Sonntag, 21. Juni 2015

Sind alle Inkludierbar?

Ein provokantes Stück Text
 
Inklusion ist ein hehres Ziel, doch hat sie, wie die Autorin bisher erfahren hat, auch ihre Grenzen. Hier soll der Frage nachgegangen werden, welche Wünsche und Erwartungen die Inklusion erfüllen soll und kann, und welche Kosten hierfür realistischerweise eingesetzt werden können.
Was ist Inklusion, und was hat sie mit mir zu tun?
Inklusion bedeutet ja eigentlich, dass alle Menschen bereits einbezogen sind, so wie sie sind, und daher niemand integriert werden muss. Somit müssen Voraussetzungen geschaffen werden, bei denen alle Menschen automatisch teilhaben können. Ist dies wirklich für alle möglich? Ich möchte dies anhand meines eigenen Beispieles  diskutieren.
Ich bin fast blind, bin seit 9 Jahren an der Dialyse mit allen dazugehörigen Problemen wie Übelkeit, verringerte Merkfähigkeit, Schwäche und verringerte Leistungsfähigkeit. Im Rahmen meiner Grunderkrankung namens Senior-Loken-Syndrom stellt sich auch die Frage, ob die nun endlich diagnostizierte multimodale Wahrnehmungsstörung dazugehört, und eventuell auch der atypische Autismus, der im Jahre 2012 diagnostiziert wurde. Ich selbst betrachte mich als schwerstmehrfach behindert. Nach meiner Schulzeit, die ich zum Teil in einer integrativen Einrichtung verbracht hatte , deren Scheitern ich schon an anderen Stellen näher beschrieben hatte, habe ich mit Normalsehenden studiert, wobei die Universität aber prinzipiell auf alle sehbehinderten und blinden Rücksicht nahm, da das Studium der angewandten Sprach- und Kulturwissenschaft mit dem Berufsziel Übersetzer ideal für Sehgeschädigte zu sein schien. Nach meinem Studium tat ich alles erdenklich Mögliche, um Arbeit zu finden, bin aber kläglich gescheitert. Kein Arbeitgeber konnte sich vorstellen, eine blinde Frau einzustellen. Als Übersetzerin hätte ich nämlich auch andere Bürotätigkeiten machen müssen, die dann eine Arbeitsassistenz hätte erledigen müssen, wobei dieses Konzept zu derzeit noch nicht ausgereift war. Freiberuflich zu arbeiten war  ebenfalls keine Option, da ich aus welchen Gründen auch immer, trotz großer Bemühungen nie an Aufträge heran kam.
Es war dann ein Projekt im Dunkeln, dass mir zu meiner Arbeitsstelle verhalf, bei der ich 2 Jahre bleiben sollte. Nach der Arbeit im Dunkelgang, wo ausschließlich Sehgeschädigte arbeiteten, musste jeder von uns, der eine solche ABM bekommen hatte, ein Praktikum in einer anderen Einrichtung machen. Der Zufall wollte es, dass im Berufsförderungswerk eine Lehrerin kündigte, und ich spontan diese Chance ergriff, ihre Arbeit als englisch-Ausbilderin übernahm und mich dann mithilfe meines Abteilungsleiters für die vakante Stelle bewarb. Damals wurden von der Agentur für Arbeit im Rahmen eines Projektes 1000 Jobs für Schwerbehinderte geschaffen, wobei das BFW während der 2 Jahre ein Jahr mein Gehalt von der Arbeitsagentur bekam. Der Vertrag wurde nicht verlängert, da in diesem Fachbereich an Festanstellungen gekürzt wurde. Ich hätte auch nicht mehr als Honorarkraft dort arbeiten können, da ich als Schein selbstständig gegolten hätte, wenn ich meine Hilfsmittel dort untergebracht hätte, um in den Ausbildungs-Lücken meinen Unterricht vorzubereiten, wie ich es als fest angestellte in meinem eigenen Büro getan hatte. Zu dieser Zeit gab es noch keine Möglichkeit, mit dem öffentlichen Nahverkehr in dieser Einrichtung zu fahren, so das ich zwischen den Ausbildungs-Lücken auch nicht nach Hause hätte fahren können, um dort den Unterricht vorzubereiten und dann wieder ins BFW zu fahren, denn die Pendelbusse des BFW fuhren nur morgens und abends. Aus diesen und anderen Gründen war meine Arbeit dann nach 2 Jahren dort beendet. Ein Jahr später wurde ich dialysepflichtig und berentet.
Reicht Inklusion auch in Freizeit und Privatleben?
Was stellt man nun an, wenn man den ganzen Tag nichts zu tun hat? Ich unternahm mehrere erfolglose Versuche, mich bei verschiedenen Projekten zu bewerben. Schließlich hörte ich von einem Radioprojekt Namensohrenblicke, bei dem blinde und Sehbehinderte gesucht wurden, die Spaß daran hatten, Radio zu machen. Dieses Projekt läuft seit 2009, wobei alle 2 Monate 1 Stunde gesendet wird.  Mir macht diese Tätigkeit sehr viel Spaß, aber  als jemand, die hart für ihre Ausbildung gearbeitet hat, füllt mich dies natürlich vor allem intellektuell nicht aus. Ich hatte mir ein Leben als Übersetzerin vorgestellt, die an ihrem Schreibtisch zu Hause sitzt und an kniffligen Problemen arbeitet und so ihren – wenn vielleicht auch mageren – Lebensunterhalt verdient. Dieser Traum, der beinahe in einer Promotion gegipfelt hätte, ist nun ausgeträumt.
Einer meiner weiteren Träume war es, mit meiner Gitarre in einer Folk-Band mitzuspielen. Aufgrund meiner Probleme mit der Feinmotorik stieß ich aber an einen sogenannten "artistic celing", soviel ich auch übte. Dasselbe passierte mir mit meiner Querflöte, wo ich nach 7 Jahren disziplinierten Übens aufgab, da ich schon nach 3-4 Jahren absolut keinen Schritt mehr weitergekommen war. Ich suchte nach Musikpartnern und schaltete mehrere Inserate, die alle erfolglos blieben. Außer zweideutigen Zuschriften oder einmaligen Treffen mit Leuten, die entweder stark über oder stark unter meinem Niveau waren, ergab sich nichts. Nun hörte ich von einer inklusiven Musikschule. Dort fragte ich, ob es vielleicht ein Ensemble mit Saitenmusik gibt, bei dem ich mitwirken könnte. Ich las zu meiner Freude, dass die Lehrer eine spezielle Ausbildung durchlaufen hatten, um Behinderte besser unterrichten zu können. Somit schöpfte ich Hoffnung, hier einmal ein Erfolgserlebnis zu haben. Als ich dort hinkam, stellte ich mit Schrecken fest, dass alle wesentlich besser waren als ich. Der Lehrer war ziemlich im Stress, da bald einige Aufführungen anstanden, so konnte er mir nicht helfen. Da ich auch etwas langsamer begreife, und obendrein ein extrem schlechtes Gedächtnis habe, hätte er mir einige Dinge zeigen müssen, die ich mit den Augen nicht von seinem Griffbrett hätte abnehmen können, und er hätte mir auch einige Stücke nach der Stunde kurz auf mein Diktiergerät aufspielen sollen, damit ich diese mit nach Hause nehmen kann, da ich aufgrund meiner sehr schlechten Augen keine Noten mehr lesen kann. Als spät erblindete kann ich auch keine Braille-Noten, und der Aufwand, mir mit einer Hand die Stimme zu ertasten und mit der anderen Hand zu spielen, wie man es beim Klavier machen kann,  wäre einerseits nicht möglich, und selbst wenn, dann andererseits noch umständlicher, als die Musik gleich aufzuzeichnen , um sie mir bis zur nächsten Stunde  auditiv zu erarbeiten. Mir wurde angeboten, bis zu den Sommerferien erst einmal kostenlos dabei zu sein, und es wurde mir versichert, dass es nach den Sommerferien entspannter zugehen würde, und dann mehr Zeit bliebe, um mir etwas zu zeigen, doch befürchtete ich,  dass sich an den Anforderungen und auch am  Schwierigkeitsgrad nichts   Wesentliches ändern würde, und nach einigen Stunden mit Unterstützung das alte Tempo wieder aufgenommen werden würde, wenn dann wieder Aufführungen anstanden . Man schlug mir während der Schnuppertage vor, in eine Gruppe mit geistig Behinderten zu gehen, die von einer der Kursteilnehmerinnen  des schwereren Kurses ihrerseits wiederum selbst geleitet wurde, da ich dort mehr Aussichten darauf hatte, auf meinem Niveau mitzukommen. Bisher war ich ein paarmal dort ,  und bisher bin ich noch nicht an einer meiner  Zahlreichen Grenzen gescheitert.  Aber ich würde mir wünschen, dass sich bei uns  auch ein paar Nichtbehinderte  einfinden würden,  und ich finde es schade, dass   ich sozusagen wieder bei Behinderten, also bei meinesgleichen gelandet bin. Ich sprach dies gegenüber einer der Sekretärinnen der Schule an, und die meinte, es können in jede Gruppe auch Behinderte gehen. Ich frage mich, ob dann angesichts  des Probenstresses wirklich langsamer und rücksichtsvoller vorgegangen werden kann, oder ob der behinderte mehr Voraussetzungen mitbringen müsste, um genauso schnell wie die anderen in der Gruppe mitzukommen, oder zumindest nicht so extrem stark behindert sein darf , wie ich es z.B. bin.
 
