hat dies bemerkt und mich angesprochen und das dann auch den Studentenberatern weiter erzählt. Die kümmerten sich dann darum, dass ich über die Stadt Southampton kostenlos eine Mobilitätstrainerin zur Verfügung gestellt bekam. Diese war auch Trainerin für Lebenspraktische Fähigkeiten, LPF, und lehrte mich dann auch, den für Blinde nicht ganz ungefährlichen Umgang mit dem Gasherd. Sie meinte aber, den Grill solle ich auf keinen Fall benutzen, der über dem Gasherd hin, da dieser schon weiß vor Schimmelwar, es sei denn, ich hätte vor, an einer Lebensmittelvergiftung sterben zu wollen. Die Mitbewohner legten auch immer ein Stück Alufolie darauf, wenn sie etwas Briten. Auch zeigte mir die Mobilitätslehrerin, wo man billiger als auf dem Campus seine Lebensmittel besorgen könnte. Ich lernte dann auch den Umgang mit den Waschmaschinen und den dazugehörigen Münzautomaten. Da ich in meinem Rapunzelturm sehr abgeschlossen war, hatte ich große Mühe, zu den abendlichen Veranstaltungen zu gehen. Zusätzlich hatte ich zu dieser Zeit auch noch ein langandauerndes Pfeiffer'sches Drüsenfieber, eine damals nicht erkannte EBV-Infektion, dass ich bereits im August 1990 bekam, und das chronisch geworden war. Ich konnte zwar überall teilnehmen, litt aber immer noch an häufigen wiederkehrenden Infekten, einer gewissen Muskelschwäche und Gelenkschmerzen. Zu Beginn regnete es andauernd, so das ich mich ständig erkältete. Zum Glück hatte die Universität einen eigenen Medical Center. Eine nette englische Studentin hatte zuvor den Weg von meinem Studentenwohnheim zur Universität mit mir geübt. Ich wollte aber auch abends an den Veranstaltungen teilnehmen, und es war schwierig, sicher und trockenen Fußes wieder nach Hause zu kommen. Es gab zwar einen Pendelbus zwischen der Universität und meinem Studentenwohnheim, aber es war ein Kampf ums Dasein, im Darwin'schen Sinne, einen Platz in diesem Pendelbus zu ergattern. Meine Argumente, ich müsse unbedingt mitfahren, da ich nicht alleine mit Nachtblindheit und anderen Problemen 20 Minuten durch die Gegend laufen könnte, wurden von den Mitkämpfern meistens mit den Sätzen abgeschmettert, das geht uns auch nicht anders. Wenn nicht oft Studenten mit sozialer Ader dagewesen wären, die mir in den Bus geholfen hätten, hätte man mich wohl eiskalt nachts durch die Gegend laufen lassen. Somit ging ich zu der Verwaltung der Studentenwohnheime und fragte, ob ich nicht in das Studentenwohnheim für Behinderte in der Nähe der Uni umsiedeln könnte. Mir wurde gesagt, das ginge nicht, da ich nur für zwei Trimester da sei. Außerdem würde es die Integration der Behinderten Studierenden gefährden, da ein gewisser Proporz an Nichtbehinderten Studenten ebenfalls dort leben müsste, um den Behinderten behilflich zu sein. Meine Integration, die ich dann keine Teilhabe an abendlichen Veranstaltungen genießen könnte, stand hier nicht zur Diskussion. Ich erklärte der Frau, dass ich fast blind sei, dass ich aufgrund eines chronischen Infektes häufig Muskelschmerzen und Gelenkschmerzen hätte und mich häufig erkälten würde, und dass ich daher nicht jede Nacht so weit laufen könnte. Da meinte die Koordinatorin der Studentenwohnheime, warum ich denn dann überhaupt hierhergekommen sei, wenn man gewusst hätte, dass ich so behindert bin, wäre sie sicher, man hätte mich nicht genommen. Ich war geschockt und rannte weinend heraus. Ich setzte mich dann eben mit dem bereits erwähnten Beratungszentrum