Sonntag, 20. Juni 2010

Minnetournier mit Zweikampf

Am Samstag den 5. Juni machten ein Bekannter und ich uns auf den Weg in den östlichen Harz, um ein Minnetournier mitzuerleben, welches als Tributveranstaltung für die Band Ougenweide und deren vierzigjähriges Bestehen veranstaltet wurde.

Schon im Vorfeld gestaltete sich die Planung sehr schwierig. Robert hatte feste Vorstellungen davon, wann er losfahren, ankommen und was er alles dort machen wollte. Alleine hätte ihn die Fahrt einfach 72 und hin und zurück 144 Euro gekostet. Da ich eine BahnCard 50 habe, und meine Begleitperson kostenlos fährt, konnten wir uns die Fahrtkosten teilen. Ein Bekannter tüftelte uns mehrere Reisemöglichkeiten aus und fand heraus, dass wir nur bis Halle lösen mussten. Somit kostete die Hin- und Rückfahrt nur ganze 60 Euro. Jeder musste also nur 30 Euro berappen, um nach Maisburg auf Burg Falkenstein zu kommen. Das Konzert kostete 14 Euro, die Matinee am nächsten Morgen nochmals 7 Euro. Da ich fürchtete, meine 30 Euro nicht von Robert zu bekommen, da er laufend über seine Verhältnisse lebte und noch andere Leute vor mir auszuzahlen hatte, schlug ich einen Tausch vor. Er sollte für mich die Karten im Wert von 21 Euro kaufen und mir die neueste Ougenweide-CD mit bestellen. Da ich ihn laufend eingeladen hatte, gab er sie mir für 10 anstatt für 15 Euro. Somit waren wir quitt. Er bestellte meine Karte erst sehr spät, und am Vortag erhielt ich die Bestätigung, dass das Geld eingegangen sei, die ich zur Vorlage beim Kartenverkauf mitnehmen sollte.

Das Konzert war für 19:30 angesagt. Aber Robert wollte bereits um 6:30 losfahren, damit er um 12 Uhr da war. Warum er so früh fahren wollte, meinte ich. Er gab an, es könne ja was passieren, dass wir später ankämen, außerdem wolle er noch zu Mittag essen, sich die Burg und die Gegend ansehen, und er wolle möglichst früh beim Einlaß zum Konzert sei, um möglichst weit vorne zu sitzen, sonst könne man ja gleich eine CD anhören, wenn man so weit hinten säße. Die Rückfahrt sollte möglichst spät sein, denn er wolle ja noch mit den Bandmitgliedern der verschiedenen Teilnehmer des Tourniers plaudern, einen Braten zu Mittag essen, sich gemütlich auf eine Bank setzen und die Gegend genießen und keinerlei Streß haben. Mein Einwand, dass wir dann erst extrem spät zu Hause ankämen, und dies zu riskant sei, weil ja ein Zug Verspätung haben könne, was sich auf die Anschluß-Züge auswirkt, wurde nur weggewischt, da könne nichts passieren, was solle da schon groß sein? Auf der Hinfahrt kann also was dazwischen kommen, dass wir zu spät zum Konzert kommen, auf der Rückfahrt sei das dann auf einmal nicht mehr möglich. „Ich will das aber so, ich will das und ich will das.“ Meine Einwände, dass er durch mich so billig fahren kann und dann auch etwas Rücksicht auf mich und meine Erkrankung und Behinderung nehmen müsse, zählte nicht. Er selbst ist allerdings ebenfalls krank, kramt das Argument aber nur hervor, wenn es ihm nützt. Ich hätte mich auch seinen Bedingungen zu fügen, so wie er sich meinen. Warum ich ein Problem damit hätte, um fünf Uhr morgens aufzustehen, wenn ich abends erst um 22 Uhr von der Dialyse käme und erst um zwölf Schlafen gehen könne, versteht er nicht, das sei doch wieder ein ganz anderer Tag. Und man soll doch nicht so unflexibel sein, wir könnten am Sonntag, wenn die Matinee früher aus sei, auch früher fahren, aber wenn nicht, wolle er eben so spät wie möglich weg. Mein Vorschlag, er könne doch sein Gepäck gleich zur Matinee mitnehmen, damit wir danach sofort losfahren könnten, wurde bockig abgelehnt. ER schleppt doch nicht den Koffer mit, und er müsse sein Gewand noch ausziehen, und er müsse nochmals ins Quartier zurück usw. Ich sagte ihm dann klipp und klar: Wenn DU das alles willst, dann mach es so, aber dann fährst DU ohne mich.

Da er offenbar begriffen hatte, daß er durch mich soviel Geld spart, lenkte er ein, und wir fuhren erst um 8:30 morgens los. Er bestellte schon ein Taxi, welches uns von Maisdorf zu unserem Quartier nach Banzfeld fahren sollte. Auch die Plätze im Burgrestaurant bestellte er schon vor, damit er zu Mittag essen konnte. Das Taxi hätte einfach 15 Euro gekostet. Daraufhin bat ich ihn, ein anderes mit Mietwagen zu suchen. So fanden wir eines, welches nur acht Euro verlangte. Ich handelte aus, dass wir hin und am Sonntag zurück insgesamt 15 Euro zahlen würden. Als wir in Banzfeld ankamen, ließ man uns erst mal stehen. Robert hatte schon eruiert, dass von Banzfeld eine Bimmelbahn zur Burg hochfahren würde. Die sollte in 15 Minuten losfahren. Aber niemand nahm Notiz von uns. Als dann endlich eine etwas unfreundliche Kellnerin aus dem Restaurant unsere Namen auf der Liste suchte, stellte sich heraus, dass wir nicht im Gästehaus in Banzfeld untergebracht seien, wie Robert mir erklärt hatte, sondern im Selkehaus in Maisdorf. Da hätten wir uns das Taxi sparen können. Der Chef der zahlreichen Gästehäuser kam auf uns zu und meinte, hätte Robert ihm gesagt, dass er zum Minnetournier wollte, hätte er ihn anders untergebracht. So hatten beide aneinander vorbei geredet. Der Chef bot uns an, uns im Auto nach Maisburg ins Selkehaus zu fahren und von da dann wieder nach dem Einchecken zur Bimmelbahn nach Banzfeld mitzunehmen. Er bot auch an, er würde uns am Abend nach seinem Ritteressen mit den anderen Gästen vom Restaurant ins Selkehaus zurückfahren. Robert maulte aber, das sei ihm zu früh, er habe für das GANZE Konzert 14 Euro bezahlt, und er wolle es auch GANZ anhören und nicht mit zurückfahren. Der Chef machte ihm klar: „Es ist nicht meine Aufgabe, Sie herumzufahren, ich wollte Ihnen NUR einen Gefallen tun.“ Ich nahm das Angebot aber dankbar an. Ein Lied oder weniger mitzubekommen, war mir egal. Ich hatte die Nacht zuvor sehr wenig geschlafen, da die Katzen soviel Radau gemacht hatten und immer raus und rein wollten. Außerdem war ich schon früh aufgestanden und wollte nicht um 23 Uhr noch einen anstrengenden Gewaltmarsch durch den Wald von der Burg bergab nach Maisdorf machen. Der Chef meinte, ich solle mich in der Konzertpause bei ihm im Restaurant melden, damit ich erfahren könne, wann der Kleinbus zum Selkehaus fährt. Ich bat Robert, mich in der Pause dort hinzubringen, aber er meinte, er würde dann seinen Sitzplatz verlieren, er könne nicht aufstehen. Als wir dann bei der Bimmelbahn anlangten, eröffnete er mir, er habe das Schreiben mit der Zahlungsbestätigung, welches ich ihm ausgedruckt und übergeben hatte, im Hotel liegen lassen. Na toll, nun würde ich vielleicht meine Karte nicht bekommen. Dann gestand er mir auch noch, er habe seine Eintrittskarten ebenfalls im Hotel liegen lassen. Da wäre ich beinahe ausgeflippt. Ich saß schon bibbernd da, ob wir jetzt überhaupt reinkommen würden. Die Fahrt mit der Bimmelbahn übertraf all meine Befürchtungen. Wir fuhren nicht auf Schienen sondern mit einer Motor-Lok auf der Straße. Wir hingen in einem Wagen hinten dran. Bei der Fahrt über Kopfsteinpflaster, Schotterwege und Waldwege, wo es ja ohnehin schon schaukelt, wurden wir regelrecht durchgerüttelt. Ich wimmerte und weinte die ganze Fahrt hindurch, was Robert schon peinlich war. Ich wäre am liebsten aus der fahrenden Bahn gesprungen. Als ich dann schon so weit war, dass ich beinahe gespieen hätte, waren wir endlich da. Dort schleppte mich Robert gleich zur Kasse, anstatt, dass wir erst mal in das vorbestellte Restaurant zum Essen gingen. Dort erklärte uns die Frau, dass das alles gar nicht schlimm sei, sie würde uns jetzt zwei Karten geben, die könnten wir heute Abend benutzen, und er solle seine Karten einfach beide morgen zur Matinee mitbringen. Ich war schon glücklich über den unkomplizierten Verlauf der Sache, aber ich hatte nicht mit Roberts Sturheit gerechnet. Er meinte, er habe für mich zwei Karten vorbestellt, eine für die Matinee und eine für das Minnetournier, und die wolle er jetzt beide haben. Die Frau meinte, dass es für die Matinee noch zu früh sei, und er solle einstweilen die beiden Karten für den Abend nehmen. „ABER ich WILL mich nicht nochmal für die Matinee anstellen!“ Die Frau erklärte geduldig, dass er ja nun zwei Karten habe, die er für den Abend nehmen könne, und er solle seine beiden, die er unten vergessen habe, für die Matinee nehmen. „JA, aber da steht doch auf der einen Matinee drauf und auf der anderen Minnetournier.“ Das mache nichts, meinte die Frau, er könne beide für die morgige Veranstaltung verwenden. Mittlerweile bediente sie andere Leute, das Telefon läutete, und Robert gab immer noch nicht auf. Er wolle eine Karte für mich für den Abend und eine für die Matinee. Mir platzte der Kragen und ich brüllte ihn im überfüllten Kassenraum an: „Du sollst die beiden Karten, die die Frau Dir gegeben hat, für heute Abend nehmen und DEINE beiden Karten, die Du vergessen hast, für die MAATTINNEEEEE!!!! Der Chef, der uns hochgefahren hatte, meinte, ich solle rausgehen und draußen warten, und ob mich die Fahrt mit der Bahn schon so aufgeregt hätte. Ich erklärte ihm, dass es mit Robert zuweilen sehr schwierig sei. Dann setzte Robert doch noch durch, dass ich eine Karte für das Minnetournier und eine für die Matinee bekam, so dass er nun DREI Karten (seine für den Abend) in der Hand hielt. Beim Essen bat ich ihn dann, mir meine Karten zu übergeben. Da meint der doch glatt: „DU verlierst sie doch nur, und dann kommst Du nicht ins Konzert.“ Ich konterte, dass wer die Karten vergisst, ja wohl er gewesen sei, und daß ich bitte jetzt meine Karten haben wolle. Er gab sie mir mit der Ermahnung, sie nur JA nicht zu verlieren. Ich schlug vor, dass wir beiden anstatt der 35 Euro, die unsere Einzelzimmer jeweils kosteten, jeder von uns 40 Euro geben sollte, da sie uns noch so nett herumfahren. ER wolle aber nicht mehr zahlen, er wolle ja noch auf andere Konzerte, aß aber Eis, ein warmes Menü und verzichtete auf keine Cola und keinen Kaffee. Ich fand das schofel, was ich ihm auch sagte. ER wolle ja nicht mit denen fahren, na dann.

Wir waren natürlich schon um 17 Uhr beim Veranstaltungsort. So hätten wir noch viel Zeit gehabt, die Burg anzusehen. Ich bat Robert, doch mitzukommen, denn es sei doch auch sein Wunsch gewesen, so früh da zu sein, um die Burg zu besichtigen. Er habe keine Lust, er wolle draußen sitzen. Ein Mann, mit dem wir uns unterhalten hatten, meinte, warum gehen Sie nicht alleine da rein. Mein Stock wurde dort nicht als Zeichen für Blindheit interpretiert. Dasselbe passierte mir auch schon im Gästehaus, wo Robert auf einmal mitten im Gespräch verschwand. Als die Wirtin fragte, wo er sei, und ich meinte, ich sehe das nicht, fragte sie: „WIE, Sie sehen das nicht.“ Die kennen dort offenbar nicht die Bedeutung des Blindenlangstockes. Ich hörte den Burgführer rufen, dass die Burg nun bald zumacht, und so fragte ich ihn, ob er mich nochmal eben schnell durchführt. Das tat er auch. Ich fühlte mich bei ihm trotz der steilen Stufen, die auch um die Kurve gingen, sehr sicher. Es gab auch Stufen, die sich teilten, wobei eine Seite in ein Zimmer über eine hohe Schwelle führte, und eine Seite ging weiter abwärts. Ich wusste aber, in der Gegenwart des Burgführers würde ich nicht hinfallen. Er ging immer vor mir und passte gut auf mich auf. Das hätte ich mit Robert sowieso nicht machen können. Ich erfuhr, dass später hier die von Asseburg lebten bis 1945, und daß sie dort Jagdgesellschaften abhielten. Auch für Polizeiruf 110 wurde zu DDR-Zeiten dort gedreht. Es gab auch ein Fräuleinzimmer und einen Rittersaal. Man konnte auch in die Schlafzimmer sehen und dort hinein, wo sie die Jagdfeste abhielten, und wo sie ihre Waffen und Schwerter aufbewahrten.

Das Konzert selbst war ganz große Klasse. Die Jury bestand aus den Bandmitgliedern von Ougenweide. Es wurden nur Lieder gesungen und gespielt, die Ougenweide vertont oder arrangiert und vorrangig gespielt hat. Ein Musiktheater umrahmte alles mit dem Besuch eines gewissen „Frauenlob“ aus dem Mittelalter, der in Begleitung eines Henkers das Konzert kommentierte und beurteilte. Besonders witzig fand ich, dass er sich darüber mokierte, dass so viele Frauen in den Bands mitsangen, wo diese doch der Gegenstand der Minne seien und sich besingen lassen sollten. „Wenn das so weiter geht, kommt noch eine Frau an die Regierung.“ Alle lachten natürlich. Am Ende kam „Frau Minne“ auf die Bühne, die ehemalige Sängerin der Gruppe Ougenweide, die dann mit einem Lied von „Frauenlob“ geehrt wurde. Da ein Bandmitglied kurz nach Beendigung der CD an Krebs verstorben war, wurde ihm auch ein Lied gewidmet. Er hatte einige Stücke vertont, unter anderem die Merseburger Zaubersprüche, die ihm zu Ehren von allen Bands gemeinsam gesungen wurden. Danach war Totenstille, es war zu spüren, dass das jetzt „dran“ war. In der Schweigeminute hörte man jemanden erbärmlich schluchzen. Es war einfach passend zu der ganzen Stimmung und gehörte einfach so.