Und was ist dann wirklich Inklusion, und wird es sie je für jeden geben?
Inklusion würde für mich bedeuten, einen Weg zu finden, dass ein behinderter mit seinen Einschränkungen tatsächlich in einer Gruppe von Nicht-Behinderten mitkommt. Inklusion bedeutet für mich nicht, wenn es in einer Schule für Nicht-Behinderte eine oder zwei Klassen mit Behinderten gibt. Wobei es natürlich ein Fortschritt ist, dass Behinderte nicht mehr komplett in separaten Einrichtungen unterrichtet werden, sondern in einer für alle zugänglichen Einrichtung sichtbar werden.
Ich frage mich daher, ob wirklich die volle Inklusion  mit gemischten Gruppen möglich ist, oder ob es immer wieder Menschen geben wird, die so stark behindert sind, dass sie nicht inkludiert werden können. Immerhin ergeben sich hier auch finanzielle Grenzen. Bei mir tut sich z.B. noch ein weiteres Problem auf, nämlich der Weg zu dieser Musikschule. Sie ist 10 km von mir entfernt, und ich komme aufgrund meiner schlechten Orientierung alleine dort nicht hin. Die Schule ist von der U-Bahn zu weit weg, als dass ich, die es gerade mal schafft, Nahziele wie Bäcker oder Metzger mit Mühe und Not zu erreichen, dort ohne größere Probleme selbst mit intensivem Üben des Weges hinfinden würde. So müsste ich die Hin-  und Rückfahrt mit dem Taxi bestreiten, wobei uns jährlich ein stattliches Kontingent von 1500 km vom Bezirk zur Verfügung gestellt wird. Ich würde also im Monat 80 km verbrauchen, wobei ich dann kaum noch andere Fahrten zu Veranstaltungen wie Kino oder Konzerten durchführen könnte. In dieser Schule gäbe es nun auch  ab nächstem Jahr die Möglichkeit, wieder Querflötenunterricht zu nehmen, und dann kostenlos in diesem Ensemble mitzuspielen. Wenn ich den  Flötenunterricht nicht nehme, zahle ich für das Ensemble eine geringere Jahresgebühr, habe aber dann nur einen Kurs . Daher wollte ich gerne beide Angebote wahrnehmen, da ich hoffte, dass man mir vielleicht dort auch ohne Noten und mit all meinen behinderungsbedingten Einschränkungen helfen könnte, zumindest einige Stücke auf meinem Niveau zu erlernen. Diese hätte ich dann auch gleich in dem Ensemble zum Einsatz bringen können. Denn jahrelang hatte ich nur gelernt, ohne meine musikalischen Kenntnisse einmal mit anderen umsetzen zu können, oder das schöne Gefühl zu erleben, in Gemeinschaft zu musizieren. Dann allerdings würde ich pro Monat 160 km verbrauchen, da ich ja dann zweimal zu dieser Schule fahren müsste. Es gibt für mich keine andere Möglichkeit, zu dieser Schule zu gelangen, es sei denn, ich fahre mit dem  ÖPNV zu einer nahegelegenen Haltestelle und lasse mich dort von einem Taxi abholen.  Dort kann man aber über die Zentrale kein Behindertentaxi bestellen, so dass ich mir ein zuverlässiges Taxiunternehmen suchen musste, welches bereit ist, mich diese zwei Kilometer von der Haltestelle zur Schule zu bringen und dort auch wieder abzuholen und zur U-Bahn zu chauffieren . Bei  zwei Kursen pro Woche  ergibt sich durch den immensen Zeitaufwand von einer Stunde einfacher Fahrt  mit ÖPNV und Taxi dann wieder einmal ein behinderungsspezifisches Problem.
Was darf Inklusion kosten, und lohnt sich der Aufwand für jeden?
Ich frage mich, inwieweit es möglich ist, einen Menschen mit so starken Behinderungen wie von meinem Ausmaß in der Gemeinschaft teilhaben zu lassen, und wie weit hierfür die Kosten übernommen werden können. Inklusion hat ihre Grenzen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass man zur Bespaßung einer einzelnen behinderten so einen hohen finanziellen Aufwand betreiben würde, mir zum Beispiel eine Möglichkeit zu schaffen, doch noch  ohne diesen beschriebenen Aufwand an diesem Unterricht teilzunehmen. Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als mich wiederum einzuschränken.
Wie teuer Inklusion sein darf, hängt meiner Meinung nach sicher auch davon ab, welchen Nutzen ein behinderter noch bringt. Ein Steven Hawking wird sicher die hohen Kosten, die er verursacht, in vollem Umfange ersetzt bekommen. Eine mehrfach behinderte Rentnerin, sei sie auch erst 47, deren Hobbys aber niemandem mehr von Nutzen sind, wird für ihre Lieblingsbeschäftigungen, die sie nur für sich selbst unternimmt, keinen so hohen finanziellen Aufwand wert sein. Wie teuer darf also Inklusion sein, wenn es dabei ausschließlich um die Freude geht, Teilhabe an einer (z.B. musizierenden) Gruppe zu haben? Können wir uns dies leisten, und wenn nicht, ist dann die Inklusion nur eine Utopie?
Ist jeder inklusionsfähig, und wenn ja, warum dann doch nicht jeder?
Ich selbst halte mich für nicht Inklusionsfähig. Meine Behinderungen sind zu stark und zu vielfältig , und ich stoße bei jeder Tätigkeit, bei der ich mich verwirklichen und entfalten möchte, an irgend eine meiner Grenzen. Ich habe es beruflich nicht geschafft, mich in die Welt der sogenannten "Normalen" zu integrieren. Ich hatte auch später nie die Möglichkeit, meine Kompetenzen und Fertigkeiten und erworbenen Fähigkeiten in die Gemeinschaft einzubringen, worunter ich heute noch leide, da es auch in meinem privaten Leben nicht möglich ist, mein Wissen und meine Stärken anzubringen, da mir selbst mein Fachwissen von meiner Umwelt häufig nicht abgenommen wird, denn aufgrund meines Erscheinungsbildes werde ich gemeinhin unterschätzt. Es ist nahezu unmöglich, eine ehrenamtliche Tätigkeit zu finden, wo ich gebraucht werde  und mein mühevoll erworbenes Wissen vielleicht doch noch unterbringen könnte, da ich aufgrund meiner sozialen Schwierigkeiten andere häufig nicht von meinem Wissen und meiner Kompetenz überzeugen kann. Auch in meiner Freizeitgestaltung schaffe ich es häufig nicht, die sich mir darbietenden Herausforderungen zu überwinden, und ich habe auch nicht die speziellen Fähigkeiten , die sich zum Beispiel auf  die Teilnahme an einem Chor für Sehende oder an einem Gitarren-Ensemble ausgleichend auswirken würden , wie z. B.  ein absolutes Gehör oder  die Merkfähigkeit, die Stücke auswendig zu lernen.  Es gibt durchaus Behinderte, die so gut sind, dass sie durch ihre Stärken ihre Behinderung kompensieren können. Für durchschnittlich begabte Menschen wie mich gibt es keine Möglichkeit, meine großen behinderungsbedingten Defizite auszugleichen.
Ist eigentlich jeder behindert, und sind Nichtbehinderte auch exkludiert?
Wenn ich mit Nicht-Behinderten über meine Grenzen spreche, sagt man mir oft, jeder sei doch irgendwie behindert. Ich persönlich fühle mich dann regelmäßig verhöhnt, auch wenn solche Sätze gemeinhin gut gemeint sind. Es gibt wahrscheinlich wenige Menschen, die meine heftige emotionale Reaktion auf solche Äußerungen verstehen können. Ich habe nämlich noch nie einen Arbeitgeber erlebt, der mir sagte, jeder ist doch irgendwie behindert, sie haben eine gute Abschlussnote, andere Bewerber sind genauso behindert, daher suche ich mir sie aus. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass andere Menschen, die als nicht-behindert bezeichnet werden, permanent an solche Grenzen stoßen wie ich, auch wenn mir gegenüber die Menschen immer betonen, dass doch jeder seine Grenzen hat. Nun, es gibt Grenzen, mit denen man leben kann, es kann nicht jeder ein Flamenco-Meister werden. Meine Grenze tritt aber schon wesentlich früher auf, sodass meine Fertigkeiten nicht einmal ausreichen, um in einer Band die Gitarrenbegleitung vollständig zu übernehmen, oder nicht  einmal dazu, mich sozial in einen Chor für Sehgeschädigte zu integrieren, da ich aufgrund der oben erwähnten Problematik Kontaktschwierigkeiten habe. So frage ich mich, ob die Menschen, die jeden für irgendwie behindert halten, mit mir tauschen würden, und ob mir deren „Behinderung“ vielleicht doch besser gefallen würde. Nun gibt es ja die Aussage, wir sind nicht behindert, wir werden behindert, es läge also an der Umwelt, die nicht genügend für inklusive Bedingungen sorgen würde. Ich kann aber für mich ganz persönlich sagen, selbst wenn alle Bedingungen erfüllt wären, um behinderte zu inkludierem, hätte ich immer noch genügend eigene Schwierigkeiten, die es verhindern, dass ich in einem zufriedenstellenden Maße am Leben teilhaben könnte. Meine internistischen Probleme oder meine neurologischen und psychosozialen  und wahrnehmungsbedingten Schwierigkeiten würden sich durch eine vollständig barrierefreie Umwelt nicht beheben lassen.
Wieviel darf's denn sein, und was sollte man sich grundsätzlich abschminken?
Dauernd höre ich den Satz, ich hätte einfach zu hohe Ansprüche (an mich). Wenn man mich mit dem Maßstab misst, an dem man schwerst mehrfachbehinderte Menschen miteinander vergleicht, habe ich wahrscheinlich mehr erreicht als diejenigen, die als sogenannte geistig Behinderte in einer Behindertenwerkstatt landen. Im Zuge der Inklusion sollte man aber beginnen, uns behinderte an den allgemeinen Maßstäben der Welt der Nichtbehinderten zu messen. Und im Vergleich zu ausgerechnet denen, die mir ein hohes Anspruchsdenken vorhalten, lege ich auf der Skala ganz unten. Ich darf mir nicht anmaßen , dass es mir nicht ausreicht, nur alle 2 Monate eine Radiosendung zu machen, dass es mich nicht befriedigt, nur für mich alleine zu musizieren, und ansonsten einfach nur zu wohnen und zu existieren und zur Dialyse zu gehen. Ich habe keine eigene Familie und aufgrund zahlreicher Schwierigkeiten auch keine Katzen mehr, keine berufliche Perspektive, kann mich musikalisch nicht so verwirklichen, wie es ohne diese mannigfaltigen Hürden mit meinem großen Einsatz eigentlich möglich gewesen wäre,  konnte aufgrund meiner Probleme mit Gleichgewicht und Koordination keinen Führhund haben, und scheitere aufgrund meiner Probleme mit Sensibilität und Feinmotorik an der Nutzung eines iPhones oder iPads, welches als Hilfsmittel für blinde immer wichtiger wird, und ohne dies man langsam abgehängt wird. Meine Mobilität ist aufgrund meiner Dialysepflichtigkeit und der damit verbundenen Erschöpfung sowie wegen meiner Orientierungsprobleme und Verschlechterung meiner Augen geringer geworden, sodass sich mein Handlungsradius noch mehr eingeschränkt hat. Ich kann zu Hause Fernsehen und Hörbücher hören und habe auch einen einzigen Nachhilfe Schüler, der übrigens der Erste von zahlreichen Gitarren- und Nachhilfeschülern ist, der bei Nicht-erscheinen absagt und sich an die Grundregeln des menschlichen Umganges hält. Das muss reichen, der Wunsch nach Selbstverwirklichung, intellektuellem Austausch, bei dem ich auch mein Wissen anderen zur Verfügung stellen könnte, mein sehnlichster Wunsch nach wachsender musikalischer Entfaltung oder nach größerer Mobilität durch ein für mich nutzbares Navigationsgerät oder durch die gescheiterte Nutzung eines Führhundes sind für mich ein zu anspruchsvolles Unterfangen. Ich würde mir einfach wünschen, dass es Menschen gibt, die zumindest sehen können, dass meine Ansprüche weit unter dem liegen, was ein normaler Mensch in unseren Breitengraden alles unternehmen kann. Inklusion erschöpft sich aber bisher nur darin, dass angeblich alle irgendwie behindert sind, und dass es ein paar mehr Projekte gibt, wo Behinderte meist unter sich annähernd dieselben Dinge tun können, die Nichtbehinderte schon längst tun.
Wie weit muss also Inklusion gehen, damit sie wirklich jeden,  aber auch jeden mitnimmt, und können wir uns das überhaupt leisten?
Inklusion ist für mich dann erfüllt, wenn meine Wünsche nach beruflicher Teilhabe gemäß meines Abschlusses, nach angemessener Freizeitgestaltung und nach ausreichender Mobilität nicht mehr als anspruchsvoll oder als zu hoch gegriffen sondern als realistisch, legitim und machbar angesehen werden. Und als vollwertiger Mensch mit allen Grundbedürfnissen und Wünschen ernstgenommen fühle ich mich dann, wenn meine eigenen Ziele, Fortschritte bei Musik und Technik zu machen oder mich mit Nichtbehinderten messen zu können, nicht mehr als zu hohe Erwartungen an mich  selbst angesehen werden, sondern dass es Möglichkeiten gibt, die Geduld, die Zeit, die Ressourcen und das Geld aufzubringen, dass mir dies ermöglicht wird, zumal ja die geistigen Voraussetzungen vorhanden sind.
Was hat Inklusion mit Ernstnahme zu tun?
Ein geistiges Bewusstsein macht aber meine jetzige Situation nicht gerade einfacher sondern eher noch schlimmer, da ich das volle Ausmaß meiner Situation in vollem Umfange begreife. Und obwohl ich geistigfit bin und verbal ausreichend eloquent bin, um meine Situation zu schildern, erhalte ich von meinen Mitmenschen meistens nur gut gemeinte und schlicht gestrickte Ratschläge, nicht aufzugeben, mit dem zufrieden zu sein, was man hat, es könne ja noch schlimmer sein, und ich solle immer weiter alles probieren, und wie gesagt, nicht immer so schnell und gleich aufgeben. Ich frage mich, ob ich mein Anliegen überhaupt ausreichend klarmachen kann, oder ob man mir aufgrund meiner Wirkung überhaupt zutraut, schon jahrelang alles probiert zu haben und auf die meisten Ratschläge, die man mir angedeihen lässt, nicht auf schon selbst gekommen zu sein . Einen Menschen ernst nehmen bedeutet halt manchmal auch, ihn mit der Unabänderlichkeit seiner Situation auszuhalten und mitzutragen, oder wirklich und ehrlich nach Wegen zu suchen, echte Abhilfe zu schaffen. Dazu gehört eben auch der Fortschritt in der Inklusion, die aber leider Gottes, wie hier ausgeführt, eben auch ihre Grenzen hat.
 
Vita:
Geboren 1968, Besuch einer Sehbehindertenschule mit Internat von 1974-1980, Besuch eines integrativen Gymnasiums mit Internat von 1980-1989, Amerikaaufenthalt von 1989-1990, Studium der angewandten Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim von 1990-1997, zwei Auslandssemester in England von 1993-1994, Arbeit im Berufsförderungswerk als Englisch-Ausbilderin von 2002-2004, Dialysepflichtigkeit seit 2006.

Freitag, 19. Juni 2015

Wie weit geht Toleranz?

Vor zwei Tagen hatte ich ein seltsames Erlebnis in der U-Bahn. Ich, stark sehbehindert, stieg in die U-Bahn ein und setzte mich. Da lief ein Mann herum, der permanent laut vor sich hin sang: „alle Damen haben schöne Augen. Was die Damen sonst noch haben, weiß ich nicht, da müsste ich in einem Fachbuch nachschauen.“ Dies wiederholte er in variieren der Lautstärke und näherte sich auch meinem Sitz. Ich bin leider häufig „Opfer“ von solchen Menschen, die in alkoholisiertem oder verwirrtem Zustand dann auf mich zukommen, mich mitunter sogar anfassen und sich an mich heften. Aus dieser Angst heraus sagte ich dann auchzu meiner Sitznachbarin , da ich immer laut denke: "was ist denn das für ein Depp, hoffentlich kommt er nicht zu mir, sie werden schon sehen.“ Tatsächlich kam er immer näher, und ich schaute demonstrativ zum Fenster hinaus. Dies bemerkte er auch, räsonierte dann weiterhin vor sich hin, „ich bin ja nur ein Depp, haben Sie gesagt, alle Damen haben schöne Augen usw.“. Ich ging dann zum Ausgang, wo einige Leute herumstanden, und ich bat sie, dass sie etwas aufpassen sollten, dass er mir nicht nachgeht. Da erhielt ich von einer Frau die Abfuhr: „Sie sind wirklich arrogant, wenn sie einen Menschen, der anders ist, so behandeln, wo bleibt hier die Toleranz?" Eigentlich müsste ich es ja besser wissen, nachdem ich selbst behindert bin. Nun möchte ich aber dazu anmerken, dass ich selbst mir oft so viel Zivilcourage von anderen gewünscht hätte, wenn ich in der Lage derjenigen war, die beschimpft, beleidigt oder angefasst wurde. Dies ist mir in meinem Leben häufig passiert, wobei ich aber keine solch „couragierten“ Zeitgenossen in der Nähe hatte, die so für mich in die Bresche gesprungen wären, wie es diese Frau für diesen Mann getan hat. Als ich einmal in die U-Bahn stieg, schrieen 2 Burschen mit rechter Gesinnung ganz laut: „da hilft nur noch Zyklon B.“ Ich finde so eine Bemerkung schlimmer, obwohl ich gleich gemerkt habe, wess´  Geistes Kind diese Jungs waren und daher die Bemerkung nicht sonderlich an mich heranließ. Ich bin aber häufig schon angefasst oder belästigt worden, wo niemand eingegriffen hat. Auch in meinem Alltag habe ich schon öfter Mobbing erlebt oder bin mit meinen Ansichten alleine dagestanden, wo niemand die Zivilcourage hatte, vor den anderen meine Ansicht mit zu vertreten.

 

Ich kann mich erinnern, dass ich in der Schule bis aufs Blut gequält wurde von meinen sehenden Mitschülern, dass ich aufgrund meiner Wehrlosigkeit auch später im Leben noch häufig nicht zum Zuge kam, wenn irgendetwas ausgeteilt wurde oder man einen Platz suchen musste usw. Wenn dieselbe Mahnung an diese Menschen gegangen wäre, doch mit mir toleranter umzugehen, wie sie mir heute zuteil wurde, hätte ich das verstehen können. Ich frage mich manchmal, ob es so etwas wie eine soziale Hierarchie gibt. Mit mir darf man umgehen, wie es einem beliebt, und selten greift eine ein. Wenn ich aber, da ich eben auch ein Mensch  mit Fehlern bin , obwohl ich einer Randgruppe angehöre , auch selbst einmal eine flapsige Bemerkung über jemanden fallen lasse, der sich ganz offenbar seltsam benimmt, bin ich arrogant und intolerant. Ich finde das heuchlerisch, zumal ich mir sicher bin, dass 99 % aller derjenigen, die in der Bahn saßen, genauso gedacht haben wie ich, und das in 50 % aller Fälle auch jemand einmal laut denkt und eine abfällige Bemerkung über einen merkwürdigen Zeitgenossen fallen lässt. Mir hingegen, die selbst einer Minderheit angehört, gesteht man dies offenbar nicht zu, obwohl man nicht automatisch tolerant wird, nur weil man mit einer Behinderung auf die Welt kommt. Mir sind negative Gefühle  anderen gegenüber genauso wenig fremd wie allen anderen Erdbewohnern auch. Ich kann mich aber nicht erinnern, zumindest im Erwachsenenalter, jemanden einfach aus einer Gruppe ausgestoßen zu haben, nur, weil er anders war, was mir aber sehr häufig passiert ist. So ein Verhalten fände ich dann wirklich arrogant und intolerant.

 

Zudem muss man mir zugestehen, dass ich große Angst hatte, aufgrund meiner Vorerfahrungen, die ich diesbezüglich gemacht habe, wo sogar Menschen daneben saßen und zusahen, wie ich belästigt und angefasst wurde, und dann diese "toleranten Zuschauer" auch noch bissige Bemerkungen darüber machten, dass ich nicht auf die Anmache des alkoholisierten "andersartigen Menschen" einging sondern wie jeder andere auch meine Ruhe haben wollte. Ich muss mich also mit jedem abgeben, während andere sich genau aussuchen, mit wem sie es zu tun haben wollen oder nicht. Immerhin habe ich dies schon häufig schmerzhaft erfahren, dass ich aufgrund meiner Behinderung und vielleicht auch aufgrund meiner Art und meines Wesens von anderen nicht in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Selbstverständlich bin ich daher sensibilisiert, da mir ja das gleiche auch schon passiert ist, daher habe ich auch mit meiner Sitznachbarin in der U-Bahn darüber nachgedacht, ob man eventuell die Polizei holen müsse, da der Mann, der auch noch eine Bierflasche in der Hand hielt, offenbar betrunken und verwirrt war. Ich beschied aber dann, dass er harmlos sei, und solange er niemandem etwas täte, nichts unternommen werden müsse. Wo beginnt hier die Toleranz, und wo hört sie auf? Was wäre gewesen, wenn der Mann angefangen hätte, andere zu belästigen? Wer hätte dann als 1. geschrien, dass keiner etwas getan hat?

 

Toleranz bedeutet, andere so zu lassen, wie sie sind. Die Freiheit und die Grenzen des einzelnen hören aber da auf, wo die Freiheit und die Grenzen des anderen beginnen.  Die Aufforderung zum mutigen Einschreiten sollte aber dann auch für alle Menschen gelten. Zivilcourage bedeutet, da einzugreifen, wo jemand wirklich verletzt wird. Das Eingreifen sollte aber nicht selektiv geschehen. Es ist leicht, Zivilcourage zu zeigen einer Frau wie mir gegenüber, die sowieso harmlos ist und sich nicht wehren kann, aber man sollte sich seine Energie dafür aufheben, dort Zivilcourage anzuwenden, wo jemand wirklich anderen Menschen intolerant, verletzend und beleidigend begegnet, also da, wo es wirklich Mut erfordert. Wenn sich also einmal jemand traut, einzuschreiten, wenn eine sozial niedere Person wie ich angegriffen wird, wo es also wirklich Mut erfordert, sich vor so eine Person zu stellen,  dann lasse ich mir auch sagen, dass mein Verhalten diesem armen und verwirrten Mann gegenüber nicht in Ordnung war. Mir aber Arroganz und Intoleranz vorzuwerfen, weil ich mich auch schützen möchte, und niemandem wirklich etwas getan habe, ist ziemlich billig.