im Union Building in Verbindung, die dann einige Hilfestellungen einleiteten. Unter anderem sollte ich in meinem Zimmer ein Telefon bekommen, damit ich um Hilfe ersuchen könnte, wenn ich eine Begleitung zu Veranstaltungen gebraucht hätte, oder wenn ich zum Beispiel hierfür bekannte oder sonstige Menschen hätte anrufen wollen. Mir wurde zugesagt, dass ich so ein Telefon erhalten würde, die Rechnungen monatlich natürlich selbst bezahlen müsste. Das fand ich nur fair. Als dann die Monteurin mit dem Telefon kam, hieß es, ich müsse die Rechnung selbst zahlen, ich hätte ja schließlich kein augenärztliches Attest bei meiner Anmeldung an der Universität mitgeliefert. Hinterher stellte sich heraus, dass die Sekretärin des deutschen Departments während meiner Anmeldung verstorben war, und dass dadurch einige Informationen verloren gegangen waren. Einige Studenten, besonders unsere Subwardens, also die einzelnen Flursprecher, unterstützten mich darin, ein Telefon zu beantragen, und auch mein Tutor half mir. Auch die Sekretärin des englischen Departments ermutigte mich dazu, für meine Rechte zu kämpfen. Irgendwann bekam ich dann die Installation des Telefons finanziert, und ich wies darauf hin, dass diese Telefonleitung ja später bleiben würde und ein zusätzliches Angebot für andere Studenten mit Behinderungen oder Erkrankungen, die dort einziehen würden, darstellt. So habe ich mich dann langsam durchgekämpft, ich lernte die Wege innerhalb der Universität und auch im Stadtzentrum mithilfe der Mobilitätslehrerin, konnte dann auch zu den verschiedenen Supermärkten gehen und sparte dadurch eine Menge an Geld. Ich hatte ja das Stipendium des Deutschen akademischen Austauschdienstes und mein Blindengeld für die hier ja deutlich gewordenen blindheitsbedingten Mehraufwendungen. So musste ich zum Beispiel häufig ein Taxi benutzen, da ich die Buslinien noch nicht gelernt hatte, was dann auch meine Mobilitätslehrerin mit mir machte. Die deutschen Studenten und auch die Studenten aus anderen Ländern taten sich häufig zusammen. Einmal war auch ich auf einer Party eingeladen, da einer unserer Dozenten, der sehr locker war, in seinem Haus eine Party gab. Dort sprach ich dann mit einer deutschen Mitstudentin und erzählte ihr, dass ich mich wirklich einsam fühlte. Sie war eine derjenigen, die mir von Anfang an sympathisch war. Ich hatte mich einmal getraut, sie anzusprechen, ob sie während der Pause mit mir in die Cafeteria ginge, was sie damals ablehnte. Hierüber war ich sehr traurig und entmutigt. Daher war ich froh, dass wir so eine Gelegenheit bekamen, uns auszusprechen. Sie gestand mir, dass sie häufig dachte, dass es doch schön wäre, wenn die anderen mich mitnehmen würden, aber dann würde ja alles so langsam gehen, da ich nicht schnell genug sei. Das war den Leuten zu viel. Außerdem tue ich mir mit Gesprächen in Gruppen aufgrund meiner zusätzlichen Behinderungen recht schwer. Daher hätte ich immer besondere Aufmerksamkeit oder besondere Hilfestellung gebraucht. Wir beiden machten dann einmal etwas aus, um uns auf einen Kaffee bei ihr im Studentenwohnheim zu treffen. Als ich einmal in der Stadt war, sprach mich ein Mann an, ob ich hier wohnen würde, und er sagte, dass er meinen Stock bemerkt hätte, und dass er auch eine Sehbehinderung hat. Wir verabredeten uns dann an der Bibliothek, wobei ich dann sehr traurig war, dass er nicht erschienen war. Es stellte sich doch tatsächlich heraus, dass