In der Pause wollte Robert natürlich nicht mit mir zu dem Restaurant gehen, um meine Heimfahrt zu klären. Die Banknachbarin nahm mich dann mit. Dort sagte man mir, ich solle mich nach dem Konzert einfach im Restaurant einfinden. Ich ging noch mit der Banknachbarin mit, um mir ein Schmalzbrot zu holen. Da kam Robert entsetzt angelaufen, wo ich denn sei, er habe mich gesucht. Daß ich ihm sagte, ich ginge mal eben schnell mit der Frau ins Restaurant, hatte er überhört. Ich solle mal eben da warten, er hole sich nur noch was zu Trinken, und dann würde er mich mit zurück zu unserem Platz nehmen. Ich wartete und wartete und wartete, aber kein Robert kam. Als ich schon vor mich hinmaulte, wo er denn bleibt, bot mir eine Frau an, mich mit zurück zu nehmen. Da stürzte er von irgendwo auf mich zu, er habe sich verquatscht. Er stellte mir Olaf, den Sänger von der Gruppe Ougenweide vor. Ich fand immer, er habe so eine zarte Stimme und stellte mir ein kleines, schmächtiges Kerlchen vor. Da drückte mir ein Hamburger Seebär die Hand, als sei ich in einem Schraubstock. Ich jaulte auf und erklärte ihm, dass er so eine zarte Stimme habe, was er gar nicht glauben konnte, was Robert aber ebenfalls bestätigte. Entschädigt durch den Händedruck „verzieh“ ich Robert, mich warten gelassen zu haben. Dann aber steckte mir meine Banknachbarin, er sei ohne mich zurück gekommen, SIE habe ihn nochmals losschicken müssen, um mich zu holen.

Am Ende des Konzerts, bei dem die Irrlichter alle drei der ausgelobten Preise einheimsten und drei Zugaben mit viel Tanz gaben, bat ich Robert, mich ins Restaurant zu bringen. Dort sagten sie mir, er müsse mich zu einer Lichtung unterhalb der Burg bringen, wo der Kleinbus hinfahren und mich mitnehmen würde. Er meinte: „Nein, ich will doch die Bandmitglieder noch sprechen, ich verpasse die doch sonst.“ Die Leute baten ihn: Wenn er klug sei, würde er nun seine Frau nehmen (BEKANNTIN bestand ich!), und mich bitteschön schnell dort hin begleiten. Nach vielem Überreden bequemte und erbarmte er sich dazu, mich zu dieser Stelle hinzubringen. Das war fast im Wald, nur eine Straße ging da entlang, und alle Nase lang kamen mal Leute vorbei. Es war nicht mehr sehr belebt, da es unterhalb der Burg war. Dort angekommen, meinte er, er ließe ich jetzt hier stehen und warten. Ich war entsetzt: „Du kannst mich doch nicht hier stehen lassen, hier kommt nur alle Nase lang mal jemand vorbei, ich kann vergewaltigt werden, hier ist nichts los, ich bin eine wehrlose kleine behinderte Frau!“ Ich hatte furchtbare Angst, da alleine stehen und warten zu müssen, mitten in der Nacht! Er druckste herum, bis dann eine Gruppe Frauen kam, die ein Auto hatten. Er bat sie, mich mitzunehmen. Ich aber meinte, ich müsse wie abgesprochen auf den Kleinbus warten, denn der Fahrer sucht mich ja sonst. Die Frauen boten an, auf mich aufzupassen, bis der Bus kommt. Dann kam eine Familie und meinte, man habe ihnen gesagt, sie sollten mit einer Frau mit Blindenstock auf den Bus warten, und ob ich das sei. Da „entließ“ ich Robert dann zu seinen Band-Kumpels. Es waren ja alle „seine Kumpels“, und er kenne sie ja so gut, und van Langen habe ihm schon des Öfteren ein Bier spendiert. Er tat, als sei er mit all diesen Bands auf Du und Du. Der Bus kam dann endlich, und die Familie begleitet mich noch zu meinem Zimmer im Selkehaus. Die Zimmer waren so angeordnet, dass jede Zimmertür direkt als Balkontür nach draußen ging. Man ging also direkt von außen ins Zimmer. Es gab seitlich noch ein Fenster. Das Bad war nach hinten raus und hatte sogar auch ein Fenster. Es war alles sehr großzügig, alles neu, aus Holz und sehr nett gemacht. Für 35 Euro hätte ich nicht mit einem eigenen Bad mit Dusche gerechnet.

Am nächsten Morgen klopfte ich bei Robert an die Wand, damit er hörte, dass ich auf war, damit er nicht verschlief. Laut sang ich in der Dusche, damit er auch ja hört, dass er aufzustehen habe. Beim Mittelalterfest in Selb hatte er völlig verschlafen, und wir kamen erst eine halbe Stunde nach Konzertbeginn auf das Festivalgelände. Dem wollte ich vorbeugen. Allerdings war er ohnehin schon wach. Im Essensraum sprach uns dann die Familie an, die mir geholfen hatte, und erklärte Robert, sie haben mich sicher nach Hause gebracht. Er meinte, er habe EXTRA nochmals durch meine Glastüre in mein Zimmer geguckt, ob ich auch sicher da sei, er sei erst um 3 Uhr heimgekommen. Ich meinte daraufhin, daß er jetzt auch nicht mehr so besorgt tun bräuchte, er wollte mich mutterseelenallein im Wald auf den Bus warten lassen, und außerdem habe er ja die Bandmitglieder offenbar alle noch gefunden und hätte getrost bei mir warten können, wenn die sogar bis drei Uhr nachts noch dort droben waren.

Das Frühstück war ganz große Klasse, es gab, was man sich nur wünschen konnte: Brötchen, Wurst, Käse, Ei, Säfte, Milch, Kaffee, Tee, Joghurt… Und das alles für 35 Euro! Ich machte mich dann auch gleich ans Zahlen. Robert saß noch rum und rauchte, er wolle sich keinen Streß machen. Um halb zehn sollte uns der Bus wieder zur Matinee abholen. Ich packte alles zusammen und saß danach gemütlich in der Sonne. Für einen Urlaub mit viel Erholung wäre dieses Gästehaus sicher auch sehr passend. Ich unterhielt mich noch kurz mit einem Minnesänger, der früher bei Vogelfrey mitgespielt hatte. Diese Gruppe macht zusammen mit geistig Behinderten und Gymnasiasten das Projekt Saitensprung. Sie sind aus meiner Gegend, was ich gleich an seinem Dialekt hörte. Daher kamen wir ja auch erst ins Gespräch, weil ich ihn fragte, woher sind SIE denn? Von Vogelfrey und Saitensprung habe ich eine wunderbare CD mit einem ganz tollen Konzert, die ich immer wieder gern höre.

Der Busfahrer ersparte uns das Bimmelbahn-Fahren, und auch so war es schon holprig genug. Oben angekommen meinte er, wir sollten dann klären, wann wir wieder zurück wollten. Das Gepäck hatten wir unterwegs in Banzfeld abgestellt in diesem Gästehaus, wo wir am Anfang fälschlicherweise angekommen waren.

Bis zur Matinee war noch viel Zeit, und so erkundeten wir etwas die Gegend, wobei Robert aber mehr oder weniger herumsaß und Kaffee und Cola trank. Er fand heraus, dass es zu Mittag Kesselgulasch und Quarkpfannkuchen gibt. Ich dachte, das sei doch eine gute Lösung, nach der Matinee essen wir: er das Gulasch, ich die Pfannkuchen, und dann gehen wir so, dass wir um 14:40 von Maisdorf losfahren können.

Bei der Matinee war ein Musikwissenschaftler anwesend, der uns erklärte, wie Ougenweide die Lieder verändert oder ganz neu vertont hat, und wo die Melodien teilweise herkommen, und wie sie entstanden. Wir sollten auch mitsingen. Auch dann, wenn niemand mitsang, trällerte Robert in der ersten Reihe total falsch mit. Ich knuffte ihn etwas in die Seite, damit er aufhört, aber er boxte mich heftig zurück. Immer, wenn ich mal einen Laut von mir gab, stupste oder boxte er mich in die Seite, ich solle ruhig sein, grölte und röhrte aber selbst mit, wo immer es möglich war. Nach der Matinee bekam ich den Musikwissenschaftler zu fassen und fiel ihm sichtlich lästig. Aber ich wollte halt einiges wissen: Ob er mir was über die Gruppe Lilienthal heraussuchen könnte, ob er den blinden Komponisten Conrad Paumann aus dem 15. Jahrhundert kenne, und ob er mir Musik von der Gruppe Elster Silberflug besorgen könne, da er ja einen kleinen Musik-Verlag oder -Versand hat. Ich erstand noch eine CD von Ougenweide, nämlich die, die ich als allererstes als Schallplatte bei meiner Schwester gehört hatte und wiederhaben wollte.

Das Ganze war um 12 Uhr beendet. Nach Kesselfleisch und Pfannkuchen hätten wir locker um 14:40 in Maisdorf sein können. Wir setzten uns zu den Betreibern des Spartenradios für Mittelaltermusik Radio Aena. Die boten mir an, ich könnte ein Gesuch aufgeben, vielleicht melden sich dann Leute, die Folk-Musik oder Ähnliches mit mir zusammen machen würden. Ich suche schon lange solche Leute, aber es will und will und soll nicht klappen. Rundherum um uns war große Aufbruchstimmung. Es wurden immer weniger. Der Sänger von Ougenweide verabschiedete sich von uns und drückte mir nochmal fest die Hand, wobei es ganz schön wehtat, aber ich freute mich so, dass er von sich aus auf mich zukam, was ja Leute oft nicht so machen, und dann auch noch so jemand „Bekanntes“. Ich bat Robert, er solle sich doch jetzt sein Kesselgulasch bestellen, so könnten wir dann gehen. „ICH hab jetzt keinen Hunger, mach nicht so einen Streß.“ Ich bat ihn, dass wir doch jetzt gehen könnten, denn alle anderen brechen auch schon auf. Unsere Tischnachbarn wollten auch bald fahren, sie hätten noch vier Stunden Fahrt vor sich. Wir hatten sechs-sieben Stunden, aber Robert machte keine Anstalten. Er langweile sich doch sonst nur in seiner Wohnung, was solle er denn mit dem angebrochenen Abend dann noch anfangen, schließlich kämen wir dann ja „schon“ um halb zehn nach Hause, und er wisse nichts mit sich anzufangen. Außerdem hätten wir ja für 16:40 die Plätze reserviert, und wenn wir früher führen, bekämen wir dann keinen Platz. Ich wandte ein, dass ich nur deshalb so spät reserviert hätte, FALLS die Matinee länger dauern würde, damit ER nicht so früh von der Matinee wegmüsse, aber wenn doch jetzt schon alles aus sei, könne man doch fahren. „Mach keinen Streß“ war die Antwort. Dann bestellte er endlich ein Eis, ich bestellte meine Quarkpfannkuchen. Das war eine ganz schöne Pampe, mit Eis, Kirschkompott und Zimt. Die Pfannkuchen waren dünn, von Quark keine Spur, jedenfalls nichts Sättigendes und obendrein ohne Messer mit nur Gabel und Löffel extrem schwer zu essen.

Dann merkte Robert plötzlich zu seinem Schrecken, dass ihm seine Zigaretten ausgegangen waren. Ich schlug vor, dass wir jetzt nach Maisdorf zur Bushaltestelle fahren könnten, und da gäbe es dann SICHER auch Zigaretten, und wir könnten heimfahren. Nein, er wolle nur Zigaretten haben. So nahm er das Angebot an, mit dem Ehepaar von Radio Aena mit nach unten nach Banzfeld zu fahren. Dort gingen wir in das Gästehaus, wo wir ja unser Gepäck abgestellt hatten. Er ließ mich irgendwo stehen, wo ich gar keinen Platz fand, rannte durchs Lokal und haute jeden Kellner an, ob er ihm Geld für Zigaretten wechseln könnte. Die waren total unfreundlich und meinten, nein, das ginge nicht. Ich stand im Weg, und als mich eine Bedienung zu einem etwas weniger störenden Platz brachte, fragte ich sie, ob wir denn eine Fahrgelegenheit zur Bushaltestelle nach Maisdorf kriegen könnten. Es sei jetzt schon 14:20, und das würden wir ohnehin nicht mehr schaffen, und es gäbe keine Fahrmöglichkeit mehr. Ich nahm das hin und schlug Robert vor, dass wir uns zum Essen da hinsetzen und dann eben erst um 16:40 fahren wie von ihm geplant. Aber er meckerte, die Musik (live mit Keyboard und Schnulzengesang vom Alleinunterhalter) sei so ummöglich, er würde sich da niemals hinsetzen, lieber nur drinnen, wo keine Musik sei. Wir fanden aber keinen Platz. Ich meinte: „Wären wir früher gefahren, hätten wir noch den Fahrer erwischt.“ Er meinte, das sei doch nicht möglich, dass da dann auf einmal ein Fahrer gewesen wäre, nur weil wir kommen. Dann ging er hin und bat um unser Gepäck, was ich ja auch schon getan hatte. Die Frau verdrehte die Augen und stöhnte. Dann meinte er doch glatt: „Wo ist der Fahrer, wir wollen zur Bushaltestelle!“ Die Frau erklärte ihm, dass jetzt kein Fahrer mehr da sei. IHM sei aber versprochen worden, dass wir gefahren werden. Die Frau machte ihm klar, dass er das hätte früher ausmachen müssen, der Fahrer sei bereits in den Feierabend. „ICH will den CHEF sprechen, ich will einen Fahrer!“ Die Frau erklärte uns, dass wir laufen müssten, es seien sechs Kilometer. Ich meinte, dass wir das in zwei Stunden und 20 Minuten locker schaffen würden. „ICH WILL aber nicht laufen! Ich WILL aber nicht laufen!“ Mir war das Theater zu blöd, und ich äffte ihn nach, auf den Boden stampfend: „Ich will aber nicht laufen, ich will aber nicht laufen, ich will aber nicht laufen, neineineineinein!“ STAMPFSTAMPF! Die Frau meinte, ich wolle nicht laufen, aber ich erklärte ihr schnell, dass ICH damit kein Problem hätte, dass aber Robert zu nichts zu überreden sei, wenn der nicht wolle. Da brüllt der los: „Leckt mich doch alle am Arsch, Ihr DRECKSÄUE, ich komme im OKTOBER NICHT hierher, nienienie mehr komme ich her!“ Er rannte schreiend aus der Gaststätte. Ich war vollkommen geschockt und redete auf die Bedienung ein, er hat meine Fahrkarte, ich bin doch blind, was soll ich machen, der ist weg, einfach davongelaufen. Die unfreundliche Frau packte mich, setzte mich auf einen Stuhl in der Ecke und meinte: „Ich kann jetzt nicht noch mit Ihnen diskutieren, beruhigen Sie sich!“ Nachdem keine Hilfe von diesen Leuten zu erwarten war, ich keine Fahrkarte hatte (Robert wollte sie haben, weil er sie schneller herauskramen und dem Schaffner vorzeigen könne, wie er meinte.), am nächsten Tag wieder zur Dialyse musste und nicht alleine zur Bushaltestelle kommen würde, wusste ich mir keinen andern Rat. Ich rief die Polizei an, erklärte, dass wir hier im Gästehaus namens Gartenhaus säßen, dass Robert obendrein noch Epilepsie habe und sich grad furchtbar aufgeregt hätte und davongerannt wäre, ich nicht wisse, wo er sei, fast blind sei und morgen wieder zur Dialyse in meiner Heimat sechs Stunden von hier müsse. Als ich dem Polizeibeamten am Telefon, der wohl in der nächstgelegenen Großstadt saß, beschrieb, wo wir waren, hörte ich die Bedienung sagen: „Da kommt er wieder.“ Er sei ja jetzt wider da, er sei auf Entzug, er habe keine Zigaretten mehr, da flippe er halt aus usw. Wir entschieden uns, das Taxi vom Vortag wieder zu rufen. Eigentlich war mir das schon zu teuer. Ich hatte 9 Euro zahlen müssen, wobei ich die 4,50, die Robert hätte berappen müssen, mühevoll aus ihm herausleiern musste. So gab ich ihm drei Euro, und er rief das Taxi und musste die restlichen 5 bezahlen. Diesmal verlangten sie nur fünf, und so gab ich ihm nichts mehr an Geld, und wir waren einigermaßen quitt. Ich hab keine Lust, immer für andere den Zahlmeister zu spielen, ich will Halbe-Halbe. Wir ließen uns zu einem Restaurant in der Nähe der Bushaltestelle fahren und aßen zu Mittag, Robert bekam endlich seine Zigaretten und war wieder friedlich. Er erklärte mir, dass er ab und zu so ausflippt, und ich solle doch das nächste Mal wissen, dass er wieder kommt. Ich erklärte ihm: „ES wird kein nächstes Mal geben.“ Das drang aber nicht zu ihm durch. Ich sagte ihm schon, dass ich die Polizei wegen ihm gerufen hatte. Ihm war das peinlich, aber ich sagte ihm, das sei sein Problem, nicht meines.