Freitag, 1. Mai 2015

Pause oder Ende der Katzenära?

Am 19. Januar hatte ich mir Joschi geholt, wobei wir 120 km fahren mussten, um Ihn aus einem Pensionszimmer unterm Dach, wo er mit 5 anderen Katzen lebte, von einem Mann abzukaufen. Eigentlich sollte ich eine graugetigerte Katze bekommen, aber die wollte nicht herkommen. Angeblich seien alle anderen Katzen bereits vergeben. Das setzte sich ein rotweißer Kater neben mich und war sehr zutraulich. Ich sagte, den oder keinen. Der Mann rief bei den Leuten an, die ihn ursprünglich haben wollten, und die erklärten ihm, sie seien ohnehin nicht bereit, so weit zu fahren. Somit durfte ich Joschi mitnehmen und betrachtete ihn als mein Geburtstagsgeschenk.

 

Wir setzten ihn, nachdem wir zu Hause angekommen waren, in die Wohnung zu der kleinen Mia, einer weißen Katze mit schwarzen Flecken, die sehr friedlich und lieb war. Am selben Tag war ja mein heiß geliebter Jakob im Alter von 15 ein halb Jahren verstorben, da er mit der Ankunft der kleinen Mia überfordert war, da er ohnehin schon schwer krank war. Hätte ich das gewusst, aber andererseits war er sowieso schon ziemlich am Ende, und vielleicht hätte er sich nur noch gequält. Vielleicht hat er auch gemerkt, dass seine Aufgabe hinnnieden erledigt ist, und ich jetzt ein anderes Kätzchen habe, welches mich weiter begleitet. 

 

Als wir am Abend von der Dialyse kamen, hatte Mia auf den Teppich gemacht. Mein Bekannter, der damals zu Besuch war, weil er während meiner Abwesenheit durch meine Nasen-OP die Katzen hüten wollte, hat mir geholfen, alles weg zu machen. Aber Mia hörte einfach nicht auf, sie ging immer wieder ins Bad und machte Durchfall, und zwar neben das Katzenklo. Er kam also gar nicht aus dem Wischen heraus. Irgendwann reichte es mir, und ich nahm das kleine Kätzchen, hielt es mit der Nase in seine Hinterlassenschaften, gab ihm einen leichten Klaps und setzte es ins Katzenklo. Daraufhin war sie so beleidigt, dass sie durch die Balkontür auf den Balkon rannte, und auf einmal war sie weg, denn das Katzennetz war falsch montiert. Wir suchten, aber die Katze ward nicht mehr gesehen. Es war genau in dem Moment, als wir in meinen Geburtstag hinein feiern wollten. Ich war am Boden zerstört. Das Netz wurde dann am übernächsten Tag ausgebessert mit der Frage, warum ich ihn nicht auf die Lücke hingewiesen hätte. Ich war nicht dabei, weil der Ausbesserungstermin stattfand, als ich an der Dialyse war, aber mein Bekannter sagte ihm, dass ich ja schließlich sehbehindert sei. Darum geht es aber gar nicht, denn sein Arbeitsauftrag lautete, den Balkon katzensicher zu machen, egal, ob der Kunde sieht oder nicht, es ist seine Aufgabe, zu kontrollieren, ob alles dicht ist.

 

Ein paar Wochen später, nachdem ich meine Nasen-OP überstanden hatte, und nachdem ich hier einen Bericht in meinen Blog eingestellt hatte, stellte ich den kleinen Joschi meiner Tierärztin vor. Schon auf den 1. Blick sah sie, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Seine Ohren seien zu blass, sein Fell zu strubbelig. Genau dieses Fell, welches so flauschig war, fand ich ja so schön. Ich hatte nicht bemerkt, dass dies ein Zeichen einer Krankheit sein könnte. Die Tierärztin machte mir Vorhaltungen, warum ich immer Katzen aus so schwierigen Verhältnissen nehmen würde, und ich sei zu unüberlegt. Mehr, als einen sehenden Begleiter mitzunehmen, kann ich auch nicht tun. Es wurde ein Test gemacht, ob er eventuell Leukose hat. Dies bestätigte sich nicht, aber es gab Anzeichen, dass er in Kontakt mit Coronaviren gekommen sein musste, und das eventuell eine FIP (feline infektiöse Peritonitis) besteht. Die Antikörper hierfür seien erhöht. Die Tierärztin riet mir, ihm immunstärkende Medikamente zu geben und dann einen erneuten Test zu machen. Die Tropfen konnte ich ihm nicht geben, da ich nicht gewährleisten konnte, dass er sie regelmäßig mit dem Futter aufnehmen würde. Somit bekam er 3 Tage hintereinander eine Spritze. Meine Helferin und mein Nachbar unterstützten mich hierin und verabreichten ihm die Injektion, wobei ich ihn gut halten konnte, da er sehr brav war. Sollte er FIP haben, dürfe keine andere Katze ins Haus kommen, da diese Erkrankung hoch ansteckend ist. Er kann sehr lange mit dieser Erkrankung leben, aber während der 1. Monate und im Alter sei er besonders gefährdet, dass die Krankheit ausbricht. Er sei also eine tickende Zeitbombe. Somit hing das Damoklesschwert über mir, ihn eventuell bald wieder loslassen zu müssen. Die Überlegung bestand, ihnmeinen Eltern zu geben, die ja bereits in höherem Alter sind, und für sie würde es sich nicht lohnen, sich ein Tier anzuschaffen, dass weitere 20 Jahre lebt. Dann hätte ich mir wieder 2 gesunde Katzen anschaffen können. Dies wäre ideal gewesen, aber ich wollte meinen Eltern nicht zumuten, immer aufpassen zu müssen, dass Joschi nicht aus dem Haus geht und weitere Katzen ansteckt. Bei den örtlichen Gegebenheiten in meinem Elternhaus wäre das nicht möglich gewesen. Joschi war zu Beginn sehr verschmust, und ich hatte ihn so ins Herz geschlossen, dass ich dachte, dich gebe ich nicht wieder her. Mit einem Mal jedoch änderte sich die Situation, und er wollte nicht mehr schmusen und war überhaupt nicht mehr anhänglich. Er rannte wie ein wilder durch die Wohnung, zerkratzte die Tapete, zerwühlte und zerbiss meine Pflanzen, machte meine Vorhänge kaputt und störte mich die ganze Nacht, indem er um meinen Kopf herumsprang und mir mit der Pfote ins Gesicht patschte. Ich konnte wegen meiner Nase sowieso schlecht schlafen, und so hatte ich manche Nächte, in denen ich gerade mal 3 Stunden Schlaf fand. Jeder Versuch, ihn auf den Schoß zu nehmen, endete damit, dass er sich losriss und davon rannte. Ich war so wütend, da ich, wie oben beschrieben, so viel Pech hatte, dass ich ihn manchmal, muss ich gestehen, mit Gewalt festhielt. Es nützte aber nichts, er konnte sich immer befreien. In meiner Verzweiflung wandte ich mich an die Katzenpsychologin, mit deren Hilfe ich schon so manches Problem gelöst hatte. Ich schilderte ihr das ganze Drama und hoffte, auch etwas Mitgefühl zu erhalten und einige Tipps, wie ich es bewerkstelligen könnte, dass Joschi wieder anhänglich würde. Stattdessen hagelte es eine Ladung Vorwürfe. Es würde ihr das Herz zerreißen, warum hätte ich sie nicht vorher konsultiert, wenn ich mir eine junge Katze anschaffe, sie hätte mir sagen können, dass Jakob das nicht überlebt. Was sie mir denn nicht alles über das Strafen gesagt hätte, und ob ich zu einem Menschen gehen würde, der meine Nase in meine Hinterlassenschaften tauchen würde. Kein Wunder, dass Mia davongelaufen sei und nicht wiederkommen würde, und Joschi hätte ich sicher auch schon einen Klaps gegeben, und daher würde er sich mir nicht mehr nähern. Wenn ich meine Aggressionen nicht in den Griff bekäme, würde sie mich nicht weiter beraten, bei mir hätte das ja keinen Sinn. Ich stand da wie jemand, der seine Katzen misshandelt. Weitere Hilfe bekam ich nicht außerdem Rad, ich solle Joschi „Freigang schenken“. Nachdem ich ihr bereits geschildert hatte, dass mir so viele Katzen überfahren wurden, hat mich dieser Ratschlag mehr als nur verwundert. Ich hoffte, dass Joschi keine FIP haben möge, damit ich ihn an jemanden abgeben könnte, wo die Möglichkeit des Freigangs gewährleistet sein würde. Natürlich, bei meinem Glück, hatte sich der Titer sogar noch erhöht, wobei nun kein Zweifel bestand, dass er FIP hatte. Damit er vielleicht doch wieder anhänglich würde, hatte ich nämlich beschlossen, ihn kastrieren zu lassen, und intraoperativ wurde ihm Blut entnommen, um diesen Test noch einmal zu wiederholen. Genau dabei kam eben heraus, dass sich die Anzahl der Antikörper sogar noch erhöht hatte. Bei der 1. Blutabnahme, wo nur ein Verdacht bestand, hat er so geschrien, dass ich ihm diese Pein ersparen wollte, und deshalb die Ärztin bat, ihm das Blut während der Kastration abzunehmen. Er hatte schon begonnen, in der Wohnung zu markieren, und er rannte laufend zur Balkontüre und wollte hinaus. Die Vermutung bestand also, dass er deshalb nicht auf den Schoß kommen wollte, weil er geschlechtsreif wurde. Somit war die Annahme, dass er nach der Kastration wieder mehr schmusen würde, zumindest berechtigt. Leider hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt, er war genauso wie vor der Kastration. Und nun war die Hoffnung, ihn an jemanden abgeben zu können, der seinem Drang nach Freiheit entsprechen konnte, auch hinfällig. Ich war also gefangen mit einer Katze, die mit meiner Lebensform nicht kompatibel war, der bei mir nicht glücklich wurde, weil er raus wollte, und mit dem ich nicht glücklich wurde, weil er nicht schmusen wollte. Die einzige Lösung schien mir darin zu bestehen, ihm einen Gefährten zur Seite zu stellen, damit er diesen dann in der Nacht nerven konnte, damit ich ruhig schlafen konnte, und der vielleicht mit mir schmusen würde. Ich hatte schon zuvor in einem Tierheim in der Nähe meiner Stadt angerufen, wobei eine Expertin dort mir riet, eine ausgewachsene Katze zu nehmen, sie würde schon die richtige für mich finden. Damals habe ich ihr erklärt, dass es bei mir nur sinnvoll sei, eine Katze unter 3 Monaten zu nehmen, da sonst keine Bindung zu mir aufgebaut werden könnte, wenn die Katze bereits älter sei. Sie widersprach mir und meinte, sie würde bestimmt die geeignete Katze finden, und wenn Sie mir eine Katze geben würde, würde es auch klappen. Ich wandte mich also an diese Frau und fragte sie, ob sie eine FIP-Katze hätte, die sie mir als Spielgefährten für Joschi geben könnte. Sie hatte tatsächlich eine 3-jährige Kätzin namens Lilli, die gut geeignet sei. Als ich dies meiner  Tierärztin sagte, meinte sie, Coronaviren seien nicht gleich Coronaviren, es könne sein, dass Lilly die harmlose Variante hätte, und Joschi sie dann mit FIP anstecken würde oder umgekehrt. Es sei also immer noch Russisch Roulette, eine 2. Katze dazu zu nehmen. Die Frau vom Tierheim meinte, Lilly sei „durch“, aber es sei dennoch nicht sinnvoll, eine ganz gesunde Katze zu einer FIP-Katze zu geben.

 

Am 14. März war es dann soweit, Lilly sollte bei mir und Joschi Einzug halten. Ich wollte mit dem leeren Katzenkorb mit der S-Bahn in die nahe gelegene Stadt fahren, wo meine Helferin mich abholen wollte, damit wir Lilly holen, und sie mich dann mit dem vollen Katzenkorb nach Hause fahren könnte. Vor lauter Aufregung, dass Joschi aus der offenen Tür davonlaufen könnte, was er öfter versuchte, und da ich mit Katzenkorb und Blindenstock überfordert war, schloss ich die Türe und hatte die Handtasche mitsamt Schlüssel drinnen gelassen. Die Aufregung war groß, denn keiner meiner Nachbarn, bei denen ich einen Ersatzschlüssel deponiert habe, war erreichbar. Die einzige Lösung war dann, dass eine Nachbarin zu einem türkischen Schlüsseldienst ging, der mir schon einmal sehr günstig geholfen hatte. Er kam und verlangte nur 30 €, ich könnte ihn heute noch dafür abküssen. Ich war ihm sehr dankbar. 1 Stunde später war es dann soweit, und ich konnte mit der S-Bahn losfahren. Ich hatte nur 40 € dabei in der Annahme, dass ein modernes Tierheim sicher auch einen Kartenleser für EC Karten haben würde. Leider war dies nicht der Fall. Lilly war eine wunderschöne Katze mit weißem Fell und einem Rücken, der Braun-schwarzgetigert war. Es sah aus wie eine schöne Decke. Sie hatte allerdings keine Zähne mehr, da aufgrund von Kieferentzündungen alle Zähne gezogen werden mussten. Wie eine alte Oma konnte sie aber mit ihren harten Kiefern auch Trockenfutter zerbeißen. Eigentlich hätte ich 135 € zahlen müssen, um Lilly mitzunehmen. Da Lilly schon einmal in einer Familie war und abgegeben werden musste, hatten die ja bereits 135 € bezahlt, womit ihre Kastration ja bereits abgedeckt war. Daher sah ich dies nicht ein und fragte, ob ich 100 € zahlen könne, wobei ich 40 € an zahlen würde und 60 € überweisen könnte. Die Leiterin des Tierheims  meinte, 40 € seien genug, sie sei ja froh, dass ich Lilly nehmen würde. Ich bekam noch Cortisontabletten für Sie mit, die ich ihr noch 3 Wochen lang verabreichen musste. Daheim angekommen setzten wir Lilly erst einmal mit dem Katzenkorb ab und öffneten den Deckel. Es dauerte nicht lange, und die beiden fingen an, sich gegenseitig anzufauchen und anzuknurren . Das gehört natürlich dazu. Lilly ließ sich zu Beginn von mir überhaupt nicht anfassen. Ich war so sauer, dass ich sie dann mit Absicht erschreckte, und das machte uns beiden solchen Spaß, dass sie dann doch her kam. Die Frau aus dem Tierheim meinte, Lilly sei total verschmust. Ich hoffte also, dass ich von ihr und sie von mir einige Streicheleinheiten bekommen würde. Nach einer Weile wurde sie zutraulicher, aber die Tabletteneinnahme gestaltete sich noch etwas schwierig. Ich schloss mich zum Beispiel mit ihr in der Küche ein, bis sie endlich das Futter mit den Tabletten gefressen haben würde. Doch eine Katze ist stur, am Ende musste ich doch nachgeben. Sie gewöhnte sich aber daran und nahm die Tabletten anstandslos. Die beiden spielten miteinander, so nach dem Motto: Pack verschlägt sich, Pack verträgt sich. Meine Hoffnung, dass ich in der Nachtruhe haben würde, zerschlug sich aber sehr schnell. Nun tanzten beide auf meinem Bett herum, Lilly kroch sogar unter meine Decke, und es dauerte, bis sie sich beide ruhig neben mich legten. Am frühen Morgen, so ungefähr um 4:30 Uhr, wollten dann beide heraus. Ich öffnete die Tür, eine Katze ging raus, die andere blieb drin. Dann wollte dieser auch raus, und ich öffnete wieder die Türe, dann kam aber die eine von draußen wieder rein. Dann wollten beide wieder raus, und das Spiel wiederholte sich mehrmals. Es dauerte ewig, bis ich beide Katzen draußen hatte, und bis ich den Klingelton des Katzenteppiches dann ausschaltete. Nebenbei sei noch erwähnt, dass ich Joschi auch zuvor schon öfter ab ca. 5:30 Uhr auf den Balkon gelassen hatte und den alarmabschaltete, damit ich endlich einmal ein paar Stunden Schlaf finden würde. Am 26. Februar, als ich sehr früh aufstehen musste, um in eine andere Stadt in die Uniklinik zu fahren, wo ein Oberarzt sich meine Nase noch einmal anschauen wollte, öffnete ich die Balkontüre, aber Joschi war weg. Ich rief nach ihm und fing schon zu weinen an, als eine Nachbarin fragte, ob ich eine rot-weiße Katze suche . Diese sei bei ihr im Keller. Ich fragte sie, wie Yoshida hinausgekommen sei, schließlich hätte ich doch ein Katzennetz. Sie brachte ihn mir und meinte, ich solle dies mit dem Monteur des Katzennetzes klären. So lange, bis dieser da war, ließ ich ihn nicht mehr raus. Der Mann beschuldigte dann mich noch, warum ich ihm damals nicht gesagt hätte, dass noch eine Lücke im Netz sei, als Mia davongelaufen sei. Ich bestand aber darauf, dass es sein Job sei, darauf zu achten , dass alles dicht sei, und dass er ja von außen noch einmal hätte nachschauen können. Er meinte, ich müsse meinen Balkon kennen und hätte ihm das sagen müssen. Ich entgegnete ihm aber, wenn jemand meine Wohnung streicht, muss er auch den Papierkorb und die Möbel beiseite rutschen und kann nicht darum herum streichen. Immerhin hat er nur eineinhalb Stunden gebraucht, obwohl er 3 Stunden veranschlagt hatte, und da hätte er genügend Zeit gehabt, einen Tisch und einen Mülleimer beiseite zu schieben, damit er die Lücke dahinter noch erkennen konnte. Auch war weiter oben im Katzennetz noch ein großes Loch, welches ich mit einem der Helfer stopfte. Darauf angesprochen behauptete er, mein Bekannter hätte damals gesagt, es sei nicht nötig, dieses Loch zu stopfen. Als ich meinen Bekannten darauf hin zur Rede stellte, meinte er, der Mann habe ihm gesagt, dieses Loch sei nicht nötig zu stopfen, da eine Katze sowieso nicht so hoch klettern könne. Dabei war es die Aufgabe dieses Mannes, das Katzennetz ohne Löcher anzubringen. Wenn ihm dann noch Selbstlöcher auffallen, hat er diese auch zu stopfen. Als er dann kam, behauptete er, das neue Loch, aus dem Joschi abgehauen sei, sei entstanden, weil jemand das Katzennetz aufgeschnitten hätte. Ich vermutete zunächst, dass dies wieder eine neue Ausrede von ihm war, da er nicht zugeben wollte, dass sein Katzennetz doch nicht so verbisssicher war, wie er behauptet hatte. Aber mein guter Nachbar bestätigte, dass das Netz durchgeschnitten und nicht durchgebissen sei. Wir machten dann 2 Aushänge, in denen wir die Nachbarschaft zur Wachsamkeit aufriefen, und wo ich auch noch einmal ausdrücklich sagte, dass so ein Mensch, der eine solche Sabotage betreibt , kein Herz hat. Ich ließ einen Bewegungsmelder montieren, der jedes Mal einen Ton gab, wenn sich jemand meinem Balkon näherte, dies sollte zumindest der Abschreckung dienen. Seither ist auch nichts mehr vorgefallen, und da der Bewegungsmelder bei jeder Kleinigkeit anschlug, und der Lärm gar nicht mehr aufhörte, ließ ich ihn wieder ausschalten.