er die Stadtbibliothek meinte, da er ja kein Student war, und ich nur die Universitätsbibliothek kannte. Mir war dieser Fehler erst dann bewusst, als wir das Missverständnis aufklärten. Wir beiden haben sehr viel miteinander unternommen, denn sein damaliges Sehvermögen war noch gut genug, um mich zum Schwimmen zu begleiten, oder um andere Dinge mit mir zu unternehmen. Es gab in England zu dieser Zeit, vielleicht gibt es das auch heute noch, Möglichkeiten, dass ein Schwimmbad für 1 Stunde pro Woche für bestimmte Gruppen vermietet wurde. Nach den Schwerbehinderten kamen zum Beispiel die Nudisten dran. So fuhren wir jeden Sonntag fast zwei Stunden mit dem ÖPNV durch die Gegend, um für 1 Stunde schwimmen zu gehen, denn als fast blinde schaffe ich es nicht, in einem öffentlichen Schwimmbad sicher zu schwimmen oder mich einigermaßen zu bewegen, ohne, dass es laufend Kollisionen gibt. Irgendwann freundeten wir uns dann zu dritt an, die deutsche Studentin, mein Bekannter aus der Innenstadt und ich. Dadurch hatte ich häufig die Möglichkeit, bei einem von den beiden zu übernachten und sparte eine Menge an Taxikosten. Oder einer von beiden übernachtete bei mir, sodass er mich nach Hause begleiten konnte, ohne dann selbst wieder heimfahren zu müssen. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass ich vergessen hatte, mich in meiner Heimatuniversität für das Folgesemester wieder rückzumelden. Nun hatte ich endlich Freunde gefunden und war nicht mehr so einsam, hatte mich eingelebt und sollte wieder weg? Das sah ich nicht ein, und da ich sowieso in meiner alten Universität für das nächste Semester nicht eingeschrieben war, blieb ich einfach bis zum Ende des zweiten Semesters. Dies wurde mir auch genehmigt, und ich konnte auch weiterhin in meinem Zimmer im Studentenwohnheim bleiben. Nun fiel die Finanzierung vom DAAD zwar weg, doch hatte ich mittlerweile genügend Möglichkeiten entwickelt, um Geld zu sparen, da der starke Mehraufwand der Anfangszeit sich erheblich reduziert hatte. Vor meiner Abreise hatte ich mit einem meiner Englisch Professoren besprochen, welche Leistungen ich abliefern müsste, damit ich einen Schein bekommen könnte. Er sagte, ich müsse drei Essays schreiben, dann könne ich einen Schein für ein Hauptseminar in Englisch erwerben. Denn ein Essay in England war damals um die fünf Seiten lang. Zu Anfang hatte ich für meine Begriffe recht schlechte Zensuren und war bitter enttäuscht. Ich hatte häufig ganz andere Vorstellungen von dem, was ich abzuliefern hatte, aber irgendwann lernte ich auch, was man von mir haben wollte. Ich genoss es, einmal nicht wie zu Hause überwiegend in die Seminare für Übersetzer zu gehen, sondern mich mehr mit Literatur oder verschiedenen Gedanken und Anschauungen zu befassen. Über die erste schlechte Note war ich so enttäuscht, dass ich eine Stufe über sah und mehrere Treppenstufen hinunterstürzte. Dies sah der nette Dozent, der die Party gab, und der gerade zufällig aus dem Fenster schaute. Er brachte mich gleich zum Medical Center, wo mich eine Schwester versorgte und meine Bänderdehnung mit dem englischen Humor kommentierte: nächstes Mal den Alkohol besser verdünnen. Auch dieser Schmerz verging schnell, auch der Schmerz der schlechten Note. Ich lernte auch bald, dass man in England seine Ansichten nicht sehr deutlich äußert. Es stand unter meinen Aufsätzen und Übersetzungen häufig: eine sehr sensible und sehr interessante