In Aschersleben durften wir dann wieder 1,5 Stunden warten. Robert wollte schon wieder einkehren. Ich habe aber nicht das Geld und darf sowieso nicht soviel trinken wegen der Dialyse. Ich wollte daher unbedingt am Bahnhof bleiben und dem Chor zuhören, den man vom Gartenschau-Gelände her hörte. Er schleifte mich aber einfach hinter sich her, ich wurde nicht gefragt. Als ich dann meckerte, ließ er einfach los und meinte, dann bleib doch hier. Ich erkämpfte mir noch, dass er mich zumindest auf eine Bank setzte. Als er dann wieder kam, hatte er schon wieder Eis und Cappuccino genossen.

Als wir in Halle ankamen, stellte sich genau das heraus, was ich befürchtet hatte: Der Zug von Halle nach Naumburg hatte 20 Minuten Verspätung. Wir würden also erst um 20:51 in Naumburg ankommen und würden womöglich unseren Anschlusszug nach Hause nicht bekommen, der genau um 20:51 losfahren sollte. Robert meinte wieder: „Mach doch nicht so einen Streß!“ Ich war mittlerweile so wütend über all das, dass ich ihm sagte: „DU, wenn ich jetzt nochmal das Wort STRESS-Machen höre, dann schmier ich Dir ein paar!“ Das wäre lustig geworden, wenn wir den allerletzten Zug nach Hause nicht bekommen hätten. Im Zug schlug Robert vor, wir sollten bis zur Endstation mitfahren und dann von da aus einen Nahverkehrszug zu unserer Stadt nehmen. Der Schaffner meinte, wir sollten erst mal abwarten, es würde sicher der Anschlusszug erreicht werden.

In Naumburg hieß es dann, dass unser Zug erreicht würde, dass aber ein anderer Zug am selben Gleis halten würde, wir also aufpassen müssten, dass wir in den richtigen Zug steigen, da beide Anschluß-Züge in beide Städte hintereinander stehen würden. Dort angekommen guckte Robert auf die Wagenstandsanzeige, um unseren reservierten Wagen zu finden. Ich erklärte ihm vergebens, dass die Anordnung hinfällig sei, da dies ein außerplanmäßig haltender Zug sei, und dass zwei Züge hintereinander kommen würden, und somit keine Wagenstandsanzeige mehr gültig sei. Er solle sich lieber drum kümmern, dass wir nicht in den Zug nach Frankfurt steigen sondern in unseren richtigen Zug. Er ließ sich aber nicht davon abhalten. Auch die Durchsage, wo die Wagen halten, ließen ihn nicht umschwenken. Der Schaffner kam und erklärte ihm, dass er nicht mehr nach der Wagenstandsanzeige gehen könne. Aber auch das beeindruckte ihn nicht. „Das gibt es nicht, dass zwei Züge hintereinander halten, so lange Bahnsteige gibt es ja gar nicht.“ Dann kam unser Zug hinter dem Frankfurter. Auf einmal rannte er los und war weg. Ich hinterher und rief immer unseren Städtenamen, bis mir dann jemand sagte, wo unser Zug anfing. Auf einmal sah ich Robert wieder und schimpfte ihn, dass er weggelaufen sei. ER habe ja nur was nachfragen wollen. Das machte er dauernd, dass er, ohne was zu sagen, auf einmal verschwand. Einmal habe ich ihn drangekriegt und mich versteckt, und als er wieder kam, war ich weg. Ich kommentierte das: „Wenn man einen Hund draußen lässt, sollte man ihn auch anbinden, sonst läuft er eben weg.“ „DU bist doch kein Hund.“ „Doch, nur Hunde lässt man draußen stehen.“ Ich kann es auf den Tod nicht leiden, wenn Sehende einen einfach mit (oder ohne) Hinweis: „Warte mal da draußen“, einfach wie einen Hund vorm Laden stehen lassen, ohne einem zu sagen, wo sie hingehen, wann sie wieder da sind, und ob man so lieb wäre, mal eben beim Gepäck zu warten, sondern einfach kommentarlos verschwinden und einen stehen lassen, als sei man ein Hund oder ein Koffer.

Robert hat mich laufend wo vergessen, und ich musste erst rufen, dass er mich mitnehmen soll. Ich habe ihm ein paar Mal vorgehalten, dass uns nicht der letzte Zug nach Hause am wegfahren wäre, wären wir zwei Stunden früher gefahren, und wie riskant das beinahe geworden wäre. Während wir zu unserem Zug rannten, murrte er laufend: „MEINE Fresse, MEINE Fresse“. Ich war schon so angewidert von diesem Menschen, dass ich ihm sagte: „Wenn DU jetzt nochmals meine Fresse sagst, dann HAU ich Dir in die Selbige, und DU hast meinen Stock zwischen den Zähnen.“ Im Zug sagte ich, ich könne seine Anwesenheit keine Minute länger ertragen. Ich musste mich aber zu ihm setzen, da unsere Plätze ja reserviert waren, und es keine anderen mehr gab. Ich fragte ihn dann mehrmals: „Und, glaubst DU mir jetzt, dass zwei Züge hintereinander stehen können.“ Er wiederholte aber stur, das ginge gar nicht, da hätten keine zwei Züge Platz. Mein Einwand, dass wir ja jetzt schon drin seien, und er es spätestens jetzt merken müsste, wurde überhört. Er meinte, er wolle nun seine Ruhe haben, und das nächste Mal führe er alleine. Ich sagte nur och: „Dann zahlst Du aber das VIERFACHE wie jetzt!“ Ich sprach die ganze Fahrt über kein Wort mehr mit ihm, und als der Zug ENDLICH um 12 Uhr Mitternacht ankam, stand ich schnell auf, packte meine Sachen und rannte grußlos zur Zugtür und war weg.

Das Konzert war wirklich gut. Schade, dass bei mir die Sachen mit anderen immer so ausgehen. Ich hätte gar nicht erst mit ihm fahren sollen. Rational gesehen ist es so, aber ich denke, dass ich auch eine gewisse „Verhexung“ habe, dass mir immer solche Sachen passieren, und dass durch elektromagnetische Felder um mich herum andere Menschen sich zu mir so verhalten.

So irre das klingt, aber NUR an meinem Verhalten kann es doch nicht liegen. Ich ziehe immer nur solche Leute an, und auch Menschen, die eigentlich verträglich sind, werden in meiner Gegenwart rechthaberisch und stur. Ich löse das in anderen aus, da andere mir nicht rechtgeben können. Wenn ich nachgebe, dann bin ich die Blöde. Wenn ich aber auf meinem Recht bestehe, dann heißt es, ich reize andere dazu, mir zu widersprechen, und ich sei so stur. Aber immer nachgeben kann man auch nicht.

Ich werde kein Wochenende mehr mit anderen verbringen und die Kontakte mit anderen so kurz wie möglich halten, damit sich nicht so viel negative Energie ansammeln kann. Wenn man sich nur kurz sieht, und wenn man schnell wieder auseinander gehen kann, dann freut man sich, und es ist gut.

Allerdings hat Robert zum Beispiel Folgendes gemacht:
Als wir zum Bäcker gingen, ist er absichtlich dran vorbei gelaufen und meinte, er wollte nur testen, ob ich es merke. Solche Menschen sollte man von vorneherein gleich in den Wind schießen. Wenn ich mich aber wehre, dann heißt es wieder, ich sei empfindlich. Außerdem machen das ja alle Menschen, weil sie es spaßig finden, und dann heißt es wieder, ich verstünde keinen Spaß. Da ja alle Menschen mehr oder weniger gleich sind, und man sich die Menschen nicht aussuchen kann, die nicht so sind (die ja auch nur ganz selten zu finden sind), muß man die Menschen nehmen, wie sie sind. Daher sehe ich mittlerweile über solche Dinge hinweg, denn wenn ich mich über alles ärgern würde, hätte ich bald niemanden mehr. Somit nehme ich solche Verhaltensweisen halt hin. Zum Krach kommt es dann sowieso irgendwann, wenn sich solche Begebenheiten häufen. Meckert man gleich, ist man überempfindlich. Läßt man solche Dinge zusammenkommen, dann heißt es: DU hättest Dich schon viel früher wehren müssen.

Aus dem Katalog kann man sich halt die Menschen nicht aussuchen. Man muß die Menschen nehmen, wie sie sind, es gibt keine anderen, oder es lassen. Schade drum. Auf so jemanden kann man aber verzichten. Nur muß man dann auf die halbe Menschheit verzichten, denn viel anders sind andere auch nicht.

Hörtheater in Rendsburg

Am Samstag den 29. Mai fuhr ich um halb acht los, um die schon wochenlang vorher geplante und lange Reise nach Rendsburg zum Hörtheater anzutreten. Unter Hörtheater versteht man die Beschreibung, was auf der Bühne passiert, so dass Sehgeschädigte ebenfalls etwas von dem Theaterstück haben und informativ auf dem gleichen Stand sind wie Normalsehende.

In Hamburg klappte es mit der Umsteigehilfe, obwohl sie etwas zu spät kam, da der Zug auf einem anderen Gleis als angegeben eingefahren war. In Rendsburg angekommen wollte ich mir das Taxi sparen, da ich nicht allzu viel Geld dabei hatte, und es noch für die Unterkunftskosten reichen musste. Ich fragte nach einem Bus zum Historischen Hotel Pellihof, es gab aber keinen, das Hotel sei nur ein paar Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Eine Dame, die von ihrer Freundin abgeholt wurde, bot sich an, mich zusammen mit der ortskundigen Freundin zum Hotel zu bringen. Es gab ohnehin kein Taxi, und ohne die Hilfe der beiden netten Damen wäre ich aufgeschmissen gewesen.

Im Hotel angelangt wollte ich einen Kaffee trinken. Es gab aber dort keinen Kuchen, der Cappuccino aus einem Instantbeutel hergestellt mit übersüßter Sahne obendrauf schmeckte nach A… & F…, und es gab nur Schattenplätze im Hof. Da ich nur einen Schluck getrunken und mich dann gleich geschüttelt habe, musste ich den Kaffee nicht mal bezahlen und verließ den schattigen Platz. So beschrieb mir die Hotelfrau denWeg zum Theatercafe. Ich war leider für die Stadtführung zu spät angekommen, sonst hätte ich mitten in der Nacht aufstehen müssen, um so zeitig genug in Rendsburg zu sein. Ich setzte mich also in das Cafe und hörte mein Hörbuch weiter, aß Torte und wartete auf den Einlaß ins Theater um 16:30. Die Gruppe der Stadtführung kam auch pünktlich dort an. Ich lernte die Leute kennen, und es stellte sich heraus, dass ich einige bereits aus der Mailingliste kannte, bzw. mich einige auch von unserer ehemaligen Kassettenzeitschrift her kannten, wo ich öfter einen Beitrag aufgesprochen hatte.

Im Theater durften wir die gesamte Bühne abtasten. Die Bühnenbildnerin, die extra für unsere Fragen zur Verfügung stand, beantwortete uns alles, was wir wissen wollten, und auch der Dramaturg war für Erklärungen zur Stelle. Man hatte die Kostüme der Schauspieler auf Puppen gezogen, damit wir sie abtasten konnten. Bei der Bühnenbegehung, wo wir auch den „eisernen Vorhang beim Heruntergehen abtasten durften, der die Vorbühne von der Hauptbühne trennt, so wie den samtenen Vorhang beim Zugehen beobachten konnten, erfuhren wir viel über das Bühnenbild, das eine Wohnung in Paris darstellen sollte. Alles war mit liebevollen Details ausgeschmückt. Sogar ein Fenster mit Blick zum Eiffelturm war eingebaut. Eine Wohnungstür hinter einem Vorhang aus Schnüren deutete den Weg ins Treppenhaus an, der als Abgang für die Schauspieler diente. Die Stühle und der Tisch wurden extra in französischem Wohnstil angefertigt. Eine französische Wettzeitung lag auf dem Tisch, und dort stand auch ein rundes Aquarium mit einem Katzenfisch und dessen typischen Schnurrhaaren, nach welchen er benannt wurde, da dieser Fisch im Stück eine wichtige Rolle spielte. Unter den Stühlen waren kleine Tunnels angebracht, durch welche die elektrische Spielzeugeisenbahn fuhr, da der Protagonist ein Eisenbahn-Fan war. Neben dem Tisch stand ein durchgesessenes Sofa vor einer kitschigen Blumentapete, an der ein Fischgemälde von Matisse hing. Es gab zusätzlich noch ein altes Schränkchen mit einem alten schnurgebundenen Tastentelefon mit schwer aufzumachenden Schubladen, die ebenfalls eine Rolle im Stück spielten. Das Regal mit den Gläsern und Büchern sowie die Stereoanlage habe ich erst durch die Bühnenbeschreibung vor und während des Stückes mitbekommen.