 

Lilly lebt es sich ganz gut ein, die beiden vertrugen sich mehr oder weniger, und manchmal lag eine links und eine rechts neben mir, wenn ich einmal auf dem Bett lag. Saß ich auf dem Sofa, wollte keine Katze herkommen. Weder Lilly noch Joschi schmusten mit mir. Sie rannten wie wild durch die Wohnung, sie saustenwie Flugdrachen an meinem Kopf vorbei, wobei ich jedes Mal so erschrak, denn die beiden machten ordentlich Wind, und ich fürchtete, irgendwann mal eine Kralle im Gesicht zu haben. Sie tobten wie ein Tsunami durch die Wohnung, und die Pflanzen sah noch schlimmer aus als vorher. Lilly kam ab und zu mal auf meinen Schoß, wobei sie dann die Pfoten auf meine Schulter legte und sich an schmiegte. Dies dauerte aber nur wenige Sekunden, wobei man die Stoppuhr danach stellen konnte, wann sie wieder herunter sprang. Sie hatte eine seltsame Marotte. Jedes Mal, wenn ich ins Bad ging, sprang sie auf den Klodeckel und wollte hochgehoben werden. Ich musste mich dann mit dem Rücken zum Spiegel stellen, wobei sie über meine Schulter in den Spiegel sah. Ich wusste gar nicht, dass Katzen so narzisstisch veranlagt sein können. Spaßeshalber vermutete ich, dass sie wohl narzisstisch gekränkt worden sei, als man ihr alle Zähne zog, und dass sie jetzt zur Erhöhung ihres Selbstwertes immer wieder in den Spiegel schauen muss. Dabei zerkratzte sie mir den Rücken derartig, dass ich wirklich unmöglich aussah, als hätte man mich misshandelt. Sie stieg auch über meinen Rücken auf die andere Schulter, oder setzte sich auf meinen Buckel, wobei ich mit ihr durch die Wohnung traben musste. Dann sprang sie auch dementsprechend wieder herunter, wobei sie mich oft heftig kratzte. Wenn ich über das Waschbecken gebeugt war, sprang sie auch schon mal auf meinen Rücken. Wenn ich nicht im Bad war sondern in einem anderen Zimmer, wollte sie meistens nichts von mir wissen. Ich zeigte Lilly, dass auch im Wohnzimmer und im Schlafzimmer Spiegel waren, denn das wäre bequemer für mich gewesen, aber die interessierten sie nicht. Joschi schaute mich mit dem Arsch nicht an, es sei denn, er wollte etwas. Er war ein richtiger kleiner Schleimer. Dann legte er sich jedes Mal vor meine Füße, und ich musste aufpassen, nicht über ihn zu stolpern. Wollte ich ihn dann streicheln, lief er davon und legte sich wieder woanders ab. Wenn er mit mir zu schmusen begann, fragte ich ihn schon, was willst du. Denn mir war klar, er kam nicht einfach her wie Jakob, um sich ein paar Streicheleinheiten zu holen, sondern er schnurrte um mich herum und schmuste  kurz  mit mir, weil er gleich eine bitter hatte. Zum Beispiel sollte ich ihm die Tür aufmachen oder Futter geben. Dann bemerkte ich, dass die Nasen beider Katzen extrem nass waren, und dass sie Schnupfen hatten. Eines Morgens lag Joschi auf dem Sessel, dessen Polster ich gewaschen hatte, da er noch nach Jakob Bruch, und Joschi zuerst nicht darauf gehen wollte, aber jetzt lag er da und konnte gar nicht mehr aufstehen und miaute nur kläglich. Seine Ohren waren heiß, dies war mir schon vor zwei Tagen aufgefallen, doch ich dachte, wenn Lilly den Schnupfen überwindet, dann wird das bei Joschi auch nicht anders sein. Da er aber nun so apathisch da lag und nur wimmerte, brachte ich ihn zur Tierärztin. Tatsächlich hatte er 40,6° Fieber. Was mich wirklich ärgerte war, dass meine Helferin mir dann hinterher sagte, es sei ihr schon am Dienstag aufgefallen, dass er nicht fit war. Ich bat sie, mir künftig immer zu sagen, wenn ihr so etwas auffällt, aber sie fasste dies als Vorwurf auf und hatte nichts als nur ewige Verteidigung vorzubringen. Das Versprechen, dass sie mir künftig eher sagen würde, wenn ihr etwas auffiel, konnte ich ihr nicht abnehmen. Auch als Jakob gestorben war, erklärte sie mir hinterher, sie hätte schon das letzte Mal festgestellt, dass er so apathisch sei, und dass es wohl bald zu Ende gehen würde mit ihm, sie wollte mich aber nicht beunruhigen. Ich versuchte ihr klarzumachen, dass ich schon selbst entscheiden würde, was mich beunruhigt und was nicht. Aber bei diesem Thema stieß ich bei ihr auf Granit. Ich sprach mit der Tierärztin und sagte ihr, ich wäre auch nicht allzu traurig, wenn Joschi eingeschläfert werden müsste, wenn es denn sein muss. Insgeheim hoffte ich sogar, dass es zu Ende gehen würde, denn er war mir nur mehr eine Last. 60 € kostete seine Gesundheit, und er war wieder fit wie eh und je. Während er krank war, lag er schon öfter mal mehrere Minuten auf meinem Schoß, aber als er wieder gesund wurde, war er wieder genauso wenig anhänglich wie zuvor. Ich hatte keine ruhige Nacht mehr, die beiden fraßen mir die Haare vom Kopf, und das Katzenklo war jeden Tag extrem voll und roch wirklich pestilenzartig! Mehrere Male fand ich Scheiße neben der Dusche auf dem Boden. Ich war so verzweifelt, dass ich bereits überlegte, wie ich Joschi loswerden könnte. Da ich auf Gut Aiderbichl war, habe ich dorthin geschrieben und angefragt, ob sie Joschi nehmen würden. Ich bekam aber nie eine Antwort. Als ich dann wieder einmal kaum schlafen konnte, und wieder Scheiße neben der Dusche fand, war ich so verzweifelt, dass ich dem Gut Aiderbichl ein Ultimatum stellte. Nun hieß es, ich hätte doch warten können, man könne doch nicht gleich auf jede E-Mail antworten. Gerade erst hätte man wieder 100 Katzen retten müssen. Dabei hatte ich schon mehrere Wochen herum getan, und für ein prestigeträchtiges Unternehmen ist halt die Rettung von 100 Katzen medienwirksamer, als wenn man einer schwer behinderten Frau hilft, für ihren Kater eine gute Unterkunft zu organisieren. Ich schilderte das Problem meiner Sozialpädagogin, die Joschi kurzerhand nahm und ihn ins Tierheim brachte. Ich wollte gar nicht mit, denn ich hatte Angst, sie würden Joschi abweisen. Ich bin in solchen Verhandlungen doch immer sehr ungeschickt. Vor Jahren hatte ich eine Katze, die Jakob schwer angegriffen hatte, und selbst unter diesen Umständen ließ sich das Tierheim damals nicht erweichen, diese Katze zu nehmen, stattdessen riet man mir, die beiden in unterschiedlichen Zimmern unterzubringen und die Türe zuzumachen, was bei meiner schlauchförmigen Wohnung nicht möglich ist. Meine Sozialpädagogin rief mich an und bat mich, eine Vollmacht an das Tierheim zu faxen, dass es in meinem Sinne sei, Joschi abzugeben. Da es mit dem Fax nicht klappte, habe ich dann mündlich durchs Telefon offiziell angegeben, dass ich Joschi ins Tierheim geben wollte. Sie fragten mich nach dem Grund, und ich erklärte ihnen, was bei mir los ist. Sie fragte mich, ob ich überfordert sei, und ich sagte, eigentlich nicht, aber es ginge so nicht mehr weiter. Es ging ja nicht um meine Überforderung, sondern darum, dass dieses Tier wirklich eine große Herausforderung darstellte. Das wollte ich aber nicht so stark betonen, sonst hätten sie ihn vielleicht nicht genommen. Nun war ich froh, dass zumindest Joschi weg war, denn er war ja der Ursprung, weshalb ich nur noch FIP-Katzen nehmen konnte. Ich dachte mir, ich werde es mit Lilly noch ein paar Wochen alleine versuchen, vielleicht wird sie dann anhänglich. Es schien auch zu Beginn so, als würde sie etwas mehr schmusen und würde etwas mehr herkommen. Doch außer ihrer Spiegel-Manie schenkte sie mir nur wenig Beachtung, und sobald ich sie nahm, knurrte sie, oder wenn ich sie am Bauch kraulen wollte, stieß sie mich weg. Dann fand ich wieder Scheiße neben der Dusche und dachte, ich habe wohl den Falschen verdächtigt. Ich legte eine Stachelmatte dorthin, die eigentlich dazu gedacht ist, die Streu aufzufangen, wenn die Katze aus dem Klo steigt. Aber auch auf diese Matte machte sie hin. Da ich wieder einmal vergeblich um Zärtlichkeiten bei ihr betteln musste, und sie mich nur abwies, stand mein Entschluss fest, auch Lilly ins Tierheim zurückzugeben. Ich hätte sie noch einmal wegen ihrem Schnupfen und wegen der Kontrolle ihrer Kiefer zum Tierarzt bringen müssen und noch einmal eine ganze Ladung Katzenfutter besorgen müssen. Hier war nun der Moment gekommen, mich zu entscheiden, gebe ich noch einmal all dieses Geld aus, oder gebe ich sie jetzt zurück. Ich rief im Tierheim an und erklärte die Situation, und man zeigte sich dort verständnisvoll. So setzten wir Lilly am Dienstag in den Katzenkorb und fuhren sie den weiten Weg zurück in die andere Stadt ins Tierheim. Unterwegs miaut es sie, und irgendwann machte sie in den Katzenkorb hinein, und das ganze autostank, sodass wir die Fenster weit öffnen mussten. Ich gab also Lilly mitsamt Vertrag und Impfpass wieder zurück, was ich natürlich selbst auch bedauerte, aber ich hätte mir dies nicht länger antun können. Zuhause angekommen wuschen wir beide Katzenkörbe mit Sterilium   aus und mussten alles wegwerfen, was mit diesen Katzen in Kontakt gekommen war. Mir wurde gesagt, dass ich ein halbes Jahr keine Katzen haben dürfte, bis das Virus aus der Wohnung eliminiert sei. Das Tablett mit den Futternäpfen, Kissen, Handtücher, die im Katzenkorb waren und die Katzenkloß haben wir weggeworfen. Es kam einem Begräbnis gleich, als ich mit meiner Helferin zusammen alles zur Mülltonne brachte. Die Katzenklo Slot sie in ihr Auto, um sie am Werkstoffhof abzugeben. Außer dem Kratzbaum und den beiden Katzenkörben ist nichts mehr da, was an die Anwesenheit einer Katze erinnert. Die Ironie des Schicksals ist, dass ich 9 Monate lang um die Montage eines Katzennetzes gekämpft habe, 600 € hingeblättert habe, und jetzt nicht einmal eine Katze habe. Es sollte einfach nicht mehr sein. Ich habe alles getan, aber immer kam etwas anderes dazwischen, was den Plan wieder verhinderte. Meine Katzen wurden überfahren, ich montierte ein Katzennetz. Dennoch lief eine Katze davon, weil das Katzennetz undicht war. Ich ließ es flicken und hoffte, dass mein anderer Kater zugänglich sein würde. Er hörte zu schmusen auf. Ich schaffte eine andere Katze an, aber diese schmuste auch nicht, und der Radau in der Nacht war nicht auszuhalten. Egal, was ich tat, immer geschah etwas, was meine Pläne vereitelt. Wenn man wegen einer Allergie oder wegen seiner Wohnsituation keine Katze haben kann, ist dies verständlich und normal. Wenn man aber alles tut, und es eigentlich logischerweise und aus physikalischen Gründen möglich sein muss, eine Katze zu haben, dies aber doch nicht geht, dann kann es sich nur um vor Bestimmung handeln.