Arbeit. Dennoch hatte ich keine gute Note. Irgendwann merkte ich dann, dass "sensibel" einfach bedeutet, dass es Geschwafel ist, und "interessant" bedeutet, dass die These völlig daneben ist. Wir hatten regelmäßig Stunden mit unserem Tutor, in denen wir Probleme oder z.B. die Gepflogenheiten und die Unterschiede zwischen England und Deutschland diskutierten. Viele meiner deutschen Kommilitonen, die mehr Kontakt zu den Mitstudenten hatten als ich, beklagten sich darüber, wie schwer die Kommunikation mit englischen Mitstudenten sei, da diese häufig sehr empfindlich auf unsere deutsche direkte Art reagierten. Es gab hier häufig Konflikte auf kultureller Basis, da die englischen Studenten es einfach nicht gewohnt waren, dass man ihnen auch einmal die Meinung sagt, und wir von Ihnen unsererseits erwarteten, dass sie offen und direkt mit uns umgingen. Zum Beispiel ging ich einmal ins Nebenzimmer und beschwerte mich nachts um eins, dass man doch bitteschön jetzt etwas leiser sein sollte. Dies ist in deutschen Studentenwohnheimen durchaus üblich. Prompt wurde mir ein paar Tage später zugetragen, die betroffene Studentin habe gesagt, die ist ja gar nicht so unfreundlich. Warum sie mich zunächst für unfreundlich hielt, lag an meinem direkten Auftritt mitten in der Nacht um 1:00 Uhr, wobei sie dieses Urteil revidierte, nachdem sie sich am Tag danach mit mir etwas unterhalten hatte. Ich traf auch eine deutsche Musikstudentin, die mir beibrachte, Querflöte zu spielen. So übte ich in meinem Zimmer, und ich rechnete damit, dass sich schon irgendwann jemand beschwert, wenn es ihm zu laut wird. Doch wurde ich dann zu einem unserer Flursprecher zitiert, der mir mitteilte, die griechischen Studenten hätten sich beschwert, dass mein Querflötenspiel zu laut sei. Ich ging daraufhin zu den Studenten und sagte, wenn sie etwas zu bemängeln hätten, sollten Sie sich bitte direkt mit mir auseinandersetzen. Daraufhin wurde mir entgegnet , man habe nicht gewusst, ob mir das Querflötenspiel generell gestattet sei, oder ob sie sich beschweren durften. Daher wollten sie sich beim Flursprecher absichern. Daraufhin erwiderte ich, die ich eine etwas anarchistischere Auffassung vom einfachen Zusammenleben habe, es ist egal, ob es erlaubt ist oder nicht, wenn es Euch stört, kommt bitte und sagt mir dies, und wir werden uns einig. Für mich war es ungewöhnlich, dass erwachsene Menschen solche Dinge nicht einfach untereinander regeln können. Doch sind in England die Studenten sehr jung. Die griechischen Studenten hatten zuvor eine etwas längere und ausgedehnte Feier und erhielten daraufhin eine Strafe von 60 GBP, so passten sie sich in ihrer Vorgehensweise relativ schnell an die Art der Beschwerdeführung an. Ob dies nun auf andere Universitäten oder Studentenwohnheime übertragbar und heute auch noch so ist, kann ich natürlich nicht gewährleisten. Später erfuhr ich dann, dass der Dozent, der eine Party in seinem Haus gegeben hatte, noch einmal ein paar Wochen später die Geburtstagsfeier eines unserer spanischen mit Studenten in seinem Haus ausrichtete, doch war ich von dem spanischen Geburtstagskind nicht eingeladen worden. Solche Dinge passierten mir sehr häufig, sodass ich oft von Aktivitäten ausgeschlossen wurde. Aber ich war froh, zumindest diesen kleinen Freundeskreis gefunden zu haben, zu dem sich dann auch noch ein autistischer mit Student dazu gesellte, der von den anderen häufig ausgelacht, verspottet