Auf meinen Wunsch hin durften wir auch mal kurz in den Orchestergraben. Der war mit Brettern zugedeckt, da die Vorbühne gebraucht wurde. Darin standen lauter Notenständer mit je zwei Leuchten für die Noten. Man konnte mit dem Stock bis an die Decke klopfen, die ja, wie erwähnt, zu war. Auch die Seitenbühnen mit den Zügen, nicht den Eisenbahnzügen sondern den Schaltpulten für Vorhänge, Kulissen etc. durften wir uns ansehen, allerdings durften wir nicht an die Pulte fassen, damit nicht versehentlich etwas eingeschaltet wurde.

Nach der ausführlichen Bühnenbegehung gingen wir in den ersten Stock in das Cafe´ im Theater, wo wir eine Einführung in das Stück erhielten. Es handelte sich um eine Komödie mit dem Namen „Der Gast“ von David Pharao. Offenbar wird in Frankreich wenig über den Autor preisgegeben. Der Dramaturg konnte uns nur sagen, dass dieser Autor früher Sitcoms fürs Fernsehen geschrieben hat und auch schon mal eine Komödie. Es war ein ernster Stoff, der heutzutage besser in eine Komödie gepackt wird. Ein lange arbeitsloser Mann bekam Besuch von seinem potentiellen Chef und ließ sich von seinem Nachbarn beraten, wie er seine Wohnung umstylen sollte und wie er sich selbst ebenfalls darstellen musste, um den Job zu erhalten. Es ging um den Zwang zur so genannten Flexibilität, und wie weit man diese von einem Arbeitssuchenden erwartete, und welche Eigenschaften wie Biegsamkeit, Meinungslosigkeit Bereitschaft zu allem etc., von einem Arbeitnehmer verlangt wurden. So war die Komödie, die vordergründig sehr lustig war, doch sehr hintersinnig und wies mehrere sehr unerwartete Wendungen auf. Damit man als Blinder auch mitkam, erhielten wir einen Port mit einem Ohrhörer. Wenn man mit diesem Port durchs Theater lief, erhielt man Informationen, was sich links und rechts von einem befand, beispielsweise die Treppe, die Toiletten etc., und wo man sich grade aufhielt, wobei dies eingehend beschrieben wurde. So hatte ich bald eine für meine Verhältnisse gute und brauchbare Orientierung, da ich immer, wenn ich wo vorbei ging, die Infos erhielt, die Sehende so en passant mitnehmen, weil sie seitlich etwas sehen und somit eine Gesamtoientierung haben. Allerdings hörte man immer nur Bruchteile, denn sobald man drei Schritte weiter ging, wurde ein anderes Areal beschrieben. Sobald man in den Zuschauerraum kam, hörte man die Stimme der Bildbeschreiberin, die vor der Aufführung das Bühnenbild und die Schauspieler beschrieb. Während des Stückes wurden nur die notwendigsten Beschreibungen in den Dialogpausen abgegeben. Dies war sehr nötig, denn sonst hätte man zuweilen nicht mehr gewusst, von was jetzt gesprochen wird. Ein Satz wie: „Sie hielt einen Schraubenzieher über den Kopf“, erklärte dann ihre Bemerkung: „Ich bin noch nicht vorbestraft.“ Oder ein Satz wie: „Er hielt seinem Chef eine Spielzeug-Lok entgegen erklärte, dass er ihm diese schenkte, da sie eine größere Rolle im Verlauf des Stückes spielte.

In der Pause ging eine Sehende mit mir ins Cafe, die nur einfach so mit ihrem Sohn da war und einmal so einen Port ausprobieren wollte. Das Theater war nicht allzu gut besucht, aber alle hatten einen Port mit Kopfhörer, auch die Normalsehenden, die sich für Audiodeskription interessierten und einmal diese Erfahrung machen wollten.

Nach dem Stück durften wir im Café noch mit den Schauspielern diskutieren. Sie fragten uns zunächst, wie das Stück empfunden wurde. Sie äußerten ihre Unsicherheit, ob Blinde ein Stück anders aufnehmen würden. Sie fürchteten, dass allzu aggressive und laute Passagen uns aufregen würden. Sie hätten mal erlebt, dass ein Blinder auf einem Punk-Konzert das Pult zertrümmert hätte, weil es ihm zu laut war. Das Verhalten solcher Komiker fällt dann natürlich gleich wieder auf alle Blinden zurück. Wir erklärten, was wir zum besseren Verständnis eines Stückes brauchen und wünschten uns, dass auch in anderen Theatern mehr solcher Aufführungen stattfinden sollten. Ich, die ich eine von den beiden Süddeutschen Anreisenden gewesen war, äußerte natürlich nachdrücklich den Wunsch, es möge so etwas auch mal im süddeutschen Raum stattfinden. Der Dramaturg erhielt eine Stelle in Heilbronn und wollte sich darum kümmern, dass auch an seiner zukünftigen Wirkungsstätte solche Stücke mit Bildbeschreibung aufgeführt würden.

Ich wurde dann noch von den beiden Organisatoren des ganzen Vorhabens zum Hotel begleitet, da es sehr nahe am Theater war. Ich musste selbst aufsperren und hätte den Eingang nicht mehr alleine gefunden, wo es zu meinem Zimmer geht.

Am nächsten Tag, an dem mich wieder das Ehepaar, welches die Veranstaltung organisiert hatte, am Hotel abholte, gab es noch eine Matinee, bei der die Hauptdarstellerin des Abends eine Lesung aus dem Buch „Schiffbruch mit Tiger“ darbot. Sie spielte alles so lebendig, dass wir richtig mitlebten und mitfieberten. Sie suchte die wichtigsten Stellen aus diesem Abenteuerbuch mit Tiefsinn heraus, so dass man am Ende schon wusste, um was es dem Autor gegangen war. Teilweise war es lustig, gruselig, ekelerregend und dann wieder nachdenklich oder komisch.

Leider dauerte die Lesung nur eine Stunde. Ich hatte meine Rückfahrt einschließlich Umsteigehilfen ab 13:45 geplant, da mir gesagt wurde, die Lesung würde bis ein Uhr dauern. Allerdings war sie eben um zwölf schon zu Ende. Die beiden Organisatoren und der andere Besucher aus München, der bei ihnen übernachtet hatte, begleiteten mich zum Bahnhof und wollten mich eigentlich schnellstmöglich dort zurücklassen. Es gab kein Cafe, keine Bank, nichts. Die Bahnhofsmission war geschlossen, im Reisezentrum durfte ich nicht sitzen bleiben, da sie gleich Mittagspause hatten. So setzten mich die drei um 12:45 auf den zugigen und eiskalten Bahnsteig, wo ich zitternd und frierend bis 13:45 wartete. Ich hatte vorher noch gefragt, ob nicht schon um 12:45 ein Zug nach Neumünster fahren würde, so dass ich dann früher nach Hamburg käme, bzw. in Neumünster dann in einem Wartehäuschen sitzen könnte. Aber die drei verneinten. Als ich nach Neumünster kam, sagte mir der Mann von der Umsteigehilfe, dass es um 13 Uhr einen Zug DIREKT nach Hamburg gegeben hätte. Daß man bei der Rückfahrt ebenfalls direkt von Rendsburg nach Hamburg durchfahren kann, hatte ich nicht mitbedacht. In Neumünster durfte ich tatsächlich in einem Wartehaus sitzen, bis er wieder kam, um mich in den Zug zu setzen.

In Hamburg kamen wir laut Angaben der Umsteigehilfe an einem Bäckerstand vorbei, so dass ich billiger als im Zug einen Muffin und eine Tasse Kaffee erstand. Ich konnte dieses Wochenende recht viel Geld sparen, da ich auch kein Taxi brauchte. Die Fahrt und die Übernachtung waren ohnehin schon teuer genug.

Ich fand das Ganze sehr interessant und würde es wieder einmal machen. Allerdings möchte ich dann nicht sechs-sieben Stunden fahren müssen, um so ein Erlebnis zu haben. Ich hoffe, dass bald in Süddeutschland ebenfalls so etwas stattfindet. Die Schauspielerin erzählte mir noch kurz, dass sie in Hof jemanden kennt, und dass sie ihn mal auf so eine Veranstaltung ansprechen würde. Das lässt hoffen.

Sonntag, 16. Mai 2010

Wieder heil aus Antalya zurück

Vom 10.-24. April war ich nun in Antalya. Ich hatte diesen Urlaub relativ spontan durchgeführt. Errst im März hatte ich mich dazu aufgerafft, mal in der Türkei anzurufen und wurde prompt kostenlos zurück gerufen. Da man mir empfahl, möglichst früh zu fahren, da es dann dort schon warm und noch nicht heiß, aber in Deutschland noch kalt sei, entschloß ich mich recht rasch, den Urlaub zu buchen. Zum Glück war die Genehmigung der Dialyse seitens der Kasse eine reine Formsache. Ein Taxi musste ich ebenfalls nicht genehmigen lassen, da die Transfers alle im Preis inbegriffen waren. Ein vorläufiger Personalausweis konnte noch rechtzeitig ausgestellt werden, ein Paß war nicht nötig.

Superschlau, wie ich nun mal bin, habe ich auch sofort Reiseschecks bestellt, da diese im Gegensatz zum Bargeld versichert sind. Wie toll ich damit in der Türkei an- und auskam, sollte sich noch zeigen.

Am Samstag fuhr mich mein Dialyse-Taxler dann zum Flughafen. Wir hatten die ganze Reiseprozedur generalstabsmäßig durchorganisiert. Ich brauchte ja Hilfe von Anfang bis Ende und bei den entsprechenden „Umschlagstellen“, so dass ich alles vorher mit den entsprechenden Stellen absprechen musste. Kurz vor Ankunft am Flughafen rief ich also die abgemachte Nummer an, und es kam jemand vom Hilfsservice. Als wir das Gepäck abgaben, und ich meinen Perso vorzeigen musste, machte mein Begleithelfer mir erst mal Angst, dass dieser Vorläufige gegebenenfalls nicht anerkannt würde, und ich nicht in die Türkei einreisen dürfte. Aber die Frau am Check-in zerstreute diese Ängste sogleich. Der Helfer rief dann einen Mann mit roter Sanitäterjacke, welcher mich zum Wartesaal vor dem Zoll brachte. Dort saß ich dann wie bestellt und nicht abgeholt. Ein Ehepaar bot sich an, mich weiter zu begleiten, aber ich musste ja auf den bestellten Abholdienst warten. Irgendwann ging ich dann selbst zu dem Zollfenster und fragte nach, was los sei. Dort versprach man mir, sich um die Sache zu kümmern. Es stellte sich dann heraus, dass eine Gruppe Rollstuhlfahrer, die mit einem Behinderten-Reiseunternehmen in Urlaub fuhr, zu spät ankam, und einer noch nicht mal da war. Die hatten Nerven! Dann ging doch alles glatt, und ich wurde in den Flieger gesetzt. Das Essen war mäßig bis saumäßig, aber der Hunger treibt es rein. Der Flug zog sich ewig, und es schüttelte uns ganz schön durch, besonders bei der Landung.

In Antalya angekommen wurde ich mit einem Rollstuhl abgeholt. Ich wurde mit den anderen „Rollstühlen“, so nannte man wohl die Passagiere, in einen Kasten gefahren, wobei ich nicht mal wusste, ob das ein Bus oder ein Container oder überhaupt ein fahrbares Teil war. Die Begleitpersonen der Behindertengruppe klärten mich dann auf, dass wir erst mal in die Höhe gingen, um uns dem Niveau anzupassen. Dann fuhr das Ding los. Ein mehr oder weniger schlecht Englisch sprechender Rollischieber fragte mich nach meinem Abholer, und ich wiederholte nur immer stur: TOURSET, TOURSET. Als ich schon überlegte, selbst ein Taxi auf eigene Faust zum Divan Talya Hotel zu nehmen, kam dann endlich der ersehnte Satz: „Hier ist Tourset.“ Der Fahrer sprach kaum Deutsch: Schönes Wetter, heute 20 Grad, das wiederholte er dann so drei-viermal. Es war aber eigentlich ziemlich windig.

Wir fuhren über holprige Straßen in das Fünf-Sterne-Hotel DIvan Talya. Dort wurde ich in mehr oder weniger gutem Deutsch bzw. Englisch empfangen und in mein Zimmer gebracht. Man zeigte mir geduldig alle technischen Details und erklärte mir mehrfach die Benutzung des Safes. Dann errang ich noch die Telefonnummer des Hotels, da wir uns nicht kommunizieren konnten, dass ich die Durchwahl für das Zimmer haben wollte, und zwar mitsamt Vorwahl der Türkei und von Antalya. Aber dann kapierte ich doch noch, dass es keine direkte Durchwahl zum Zimmer gab, sondern dass der Anrufer an der Rezeption die Verbindung zu meinem Zimmer herstellen lassen musste. Ich gab dann an meinen Bekannten und an meine Eltern die Nummer auf deren ABs durch. Meine Eltern haben versehentlich die Ansage verworfen und konnten erst mal nicht anrufen. Da ich nicht soviel Geld ausgeben wollte, ließ ich die Leute auf dem Handy anrufen, nahm aber icht ab, um die Roaming-Gebüähren zu sparen. Ich ging ins Zimmer, ließ es bei Eltern oder Bekanntem dreimal läuten, und die riefen dann zurück. Mit Türken-Tarif oder mit Auslandsflät war es immer noch billiger als von einem Hotel aus die teuren Einheiten auszugeben.

Das Hotel war sehr schön. Das Zimmer hatte allen Comfort: Zwei Betten, Badewanne, Fön, Fernseher, Telefon, Sessel, Tischchen, Balkon, Minibar, Safe im Schrank mit wählbarer Geheimzahl, sogar ein Telefon im Bad neben der Kloschüssel, wenn man es mal gar so eilig hat. Ich war im zwein Stock unter gebracht. Leider hatten die Aufzüge nur diese dämlichen Touch-Pads, so dass ich die Stockwerke nicht tastend abzählen konnte. Aber ich wischte mit dem Finger immer über das ganze Tastenfeld und zählte halt dann die Halte ab. Der Keller roch ziemlich fettig, so dass ich wusste, dass ich im Souterrain gelandet war, und im Erdgeschoß war es recht betriebsam wegen der Rezeption, so dass ich das auch schnell raushatte, dass ich angekommen war. Auch die Mitfahrenden sagten mir immer Bescheid, wo wir waren. Da wir nur zwei Aufzüge für so viele Leute hatten, wurde ich recht oft nach oben geholt, obwohl ich eigentlich runter wollte, und so machte ich manches Fährtchen mit dem Lift. Dabei ergab sich mal eine Konversation, dass jemand aus Heidenheim war, wo ich doch Heidelberg, das in der Nähe ist, so mag. So erzählte ich ihm, dass ich in der „Palz“ studiert habe, was uns beide viel Spaß machte.