 

Als Lilly noch da war, machte ich bei mir im Tauschring eine Rundfrage, wer bereit sei, dass ich einmal seine Katze auf den Schoß nehmen könnte, um zu testen, ob die Katze her kommt, oder ob es an mir liegt, dass die Katzen nicht kommen, oder ob es einfach diese beiden speziellen Katzen sind, die nicht zu mir wollen. Immerhin ist außer Jakob und Fridolin eigentlich kaum eine Katze je auf meinen Schoß gekommen, außer die Katzen, die in meinem Elternhaus waren. Eine Frau meldete sich, sie habe einen weißen langhaarigen Kater, wenn man den auf den Schoß setzt, dann bleibt er auch da. Als ich ihr sagte, dass meine beiden Katzen FIP haben, meinte sie, das hätte ich in der Anzeige aber nicht gesagt, und sie hätte Angst, dass ihr Kater sich ansteckt. Trotz all meiner Versicherungen, dass ich Rücksprache mit der Tierärztin gehalten hatte, und diese sagte, ich müsse lediglich andere Kleidung anziehen und meine Hände desinfizieren, dann könne nichts passieren, nahm sie von ihrem Hilfsangebot Abstand. Als wir näher ins Gespräch kamen, dass ich schon häufig so viel Pech hatte, empfahl sie mir einen Termin bei ihrer Freundin, diese sei Schamanin, und die können mir helfen. Diese Freundin habe schon seit 25 Jahren Katzen und sei fast selbst schon eine Katze. Ich nahm dieses Angebot an, und wurde von einer Frau angerufen. Sie war mir schon von Beginn an nicht sehr sympathisch. Ich erzählte ihr, dass ich innerhalb von 15 Jahren 9 Katzen hatte, dass mir 3 Katzen überfahren wurden, 2 um meinen Geburtstag herum, dass mir 3 Katzen weggelaufen seien, und eigentlich nur eine Katze bis zum Lebensende bei mir geblieben sei. Sie meinte, sie habe nun Wunder was gedacht, was bei mir los sei, das sei doch ganz normal, Katzen würden nun mal überfahren, das sei ihr auch schon passiert. Ich versuchte, ihr klarzumachen, dass hier ein gewisses Muster zu erkennen sei, aber sie verstand mich nicht. Vielmehr machte sie mir wieder die selben Vorwürfe wie die Katzenpsychologin, warum ich denn einem so kranken Kater noch ein junges Kätzchen vorgesetzt hätte. Sie meinte, ich solle zu Lilly sagen: tue was du willst, ich mache mein Ding, und dann würde die Katze von selbst kommen, wenn sie wolle. Ich sagte ihr, dass mir dies schwerfiele, da ich emotional so ausgehungert bin, und ob es da nicht sinnvoll sei, eine Annonce in die Zeitung zu setzen, ob ich jemandes Hund einmal pro Woche 1 Stunde streicheln könnte, damit ich nicht zu ausgehungert sei, und dann wäre es mir vielleicht egal, ob meine Katze kommt oder nicht. Da fuhr die Frau mich an: Geben Sie mir jetzt die Ratschläge, oder gebe ich Ihnen Ratschläge? Ich erklärte ihr, dass dies ja nur ein Vorschlag war, ob sie meinte, ob dies sinnvoll sei oder nicht. Sie sagte, ich könne ja alles ausprobieren, was mir selbst einfällt, aber es sei doch eine sehr ungewöhnliche Annonce, so etwas würde doch niemand tun. Und 1 Stunde sei doch viel zu viel, einen Hund zu streicheln. Außerdem meinte sie, so jemanden wie den Jakob würde ich nie wieder bekommen, eine Katze, die stundenlang auf dem Schoß sitzt, gäbe es nur einmal. Ich sagte ihr, dass Jakob auch nicht stundenlang bei mir gesessen sei, und dass diese beiden jetzt lediglich 5 Minuten kommen, und zwischen 5 Minuten und 5 Stunden doch noch einiges dazwischen läge. Daraufhin meinte sie, sie habe dies wörtlich genommen, ich hätte von Stunden gesprochen. Denn ich sagte ihr, schließlich gibt es ja andere Menschen, die auch Katzen haben, die sich mal auf ihren Bauch legen und da eine Weile liegen bleiben. Sie meinte, ich solle eine schahmanische Reise machen, dies koste 25 €, normalerweise 30, aber für bekannte ihrer Freundin würde sie es billiger machen. Da könne ich herausfinden, was mich daran hindert, mit meinen Katzen in Frieden zu leben. Ich sagte ihr, dass sie mich noch nicht richtig verstanden habe, da sie meinte, es sei doch gar kein Problem vorhanden. Sie meinte, ich solle es mal ausprobieren. Als ich ihr wiederum sagte, wenn doch da gar kein Problem sei, wie sie behauptet, müsse man doch auch gar nichts machen, wurde sie böse und meinte: also gut, dann machen wir nichts, auf wieder hören, und legte auf. Sie hatte überhaupt nicht verstanden, worum es mir ging, aber es war wieder mal typisch, dass diejenigen, die mir helfen sollten, aus dem gleichen Grund, aus dem ich die Hilfe suche, wieder abgeschreckt waren. Irgendwie habe ich das Gefühl, irgend eine Macht will nicht, dass mir geholfen wird, und lässt dann diese Menschen solche Dinge sagen, alles sei nicht so schlimm, und ich würde nie wieder eine Katze wie den Jakob bekommen. Es hört sich so an, als ob irgend ein Wesen durch diese Frau gesprochen hätte, um mich zu verletzen. Andersherum kann es genauso sein, dass all diese Dinge, die mir immer verhindert werden, nur passieren, weil ich gegen das Schicksal zu schwach bin anzukommen. Nun habe ich also keine Katze mehr. Ich genieße es, länger schlafen zu können, in der Nacht nicht mehr gestört zu werden, kein Katzenklo mehr reinigen zu müssen, meinen Teller und mein Essen auch mal stehen lassen zu können, ohne Angst zu haben, dass eine Katze es auffrisst, dass mein Sessel nicht weiter zerkratzt wird usw. Vielleicht werde ich jetzt einmal wirklich dieses halbe Jahr warten, und wenn ich mich dann noch einsam fühle und wieder Sehnsucht habe nach einem Tier, welches mich begrüßt, wenn ich heimkomme, und welches sich auf meinen Schoß setzt, kann ich es noch einmal mit einer Katze versuchen. Wenn ich dann wieder Pech habe, dann soll es nicht sein. Auch die Schamanin meinte, ich könne nun nicht dauernd eine neue Katze her tun und ausprobieren, ob sie schmust, und sie dann wieder abgeben. Es kann doch nicht sein, dass mein Anspruch, ein Tier zu haben, welches mit mir schmust, so hoch ist. Ich habe meine Ansprüche schon so weit zurückgeschraubt, aber eine Wohnung mit einer Katze drin, die mit mir schmust, mein Gott, wenn das schon so ein großes und undurchführbares Unterfangen ist, dann weiß ich wirklich nicht mehr, was das Leben für mich noch bereithält. Ich habe auch überlegt, mir einen Papagei anzuschaffen, denn so ein Tier würde mich schon einmal reizen. Aber es würde mich um Jahre überleben, und ich habe nichts zu vererben, an was ich die Bedingung knüpfen könnte, dass derjenige, der mein Erbe antritt, auch den Papagei nehmen müsste. Außerdem kackt so ein Vogel die ganze Wohnung voll, wenn man es nicht schafft, ihn so zu dressieren, dass er in seinen Käfig geht, wenn er mal muss. Ich kenne blinde, die 2 Papageien haben, aber die sind fit, und die haben es irgendwie geschafft, den beiden zu zeigen, dass ihr Verhalten, in die Wohnung zu kacken, nicht erwünscht ist, und dass sie bitteschön in den Käfig zurückfliegen sollen. Es wäre auch zu überlegen, welche Art von Papagei ich haben könnte. Manche Papageien brauchen eine große Voliere oder zumindest einen großen Käfig. Andere Papageien werden vielleicht nicht zu alt, andere sind aber vielleicht aggressiv. Kuscheln kann man natürlich mit einem Papagei nicht, aber er kann auf andere Art seine Bindung zu mir ausdrücken, indem ich ihm zum Beispiel das Gefieder streicheln darf, in dem er mir mit seinem Schnabel kleine Küsschen gibt, oder indem er das nach spricht, was ich ihm beibringe. Warten wir ein halbes Jahr ab, vielleicht findet sich dann wieder etwas, vielleicht hat der liebe Gott doch noch eine Katze für mich zugeteilt.

 

Freitag, 13. Februar 2015

Alles auf die Nase

Ich habe es noch mal gewagt, und mich ein viertes Mal einer Nasenoperation unterzogen. Beim ersten Mal wurden ja nur die Fenster in den Nebenhöhlen geweitet, da dies Voraussetzung ist, dass ich auf die Liste für die Nierentransplantation kommen durfte. Am 1. April, Aprilscherz, 2008 habe ich dann versucht, meine klobige Nase zu verschönern. Hierbei wurden auch noch die Nasenmuscheln verkleinert und die Nasenscheidewand begradigt. Als dann der „große Tag Anführungszeichen kam, an dem die Schiene abgenommen wurde, war ich gelinde gesagt enttäuscht. Im Jahr 2009 bot mir daher der Opera Tür an, noch einmal kostenlos eine Nachbesserung der vorderen Nasenspitze zu machen, fordere Plastik genannt.

 

Da ich ja letztes Jahr beim Kiefer- und Gesichtschirurgen war, um mir ein Implantat machen zu lassen, las ich, dass er eben auch  solche Operationen macht. Ich sprach mit ihm, und er erklärte mir, er würde eine andere OP-Technik anwenden, bei der die Nase hochgeklappt und komplett verändert wird. Normalerweise würde er dies ambulant machen, aber wegen meiner Dialysewürde er mir raten, seine Belegbetten im Krankenhaus zu nutzen.

 

Nachdem sich die Sache mit dem Zahn so hingezogen hatte, wurde die Operation vom sechsten 20. Juni noch einmal auf den zweien 20. Januar verschoben. Zu dieser Zeit kam auch mein Bekannter aus dem Schwarzwald, der mir versprochen hatte, auf Katze und Wohnung aufzupassen. Das es  eine andere Katze wurde, auf die er dann schließlich auf Paste, steht in einem anderen Beitrag. Wir nutzten auch die Zeit, um auf den Gnadenhof in der Nähe von Salzburg zu gehen. Auch hierzu habe ich einen Beitrag verfasst.

 

Am 22. Januar, zwei Tage nach meinem Geburtstag, und nachdem ich zwei Katzen auf tragische Weise verloren hatte, auch hierzu ein Beitrag, ließen wir uns dann vom Taxi ins Krankenhaus fahren. Er hatte mir versprochen, so lange da zu bleiben, bis ich aus der Narkose aufwache und wieder im Zimmer bin. Auf Station wurde mir dann genau mein Zimmer gezeigt, wo alles ist, und mir wurde auch zugesichert, dass die Schwestern mir immer Kaffee und Wasser aus dem Automaten holen, da ich das selbst nicht konnte. Als wir die Station noch einmal für einen Kaffee verlassen wollten, hieß es, ich würde jetzt bald die Tablette bekommen und solle mich ins Bett legen. Den Kaffee hätte natürlich nicht ich getrunken, aber ich hätte meinem Bekannten natürlich beim Trinken zugeschaut. Denn vor der Narkose darf man natürlich keinen Kaffee trinken, wie mir selbst verständlich bekannt ist. Als ich die Tablette eingenommen hatte, hatte ich nur noch das Bedürfnis, mich auf mich selbst zu konzentrieren, runter zu kommen, mich langsam runter zu fahren, und mich gedanklich auf die OP vorzubereiten. Als es dann hinunter ging, drückte ich noch einmal ganz fest die Hand meines Bekannten, da ich schon Angst hatte. Die OP-Vorbereitung ging schnell, der Opera Tür, mit dem ich ja zuvor alles abgemacht hatte, durchschritt kurz den Narkose-Raum, sagte Hallo, und war verschwunden. Dann leitete die Ärztin die Narkose ein, und alles ging glatt. Ich wachte auf, und als ich dann den Narkosearzt wieder erkannte, mit dem ich das Gespräch hatte, meinte dieser dann im Scherz: „die Dame braucht eine Luftveränderung, sie kennt mich schon wieder, die kann auf Station.“ Als ich dann auf Station kam, wartete mein Bekannter schon. Ich war noch ziemlich müde und bekam nicht alles so richtig mit, was man mir erzählte. Er erklärte mir, dass aus meinen Augen statt Tränen Blut lief. Mein ganzer Hinterkopf war verklebt. Den Gips hatte ich auch schon ertastet, der auf meiner Nase prangte. Die Schwester erklärte mir noch, warum aus meinen Augenwinkeln Blut und nicht Tränen liefen, da irgendwie das Blut durch den Tränenkanal drückt, aber ich war noch viel zu müde, um alles zu verstehen. Mein Bekannter informierte mich noch darüber, dass er mir Tulpen mitgebracht hätte, und dass diese auf dem Nachttisch stünden. Ich war aber noch so müde, dass ich nicht kapierte, ob ich das nur geträumt hatte, oder ob er das wirklich gesagt hatte. Als ich dann voll klar war, sah ich auch die Tulpen und wusste, dass ich alles richtig mitbekommen hatte. Am Abend konnte ich schon eine Scheibe Brot mit Käse essen. Unter der Nase hing die sogenannte Nasenschleuder, die man links und rechts an den Ohren befestigt, und auf die das Blut laufen kann. Diese Einrichtung ist eigentlich nicht sehr gut, denn wenn man sie bewegt, reißt man die ganze Borke mit ab. Das tut dann unter Umständen noch mehr wie. Schmerzen hatte ich gar keine, für gewöhnlich habe ich nach einer Operation nie Schmerzen. Dieser Tag war der friedlichste , er ging herum wie nichts.

 

Am nächsten Tag musste ich leider doch schon um 7:00 Uhr zu Dialyse, denn eine Dialyse am Nachmittag ließ sich nicht einrichten. Ich war aber schon wieder fit und konnte am Arm einer Schwester durch den Gang zur Dialyse laufen. An dieser Dialyse war ich früher schon ambulant, daher kannte man mich dort schon, sie ist dem Krankenhaus angegliedert. Ich hatte zum Glück schon etwas gefrühstückt, so das ich nicht warten musste, bis an der Dialyse das Frühstück gereicht wurde, was mir große Probleme macht, da ich nüchtern schlecht dialysieren kann. Durch das Heparin schwoll dann alles noch stärker an, und als ich wieder auf Station kam, stellte die Schwester fest, dass es viel schlimmer war als vorher. Ich bekam kühl-Akkus, aber das nützte wenig. Mein Gesicht schwoll so stark an, dass ich nicht mehr aus den Augen schauen konnte. Zum Mittagessen kam danach mein Bekannter, und ich merkte, dass mir doch noch nicht ganz so wohl war, denn ich habe nur die Hälfte meines Essens geschafft. Wir richteten es immer so ein, dass er meine Suppe und den Rest bekam, den ich nicht auf Aas. Wir holten uns dann immer zur Kaffeezeit draußen einen Kaffee auf Station, der wunderbar schmeckte. Dazu gab es dann ein Stück Schokolade oder ein kleines Stück Kuchen.

 

Am Abend war das Gesicht noch stärker angeschwollen, sogar meine Backe schwoll mit an. Endlich kam auch mal der Opera Tür, der sich nach der Operation nicht hatte sehen lassen. Er meinte, ich hätte jetzt zwei schöne blaue Augen, und am Samstag sei das Maximum der Schwellung erreicht. Er erklärte mir, als ich ihn fragte, wann denn nun die Tamponade herauskäme, dass er das erst nach der zweiten Dialyse entfernen würde. Diese sollte am Montag sein, wobei wir noch nicht wussten, ob sie am Vormittag oder Nachmittag stattfinden würde. Ich hatte mich geistig schon darauf eingestellt, dass ich am Dienstag gehen würde. Da ich ja einen Teil der OP selbst bezahlt hatte, und da man ja normalerweise nicht im Krankenhaus bleibt, sondern nur ich zur Sicherheit, dachte ich, die Entscheidung kann ich selbst treffen. Der Opera Tür meinte, er würde dann am Montag kommen, oder ich soll am Dienstag zu ihm in die Praxis gehen. Er käme aber noch mal am Sonntag, um mich zu besuchen, und da könnten wir das besprechen. Die Nacht war furchtbar, das Gesicht schwoll immer mehr an. Ich bekam schon Beklemmungen. Am nächsten Tag war es so dick, dass ich nur noch mit dem schlechteren Auge etwas sehen konnte. Der Druck im Kopf war groß, und ich hatte regelrecht Platzangst.