oder hinters Licht geführt wurde. Ich hatte dann auch Kontakt zu einem anderen spanischen mit Studenten und einer spanischen Studentin, die mich später sogar einmal an meinem heutigen wohnort besuchte. Die Zusammenarbeit innerhalb der Seminare zwischen uns und den englischen Studenten war nicht immer einfach. Wenn wir in Gruppen eingeteilt wurden, versuchte ich, Beiträge zu formulieren, aber die Studenten waren im Schnitt bis zu fünf Jahre jünger als ich. Auch hatten sie damals, vor der Bologna Reform noch eine ganz andere Art der Ausbildung. Dies dürfte sich aber mittlerweile auch geändert haben. Da ich Übersetzerin für medizinische Fachtexte werden wollte, wurde mir auch gestattet, in die Medizin Vorlesungen zu gehen. Dies war für mich eine tolle Zeit und wirklich ein Genuss. Die medizinische Fakultät war etwas abgelegen vom Rest der Universität, sodass ich mir einen Tag in der Woche auserwählte, indem ich die Medizinvorlesungen besuchte. Insgesamt stellte ich fest, dass der englische Humor hier sehr zum Tragen kam, und dass die Vorlesungen sehr unterhaltsam waren. In den Medizin Vorlesungen wurde sehr viel Wert auf die sozialen Aspekte der Behandlung gelegt, den Umgang mit Patienten oder die Gesprächsführung. Dies wurde auf sehr humorvolle Weise demonstriert. Auch gingen die Studenten in Behindertenwohnheime oder hatten Kontakt zu behinderten Patienten, sie hatten Vorträge eines Soziologen, der über Behinderung sprach, und ihnen wurde auch sehr bewusst gemacht, dass sie auf die Bedürfnisse behinderter Menschen achten müssen. Von der medizinischen Fakultät lernte ich auch ein paar Leute kennen, mit denen ich zuweilen Kontakt hatte. Was mir besonders gut gefallen hat an der englischen Universität war, dass Demokratie wirklich gelebt wurde. Es gab ein Studentenparlament, wie auch an deutschen Universitäten, doch nahm jeder dort ziemlich rege teil. Es gab Abstimmungen, verschiedene Debattierclubs, und ich wurde auch einmal zu einer Großdemonstration gegen die British National Party mitgenommen. Auch kamen politische Redner zu uns, gegen die wir natürlich heftig demonstrierten, zumal dann, wenn sie von der konservativen Partei kamen. Auch hier konnte ich mich gut einbringen. Es fanden zu dieser Zeit Wahlen für das Studentenparlament statt, sodass Studenten von Zimmertür zu Zimmertür gingen, um für sich Werbung zu machen. Ich fand es sehr schön, wie hier der Parlamentarismus gepflegt wurde. Die Reden der einzelnen Mitglieder des Studentenparlaments wurden sogar über Video in angrenzende Räume übertragen. So fühlte ich mich auch relativ schnell in die politischen Aktivitäten eingebunden und bekam auch als ganz normale Studentin, zumal sogar aus dem Ausland, ziemlich guten Einblick in das, was so an der Universität vorging. An meiner Heimat-Uni gab es zu dieser Zeit den AStA, mit dem sich ein Großteil der Studierenden meiner Generation damals nicht wirklich identifizieren konnten. Meistens waren die Themen des AStA bei uns recht extrem, und die Ansichten waren auch häufig sehr extrem und wurden in einer ziemlich aggressiven Art vorgetragen. Dennoch konnten wir an meiner Universität zu Hause eine behinderten AG etablieren und hatten gute Möglichkeiten, unsere Interessen zu vertreten. Trotz der großen Schwierigkeiten, die ich bis zur Mitte meines Aufenthaltes in England hatte, möchte ich dieses Jahr nicht missen. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass ich weniger Hindernisse gehabt hätte. Auch damals gab es in England schon sehr gute Strukturen für Behinderte, zweimal die Woche gab es zum Beispiel im BBC eine Sendung von, für und mit behinderten. Das Bewusstsein war wesentlich größer als in Deutschland zu dieser Zeit, es gab überall blinden Ampeln, Rollstuhlrampen und Bodenmarkierungen. Umso härter kam mich der anfängliche Widerstand an, gegen den ich zu kämpfen hatte. Dies lag sicher auch an verschiedenen Umständen, an meinen Schwierigkeiten, die ich unverschuldet nun einmal aufgrund meiner jetzt anerkannten Mehrfachbehinderung habe, wenn ich Dinge organisieren muss, und auch an den damaligen Schwierigkeiten, schnell und reibungslos mit einer Universität in einem anderen Land zu kommunizieren, als E-Mail und Co noch nicht so etabliert waren wie heute. Wie so häufig bei mir kamen sehr viele Dinge zusammen, die meine Situation erheblich erschwerten. Ich würde mir heute wünschen, dass der Umstand, wie sehr ich mich damals durchgebissen habe, mir für mein Leben angerechnet würde. Für Arbeitgeber sollte die Tatsache, dass sich eine Studentin mit Behinderung unter diesen Umständen durchschlagen konnte, als Positivum ausgelegt werden, was aber leider nicht der Fall war. Ich habe leider nach meinem Studium keine Stelle bekommen. Ich bin mittlerweile vollerwerbsgemindert, da ich im Jahre 2006-2016 auch noch an die Dialyse musste. Somit bin ich heute auf Assistenz angewiesen, um meinen Alltag zu regeln. Für die meisten Menschen wirke ich eher wie jemand, der im Leben nicht sonderlich gut zurecht kommt, und auch der Umstand, dass ich ein Jahr in Amerika und ein Jahr in England war, trägt nicht dazu bei, dass andere Menschen mich als jemanden wahrnehmen, die auch eine gewisse Widerstandskraft hat und sich auch durchbeißen kann. Eine gewisse Achtung meiner Fähigkeiten diesbezüglich wäre schön gewesen. Im Hinblick darauf, mich im Alltag irgendwie durchzuschlagen, fruchtete der Auslandsaufenthalt, zum Beispiel habe ich dadurch auch gelernt, mich in einer anderen Stadt einzurichten und alles zu organisieren, um dort heimisch zu werden. Wenn dies meine Assistenten oder meine Familie und mein Umfeld lesen würden, wäre dies ein Wunschtraum, wenn sie mich dann vielleicht etwas mehr als starken Menschen wahrnehmen würden oder als jemanden, der sich notfalls auch mal durchbeißen kann und etwas durchhält. Wenn ich auch aufgrund meiner Erkrankungen und aufgrund des Lebens selbst heute einen Gutteil meiner damaligen Fertigkeiten eingebüßt habe. Ich glaube aber, dass heutzutage, wenn nicht gerade wieder mal alles schief läuft, solche Probleme nicht mehr in dieser Art auftreten. Mein Wunsch ist, dass solche Dinge, besonders für Behinderte, so gut wie möglich geplant werden können. Wenn auch in fachlicher Hinsicht aus Mangel an Arbeit und wegen Frühberentung mein Wissen und meine Kompetenzen nicht mehr genutzt werden können, wäre es doch schön, wenn ich zumindest durch die Erfahrungen, die ich gemacht habe, etwas mehr an Anerkennung gewinnen könnte, und damit auch meiner Umwelt etwas zu sagen hätte. Zuerst veröffentlicht auf studieren-weltweit. De: https://www.studieren-weltweit.de/tagung/mein-auslandssemester-das-ein-jahr-wurde/ Unter folgendem Link könnt ihr eure eigene Geschichte Erzählen und zum Thema Auslandsstudium mit Beeinträchtigung mitdiskutieren. https://www.studieren-weltweit.de/diskutiere-mit/geschichten-studierende-mit-beeintraechtigung/