Das Personal im Hotel war extrem hilfsbereit. Beim Essen begleitten sie mich zum Buffett, wo es alles gab, was man sich wünschte. Allerdings aß ich in den zwei Wochen sicher eine ganze Höhnerfarm, da es Geflügel in allen Varianten gab. Ansonsten ließ ich den Salat weg, da ich ja eh dialysebedingt aufs Kalium achten muß und rohes Gemüse nicht so sehr mag. Die Hauptspeisen waren super, es gab Nudeln, Reis, verschiedene vegetarische Sachen, mal P izza, gutes Gemüse und Fleisch in vielen Variationen. Kaum hob ich den Kopf, manchmal stand ich auch einfach vom Stuhl auf und guckte etwas hilflos in die Gegend, kam schon einer vom Personal und führte mich zum nächsten Gang. Das Nachtisch-Sortiment war auch sehr kalorienreich. Es gab Baclava mit Nüssen und Pistazien, es gab Kuchen, Puddings, Obst…. Ich hätte am liebsten von jedem ein Stück gehabt, aber weil ich ja mit Personal unterwegs war, beließlen wir es immer bei so drei-vier Sachen. Das langte aber auch schon. Es war himmlisch gut. Manches ließ ich auch liegen, weil es mir dann nicht so schmeckte, aber dafür gab es ja wieder andere Sachen. Auch das Frühstück war super. Es gab Frühstück nach aller Herren Länder Sitte: Englisch mit Ei, Französisch mit Crepe, Türkisch mit Oliven, Brötchen, Croissants, Pfannkuchen mit allen möglichen Aufstrichen wie Honig, Sonnenblumenkernen, Marmelade, etc. Das Joghurt mit Fruchtsalat, der ganz frisch geschnibbelt war, war super und sehr mild, und ich leistete mir auch mal ein Müsli. Das Wunder war, dass mein Kalium immer gut war, trotz all der Sünden, die ich trotz Dialyse begangen habe. Der Doktor bei der Dialyse meinte, ich bräuchte keine spezielle Diät einhaltn, ich könne soviel Obst essen, wie ich wolle. Die Schwestern meinten ebenfalls auf meine Sorge wegen dem Baclava, dass da nichts passiert. Und so war es auch, kein Mensch kann sich erklären, wieso. Hätte ich all das daheim in Deutschland gegessen, ich hätte als Notfall wegen zu hohem Kalium eingeliefert werden und notdialysiert werden müssen.

Die erste Dialyse verlief sehr gut, da war ich schon aufgeregt, wie das wohl in einem fremden Land sein würde. Ich bekam sogar im Hotel, da schon um sieben Frühstück eingenommen werden konnte, einen kleinen Happen, da ich nicht nüchtern dialysieren kann, bis das Frühstück ausgeteilt wird. Das ist ein großes Plus. Damals am Timmendorfer Strand konnte man es nicht einrichten, mir vor Abfahrt zur Dialyse mal ein Tässchen Tee oder Kaffee und eine Breze zu reichen. Das ist schon eine schwache Leistung. Hier hingegen war das kein Problem. Ich ging einfach in den Speisesaal und wurde sofort vom Personal empfangen und bedient. Danach setzte ich mich in einen der riesen Sessel im Foyer und versank darin, bis der Dialysefahrer kam. Der sprach gutes Deutsch und setzte mich hinten in seinen Dialysebus, der dem Dialysezentrum selbst gehört. Durch die holprigen Straßen, und da ich hinten saß, war mir fast schlecht. Das nächste Mal durfte ich vorne rein. Die Patienten seien „zu unruhig“, daher ließ man sie sonst nicht vorne sitzen. In der Türkei werden mehrere Patienten auf einmal nach Hause gebracht, so daß sie unter Umständen bis zu ener Stunde nach der Dialyse noch im Bus sitzen müssen, bis sie daheim angekommen sind. Das droht uns in Deutschland sicher auch bald. Die Touristen wurden jedoch meistens einzeln abgeholt, so daß ich meistens alleine im Dialysebus und schwatzte mit dem Fahrer, der mir auch ein paar Brocken Türkisch beibrachte.

Die Dialyse hatte Maschinen von Fresenius, Torai (eine japanische Firma, deren Schreibweise mir unbekannt ist) und Baxter. Ich bekam eine Torai, die dann am Ende auch wie die Nikiso aus Japan Musik macht. Es gab zwei Stockwerke mit jeweils einem großen Saal mit 13-14 Dialyseliegen

Es ging dort recht zügig zu. Daß ich mich noch umziehen wo llte, war dort nicht so üblich, und so durfte ich in die Umkleide des Personales und nahm dann mein Zeug mit ans Bett. Die Leiterin des Reiseunternehmens begrüßte mich und bot mir gleich das Du an. Sie führte mich schnell noch zur Waage, die bis zu zwei Stellen hinterm Komma anzeigt, so etwas haben wir nicht, bei uns ist es nur eine Stelle, aber das reicht eigentlich auch. Als ich dann unversehens bei der Liege ankam, sollte ich mich sofort hinlegen. Ich wollte grade noch meine Kopfhörer aufsetzen, da kam schon die etwas ungeduldige Frage: „Kann ich jetzt mal Deinen Arm haben!?“ Das war Gül, die Schwesternhelferin, die als einzige der Schwestern Deutsch sprach. Die Leiterin, Gülay, spricht so Deutsch wie wir, ohne Akzent und mit allen Redensarten, die wir auch benutzen. Dann kam eine Schwester, der Gül alle meine Angaben übersetzte. Mein Dialysezentrum daheim hatte mal wieder nicht alle Details des Regimes durchgefaxt, und so gab ich eben noch den Rest an, da ich ja Bescheid weiß.

Es kamen immer mal wieder Schwestern oder Pfleger, die sagten: „Blüdrück messen“, und dann gaben sie die Werte bekannt. Das "Blüdrück-Messen" und die Zahlen hatte ihnen Gül beigebracht. Dann kam das Frühstück. Wir hatten die Wahl zwischen Kaffee, Tee, Säften und Limonade. Ich nahm Mineralwasser und Tee mit Milch. Ich verlegte mich während meines gesamten Türkei-Aufenthaltes auf Tee mit Milch, da der Kaffee für mich „GREISLICH“ schmeckte. Den Tee schüttete ich dann gleich mal um, da die Untertasse für mich zu klein und zu schwer handhabbar war. Sie waren alle recht besorgt, da mir der heiße Tee direkt auf das Shirt geflossen ist, aber ich selbst bekam nicht viel ab. Es gab am Montag: Toast, ein gekochtes Ei, Tomaten, Oliven und Gurken. Mittwoch gab es immer: großes Brötchen, gekochtes Ei, Tomaten, Gurken, Oliven, Käse. Freitag und Samstag kam: ein Sesamring (super gut!), Tomaten, Oliven, Gurken, ein gekochtes Ei und Käse. Den Turnus hatte ich nach zwei Wochen raus. Mir hat das gut geschmeckt. Die Tomaten und Gurken wurden manchmal netterweise entfernt, da ich das nicht essen mag, und so bekam ich zum Tausch dann die Oliven der Nachbarin, die wiederum keine Oliven mochte, gegen meine Gurken und Tomaten. Es gab dann zwei Stunden später nochmal ein Getränk und geschältes Obst oder Baclava. Das fand ich super. Bei uns daheim machen sie so ein Gedöns wegen der paar Gurken, dem Wasser und dem zusätzlichen Salz. Obst wäre da gar nicht drin. Die in der Türkei sehen das etwas lockerer, aber dann ist ja auch das Kalium dort viel besser. Was die wohl anders machen, dass das so ist? Der Doktor sprach fließend Deutsch. Ich fragte ihn sogleich, ob ich mit meiner Erkrankung ins Hammamm darf, und er empfahl, ich solle ein Mineralwasser mitnehmen, da ich viele Mineralien verlieren würde. So freute ich mich auf diesen noch unbekannten Badegenuß. Während der Dialyse war Gülay oft anwesend und beantwortete unsere Fragen, versuchte, unsere Wünsche und Anliegen zu erfüllen und gab dementsprechende Anweisungen an die Schwestern oder an das andere Personal. Sie war sehr resolut, schwebte mit ihren zweieinhalb Zentnern und wallenden Blusen durch den Raum und schmiß die Sache! Es waren auch türkische Patienten da. Die Deutschen waren eigentlich zunächst recht weit weg von mir. Später wurdenwir dann zusammen gelegt. Aber ich hob meine Stimme schon sehr, damit es bei Nachbarbett auch ankam, und da beschwerten sich die türkischen Patienten, daß wir zu laut seien. So war eine längere Unterhaltung, die dann doch immer lebhafter wurde, nicht möglich. Einer der deutschen Patienten Sprach mich nach seiner Dialyse an und kam anmein Bett. Er und seine Frau wollten leider keine Ausflüge mitmachen, so dass ich die einzige Interessentin für die Tourset-Angebote war. Die waren schon da und wussten, warum sie darauf keine Lust hatten. Als das Wort „Strandpsaziergang“ fiel, machte ich große Augen und schwärmte, daß mir das auch gefallen würde, aber der Mann ging nicht drauf ein. Ich hatte gehofft, vielleicht würden sie mir anbieten, dass ich mitgehen könnte.
Da Gülay wohl merkte, dass mir Birrol, der Fahrer, der Deutsch konnte, auf Anhieb sympathisch war, organisierte sie es so, dass ich meistens von ihm abgeholt und heimgebracht wurde. Als wir heimfuhren, wollte ich noch zu einer Bank, um meine ominösen Reiseschecks einzulösen. Aber die Bank wollte erst einen Aufschlag, dann wollte sie den Personalausweis, der daheim im Safe lag, und dann wollte sie gar keine Schecks mehr einlösen, es ginge nicht. Bei der anderen Bank war es dasselbe Spiel. Und als wir ins Hotel kamen, nahmen die auch keine Schecks. Sie meinten, seit 2010 ginge das nicht mehr. So saß ich da mit meiner Weisheit. Am Nachmittag sollte Mehmet zu mir kommen, einer der Reiseleiter, den hatte Gülay für mich kurz engagiert, um mir die Eisdiele zu zeigen. Am Sonntag war Ossmann schon da, ein riesen Brocken, und Mehmet war genauso ein Schwergewicht. Bei dem guten Essen wundert mich das nicht. Am Sonntag bereits erklärte mir Ossmann, dass außer mir niemand an den Ausflügenteilnehmen wollte. Das würde sich für eine Person nicht lohnen, da das Benzin so teuer sei. Ich schlug vor, dann eben das Doppelte zu zahlen, denn die Ausflüge waren ja sehr günstig. Er zeigte mir noch das Freibad im Hotel, wobei wir in den Keller fahren mussten. Dort gingen wir dann raus, und um ans Meer zu kommen, mussten wir mit einem anderen Aufzug nochmal ganze vier Stockwerke nach unten. Dort waren wir dann aufeinem Felsvorsprung, und wäre ich gradeaus gelaufen, wäre ich direkt im Meer gelandet. Neben der Klippe, die die Leute als Sprungbrett benutzten, führte noch eine Treppe ins Meer. Das Hotel war auf einem Felsen am Meer gebaut worden. Zum Baden war es mir mit den 25 Grad Lufttemperatur aber zu kalt. Leider gab es, wie ja angegben war, kein Hallenbad. Darauf werde ich das nächste Mal speziell achten, denn im Freibad blendet mich die Sonne, es ist kalt, und mir gefällt das nicht so. Also nichts mit Baden. Ich traute mich auch nicht auf die Liegestühle dort, denn wenn ich nur einen Meter zu weit nach vorne gegangen wäre, wäre ich ins Meer gefallen. Mit den Sicherungen hat man es dort nicht so wie bei uns in Deutschland, ist zumindest mein Eindruck. Ich versuchte, mit Ossmann mal rauszugehen. Es war sehr schwierig. Leider sind die Gehsteige sehr holperig, es gibt viele Bollern, um Parker abzuhalten, mitten auf dem Gehsteig sind Stufen, an den Rändern sind Mäuerchen, wo es ab und an Treppen runter zu den Geschäften gibt. Da muß man höllisch aufpassen, dass man als Blinde nicht runterfällt. Auch waren um das Hotel noch zahlreiche Baustellen. Die eine Patisserie, die Ossmann mir zeigen wollte, war dann leider auch weggezogen. Viele Geschäfte bautn auch grade um oder gingen weg.

Am Montag sollte mir also Mehmet die Eisdiele zeigen. Als ich ihm erzählte, was mir mit den Reiseschecks passiert war, meitne er: „Warum haben Sie mich am Telefon nicht gefragt, ich hätte Ihnen sagen können, dass das in der Türkei nicht mehr geht.“ Na toll, wenn man immer an alles denken würd, was man fragen sollt, würde einem nichts passieren. So gingen wir zum Automaten, wo ich dann mit der Maestro-Karte unter Zahlung von Gebühren Lira abhob. Einige Touristen hatten nur Euro, aber ich wollte die Landeswährung. Wenn man mit Euro zahlte, bekam man eh oft Lira raus, und mir schien, dass die Sachen in Lira billiger waren als in Euro. Das Hotel hatte ebenfalls nebenan eine Patisserie. Ich war zweimal dort, aber als ich dann kein Kleingeld hatte, waren die unfreundlich. Ich schlug vor, dass sie es anschreiben, damit ich es dann mit der Zimmerrechnung zahlen kann. Die Angabe meiner Zimmernummer gestaltte sich mangels Sprachkenntnissen beiderseits sehr schwierig. Ich ging da nicht mehr hin, da die eh kaum Auswahl hatten.

Die Eisdiele gab es dann auch nicht mehr. Ich wollte schon ganz enttäuscht aufgeben, da zeigte mir Mehmet aber die Patisserie Salman, und die war super gut. Wir aßen ein Eis. Dumm ist dort, dass die eine Rechnung für den ganzen Tisch machen, und so zahlte ich, und weder ich traute mich, das Geld vom Mehmet für sein Eis zurückzuverlangen, noch machte er Anstalten, mir das Geld zu geben. Naja, hätte ich ihn pro Stunde bezahlt, wäre es teurer geworden. Zu dieser Patisserie ging ich dann fast täglich. Die hatten Baclava, andere süße Plätzchen in allen Variationen, guten Käsekuchen, super Eis und auch ganz leckere salzige Gebäcksorten. Den Weg meisterte ich mehr oder weniger ohne Hilfe, aber ab und an musste mich mal jemand um ein Hindernis herumführen. Die Türken merkten sofort, dass ich Touristin bin, obwohl ich ja sehr dunkle aussehe. Aber welche Blinde in der Türkei traut sich schon alleine auf die Straße? Das sagten mir Gülay und Ossmann, die das zunächst sehr erstaunlich fanden, dass jemand Blindes einfach so in die Türkei reist. Sie meinten, würden sie das jemandem aus ihrer Familie erzählen, die würden sie für verrückt halten. Dort leben die Blinden in ihren Häusern und gehen kaum raus. Zuständig ist die Familie und wohl weniger der Staat. Der sorgt auch nicht für die nötige Infrastruktur, dass Blinde barrierefrei am Verkehr teilnehmen können. Es soll wohl auch vereinzelt Blindenampeln geben, aber mir ist keine untergekommen.