 

Der Samstag verlief dann so, dass mein Bekannter zu Mittagessenszeit kam, von meinem Essen etwas bekam, und wir dann zur Kaffeezeit wieder etwas genossen. Aber meine Beklemmungen wurden immer größer. Ich konnte auch noch nicht wirklich aufstehen. Eigentlich war ich sogar weniger fit als am Freitagmorgen, als ich zu Dialyse zu Fuß mit lief. Am Abend wurde es richtig schlimm. In der Nacht von Samstag auf Sonntag, wo doch eigentlich das Maximum überschritten hätte sein sollen, schwoll es noch mal so stark an, dass ich wirklich Panik bekam. Ich dachte, mein Hirn platzt, und man müsse mir den Schädel aufmachen. Ich rief die Schwester und erklärte ihr, dass ich totale Beklemmungen hätte, da es immer stärker angeschwollen sei. Sie meinte, das sei nur subjektiv, es wäre genauso wie vorher. Sie sagte dass in so einem psychisch beruhigenden Ton, dass ich ihr sagte, ich möchte nicht als Psycho angesehen werden. Sie erklärte mir gütig, sie könne doch verstehen, dass man, wenn man blind sei, die äußere Kontrolle nicht hätte, und dass da nicht einschätzen könne, dass das doch furchtbar sein müsse, und dass das für mich daher viel schlimmer sei. Dieses Pseudo-Verständnis ärgerte mich, denn im Grunde nahm sie mich überhaupt nicht ernst und stellte mich so hin, als sei ich lediglich aufgrund meiner Blindheit sensibler. Ich entgegnete ihr, dass ich doch wissen müsse, ob ich mehr Beschwerden hätte als vorher oder nicht. Sie gab mir eine Schmerztablette, damit ich „runterkommen“ sollte, denn das wirkt auch beruhigend. Ich dachte schon, sie würde mir jetzt gleich irgendwelche Psychopharmaka geben. Am Morgen war es dann auch wieder besser, das Schmerzmittel hatte gewirkt, wenn auch nicht gegen die nicht vorhandenen Schmerzen, dann doch zumindest gegen die Schwellung. Am Sonntag wollte ich noch nicht aufstehen, da ich mich noch immer nicht so richtig gut fühlte. Ich machte mir also noch einen faulen Tag. Mein Bekannter kam wieder, dieses Mal sogar mit Kuchen, den er in einer Bäckerei geholt hatte. Normalerweise gehe ich gerne in die Cafeteria, aber wenn man Geld sparen kann, und der Kaffee auf Station so lecker ist, dann ist es schöner, sich es im Zimmer mit Kuchen und Kaffee gemütlich zu machen. Dieses Mal setzte ich mich sogar an den Tisch, was ich zuvor noch nicht getan hatte, weil ich noch zu kaputt war. Die Schwellung wurde auch langsam etwas besser, wenn auch nur mit starker Kühlung, und nur sehr allmählich. Den ganzen Tag hatte ich auf den Besuch des Operateurs gewartet. Am Abend sprach ich die Schwester an, und sie meinte, manchmal kommen die Belegärzte auch sehr spät. Wenn er gesagt hat, dass er kommt, würde er auch kommen. Wer nicht kam, war er.

 

In meinem Zimmer war eine Frau, die eigentlich nur von sich redete, die eigentlich kaum etwas hörte, und die einfach nur das abspulte, was sie bewegte. Irgendwann bekam ich sie dann aber doch mal dazu, dass sie auch mal mir zuhörte, und dass eine halbwegs normale Unterhaltung zustande kam. Sie war schon steinalt und wiederholte immer wieder ihre gleichen Sorgen wegen der Reha, ihre Beschwerden wegen dem Essen, und wie schrecklich doch das Fernsehprogramm sei. Als ich ihr erzählte, dass mein Kater gestorben sei, spulte sie nur ab, dass ihre Schwiegertochter auch zwei Katzen hat. Irgendwann hörte sie dann aber zu, als ich ihr von meinem Kater erzählte.

 

In der Nacht wachte ich auf, da ich das Gefühl hatte, etwas sei in meinem Rachen. Ich schluckte, schluckte und schluckte, aber es ging nicht hinunter. Es war wie ein Faden Schleims, der einfach nicht hinunter wollte. Irgendwann bekam ich richtig Panik und läutete nach der Schwester. Es war zum Glück eine andere Schwester, so blieb mir dieser psychologische Quatsch erspart. Diese Frau war sehr pragmatisch und meinte, das käme von der Narkose, das sei noch viel Schleim, sie würde mir mal einen Schleimlöser bringen. Als ich den getrunken hatte, und auch ein paar Bonbons gelutscht hatte, die sie mir ebenfalls gebracht hatte, musste ich auf einmal furchtbar würden, und tatsächlich kam etwas fadenartiges zwischen meine Finger. Als ich daran so, stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass es die Schnur von der Tamponade war, die in meiner Nase hing. Ich schrie und läutete, und endlich kam auch die Schwester. Als sie sah, was los war, sagte sie trocken: „ziehen Sie an!“   Und ich zog, und ich zog, und ich zog, und langsam kam ein immer länger werden der Faden aus meinem Mund, und die Tamponade in meiner Nase wurde immer weniger. Alles war voller Blut. Es war nachgerade ekelhaft. Da ich nun ohne Tamponade war, die der Arzt erst entfernen wollte, fragte ich die Schwester ganz ängstlich, was wir jetzt machen. Sie antwortete nur wieder trocken: "Nichts."  Die Frau gefiel mir. Die Situation hingegen gefiel mir wenig. Ich hatte schon zuvor, als ich die Schwester das erste Mal gerufen hatte, angemerkt, dass das Tampon in der Nase total voller Blut war, und dass das Blut schon aus der Nase lief. Demnach war mir klar, dass es übervoll war und daher keinen Halt mehr in der Nase hatte. Aber die Schwester meinte zu diesem Zeitpunkt noch, der Doktor wisse schon, was er tut. Das hat man ja nun gemerkt.

 

Wieder einmal hatte sich mein Gefühl bestätigt, nachdem ich letztes Jahr einen langen Bohnenfaden verschluckt hatte, und mir niemand glaubte, und dieser dann zum Vorschein kam, als ich ein Joghurt aß. Genau dasselbe Gefühl hatte ich jetzt wieder, konnte mir aber nicht vorstellen, dass so etwas noch ein zweites Mal passieren würde. Ich bin nur froh, dass ich nicht nur einfach hysterisch oder panisch war, sondern dass wirklich etwas in meinem Rachen steckte. Nicht auszudenken, wenn ich etwas gegessen hätte, der Speiserest sich daran aufgehängt hätte, ein Teil hinuntergegangen wäre, ein Teil sich festgehängt hätte, und ich dann vielleicht gewirkt hätte.

Am nächsten Tag rief also eine Schwester den Arzt an und fragte, warum er nicht gekommen sei. Er erwiderte, er habe gedacht, ich sei schon längst weg, dies sei ja schließlich keine Operation, bei der man länger im Krankenhaus verweilen müsse. Ich könne jetzt zu ihm in die Praxis kommen und mich selbst entlassen und aus dem kranken Haus gehen. Ich bestand aber darauf, die Nacht von Montag auf Dienstag noch einmal im Krankenhaus zu bleiben, damit ich sicher sein konnte, nicht noch mal so einen Horror in der Nacht zu erleben. Ich hätte zwar durch meinen Bekannten Unterstützung in der Wohnung gehabt, aber der hätte auch nichts anderes tun können, als den Notarzt zu rufen, wenn wieder etwas gewesen wäre. Ich wollte erst dann aus dem Krankenhaus gehen, wenn ich sicher sein konnte, dass nun alles in Ordnung war. So bestand ich darauf, bis zum Dienstag wie geplant zu bleiben. Am Montag machten wir schon einen kleinen Spaziergang durch die Station. In der Cafeteria holten wir uns selbst gemachten Kuchen. Den aßen wir wieder zur Kaffeezeit mit dem guten Kaffee von der Station.

Die alte Dame war nun entlassen, es kam eine in meinem Alter, mit der ich mich etwas mehr unterhalten konnte. Sie sollte am nächsten Tag am Unterleib operiert werden, denn diese Station war eigentlich eine gynäkologische, und alle, die irgendeine Operation von egal welcher Art von Belegarzt hatten, wurden dort aufgenommen. Es gab also gar keine Schwestern oder Ärzte, die sich besonders mit der HNO aus Kanten. Einige hatten aber doch etwas Ahnung, mir wäre es aber lieber gewesen, wenn ich auf einer HNO-Station gewesen wäre.

 

Ich hatte immer das Gefühl, die Schwestern seien ganz alleine, sie müssten alles alleine entscheiden und hätten auch sehr viele Befugnisse. Nur dann, wenn der Blutdruck hochging, riefen sie mal in der Anästhesie an, um nachzufragen, was sie geben dürfen und was nicht. Ansonsten konnten sie über Schmerzmittel und andere Dinge, zu Beispiel Abführmittel oder sonstige Passdielen selbst entscheiden. Irgendwie fühlte ich mich etwas alleine gelassen, da ich immer das Gefühl hatte, wenn da kein Arzt ist, was ist dann, wenn was passiert? Vielleicht hat es einen Stationsarzt gegeben, irgendwann kam mal eine Dame, die mir in den Hals schaute, da ihr die Schwester sagte, dass das mit der Tamponade passiert sei, aber ob das eine Ärztin war oder eine Stationsleiterin, weiß ich nicht. Es gab sehr nette Schwestern, die sehr engagiert waren, bis hin zu denen, die wirklich blöd waren. Eine war richtig unangenehm, die zwickte mir den Arm beim Blutdruckmessen ein, und als ich mich beklagte, fuhr sie mich an, das würde mich nicht umbringen. Dann beschwerte sie sich, warum der Blutdruck so hoch sei, ob ich den ganzen Tag wieder „herumgeturnt“ sei. Andererseits mokierte sie sich darüber, dass ich den ganzen Tag mit angewinkelten Beinen auf dem Bett sitzen würde. Was denn nun? Es war also die ganze Bandbreite an Schwestern vorhanden.

 

Am Dienstagmorgen entließ ich mich also wie angekündigt und bestellte auf 9:00 Uhr das Taxi. Ich gab den Schwestern noch etwas für die Kaffeekasse und eine Schachtel Pralinen, die mein Bekannter mir mitgebracht hatte, die wir aber nie geöffnet hatten. Ich bedankte mich und fuhr mit dem Taxi nach Hause. Dort wartete mein Bekannter schon ungeduldig, da wir anstatt 9:00 Uhr erst um 9:30 Uhr ankamen. Ich hatte ja nicht daran gedacht, dass das Taxi erst um 9:00 Uhr bei mir losfahren würde und hatte ihn daher die falsche Zeit durchgegeben. Wir gingen dann gleich, nachdem ich das junge Kätzchen Joschi begrüßt hatte, zum Supermarkt, um uns relativ fettarme italienische Stangen  zu kaufen, damit wir endlich meinen Piccolo, den ich von der Dialyse zum Geburtstag bekommen hatte, lehren konnten. Wir wollten ja vom 19. auf den 20. in der Nacht anstoßen, aber da ist ja die kleine Katze durch das Katzennetz davongelaufen, was ich in dem anderen Beitrag erwähnt hatte. Daher war uns nicht mehr zum Feiern zumute gewesen. Nun aber wollten wir auf all das trinken, was in der letzten Zeit passiert war. Normalerweise trinke ich wenig Alkohol, daher schafften wir auch nicht den ganzen Piccolo. Aber bei jedem mal, bei dem wir anstießen, brachte ich einen anderen Trinkspruch hervor: auf Mia, die kleine Katze, die weggelaufen ist. Auf Joschi, den ich jetzt habe. Auf meinen guten Jakob, der nun im Tierhimmel ist. Auf die Nase. Auf alles, was wir uns wünschen. Es war mir einfach wichtig, so eine Zeremonie durchzuführen.

 

Nachdem wir noch einmal einen Kaffee zusammen getrunken hatten, machte sich mein Bekannter auf den Weg zur S-Bahn, denn ich wollte mit dieser frisch operierten Nase und unmittelbar aus dem Krankenhaus nicht schon wieder solche Anstrengungen unternehmen. Außerdem hatte ich etwas Bedenken, dass mich jeder anstarren würde. Tatsächlich hat mich ein sehr netter Mann, als ich dann doch einmal raus ging, gefragt: „Gnädige Frau, was ist Ihnen passiert?“ So wird man heutzutage nur noch selten angesprochen. Als ich ihm erklärt habe, dass es sich um eine OP handelt, weil beruhigt, denn er dachte, das wäre eine Schweinerei gewesen, wenn mir jemand etwas angetan und mich überfallen hätte. Die Leute waren rundweg eigentlich mehr oder weniger besorgt, als sie mich mit Gips auf der Nase und blauunterlaufenen Augen herumlaufen sahen.