Bei Salman war ein netter Kellner, der erzählte mir, dass er in Nürnberg gelebt hat. Er erzählte mir von den Straßen, Haltestellen und dem Gebiet, wo er wohnte und arbeitete. Er wohnt in Fürth und arbeitete in der Nordstadt von Nürnberg in einem Döner-Imbiß. Er erzählte mir auch, dass die alten Straßenbahnen von Nürnberg nach Antalya gegangen seien. So sahen sie auch aus. Auch Birrrol, der Fahrer, der so gut Deutsch sprach, hatte seinen Abschluß in Nürnberg gemacht. Mehmet und Ossmann sprachen auch akzentfrei, die lebten wohl auch lang in Deutschland. Birrols Schwester wohnt sogar noch in Nürnberg in meinem Stadtteil! So ein Zufall!

Mehmet hatte mir erklärt, dass gegenüber der Salman-Patisserie das Kemal-Atatürk-Museum sei. Da ich gerne kulturelle Ausflüge mache, ging ich sofort dort hin. Aber da verstand mich niemand: Kein Deutsch, kein Englisch! Die Frau hielt mir dann einen Telefonhörer hin, da sprach jemand Englisch und erklärte mir, dass ich nichts anfassen dürfe, und dass man nur Türkisch könne. So führte mich eine der Frauen durch das Museum, ich sah nichts, erkannte nur ein paar Tische und Stühle, hörte ihr Gemurmel, irgendwas von Kemal Atatürk, und draußen war ich. Ich fragte nach dem im Telefongespräch erwähntn Antalya-Museum. Wieder hielt sie mir Ihr Handy hin. Da sprach die Frau aus dem Hörer, dass man mich in die Straßenbahn setzen würde, die dort in der Nähe sei, ich könne dann zum Antalya-Museum fahren. Gesagt, getan, die Frau setzte mich in die alte ehemals Nürnberger Straßenbahn. Ich fragte den Fahrer, was es kostet, hörte nur einen Schwall Türkisch, hielt ihm eine Lira hin, und er gab mir eine halbe heraus. In Abständen fragte ich ihn nach dem Antalya- Museum, da ich fürchtete, er könnte mich vergessen haben. Die Frauen neben mir sagten nur immer : „HEIR; HEIR“, was nein bedeutet. Dann drehte ich mich um und rief in die Bahn: Does anyone speak English here?“ Da erklärte mir dann ein Mann, dass das Museum an der Endhaltestelle sei. So konnte ich beruhigt durchfahren. Dort veranlasste der Fahrer, dass mich ein Fahrgast zum Museum führen sollte. Dort angekommen vernahm ich Spanisch, fragte sogleich nach der Kasse. Dort sagte man mir, in Deutsch gäbe es keine Führung, aber in Englisch. SO verstand ich es zumindest. Als ich die 7 Euro ohne Behindertenermäßigung gelöhnt hatte und meine Karte bekam, war es nichts mit Englisch. Es wurde mir ein Flyer in die Hand gedrückt, man schob mich durch eine Absperrung, und als ich zu erklären versuchte, dass ich als Blinde mit einem Flyer nichts anfangen könne, schob sie mich einfach weiter. Ich war so sauer auf diese Dame, dass ich ihr einfach aus Zorn den Flyer vor die Füße warf und davon ging. Ich hörte dann die Spanier und schloß mich der Gruppe an. Deren Reiseführerin konnte Spanisch und erklärte alles. Ich verstand durch mein Studium so um die 70% und konnte somit etwas folgen. Die Spanier nahmen mich mit und meinten, ich sei mutig, so alleine da hinzufahren. Als die Führung vorbei war, meinte die Reiseführerin, sie hätten nun eine Stunde Zeit, sich die Teppiche, den Schmuck und das Keramikwerk anzusehen. Ich fragte sie, ob sie mir gegen Bezahlung och einiges erklären könnte. Sie meinte, das sei nicht notwendig. Ich freute mich schon auf die kostenlose Erklärung, aber sie war auf einmal verschwunden. Ich war so sauer und rief einfach mal „HALLO“, weil ich hoffte, dass vielleicht jemand eine meiner Sprachen können würde und mir helfen könnte. DA kam ein Wachmann und schob mich unsanft zum Aufzug. Ich fürchtete schon, dass er mich abführen würde. Er meinte: „Ascenseur, Woman, English!“ Er führte mich zu einer Person, die gebrochen Englisch konnte. Sie verstand allerdings besser Spanisch, und so erkärte ich ihr, dass ich weder eine Behindertenermäßigung erhalten noch sonst einen Ausgleich oder eine Hilfe bekommen hätte, und dass ich das unmöglich fände! Diese Mentalität ist denen total fremd. Wobei es mir in Konstanz auch schon bei einer N apoleon-Ausstellung passierte, dass mich eine Angestellte anfauchte: Was wollen Sie denn hier, Sie sehen doch eh nichts! Aber in der Türkei gibt es gar keine Möglichkeiten für Blinde, ins Museum zu gehen und eine kulturelle Teilhabe zu erleben. So bat ich darum, mir ein Taxi zu rufen, und ich fuhr ließ mich für ganze 15 Lira, die ich auf 20 Lira aufrundete, was 10 Euro entspricht, zurück ins Hotel fahren, was fast eine halbe Stunde dauerte. Dafür kostete das Taxi wirklich wenig.

Ich erhielt durch Mehmet die Info, dass Ossmann zwei Leute gefunden hätte, die die Stadtrundfahrt mitmachen wollten. Am Donnerstag sollte es losgehen. Ich wurde von Ossmann abgeholt, wobei der Bus Sitze in gegenüberliegenden Reihen hatte. Mir wurde fast wieder schlecht, weil ich nicht vorne sitzen konnte, da ich ja die Erklärungen mitbekommen wollte. Es war noch ein Ehepaar aus Heidelberg dabei. Die kannten sogar meinen alten Professor, der mich damals mit dem Shunt so hängen gelassen hatte. Dort hatte ich ja während meines Kuraufenthaltes in Heidelberg dialysiert. Der Mann kannte auch die Krankenschwestern und Pfleger dort, da er dort ebenfalls dialysiert, und er kannte auch das Personal vom Uniklinikum. So hatten wir einiges zu erzählen und auszutauschen. Wir bekamen einige Daten, dass Antalya die sechstgrösste Stadt der Türkei sei, und dass die Türkei mit der doppelten Fläche Deutschlands aber dieselbe Einwohnerzahl habe. Dann ging es zum Wasserfall mit Namen Carpus Caldran (oder so ähnlich). Ich habe ein paar akustische Aufnahmen mit meinem Notizgerät vom Rauschen gemacht, und Ossmann machte ein paar Bilder mit meinem Photoapparat. Danach ging es zu einem Schmuck-Outlet. Dort empfing uns eine fließend Deutsch sprechende Türkin, die in Heilbronn gelebt hatte. Sie war ziemlich aufgebrezelt und pries sehr aufdringlich ihre Waren an. Als ich ihr meinen Ring zeigte, meinte sie, da fehle ein Lapislazuli. Wenn ich den ersetzen ließe, und wenn ich ein Schmuckstück kaufen würde, bekäme ich die Reparatur des Lapislazuli-Ringes umsonst. Es gäbe schon schöne Stücke ab 15 Euro. Wir könnten außer mit Spielkarten mit allen gängigen Karten zahlen, hahaha. Und Reparaturen seien kein Problem, man könne alles in die Türkei schicken, und größere Schmuckstücke würden auch nachgesandt, wenn man heimfliegt. Alles sei möglich. Dann sollte ich separat in einen Raum, um mir ein nettes Schmuckstück auszusuchen, die anderen könnten ja derweil sich noch weiter umsehen. Ich bat die Heidelberger, doch mit mir zu gehen, ich roch gleich den Braden, dass sie mich separat halten wollten, um mir was Teures anzudrehen. Die nahm mich fast mit Gewalt und wollte mit allen Mitteln verhindern, dass die beiden mitkamen, aber die ließen sich einfach nicht abschütteln. Dann zeigte sie mir einige Steine, aber sie meinte, das Gold für die Fassung müsse ich extra noch zahlen. Auf meinen Einwand hin, dass ich doch angeblich was für 15 Euro kriegen könnte, meinte sie, das habe ich falsch verstanden. Da pflichteten mir die Heidelberger bei, dass sie das so gesagt habe. Dann pries sie weiter ihre Ware an, kaufen Sie das, kaufen Sie das. Wir bekamen was zu trinken, wobei ich ablehnte wegen dem Wasserhaushalt, während der Mann, der mir gegenüber vorher noch betont hatte, dass er GAR keine Ausscheidung mehr habe im Gegensatz zu mir, gleich das Getränk annahm. Da wundert mich nicht, woher die anderen soviel Wasser mit an die Dialyse bringen. Jedenfalls lehnten wir kategorisch JEDES Teil ab, das sie uns anbot und erklärten ihr mehrfach, dass wir kein Geld hätten. Sie gab mir eine fein gearbeitete Kette in die Hand undmeinte, dass ich die doch mal anfühlen sollte. Ich war skeptisch und sagte, dass das Ding doch gleich reißen würde. Neinein, das ist speziell gearbeitet, sehen Sie. Sie zog an beiden Enden zur Demonstration und --- die Kette riß durch! Sie war fertig, musste aber selbst lachen. Wir konnten uns nicht zurückhalten und feixten kräftig. Hinterher meinte sie, für meinen Ring gäbe es keine Lapislazuli bei ihnen, der sei zu klein. Hätte ich was gekauft, hätten sie sicher einen kleinen Lapislazuli gehabt.

Dan ging es gleich zum Leder-Outlet. Dort sahen wir erst mal eine Modenschau an. Auch ich konnte einiges erkennen, da der Laufsteg sehr gut ausgeleuchtet war. Danach ging s in die Verkaufshalle. Dort begrüßte uns ein Türke, der uns gleich einen Kaffee anbot. Ich ließ mich dann doch zu einem Espresso überreden. Der war auch mit Abstand das Beste, was ich in Antalya an Kaffee gekostet habe. Er war gar nicht aufdringlich, wir quatschten nur, er erzählte uns, dass er lange in Österreich gelebt hat, an Epilepsie liett, und er zeigte uns nur eine Jacke, die hauchdünn war. Das Leder ist beeindruckend weich, als würde man eine Regenjacke anfassen. Für den Preis von einer hätte man zwei Jacken bekommen, aber das wäre sicher immer noch teuer gewesen.

Ossmann hatte, nachdem er gemerkt hatte, wie blöd wir die aufdringliche Tusse beim Schmuck fanden, einen extra wenig aufdringlichen Verkäufer angerufen, der sich unserer angenommen hat.

Danach sind wir dann was Essen gegangen, bzw. Es gab in der Innenstadt eine sehr gute Patisserie mit Mandelkuchen. Ich probierte gleich Rübli- und Mandelkuchen, wobei Letzterer besser schmeckte. Danach konnten die beiden anderen Herrschaften nicht mehr laufen, da ihm oft schwindelig war (er dialysiert wie ich auch vier mal pro Woche), und sie war auch schon älter. Ossmann ging mit uns zum Hafen, da er dort etwas für eine andere Reisegruppe erledigen musste. Ich wollte noch etwas in der Altstadt bleiben und wollte alleine zum Hotel zurück, da die anderen nur noch auf einer Bank saßen und dort auf den Bus nach Hause warteten. Da es sehr steil war, konnte ich nur bergauf gehen. Abwärts wäre ich hoffnungslos nach unten geschlittert trotz guter Schuhe. Ich ging ab dem Hafen dann also wieder aufwärts. Die Gassen wwaren sehr eng. Es hatte kaum ein Auto Platz. Es kam auch kaum eines. An den Rändern waren lauter Händler mit Touristenkram wie Sonnenbrillen, original gefälschten T-shirts, Tüchern, Modeschmuck etc. Jedesmal, wenn ich nur etwas länger stehen blieb und guckte, wurde ich sofort angesprochen oder sogar hereingebeten. Ich wand mich aber immer wieder aus der Situation heraus und kaufte nichts. Ich stieg und stieg und wurde jedes Mal in eine andere Richtung geschickt. Mal sollte ich links, mal rechts abbiegen. Irgendwann kam ich dann auf die Promenade Kemal-Atatürk-Straße, wo auch die Sl aman-Patisserie ist. Dort ging ich dann in Richtung Talya-Hotel. Es war meistens so, dass mich jemand schon von Weitem erkannte und abfing und heim brachte. Woher die Leute das wussten, und wer das war, weiß ich nicht. Wahrscheinlich waren es Angestellte vom Hotel oder Leute, die da oft rumliefen und mich erkannten. Es saß auch immer vor einem Laden ein Cokerspaniel, der sich streicheln ließ. Diesmal blieb ich lange vor dem Hotel hängen und wußte nicht weiter. Es sprach mich eine Dame an, ich könnte mit ihr fahren, ich solle noch 10 Minuten warten. Dann sollte ich ein ein feines Auto einsteigen, hatte aber etwas Angst, einfach mit Fremden mitzufahren. Sie stieg ebenfalls ein, so war ich beruhigt. Ein Mann war am Steuer, vorne war eine Frau und hinten die andere. Ich hörte, dass sie immer wieder Talya Hotel sagten. Am Ende kam ich dann auch dort an. Sie ließen ich raus, ich bedankte mich mehrfach mit „saol, saol“, und ich war glücklich, dass es so nette Leute gab, die mich mit so einem schönen und ruhigen Auto nach Hause fuhren.

Im Hotel war es auch immer super. Sobald ich wo herumstand, kam jemand und brachte mich aufs Zimmer, zur Rezeption, zum Aufzug, oder wo immer ich hin wollte. Ich saß einmal einen Vormittag draußen und hörte Hörbuch. Als ich aufstand und die Eingangstür vom Garten in die Lobby suchte, war schon jemand da, um mich hinzubringen. Ich dachte, die haben mir wohl einen Peilsender angebracht, damit sie immer wissen, wo sie mich aufgabeln müssen Offenbar stehen da überall die so genannten Bellboys herum und sind zur Stelle, wenn Hilfe gebraucht wird. Auch aus dem Speisesaal wurde ich immer zum Aufzug geführt. Ich fühlte mich wie eine Prinzessin oder eine Prominente, weil ich so viel aufmerksamkeit und Hilfe bekam.