Am Nachmittag rief ich in der Praxis des Operateurs an und fragte, ob es auch reicht, wenn ich am Donnerstag mit meiner Helferin kommen würde. Er meinte ja, und so ging ich am Donnerstag mit ihr hin. Sie war jedes Mal dabei gewesen und konnte somit auch etwas beurteilen, wie sich die Sache entwickelt hat. Zu dieser Zeit habe ich schon nachts überhaupt nicht mehr atmen können, da die Nase komplett zu war, ich nur durch den Mund schnaufen konnte, und dieser so austrocknete, dass ich alle paar Minuten mit der Zunge am Gaumen klebend aufgewacht bin. Es war der blanke Horror, da ich ja schon seit dem 22. Januar, dem Tag der Operation, keine 2 Stunden durchgeschlafen hatte. Der Operateur war sehr erkältet und entschuldigte sich, dass er am Sonntag nicht kommen konnte, er sei selbst krank gewesen. Normalerweise hätte er ja eine Vertretung schicken können, denn eine Nachsorge wäre schon geboten gewesen. Bei meinen ersten OPs wurde, wenn überhaupt ein Tampon verwendet wurde, dieses am nächsten Tag herausgenommen, meine Nase immer gründlich abgesaugt, und der Operateur schaute jeden Tag vorbei, um die Entwicklung zu sehen. Der Chirurg kündigte mir also an, dass der Gips am Montag ab kommen würde. Ich sollte jetzt Erleichterung bekommen, und er versuchte, die Krusten um die und in der Nase abzukratzen. Das war so schmerzhaft, und auch so unsinnig, da es dann wieder zu bluten anfing, dass ich aufschrieb. So ließ er es bleiben. Bis Montag konnte ich keine Nacht mehr als 2 Stunden schlafen. Ich war mittlerweile so am Ende, dass ich dachte, dieser Zustand hält an, und hegte schon Selbstmordgedanken. Ich habe mehrfach gelesen und gehört, dass es höchstens 14 Tage dauert, bis alles abschwillt, wobei bei mir bereits zehn Tage vergangen waren, ohne, dass sich etwas wesentlich gebessert hätte. Ich kam zu ihm und unterbreitete ihm, dass ich so nicht mehr leben kann. Er war nur verwundert, mehr oder weniger hilflos, da es so weh tat, wenn er mir die Krusten versuchte ab zu kratzen. Er empfahl mir lediglich ein Abschwellen des Nasenspray, welches ich nur zwei Tage nahm, da die Wirkung immer schneller nachließ, und ich fürchtete, abhängig zu werden. Schon im Krankenhaus war ich darüber verwundert, dass ich weder Nasentropfen noch Nasensalbe bekommen hatte. Ich schlug ihm daher vor, dass er mich doch zum Halsnasenohrenarzt schicken könnte, der das Ganze absaugen könnte. Davon wollte er aber nichts wissen. Auch von den Cortisontabletten, die er mir eigentlich geben wollte, sah er dann leider doch wieder ab. Auf Anraten meiner Schwester und meiner Nephrologin ging ich dann zum Halsnasenohrenarzt, um zu kontrollieren, ob alles stimmt. Dieser meinte, wenn man keine ordentliche Nachsorge macht, dürfe man halt eben nicht operieren. Dies fand ich mal einen klaren Standpunkt, den ich voll teilte. Er vermutete, es könne sich ein Bluterguss in der Nasenscheidewand gebildet haben, ich müsse auf jeden Fall in zwei Tagen wiederkommen. Er gab mir eine Cortisonsalbe, die ich morgens und abends auf streichen sollte. Er wollte mir sogar noch ein Antibiotikum geben, denn eine Einblutung in die Nasenscheidewand hätte bedeuten können, dass diese sich zersetzt. Wir entschieden aber beide wegen meiner Nieren, damit noch bis Freitag zu warten. Am Freitag war die Schwellung aber rückläufig, dennoch gab er mir ein Cortison-Schema. Ich sollte zwei Tage zwei Tabletten, drei Tage eine, drei Tage eine halbe und drei Tage eine viertel Tablette einnehmen. Leider wurde es aber unter Cortison noch schlechter, und der Blutdruck stieg auf 170 zu 100. Davor hatte mich der Nephrologe, den ich um Erlaubnis für das Cortison gebeten hatte, schon gewarnt. Ich wäre mit Tabletten gegen den Bluthochdruck ausgerüstet gewesen, dachte aber, wenn das Cortison sowieso nicht hilft, und es nur negative Nebenwirkungen gibt, kann ich es auch absetzen. Daher rief ich im Klinikum an und fragte, ob ich das Cortison noch weiter nehmen müsse, zumal es nur die negative Nebenwirkung des Bluthochdrucks bewirkt hätte. Ich dachte, die Ärztin würde mir jetzt sagen, dass es noch eine Weile dauert, bis es wirkt, oder, dass es wirklich sinnlos sei, und ich damit aufhören könne. Stattdessen wurde ich von der dortigen Schwester gebeten, doch hinzukommen. Ich fuhr also mit dem Taxi zur Notaufnahme der Hals Nasen Ohren-Klinik und wartete dort geschlagene zweieinhalb Stunden, bis ich endlich eine junge Ärztin sah, die meine Tochter hätte sein können. Ich erklärte ihr die Situation, und als diese in meine Nase schaute, erklärte sie mir nur, dass sie die Schwellung zuvor nicht gesehen habe, und dass sie daher nicht beurteilen könne, ob es schlimmer geworden sei. Ich solle halt, wenn ich das Cortison nicht vertrage, das Medikament absetzen. Ich fragte sie, ob es schlimm aussehe, oder ob sich vielleicht ein Bluterguss in der Nasenscheidewand befindet. Sie meinte, das könne sie nur sehen, wenn sie reinschaut. Ich fragte sie, ob sie das tun würde, und da meinte sie, ja, das habe sie  doch getan. Als ich sie dann fragte, was sie nun gesehen hatte, meinte sie, soweit sie es beurteilen könne, gäbe es keinen Bluterguss. Aber man könne nicht bis ganz hinter sehen, wenn aber vorne nicht sei, sei wahrscheinlich hinten auch kein Bluterguss. Sie wisse ja nicht, was alles operiert worden sei, ich hätte ihr ja fast nichts gesagt, dabei hatte ich ihr die ganze Geschichte erzählt, da könne sie auch nicht beurteilen, ob es Probleme gäbe oder nicht. Ich bat sie, die Knobel, die sich an der Seite um die Nase herum gebildet hatten, einmal anzuschauen, doch das wollte sie gar nicht, sie könne das nicht beurteilen, sie wisse nicht, was gemacht worden sei. Ich meinte, dass immerhin es ja hätte sein können, dass resorbierbares Fremdmaterial verwendet worden ist, welches sich nun auf die Wanderschaft begeben hat. Diese Möglichkeit hatte mir der Professor aus dem Zentrum für seltene Erkrankungen  unterbreitet , den ich in meiner Not auch angeschrieben hatte, weil er sich auch gut mit der Nase auskennt.  (Zum Zentrum seltene Erkrankungen und dem damit verbundenen Fernsehauftritt habe ich auch einen Beitrag geschrieben.) aber sie meinte wiederum, sie wisse ja nicht, was gemacht wurde, daher könne nur der Chirurg sagen, ob solches Material verwendet worden sei. Ich dachte, normalerweise hätte sie ersehen können, ob sich da etwas Ungewöhnliches tut oder nicht. Als alle ihre Untersuchungen mehr oder weniger ergebnislos blieben, beschwerte ich mich, dass ich meine Fragen genauso gut hätte am Telefon klären können, wie ich es eigentlich vorhatte, und dass ich eigentlich nicht zweieinhalb Stunden hätte warten müssen, nur, damit sie mir dies sagt. Sie meinte, wenn es geschwollen sei, müsse ich zum Arzt kommen, und, wenn es mir schlecht gegangen wäre, hätte sie mich auch auf Station aufgenommen. Ob ich Schmerzen hätte, das verneinte ich. Ich musste dann unterschreiben, dass ich nicht da bleiben wollte, und unverrichteter Dinge ging ich wieder nach Hause. Ich entschied, das Cortison-Schema so weiterzufahren, wie der Halsnasenohrenarzt es mir aufgeschrieben hatte, damit ich auf der sicheren Seite war. Endlich begann es auch zu wirken. Meine Nase wurde freier, und ich konnte die erste Nacht 4 Stunden schlafen.

 

Da mein neuer Kater Joschi aber nun gewohnt war, dass ich jede Nacht für ihn da war, störte er mich und weckte mich auf, sobald er merkte, dass ich zu blinzeln begann. So habe ich heute noch Nächte, in denen ich kaum durchschlafen kann. Manchmal ist die Schwellung weg, dann kommt sie wieder. Ich befürchte nur, wenn das cortisonausgeschlichen ist, läuft alles wieder wie vorher. Das Cortison unterdrückt wahrscheinlich nur die Schwellung, die aber dann wiederkommt, sobald das Medikament weg ist. Eigentlich soll das Mittel der Nase beim Abschwellen helfen. Da eine operierte Nase sowieso irgendwann abschwillt, beschleunigt dies nur den Vorgang, der bei mir zu langsam war. Dann sollte die Wirkung eigentlich nachhaltig sein. Wenn aber noch etwas anderes da ist, weswegen die Nase laufend anschwillt, ist das Cortison nur die Unterdrückung der Beschwerden. Bei mir ist es normalerweise nicht so, dass Dinge einfach abheilen, sondern ich muss alles lebenslang nehmen, um die Symptome unten zu halten. Ich habe schon , wie zuvor erwähnt, mit dem Professor vom Zentrum für seltene Erkrankungen gesprochen, der sich auch mit der Nase gut auskennt. Er meinte, wenn alle Stricke reißen, könne er mir vor Ort einen Halsnasenohrenarzt suchen. Ich vertraue meinem Halsnasenohrenarzt, der sehr gut und erfahren ist. Aber ich würde jede Chance nutzen, jemand anderen auch noch mal hineinschauen zu lassen. Ich war noch mal bei meinem HNO, und der war sehr zufrieden. Ich darf die Cortisonsalbe dann ab dem Wochenende zur Hälfte absetzen, und muss sie nur noch abends nehmen. Am 17., also Faschingsdienstag habe ich einen Termin beim Chirurgen, wo nun die Schiene, die ich noch trage, abkommt. Dann verliere ich sozusagen meine Pappnase, was gut zum Fasching passt. Ich habe schon manchmal, wenn die Schiene beim An- und Ausziehen abging, einmal darunter geschaut. Zunächst war ich etwas enttäuscht, aber ich vermute, dass es jetzt besser wird. Die Nase ist nicht mehr so hoch, sie ist nicht mehr ganz so rund und geschwollen. Ich hoffe, dass sie jetzt wirklich so aussieht, wie ich sie mir gewünscht habe. Vorne ist sie noch immer etwas rundlich, vielleicht ist dann die Wirkung die gleiche wie vorher. Aber ich finde, sie ist schon länger, da der Knochen nun nicht mehr gespalten ist sondern ein einziger. Auch ist der Ansatz um die Nasenwurzel schöner, obwohl sich oben ein paar Knobel befinden, die mir noch Sorgen machen. Ich habe Angst, dass hier vielleicht  die Nebenhöhle eingebrochen ist. Vielleicht habe ich auch deswegen die Atembeschwerden. Ich habe große Angst, mir mit der Nasenoperation nun Atembeschwerden eingekauft zu haben, die nicht mehr weg gehen. Andere werden mit einer normalen Nase geboren und müssen daher nicht diesen hohen Preis bezahlen, wenn sie keine Knollennase mehr haben wollen. Ich möchte nicht mein Leben lang Cortison nehmen. Außerdem schlägt sich das bei mir aufs Gewicht, und ich muss sowieso sehr hart kämpfen, mein Gewicht zu halten, da mein Grundumsatz extrem niedrig ist, und ich einen schlechten Stoffwechsel habe. Im Moment nehme ich zu, kann es aber nicht mehr halten. Da ich die ganze Zeit wegen der Nase noch vorsichtig war, konnte ich nur wenig Sport treiben, denn sie schwoll jedes Mal wieder an, wenn ich mich zu sehr anstrengte. Dies kommt noch hinzu, um die Gewichtszunahme zu steigern. Denn wenn man keinen Sport macht, den man vorher getrieben hat, schnellt das Gewicht in die Höhe. Wenn das so weitergeht, gebe ich auf und esse nur noch das, was ich will. Dazu aber noch in einem anderen Beitrag, denn ich habe nun endlich versucht, mithilfe meiner Sozialpädagogin durchzusetzen, dass der Arzt, der mich als freiwillige Leistung wegen Sport und Ernährung beraten wollte, mich zur Ernährungsprofessorin überweist, was er schon seit Monaten versprochen hatte. Da wird wieder die übliche Prozedur los sein, dass man mir nicht glaubt, dass ich tatsächlich so wenig esse, wie auf meinem Protokoll steht.

 

Insgesamt waren die Qualen so groß, auch wenn ich keine konkreten Schmerzen hatte, dass ich nun flehe, dass es nun endlich so ist, wie ich es mir wünsche, oder zumindest halbwegs. Ich könnte es nicht mehr ertragen, wenn, wie bei den letzten Malen, meine Verwandtschaft mit offenem Mund vor mir steht und diplomatisch abwägt, wie man mir nun beibringen kann, dass sich an der Nase nichts geändert hat. Dann fielen Sätze wie: ich kann das nicht beurteilen, ich hab da nie so drauf geachtet. Der Operateur findet meine Nase natürlich sehr schick, und bat schon meine Helferin, dies zu bestätigen. Diese Frau, ebenfalls sehr diplomatisch, wand sich heraus, indem sie sagte, sie habe kein räumliches Sehvermögen, sie könne das nicht beurteilen. Da geht es ja schon wieder gut los! Ich hoffe, es wird doch den einen oder die andere geben, die wirklich sieht, dass sich da was geändert hat. Man will ja nicht von jedem auf der Straße angesprochen werden, dass die Nase anders ist, aber von denen, die von dem Vorhaben wussten, würde ich mir schon wünschen, die heiß ersehnte Rückmeldung zu erhalten. Noch einmal werde ich das Ganze nicht mitmachen, selbst wenn die Nasenlöcher nach oben stehen würden. Der Operateur meinte, als ich über Atembeschwerden klagte, er habe die Nasenmuscheln nicht ganz klein gemacht, er könne da noch einiges operieren. Wunderbar, von einer OP zur nächsten! Es sei denn, jemand schwört mir, dass es im Hinblick auf die Atmung Besserung bringen würde, würde ich nie wieder jemanden an meine Nase lassen. Sollte ich wirklich noch mal zu ein Wagnis eingehen, würde dies hier ein Fortsetzungsroman. Ich hoffe aber, dass sich alles noch geben wird.

Sonntag, 1. Februar 2015

Katzenverschwörung


Nachdem im Dezember das Katzennetz montiert wurde, machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Katze. Es schien unmöglich, da es auf einmal nur noch Angebote von Katzen gab, die mindestens 200 € kosteten. Normalerweise werden einem die Katzen regelrecht hinterher geworfen, und es wird verzweifelt ein Zuhause für junge Katzen gesucht. Aber wie durch einen Zauber gab es auf einmal nur noch diese teuren Katzen. Meine Freundin hat mir geholfen, auch zu suchen, aber sie hat ebenfalls kein Glück gehabt. Die Leute riefen nicht zurück, oder es gab einfach keine Katze. Nun bat ich einen blinden Freund von mir, mir ein Inserat einzustellen, da ich selbst dazu zu blöd bin, so etwas zu bewerkstelligen.

 

Nach ein paar Wochen kam dann der erste Anruf nach 22:00 Uhr, wobei eine Frau am Apparat war, die mich auf dem Handy anrief, und meinte, sie hätte eine kleine weiße Katze mit schwarzen Flecken. Diese würde sich nicht mit ihrer jetzigen Katze vertragen, und sie wollte sie abgeben. Ich bat die Dame, mir ihre Daten, Adresse usw., per SMS zu schicken, damit ich dort hinfahren könnte. Ich legte auf, aber am nächsten Morgen war keine SMS angekommen. Ich schrieb der Frau verzweifelt und bat sie, mir doch nun Ihre Adresse zuzuschicken. Als keine Reaktion kam, schrieb ich nach 1 Stunde noch einmal und erklärte ihr, dass ich Angst hätte, da ich schon einmal so eine Erfahrung gemacht hatte. Damals war mir Lissy weggelaufen, und eine Frau hatte bei Tasso angerufen und behauptet, meine Katze gefunden zu haben. Nachdem ich an Tasso die Erlaubnis gegeben hatte, dass diese Frau meine Kontaktdaten bekommen sollte, rief sie mich an und sagte, sie habe meine Katze, würde sie aber nicht mehr hergeben. Die Aufnahme auf dem Anrufbeantworter spielte ich TASSO vor, die dann meinten, es handelte sich um eine psychisch gestörte Frau, die Aufmerksamkeit wollte. Nun hatte ich Angst, dass mir so etwas wieder passieren würde. Die Frau schrieb mir dann zurück und meinte, sie würde mir noch das Bild der Katze zu schicken. Ich schrieb ihr, dass ich das Bild nicht bräuchte, da ich fast blind bin, und dass sie mir doch lieber ihre Adresse zuschicken sollte, wo ich die Katze dann abholen könnte. Es kam das bild, aber sonst nichts., und nach einigen Stunden schrieb ich ihr dann etwas sarkastisch zurück, dass ich schon irgendwie ihre Adresse herausfinden würde, da ich das Tier ja irgendwo abholen müsste. Dann endlich kam die heiß ersehnte Adresse. Eine Handynummer war dabei, aber es gab keine Festnetznummer. Ich versuchte, über die Auskunft die Festnetznummer dieser Dame herauszufinden, landete dann sogar bei ihren Verwandten, die aber sagten, dass sie nicht die richtigen Leute sein. Mein Bekannter aus dem Schwarzwald fuhr mit mir also am 18. Januar ungefähr 50 km weit, um die Katze abzuholen. Dort angekommen stellten wir fest, dass die Wohnung so chaotisch war, dass man sich nirgendwohin setzen konnte. Mein Bekannter beschrieb mir dann die Frau hinterher und meinte, sie sei sehr dick gewesen, und alle wirkten ziemlich asozial. Das Kätzchen legte sich sofort auf meinen Schoß und schnurrte. Es hatte bereits ein Halsband mit zwei Glöckchen. Ich nahm dieses Kätzchen mit und setzte es vor Jakob ab. Jakob fauchte es an, und ich dachte, das wird sich noch legen, da er ja jedes Kätzchen irgendwann angenommen hatte. Das Kätzchen war auch sehr lieb, spielte mit allen möglichen Dingen, beschäftigte sich weitgehend selbst, aber es ging manchmal ganz vorsichtig auf Jakob zu. Der fauchte jedes Mal, wenn es nur in seine Nähe kam. Am Abend fauchte er dann sogar mich an, als ich meine Socken unter ihm hervorzog, auf die er sich gelegt hatte. Ich fand das alles ziemlich merkwürdig, hoffte aber noch, dass sich das geben würde.