Da ich nicht an einem Strand untergebracht war, wo man langlaufen kann, besprach ich mit Gülay, dass Birrol mich einmal zum Conia Alte Beach nach der Dialyse bringen könnte, und von da würde ich dann einen Spaziergang zum Beach Park Hotel machen, von da aus dann einen Taxifahrer anrufen, um heimzukommen. So machten wir es auch. Ich erhielt die Nummer eines gewissen Bessalet, der öfter schon für Gülay Leute gefahren hat. Irgendwie hängt das mit den Hotels zusammen, dass man nur bestimte Taxifahrer bekommt. Gülay meinte, ich solle den Taxifahrer nicht direkt vom Hotel aus anrufen, da die ihre eigenen Taxifahrer hätten. Ich ließ mich also zum Strand fahren und lief oben entlang, da unten zuviel Kies war. Alle paar Meter hörte ich so ein Gedudel irgend einer Strandbar, wo sie Hamburger und anderen Mist verkauften. Das Meeresrauschen ging da leider unter, aber die Dinger boten eine gute Orientierungshilfe. Da das Beach Park Hotel schon so schnell kam, ging ich noch etwas weiter und drehte dann wieder um. Ich hätte gleich in dieses Hotel zum Essen gehen sollen, wo die schöne Musik her kam, aber ich wollte eben ins Beach Park. Dort bekam ich dann aber nur so Junk-Food wie Toast mit türkischer Wurst. Ein richtiges Mittagessen wollte ich nicht, da ich lieber Kuchen oder Gebäck wollte, aber die hatten an kleinen Snacks eben nur dieses Zeugs. Die Hälfte habe ich runter bekommen, den Rest hätte ich nicht mal einem Hund gegeben, so fettig war das. Dann lief ich noch etwas auf und ab und dachte, vielleicht gibt es noch ein Café, wo man Kuchen kriegt. So denkt man halt in Deutschland. Aber nichts war zu finden, nur Hotdogs und Co. Dann ging ich zu einem Hotel, wählte Bessalets nummer und drückte mein Handy einem Hotelangestellten in die Hand, damit er ihm erklären möge , wo ich bin. Als ich dann wartete, bot man mir was zu Trinken an. Ich bat um ein Eis. Es kam genau, als das Taxi heranfuhr. Ich erhielt aber dennoch eine Eistüte, und als ich bezahlen wollte, meinte der Kellner, ich bekäme es geschenkt. Das fand ich total nett, Während des Wartens wollte ich mich kurz auf den Boden setzen, weil ich nicht so lange stehen kann, und schon stellten sie mir einen Stuhl raus. Das finde ich immer sehr schön, wenn man so hilfsbereit ist. Durch die Stadt brauchten wir dann wegen eines Fußballspieles viel länger als geplant. Ich hörte später, dass die Mannschaft von Antalya sogar in meinem Hotel untergebracht sei. Gott sei Dank wurde das Hotel nicht von irren Fans belagert.

Da ich den anderen Strand auch mal kennenlernen wollte, der Lara-lBeach hieß, fragte ich BIrrol, ob er mal mit mir da hinginge, und auch zum Eisessen. So fuhren wir nach seinem Dienst, der um 19 Uhr endete, mit dem Dialysebus zum Lara-Beach. Dort liefen wir unten im Sand. Das war vielleichg anstrengend! So hätte ich mir das nicht vorgestellt. Da ich ja nicht viel trinken darf, und ich ohne Wasser keinen Sport machen kann, endete der Spaziergang nach ca. 700 Metern, immerhin. Wir gingen dann zu einer Eisdiele, und dort lud ich dann Birrol zum Eis ein,weil er nach seinem Feierabend so nett mit mir zum Strand gegangen ist. Da kosteten doch zwei Portionen Eis à drei Kugeln ganze neun Euro. Das fand ich schon sehr teuer für eine türkische Eisdiele. Aber es war ganz gut, auch, wenn es sich etwas fädig zog. Es war ein schöner Abend, und so bin ich doch noch zu meinem Strandspaziergang gekommen. Da liefen lauter wilde Hunde herum, die uns laufend ankläfften. Birrol jagte sie jedes Mal weg, die Armen sind wohl ausgesetzt worden und streunern jetzt so herum.

An der Dialyse durfte ich auch DVD gucken. Mit den Kopfhörern war es etwas ein Problem, da die nicht vollständig kompatibel waren. So dauerte es immer ewig, bis wir eine DVD anschmeißen konnten. Eine war kaputt, eine andere ging dann. Eine durfte ich mir sogar mit heim nehmen, kopierte sie in Deutschland und schicke sie jetzt wieder zurück. Ich gab noch Wüstenblume dazu, damit sie wieder neue DVDs für andere Gäste haben. Ich hatte mir einige Hörbücher auf CD kopiert im MP3-Format und wollte sie alle dort hören, damit ich nicht tausend CDs mitschleppen muß, und alles auf einer Scheibe ist. Den Gedanken hatten wohl auch andere schon vor mir, denn Gülay konnte mir einige CDs mit vielen Hörbüchern ausleihen. Ich ließ dann auch immer meine fertig angehörten CDs für wiederum andere Gäste da. Ich hörte insgesamt acht Hörbücher. Die Zahl ist daher wichtig, da ich wenig unternehmen konnte, weil ja keinr außer mir Interesse hatte. Die anderen suchten andere Tourismusunternehmen auf, um Ausflüge mitzumachen, oder sie waren zu krank, um viel zu unternehmen, wie eben das ältere Ehepaar. Ich war genau dazwischen, zu behindert, um mir selbst ein Unternehmen zu suchen, ohne Gefahr zu laufen, reinzufallen, und wiederum zu fit, um nur daheim herumzusitzen. So saß ich halt lange Zeit auf meinem Balkon, mal im Bikini, wenn s mal wärmer war, mal in kurzen Sommerkleidern. Etwas Farbe habe ich wohl angenommen. Ich hatte gut schützende Sonnencreme dabei. Wenn die Sonne schien, war es wirklich brühend heiß. Sobald sie aber etwas verdeckt oder weg war, war es doch noch sehr frisch. Ins Wasser wäre ich da eh nicht gegangen, und extra mit Bikini, Sack und Pack, Hörbüchern und Walkman nach unten auf die Terrasse zu gehen, war mir dann doch zu stressig. So genoß ich die Tatsache, mal einen SONNIGEN Balkon zu haben. Wenn es mir zu heiß war, ging ich wider nach drinnen. Eigentlich finde ich solche Erholungsurlaube stinklangweilig, aber man muß das Beste draus machen.

Ich hatte auch den Ausflug am Sonntag mit dem Bazar- und Moscheebesuch ausgesucht. Der fiel aber mangels Beteiligung ebenfalls ins Wasser. Birrol konnte nicht, da sein Sohn an diesem Nachmittag ein wichtiges Rennen lief, und er natürlich dabei sein wollte. So sprach ich mit Gülay. Die meinte zunächst, viel hätte ich da nicht versäumt, denn es gäbe eh keine Kamotten aufdiesem Bazar. Aber ich wollte halt unbedingt, damit ich weiß, wie es aufeinem Bazar zugeht. So rief sie Bessalet an, ob er am Sonntag mit mir da hinfahren würde. Er meinte, ja, aber er würde 40 Euro anstatt 25 Euro verlangen plus Verpflegung. Als er kam, war ich geschockt, denn er kam mit zwei Kindern (einer war schon erwachsen und saß am Steuer) und seiner Frau. Na das kann ja ein teurer Spaß werden, dachte ich mir. Der Junge am Steuer, es war ein 6-Sitzer-Taxi, konnte Deutsch. Wir hielten in „Tschakalar“oder wie auch immer das ausgesprochen und geschrieben wird. Dort gingen wir Frühstücken. Wir stiegen ein paar hölzerne Stufen hinauf, mussten die Schuhe ausziehen und saßen in einer Art „Hochzelt“ mit Planen drum herum auf dem Boden auf Kissen. Das gefiel mir sehr gut, weil es so orientalisch war. Aber es war so stickig, dass ich unbedingt den Reißverschluß der Plane offen haben musste. Er bestellte dan Börek, was man mit Kartoffeln, Zwiebeln oder Fleisch haben konnte. Dazu kamen Oliven, Tee, Käse und Wallnüsse. Ich hatte zwar schon gefrühstüpckt, aber ich futterte auch mit. Die Börek-Pfannkuchen schmeckten super. Es ist kein Vergleich mit dem eklig fettigen Zeugs, was man in unseren Döner-Buden kriegt. Es war dann auch Gott sei Dank nicht so teuer. Insgesamt gab ich ihm 100 Lira, 50 Euro, wobei er noch für 4 Euro aus diesem Geld meinen türkischen Honig bezahlte, den ich für meine Katzenbetreuerin daheim und für mich mitnahm.

Zuvor gingen wir aber noch in die Murat-Pascha-Moschee. Als wir aus dem „Frühstücks-Dorf“ wegfuhren, wunderte ich mich schon, warum wir nicht in den Bazar gingen. Als wir dann unterwegs besprachen, was wir machen – Bessalet hat auch lange in Deutschland gelebt und spricht ganz gut Deutsch --, wunderte er sich, dass ich auch in den Bazar wollte. Ich war schon ganz enttäuscht und dachte, jetzt fällt der Bazar aus, weil wir schon so weit weggefahren waren und nicht mehr umdrehen konnten. Aber er fand bei der Moschee auch einen Bazar. In der Moschee mussten wir die Schuhe ausziehen, aber ich durfte kurzärmelig hineingehen. Wir gingen icht so weit vor, da gerade Gebet war. Ich nahm den Muezin mit meinem Diktiergerät auf. Das ging ganz schön lang. Wir gingen auch aus der Moschee hinaus und stellten uns 20 Meter weit weg, um das Gebet aus dem Lautsprecher aufzunehmen. Früher saßen die Muezine in den Minaretten drin, aber heute können sie dank der modernen Technik unten in ein Mikrophon singen, ehhh, beten, SINGEN dürfe man nicht sagen, das sei eine Beleidigung, warum eigentlich? Jedenfalls gingen wir dann auf den Bazar, wo es gut nach Gewürzen roch. Überall waren Stände. Ich kaufte den türkischen Honig und zahlte Bessalet aus, der das Essen ausgelegt hatte. Dann kamen wir an einen Parfümstand. Dort kaufte ich 100 ml nachgeahmtes Channel No 5 und 50 ml nachgemachtes Laura Biagiotti Roma. Er wollte 50 Lira dafür. Ich wäre schon drauf und dran gewesen, das zu zahlen, aber Bessalet meinte, ich solle handeln. Ich sagte, 30 Lira. Der Mann meinte, ein armer Mann bräuchte doch noch was zum Leben, und er wolle 35 Euro. Auch das hätte ich beinahe gelöhnt, aber Bessalet griff ein und meinte: Die Frau sagt 30, also 30. Ich war total glücklich. Dann gingen wir zu einem Stand mit Ringen. Dort handelte Bessalet einen Preis von 15 Euro für mich aus. Später erfuhr ich, dass die Sachen ohnehin icht mehr wert sind, und die erst ganz weit oben anfangen, die Touristen übern Tisch ziehen, und dann meint man Wunder wie weit man herunter gehandelt hat, beide Parteien sind glücklich. Bessalet meinte dann immer wieder: „Sag nichts Gülay, dachtest schon, isch bring disch nischt Bazar, bist DU jetzt zufrieden, lach mal, sag aber nix Gülay.“ Er hatte wohl Angst, dass Gülay ihn schimpft, wenn ich ihr sge, er habe den Bazar zunächst vergessen. Ich war aber total happy mit meinem Errungenschaften.

Daheim im Hotel erzählte ich alles stolz meinen Eltern und meinem Bekannten am Telefon. Meine Eltern meinten, ich müsse nun Zoll für das Parfüm bezahlen, und alle meinten, ich müsse eventuell Strafe zahlen. Aber als ich Gülay das erzählte, lachte die nur umd meinte, dass das ganz normal sei, dass da keiner kontrolliert, denn es steht ja nicht Channel No 5 drauf. Es gäbe in der Türkei viele Häuser, wo man diese Nachahmerprodukte günstig kaufen könne, ich täte nichts Illegales. Da war ich dann beruhigt. Man soll halt nicht auf alles hören, was einem andere erzählen, und sich nicht verrückt machen lassen. Hinterher war nämlich gar kein Zoll da, der überhaupt irgendwas kontrolliert hat.

An einem Dienstag ging es dann ins Hammamm. Ich wurde abgeholt und in einen Bus gesetzt. Keiner sprach Deutsch. Dort dann endlich wurde ich von einer Deutsch-sprechenden Türkin namens Hylia empfangen. Sie brachte mich zu einer Umkleide. Auffallend war, dass viele Leute, auch Mitarbeiterinnen, Russisch sprachen. Dann bekam ich vom Dr. Seltschuk empfohlene Mineralwasser. Ich hörte mittlerweile auf ihn, da er offenbar ziemlich Ahnung hat. Denn wegen einer Verstopfung aufgrund der Rhythmus-Umstellung zur Morgendialyse und wegen des ungewohnten Essens (meine Nachbarin bekam Durchfall), erhielt ich Laktulose und sollte diese erst abends einehmen. Da ich aber zu ungduldig war, schluckte ich das Zeugs gleich. Die Wirkung ließ nicht lang auf sich warten. Beim Abendessen bekam ich dan solche Krämpfe, dass ich schon Angst hatte, es würde jemandem auffallen, weil ich total gekrümmt am Arm der Angestellten ins Zimmer ging. So befolge ich also den Rat mit dem Mineralwasser und schleppte es überall mit hin im Hammamm. Zuerst wurde ich auf einen heißen Stein gelegt. Dort übergoß mich eine Frau mit warmem Wasser. Dann wurde ich mit einem Peeling-Handschuh abgerubbelt. Danach kam wieder Wasser. Dann wurde ich mit Schaum vorne und hinten eingeseift. Danach wurde ich wieder mit Wasser übergossen. Dann sollte ich ruhen. Später holte mich Hylia zur Massage ab. Eine Frau ölte mich ein und massierte mich. Sie war erstaunt, dass ich schon 42 war, sie meinte immer wieder: beautiful face, beautiful body. Aber deshalb gab es auch nicht mehr Trinkgeld. Dann ruhte ich wieder, zog mich an und wartete draußen auf den Bus. Ich musste das Wasser bezahlen, da es aus der Bar kam. Den Tee hätte ich so gekriegt. Ich hatte vorher erklärt, dass die Empfehlung vom Doktor kam, aber das war denen egal. Auf den Tee musste ich verzichten, damit ich nicht zuviel Wasser ansammelte. Das war ärgerlich. Ich gab ihnen dann 10 Lira Trinkgeld, wovon noch das Wasser abging. Das war zwar etwas weig, aber ich musste mit dem Geld haushalten, und ich war etwas angegrätzt, dass der Tee kostenlos war, den ich nicht trinken durfte, während die ärztliche Empfehlung was kostete. Außerdem hat der Spaß sowieso 25 Euro gemacht. Dann hatte ich schon Angst, dass der Bus mich dagelassen hätte, weil ich kein Wort Türkisch kann, und so rief ich Hylia nochmal, die mit guckte, dass ich in den Bus kam. Aber die Herren wussten ja, wer ich bin, und so hat es geklappt. Wenn man nichts oder so wenig sieht wie ich, ist einem schon mulmig, wenn man so an einem fremden Ort ist, ohne mit den Leuten sprechen zu können. Der Tag war ideal für ein Badehaus, wo es total heiß war, denn draußen war es zur Abwechslung mal richtig regnerisch. So hab ich mir auch gleicheine Erkältung eingefangen, wie ich am nächsten Tag feststellte.