 

Am nächsten Morgen rief ich Jakob zum Fressen, der mich die ganze Zeit schon wieder versucht hatte, aus dem Bett zu scheuchen, damit ich ihn füttern möge. Ich rief die kleine Katze dazu, damit die beiden sich daran gewöhnen würden, miteinander zu fressen. Als ich wieder hin sah, lag Jakob quer vor dem Napf. Ich rüttelte ihn und rief ihn an, er möge doch bitte aufstehen. Als er sich nicht mehr rührte, schrie ich, und mein Bekannter kam herbei. Er stellte fest, dass mein Kater nur noch sehr flach und langsam atmete. Der Kater stieß röchelnde Laute hervor. Wir wussten nicht, was mit ihm los war, und ich rief bei der Tierärztin an. Die Sprechstundenhilfe meinte, die Tierärztin sei noch nicht da, ich solle mit dem Kater sofort in die Klinik. Da wir aber nicht wussten, ob er transportfähig ist, oder ob er vielleicht solche starken Schmerzen hat, dass wir ihn nicht hochheben konnten, um ihn in die Kiste zu packen, rief ich nochmals bei der Tierklinik an und fragte, ob ein Hausbesuch möglich sei. Dies sei nicht machbar, ich solle die Katze herbringen. Ich dachte aber, falls er wirklich eingeschläfert werden müsste, möchte ich dies nicht in einer anonymen Klinik tun. Da wir ihn nicht anfassen wollten, weil er tiefe und lange Brummtöne von sich gab, war noch einige Zeit verstrichen. Ich rief nun wieder bei meiner Tierärztin an, die mittlerweile in der Praxis war. Mein Bekannter schaffte es dann, sich zu überwinden und den Kater in die Kiste zu packen. Der rührte sich nicht mehr. Wir riefen ein Taxi, mussten aber mindestens 20 Minuten auf dessen Erscheinen warten. Als wir dann in der Praxis ankamen, konnte die Tierärztin nur noch den Tod feststellen. Ich sagte ihr, ich hätte ein neues Kätzchen geholt, und ich befürchtete, ihn damit in den Tod getrieben zu haben. Sie meinte, wenn er schon durch die Anwesenheit eines kleinen Kätzchen so gestresst sei, dass er tot umfällt, hätte er wahrscheinlich zuvor schon ein Problem gehabt. Er war ja im Dezember 2013 schwer krank gewesen und musste seither drei verschiedene Medikamente nehmen. Sie sagte mir, es sei besser so gewesen, dass er schnell gestorben sei, und der Todeskampf nur eine halbe Stunde gedauert hätte. Ansonsten hätte sich sein Zustand vielleicht nur langsam verschlechtert, es wäre immer hin und her gegangen, und irgendwann hätte ich dann die Entscheidung treffen müssen, ihn einschläfern zu lassen. Ich hätte ihn nicht in den Tod getrieben, sondern ihm durch die Herztabletten noch ein Jahr ermöglicht, und dass er so schnell von mir gegangen sei, sei der größte Liebesdienst gewesen, den er mir noch erweisen konnte. Ich war sehr erleichtert über die tröstenden Worte der Ärztin, die die ganze Sache doch gut aufgefangen hatte. Auf einer höheren spirituellen Ebene dachte ich mir, wahrscheinlich hat er gespürt, dass seine Aufgabe auf dieser Welt nun erledigt ist, dass eine Nachfolgerin da sei, und dass er nun gehen könnte. Vielleicht hat er noch so lange aushalten müssen, bis ein neues Kätzchen da war. Ich entschied, dass er eingeäschert werden sollte, und dass ich die Asche dann am Fuße der Katzenleiter, wo er immer hinauf und hinunter ging, vergraben würde. Wir ließen ihn also in der Praxis, und die ganze Sache sollte 230 € kosten. Mittlerweile habe ich seine Asche dar, und heute am Sonntag den 1. Februar werden meine Freundin und ich ihn mit einer kleinen Zeremonie, Musik und eine Rede, beerdigen. Das hat er verdient.

 

Da ich ja so lange auf ein Angebot für eine Katze warten musste, und nun ein zweites Angebot hatte, dachte ich mir, bevor diese kleine Katze ohne Gefährten aufwächst, dann vielleicht total verwöhnt ist, und sich ein halbes Jahr später nicht mehr an einen Gefährten gewöhnt, oder ich vielleicht wieder umständlich ein Inserat aufgeben lassen muss, und dann wieder ewig auf neue Angebote warten muss, hole ich doch lieber gleich dieses neue Kätzchen und greife zu. Leider war das Angebot für dieses Kätzchen 116 km entfernt. Es war einen Tag vor meinem Geburtstag, und der Mann meinte, er habe nur noch eine graugetigerte Kätzin. Ich müsse mich beeilen, denn alle anderen Katzen seien schon vergeben. So beschlossen wir ganz spontan, ein Taxi zu nehmen, 100 km darf ich frei fahren, und den Rest bezahlte ich dann. Dort angekommen, stellten wir fest, dass es eine Pension war, in der ein 18 bis 20-jähriger Mann in einem Dachzimmer lebte, zusammen mit fünf Katzen. Auf meine Frage, warum er denn die Katzen so schnell loswerden wollte, erzählte er mir, dass er zu seiner mutterzöge, und dort die Katzen nicht mitnehmen könne. Die kleine grau getigerte Katze kam natürlich nicht zu mir, was meiner bereits aufgestellten Felltheorie  entsprach. Auf einmal sagte mein Bekannter, dass neben mir ein kleiner rot-brauner Kater säße. Ich tastete mit der Hand, und tatsächlich saß da ein ganz kleiner ruhiger brauner Kater. Der Mann sagte, dieser Kater sei bereits vergeben. Da die kleine grau getigerte Katze nicht zu mir wollte, sagte ich, dass ich dann lieber gar keine Katze nehmen würde. Der Mann entschied, dass ich den roten Kater nun doch bekommen sollte, und rief die Leute an, die ihn haben wollten. Diese waren gar nicht böse darum, da sie sowieso nicht so weit fahren wollten. Somit war der Kater wieder frei, und ich konnte ihn mitnehmen. Ich war überglücklich, so ein schönes Tier bekommen zu haben. Wir fuhren also den langen Weg wieder zurück, und zu Hause angekommen stellten wir dann den kleinen Kater der kleinen Katze vor. Die beiden fauchten sich natürlich erst einmal an. Da ich zur Dialyse musste, bat ich meinen Bekannten, ein paar Stunden zu Hause zu bleiben, damit die beiden neuen Katzen nicht alleine sein würden. Als ich heimkam, berichtete er mir, dass eine der beiden auf den Teppich gemacht hatte. Dann war laufend Durchfall im Bad, es roch fürchterlich, und mein Bekannter, da ich es ja nicht sah, musste die ganze Zeit durchfallaufwischen. Wir vermuten, dass es das Weibchen war, denn wir sahen sie öfter ins Bad laufen. Sie machte aber nicht etwa ins Katzenklo, sondern in die Dusche oder um das Klo herum. Ich war so sauer, dass ich die kleine packte, und sie nach alter Manier mit dem Kopf in ihre Scheiße tunkte, ihr einen Klaps versetzte und sie auf das Katzenklo setzte. Danach war sie wahrscheinlich beleidigt und lief auf den Balkon. In der Annahme, dass das Katzennetz ja sicher ist, ließen wir sie raus. Es war Zeit, auf meinen Geburtstag anzustoßen, denn es war bereits Mitternacht. Wir waren gerade dabei, den Sekt zu köpfen, als mein Bekannter feststellte, dass das Kätzchen weg war. Es stellte sich heraus, dass zwischen Zaun und Mauer eine große Lücke war, durch die ein junges Kätzchen alle Mal durchpasste. Wir waren beide am Boden zerstört und rannten heraus und suchten nach der kleinen Katze. Von ihr war aber keine Spur mehr zu finden. Wir waren tot traurig und brachen die Suche ab. Nach Sekt war uns nun beiden nicht mehr zumute. Da kämpft man ein Jahr lang um ein Katzennetz, engagiert einen Profi für 600 €, damit alles sicher ist, um allen Eventualitäten entgegenzutreten, und dann das! Offenbar gönnt mir jemand keine Katze. Nun war der kleine rot-braune Karte alleine. Während meiner Nasen-OP passte mein Bekannter gut auf ihn auf. Er ist sehr lebendig, rennt viel, frisst allerdings wenig und springt überall hoch. Ich muss jedes Mal, wenn ich zur Tür hinausgehe, jemanden bitten, aufzupassen, dass er nicht rausrennt, oder ich muss das Katzenklo für eine kurze Zeit ins Wohnzimmer stellen, die Türe zu machen und dann gehen. Nun stellte ich diesen kleinen Kater der Tierärztin vor, da er geimpft werden sollte. Der Mann, von dem ich in hatte, behauptete, er sei bereits geimpft, aber derjenige, von dem er die Katzen geholt hatte, hätte ihm keinen Impfpass gegeben. Das kam mir schon ziemlich dubios vor, doch ich dachte, der Mann hat einfach in dieser Hinsicht gelogen, und der junge Mann von 19 Jahren hat ihm geglaubt. Die Tierärztin schaute sich den Kater an und stellte sofort fest, dass er weiße Ohren hatte. Auch die Nick-Falte unter seinen Augen hing herunter. Sie vermutete, dass der Katerleukose hat. Das ist eine Art Katzen-AIDS.  Es kann innerhalb von fünf Jahren ausbrechen, und das ist sein Todesurteil. Dies bedeutet also, dass ich wieder einmal Pech mit einer Katze habe. Die Tierärztin machte mir noch Vorwürfe, dass ich so schnell gehandelt habe und mir aus dieser dubiosen Quelle die Katze geholt habe. Allerdings holen sich viele Menschen einfach eine Katze, und nicht jedes Mal passiert etwas. Immerhin war ich in Begleitung, und auf so etwas ist man nicht gefasst. Ich treffe wesentlich mehr Sicherheitsvorkehrungen als andere, und dennoch habe ich laufend solches Pech. Selbst wenn ich mir den Impfpass geben lassen würde, vielleicht noch einen Tierarzt mitnehmen würde, oder gleich mit der Polizei kommen würde, um genau zu kontrollieren, wie die Verhältnisse dort sind, wo ich die Katze hohle, kann immer noch etwas passieren. Nun haben wir einen Test gemacht, wobei dem Kater Blut abgenommen werden musste. Er schrie wie am Spieß, als die Tierärztin in festhielt, um ihm das Fell an der Pfote zu rasieren, damit sie die Nadel hinein bekommen konnte. Das Ergebnis sollte am Freitagnachmittag da sein. Es ist noch nicht einmal am Samstag dagewesen. Nun muss ich bis Montag warten und habe große Angst, und bin total auf die Folter gespannt. Was soll ich machen, wenn diese Katze wirklich krank ist? Ich müsste dann wieder jahrelang eine kranke Katze durch füttern, ihr Medikamente geben, wobei ich finanziell und gesundheitlich schon längst an meine Grenzen gekommen bin. Ich kann diese Katze nicht einfach wegwerfen, eine kranke Katze nimmt ja niemand mehr. Es ist aber psychisch kaum auszuhalten, eine Katze zu haben, von der man weiß, dass sie innerhalb der nächsten fünf Jahre an einer schweren Krankheit sterben würde. Das weiß man zwar bei allen anderen auch nicht, zumal mir schon viele Katzen einfach so überfahren wurden, aber wenn das Damoklesschwert schon über einem schwebt, ist es noch viel schlimmer.

 

Der blinde Freund, der mir das Inserat eingestellt hatte, hat mir auch die Telefonnummer einer Züchterin gegeben. Diese hat drei Bengalen Katzen, und als ich sie anrief, erzählte sie mir, dass sie versehentlich ein Weibchen bekommen hätte. Sie entschied, dass sie einmal Junge bekommen sollte, und da sie eigentlich gar keine Jungen wollte, würde sie diese für 200 € abgeben. Normalerweise kosten Bengalen reinrassig 1500 €, als Mischlinge kosten sie immer noch 600. Das Tier sei aber dann geimpft, entwurmt, hätte einen Impfpass, einen Chip, und sie könne die Katzenklappe so einstellen, dass meine Katze nicht raus kann. Allerdings ist die Katze noch nicht einmal schwanger. Es handelt sich lediglich um eine Wurfankündigung. Ich kann aber keine Katze nehmen, solange ich eine Katze da habe, die an Leukose erkrankt ist, da dies ansteckend ist. Nun sitze ich also in der Falle. Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass es sich hier um eine Verschwörung handelt, dass es irgend eine Wesenheit gibt, die es mir nicht gönnt, Katzen zu haben. Als damals mein Fridolin schwer erkrankte, und ich ihn über den Berg brachte, wurde er ein paar Wochen später überfahren. Zwei Tage nach meinem Geburtstag wurde letztes Jahr Isidor überfahren. Nun, einen Tag vor meinem Geburtstag stirbt mein treuer Kater Jakob. Das Kätzchen, dass ich mir hohle, rennt durch ein schlecht montiertes Katzennetz davon, und das, welches mir bleibt, hat Leukose. So viel Pech kann einem gar nicht passieren, so dumm kann sich ein einzelner gar nicht anstellen, dass er solche Niederlagen einfährt. Man muss doch einfach mal Glück haben. Es gibt viel schlimmere Menschen, die einfach mehr Glück als Verstand haben, und die sich nicht so viele Gedanken im Vorfeld machen, und bei denen trotzdem alles gut geht. Ich weiß also, dass ich einen Widersacher habe, der einfach bestimmt hat, dass ich keine Katzen haben darf.

 

Der Mann, der das Katzennetz montiert hat, war mittlerweile da. Ich war an der Dialyse, daher musste mein Bekannter da bleiben, um ihn zu empfangen. Als dieser ihm die Lücke zeigte, behauptete der Mann, ich hätte ihm das sagen müssen. Er war zuvor zweimal dagewesen, um sich die Bedingungen meines Balkons genau anzuschauen. Außerdem muss ich ihm ja nicht seinen Job erklären. Ich muss mich darauf verlassen können, dass er es richtig macht. Natürlich war ein Abfalleimer vor diese Lücke gestanden, aber es wäre seine Aufgabe gewesen, diesen beiseite zu schieben. Ich habe mich auf ihn verlassen. Er hat statt der angekündigten drei nur eineinhalb  Stunden gebraucht, dennoch 600 € verlangt, und war nach kurzer Zeit wieder verschwunden. Nachdem er den Fehler ausgebessert hat, ist nun das Katzennetz dicht, und ich habe noch jemanden von dem Verein, wo ich meine Helfer her habe, gebeten, alles noch einmal zu überprüfen. Er ist Handwerker, hat ganz oben noch eine Lücke gefunden, und diese mit einem Plastikteil verschlossen. Ich hoffe, dass nun keiner mehr dort ausbüchsen kann.

Am Montag kommt das Ergebnis, und wenn sie es  wieder nicht haben, stelle ich Joschi einmal einem anderen Tierarzt vor. In der Tierklinik haben sie wahrscheinlich ein Labor, wo man das Ergebnis schneller erhält. Vielleicht sieht ihn auch ein Tierarzt an und stellt fest, dass er gesund aussieht. Manchmal haben auch Ärzte unterschiedliche Auffassungen.

 

Falls er nun krank ist, werde ich mir nie wieder eine andere Katze zulegen.

 

Es ist wirklich mehr als traurig, mehr kann ich dazu nicht mehr sagen.