Es fing an mit Halsweh, und ich fühlte mich immer grippiger. Die Frau Doktor Funda (hier redet man die Ärzte mit Doktor und Vornamen an), die ich sonst auch total goldig fand, weil sie mir die Hand geschüttelt hat, wie mein Kalium so gut war, verordnete mir ein Clacid, ein Antibiotikum, das ich aber so schlecht vertrug, und solches Leibweh bekam, dass üich die Englein schon singen hörte. Es zog bis zum Herzen hinauf, und da ich bald fliegen würde, wollte ich mir das nicht auf der Reise antun.

Vor meiner Abreise erlebte ich noch eine schöne Überraschung. Da die Aschewolke zu der Zeit grade über Europa schwebte, konnten keine Touristen angeflogen werden. So fiel die von Turset angebotene Türkische Nacht mit Folklore und Essen auch aus. Birrol wusste auch nicht, wo ich noch Folklore hören könnte. Im Radio lief ab und an solche Musik, und der eine Dialysefahrer, der kein Deutsch konnte, stellte für mich den Sender ein, als er merkte, dass ich das gerne höre. Es war sowieso fraglich, ob ich nach Hause würde fliegen können, da nicht absehbar war, wann sich die Wolke wieder verzog, und ob man Flieger am Himmel zulassen konnte. Daher war ich etwas enttäuscht, dass die Türkische Nacht ausfiel. Aber als ich einmal beim Abendessen saß, hörte ich, dass jemand in ein Mikrofon schnalzte und zählte, was sich nach einer Mikro-Probe anhörte. Als ich nachfragte, wurde mir erkärt, dass eine Türkische Nacht im Hotel stattfinden würde. Ich war so froh und fragte, ob ich bleiben und zuhören könnte nach dem Essen. Ja, und so setzte man mich noch weiter zur Bühne. Es kostete sogar nichts. Bei Tourset hätte es 25 Euro gekostet. Das fand ich dann ausgleichende Gerechtigkeit, da ich soviel extra für Taxi und Trinkgeld ausgeben musste, weil keine Reisegruppen zustande gekommen waren. Leider war ich da schon etwas krank und war froh, als der Abend zu Ende war, weil ich nur noch ins Bett wollte, toll war es aber dennoch, und ich habe etwas auf mein Diktiergerät aufgezeichnet.

Da mein Rucksack schon bei der Anreise übervoll war, und da ich noch von Gülay türkischen H onig bekommen hatte, um ihn meiner Katzenbetreuung mitzubringen, und ich nun ja auch noch türkischen Honig hatte und vom Salman noch Gebäck einkaufen wollte, entschloß ich m ich dazu, um nicht wieder meine Badelatschen in der Handtasche schleppen zu müssen, eine zweite Reisetasche zu kaufen. Ich wollte eine mit Rädern und fragte Gülay, wie viel Kilo ich denn mitschleppen durfte im Flieger. 20 Kilo, und ich hatte schon 14. So lehnte ich den Koffer ab, den Gülay mir zum Kauf anbot, da er zu groß war und zuviel Eigengewicht hatte.

Da Bessalet wegen dem beinahe versäumten Bazar offenbar ein schlechtes Gewissen hatte, bot er mir an, mich am folgenden Tag kostenlos Spazieren zu führen. Ich solle ihn anrufen, er habe frei, wir könnten in den Park gehen. Ich ließ es bei ihm dreimal läuten, und er rief zurück. Dann meinte er aber, die Schwiegereltern seines Sohnes seien gekommen, er könne jetzt doch nicht mit mir Spazieren gehen. Naja, so was dachte ich mir schon fast. Als ich also die Reisetasche, weitere Euros brauchte, und auch nochmal in ein solches Parfümhaus mit nachgeahmten Parfüms wollte, bat ich Gülay, ihn nochmals anzurufen, da ich mich nicht mehr traute, sonst hätte er gedacht, ich wolle schon wieder kostenlos Spazieren gehen. So bekam ich vorsorglich eine kiste von Gülay, falls ich keine Tasche finden würde. Bessalet meinte: „Hab isch Nachbar, hat Taschengeschäft, macht gute Preis.“ So sind wir da hingefahren. Der erste Geldautomat hatte keine Euro-Scheine mehr, da er erst in einer halben Stunde aufgefüllt würde, so ein Pech aber auch. So legte Bessalet mir das Geld aus. Wir durften uns setzen, bekamen Apfeltee angeboten, und mir wurden einige Modelle gezeigt. Ich entschied mich für eine Reisetasche auf Rädern, da ich die dann auch daheim noch für Einkäufe nutzen konnte. Er handelte sie von 30 Auf 25 Euro herunter. Dann waren wir noch im Parfümladen, wo ich zweimal Carolina Hereras (einmal Chick und einmal Sexy) und noch ein Job-Parfüm kaufte, das kostete sogar alles a 50 ml zusammen nur 25 Euro. Dann fanden wir endlich einen Geldautomaten, der Euros ausspruckte. Ich bekam 5 Zwanziger. So musste ich ja Bessalet jetzt das ausgelegte Geld zurückzahlen. Das waren 50 Euro. Als ich ihn fragte, was er denn für die Taxifahrt wolle, meinte er: „Was DU mir geben willst.“ Sowas mag ich gar nicht, denn da ist man immer in der Bredouille, und es ist dann an mir, ob ich geizig bin oder nicht . Wenn er konkret was verlangt hätte, wäre es mir lieber gewesen. So sagte ich: 20 Euro. Da hätte ich ich ihm also insgesamt 70 Euro geben müssen. Ich hatte aber nur Zwanziger und gab ihm vier Stück. Das waren 80 Euro. Da meinte er: Muß ich Dir jetzt 10 rausgeben? Da konnte ich ja schlecht sagen, JA, gib mir 10 Euro raus, und so erließ ich ihm den Rest. Er gab mir dann 10 Lira wieder und meinte: Das ist korrekte Preis. So hab ich ihm ganze 25 Euro gegeben. Das ist für türkische Verhältnisse schon ganz schönes Geld. Dann fragte ich ihn, ob er Lust habe, mit mir zum Salman Kaffee trinken zu gehen. Wir stellten meine „Beute“ im Hotel ab, und die waren sogar so nett, das Ganze auf mein Zimmer zu bringen. Wir liefen zu Fuß zum Salman. Dort aßen und tranken wir beide, und dann kam ein Anruf für Bessalet. Er stand auf, und ich blieb mit der Rechnung sitzen, ganz sauber!

Und doch hatte ich zuwenig Euros abgehoben, die waren schon wieder alle. An nächsten Tag fuhr Birrol mich zur Notapotheke wegen des verordneten Antibiotikums, denn es war Kinderfeiertag in Antalya. Ich hatte, da es mein letzter Tag war, an der Dialyse fünf Euro und fünf Lira Trinkgeld dagelassen, etwas zu wenig, aber es ist ein Kreuz mit den Währungen und dem pa ssenden Kleingeld, und 20 Euro waren mir definitiv etwas zufiel. Bin ja kein Croessus. Dann blieben mir 20 Euro übrig, und das Medikament kostete 15 Euro. So konnte ich Birrol nur 5 Euro Trinkgeld geben, weil ich es passender nicht hatte, und das tat mir so Leid, weil ich ihn sehr mochte, und er mir sehr viel geholfen hat. Aber auch am Automaten kam nichts Passendes. Da ich krank war, und da ich unbedingt bei Salman mein Gebäck für Deutschland mitnehmen wollte, fuhren wir auch da noch vorbei. Ich da chte, vielleicht können die auch wechseln, und dann kann ich Birrol noch mal fünf Euro geben. Aber die nahmen nur Lira. Somußte ich mit Maestro- Karte die 7 Lira für das Gebäck bezahlen, ziemlich doof. Im Hotel wollte ich dann meine Zimmerrechnung für Telefon und Minibar bezahlen. Ich hatte nur ein Getränk, das ich mehrere Tage leermachte, da ich ja eh nicht viel trinken darf. Dann schmuggelte ich eine riesige Wasserflasche ins Hotel, die Mehmet hochtrug in einer Tüte. Das Leitungswasser kann man nicht mal zum Zähneputzen nehmen, da ich Zahnfleischentzündungen bekam. Aber dennoch war die Flasche am Ende noch nicht leer. Ich holte dann die Rechnung für alles an der Rezeption ab. Ich fragte, ob sie eine Tip-Box haben, und wie viele Abteilungen es gibt. Er zählte fünf Abteilungen auf, und als ich schon die Augen etwas verdrehte, meinte er, das sind dann auch alle. Ich gab 50 Euro, also 10 pro Abteilung wie: Technik, Zimmerservice, Küche, Restaurant, etc. Da sie auf Euro nicht rausgeben konten, und ich nur 50er hatte, musste ich schon wieder mit Maestro-Karte die Zimmerrechnung begleichen. Es ist wirklich ein „G’frett“ mit diesem Umtausch usw. Daheim habe ich das mit den Reiseschecks gleich bei der Bank zurückgetauscht und denen gesteckt, dass sie sich da mal erkundigen sollen, ob das Land wirklich keine Reiseschiecks mehr annimmt, und dass man so was vielleicht das nächste Mal vorher abklären könnte.

Der Abreisetag verlief auch sehr gut. Ich stand, vom Hotel geweckt, um 3 Uhr türkischer Zeit auf. Da ich krank war, fürchtete ich, dass mir die Reise schlecht bekommen würde. Es gab trotz der frühen Zeit sogar ein Frühstück. Als ich an einem Samstag früher dialysierte und früher abgeholt wurde, wurde auch extra ein früher bestelltes Frühstück gebracht. Das ist echter Service. Es gab auch wieder meine heiß geliebten Oliven. Mehmet kam, um mich zum Flughafen zu bringen. Beim Check-in sprach mich wieder das Ehepaar aus Unterfranken an, das mir auf dem Hinflug bereits Hilfe angeboten hatte. Dort wartete er dann, bis mich der Behindertendienst abholte. In der Zwischenzeit wollte ich noch eine Postkarte für einen Bekannten kaufen, hatte aber mal wieder kein passendes Geld, so daß Mehmet mir die Postkarte spendierte. Dann kam der Behindertendienst, ich wurde wieder in den Rollstuhl gesetzt und herum gekarrt. Es spricht ja keiner mit einem Rolli mit Inhalt, da ist man mehr oder weniger ein Gepäckstück, und so wusste ich nie, wo ich war. Nach Passkontrollen etc. wurde ich dann einfach abgestellt. Um mich herum gingen dann die Leute, und dann sprach mich eine Türkin an, ihr Mann sei ebenfalls behindert, sie würden nach Deutschland fahren, und keiner käme, um uns abzuholen, die anderen würden bereits zum Gate gehen. Da rief ich ein paar Mal ganz laut HALLOOO HALLLOOO, und dann endlich kam jemand, um uns abzuholen. Ich hatte wirklich Angst, wir würden in Antalya vergessen werden. Aber dann wurden wir in einen Lift gesteckt, und oh Wunder, ein Helfer erklärte mir: „we are goig down“, und dass ich nun hier warten möge, er würde den anderen Rolli noch holen. Welch ein Luxus an Information! Wenigstens einer, der mit dem Inhalt des Rollis spricht und merkt, dass „es“ lebt, und man auch wissen will, wo man hingekarrt wird. Dann wurden wir wieder in diesen fahrbaren Container gerollt. Dort sah ich nichts, weil es diesmal stockfinster draußen war. Ich wurde ohne was zu sehen, herumgefahren, konnte nicht rausgucken, und jetzt wusste ich, wie meine Katzen sich in dem Transportkorb auf dem Weg zum Tierarzt fühlen. Dann ging es aber endlich zum Flieger, und ich war aus dem Rolli auferstanden und wieder zum selbstbestimmten Fußgänger geworden. Der Start war ausgesprochen sachte, wir flogen sehr, sehr ruhig. Der Flug verging wie „im Flug“, weil ich mir mit meinem Diktiergerät „Jackque Bistro“ anhörte, was noch aus meinem „Urlaubshörbuch-Programm“ übrig war. Das Essen war wie immer mäßig bis saumäßig, aber ich nahm etwas davon. Ehe ich mich versah und dachte, dass wir noch landen müssten, sah ich auf einmal Land unter uns, und wir setzten super-super-sachte auf. Dann wurde ich auch gleich abgeholt, in den Bus gesetzt, durfte zu Fuß durch die Kontrolle, wobei die Grenzpolizei extra nochmal aus der Pause geholt werden musste. Wie schon erwähnt, gab es gar keine Zollkonktrolle. Mein Gepäck konnte man durch die Scheibe auch schon sehen. Draußen erwartete mich bereits mein Dialyse-Taxifahrer, der sich per SMS die Ankunft meines Fluges durchgeben ließ, dessen Nummer er sich vor meiner Abreise notiert hatte. Er hat die Landung mit Ronny, seinem Russich-Bolonca-Mix beobachtet und ihm wohl erklärt, dass die „Tante F…“ nun wieder kommt. Denn als ich den Taxifahrer begrüßte, sprang er an meinen Waden hoch: „Ich bin auch dabei!“ Er leckte mich zur Begrüßung im Auto nochmal ab. So verlief auch die Rückreise wie generalstabsmäßig durchgeplant. Da ich die Uhr wieder um eine Stunde zurückstellen konnte, war es erst acht Uhr, und ich rief bei der Dialyse an. Dort ließ man mich wissen, dass ich gerne heute kommen könne, da es ja abgemacht war. Ich bekam eine Sonder-Maschine nur für mich, was für die nächsten sechs Wochen sein musste, um eventuelle Keime und deren Weitergabe auszuschließen, denn man weiß nie,was man so in der Fremde an Erregern aufschnappt. Wenn ich nach sechs Wochen und einer Blutuntersuchung nichts habe, wird die Maschine wieder für alle anderen frei gegeben.

Insgesamt war es nicht der ALLERtollste Urlaub, da mir die kulturelle Seite sehr gefehlt hat. Aber es war erholsam und mal was anderes. Das Hotel war super, die Dialyse war standard der neuesten Technik. Fazit: Es ist als Blinder besser, jemanden mitzunehmen. Nächstes Mal plane ich die Reise etwas langfristiger und gehe vielleicht wieder in ein Blindenhotel, vielleicht in Süd-Tirol?

Mir wurde noch gesagt, dass Tourset auch Appartements hat, die nicht teuer sind, und wenn ein Blinder mit Hund kommt, kann er dort wohnen. Appartment ist nichts für mich, denn im Urlaub will ich nicht auch noch für mich sorgen müssen, sondern ich will mich verwöhnen lassen. Das Ergebnis sind DREI Kilo an Gewichtszunahme. Es hat so gut geschmeckt dort Ein Kilo kam wohl aus der Türkei, die anderen beiden haben sich daheim dazugesellt trotz wieder normalem Essverhalten. Ich vermute, dass ich das Cortison-Spray, welches ich aufgrund meines Tuben-Katarrhs nehmen musste, nicht so oft und so lange hätte nehmen dürfen. Aber das glauben die Ärzte mal wieder nicht. Hoffe, ich kriege die lästigen drei Kilo wieder weg! Daß die Türken oft so kräftig sind, das kann man ihnen bei dem guten Essen nicht verdenken.